Waging, Pfarrkirche St. Martin


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 11: Landkreis Traunstein. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2695-2, S. 196–200, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Markt Waging, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Erzdiözese Salzburg. Das freie Besetzungsrecht auf die Pfarrei hatte der Fürsterzbischof von Salzburg. An der Kirche bestand eine Allerseelen-Bruderschaft, errichtet 1676, und eine Rosenkranz-Bruderschaft, konfirmiert 1710. Der Markt Waging war Hauptort des Fürstbischöflich Salzburgischen Pfleggerichts Waging.

Patrozinium: St. Martin

Zum Bauwerk: Die spätgotische Kirche wurde beim Stadtbrand des Jahres 1611 schwer beschädigt und in den folgenden Jahren notdürftig wieder aufgebaut. 1625 Bau der gemauerten Empore. 1698/99 Barockisierung des LHs nach Plänen des Salzburger Hofbauverwalters Franz Rieger durch den Hofmaurermeister Hanns Grabner und den Hofzimmermeister Hanns Rohrhardt. An den Seitenwänden wurden Wandpfeiler aufgeführt, das Langhaus, das seit dem Brand nur eine (inzwischen sehr schadhafte) Holzdecke hatte, wurde eingewölbt, zwischen den Wandpfeilern Emporen eingebaut und darunter Seitenkapellen eingerichtet; Systematisierung der Fenster und Portale, die dermahlen ganz unordentlich standen. Stuckierung durch Bomhard überzeugend dem Salzburger Joseph Schmidt zugewiesen (AEM, Bomhard-Nachlaß Nr. 283).

Noch im Jahr 1699 bemühte man sich um die Erlaubnis, den alten Chor dem neuen Langhaus anzugleichen, doch kam es nicht dazu; erst 1722/23 wurde der Chor abgerissen und die Ostpartie mit Chor und Apsis nach Plänen des Salzburger Hofmaurermeisters Tobias Kendler neu errichtet; die Ausführung hatten der Maurermeister Andreas Helminger und der Zimmermeister Jakob Paur, beide aus Waging. Seitlich am Chor wurden Bruderschaftskapellen angefügt. Die Stuckierung in Bandwerkformen führte der Burghausener Joseph

C Martin von Tours teilt seinen Mantel mit dem Bettler (1699)

Hepp um 337 fl. aus; zunächst hatte ein Salzburger Stuckator einen Riß zur Stuckierung gemacht und für die Ausführung 1000 fl. verlangt, was den Wagingern zu teuer war (AEM Pfarrkirchenbauten, sowie Nachlaß Bomhard Nr. 283). Joseph Hepp stuckierte dann nach dessen Riß. Weihe am 14.9. 1755. Seitenaltäre 1740/70, Hochaltar 1786/88 nach einem Entwurf von Wolfgang Hagenauer; das Hochaltarblatt ist von Johann Friedrich Pereth und stammt aus dem alten Hochaltar von 1676, ebenso die Figuren St. Martin und St. Maximilian, Arbeiten des Tittmoninger Bildhauers Simon Högner.

Bei der Umgestaltung der Kirche durch den Münchner Architekten Josef Elsner 1895/96 wurde die Apsis von 1722/23 abgerissen, der Chor verlängert, eine neue Apsis errichtet und die Bruderschaftskapellen erweitert. Dabei blieb das alte Chorjoch mit dem Stuck Hepps erhalten. Die neuen Bauteile wurden in den Formen des alten Stucks nach Entwürfen Josef Elsners neu stuckiert. Im LHs wurden die Seitenkapellen aufgelöst und die ehem. Kapellenräume durch Durchbrüche verbunden.

Das ursprüngliche LHs war ein dreijochiger Wandpfeilerraum mit Emporen. Zwischen den sehr tiefen Wandpfeilern lagen Kapellen, die heute miteinander verbunden sind, sodass sich im Wandpfeilerbereich seitenschiffähnliche Bauformationen ergeben haben. Im westlichen Joch liegt die Doppelempore. Nach O folgt das ehem. kaum eingezogene quadratische Chorjoch, das mit breiten seitlichen Bogenöffnungen eine Art Querhaus bildet. Die Wandpfeiler des alten Baus haben ein kräftig ausgebildetes Gebälk über Doppelpilastern an den Pfeilerfronten, außerdem im zweiten und dritten Joch vorspringende Emporenbrüstungen mit starkplastischen Balustraden. Stuck in den drei LHs-Jochen von Joseph Schmidt 1699, im ehem. Chorjoch von Joseph Hepp 1723. Nach O schließt der neue Chor mit der Apsis von 1895/96 an. Die Deckenbilder befinden sich im LHs.

A Enthauptung des hl. Maximilian von Lorch (1699)

Auftraggeber: Auftraggeber der LHs-Barockisierung war Pfarrer Guidobald Rudolph Kiene (1696–1708), Doktor der Medizin, 1662 in Salzburg geboren als Sohn des hochfürstlichen Leibarztes Dr. Hans Georg Kiene. Rudolph Kiene war schon Arzt, als er sich zum geistlichen Beruf entschloß und 1690/91 Priester wurde. Der Pfleger von Waging, Wolf Dominicus Freiherr von Überacker, ansässig in Sighartstein bei Neumarkt am Wallersee, förderte den Bau

Auftraggeber: des Chor-Neubaus war Pfarrer Johann Caspar Sambhueber (1722–40), 1672 in Salzburg geboren, der unter Pfarrer Kiene bis 1708 Kooperator in Waging war.

Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, 1699. Die Dekoration der Langhausdecke entstand sicher bei der Langhausumgestaltung 1698/99. Der in der fraglichen Zeit in Waging ansässige Maler Fabian Wendlinger (* 1626 Waging † 1705 Waging), der als Autor der Fresken in Betracht zu ziehen ist, war damals schon 73 Jahre alt. Wahrscheinlicher als Autor ist deshalb ein Salzburger Maler, etwa Johann Friedrich Pereth, der 1676 das Altarblatt zum neuen Hochaltar in Waging geliefert hatte (heute im Hochaltar von 1786/88). Von Pereths Hand stammte auch das Altarblatt des 1680 errichteten neuen Hochaltars in der zu Waging gehörigen Wallfahrtskirche St. Leonhard am Wonneberg (Fassung Fabian Wendlinger, nicht erhalten). Brenninger weist in seinem Text (AEM, Kunsttopographie) die Deckenbilder dem Höglwörther Laienbruder Christoph Lehrl (s. S. 381) zu. Für Lehrl spricht die historische Wahrscheinlichkeit. Er hatte damals bereits im Höglwörther Winterchor und in der Stiftskirche Ranshofen (OÖ) Deckenbilder geschaffen; außer ihm lebte in der fraglichen Zeit und im fraglichen Gebiet kein Freskant. Die Waginger Bilder sind aber durch die Restaurierung so beeinträchtigt, daß eine klare Aussage dazu nicht möglich ist.

Zur ehemaligen Ausmalung gehört auch die Apostelreihe 1–12, die kaum mehr original ist, und die Bemalung der Bildfelder a–d, in denen heute Putten dargestellt sind (modern) und vielleicht auch früher Putten dargestellt waren.

Befund

Träger der Deckenmalerei: A–C (LHs) Tonnengewölbe, a–c Quertonnen über der Empore, 1–12 Schmalseiten der Emporenwand

 

Rahmen: Ornamentierte Stuckrahmen. Technik: Fresko; die Deckenbilder sind polychrom. Maße A Höhe 13,60 m; 3,20×2,40

B Höhe 13,60 m; 3,20×2,40

C Höhe 13,60 m; 3,20×2,40

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Laut Akt im BLfD wurden im Zusammenhang mit der Erweiterung der Kirche 1895/96 durch Josef Elsner »die kleinen Wandgemälde (im Mittelschiff, hl. Martin und Bettler, Engelsglorie, Martyrium des hl. Maximilian, über der Empore Engel und die 12 Apostel) von Max Fürst überarbeitet«. In der Abrechnung Elsners (AEM, Nachlaß Bomhard Nr. 283) steht: »2 große Rundeln rest. 150. – (Engels)bild 55. – 12 Apostelbilder 180. – 6 kleinere Bilder 72. -«. Diese Überarbeitung kam bei den Putten einem Neumalen gleich; bei den Apostelbildern K1–12 sind wohl die Figurenkompositionen noch alt; die Hauptbilder basieren trotz starker Übermalungen doch auf den barocken Deckenbildern. Innenrestaurierung 1963 durch Karl Eixenberger und Sebastian Hausinger, beide München: Die neubarocke Farbigkeit wurde zugunsten der barocken Fassung abgeändert. Vorarbeiten für eine bevorstehende Innenrestaurierung und Befunduntersuchung durch den Kirchenmaler Enzinger 1998. Es ist geplant, die »Raumfassung im Sinne des Historismus« wiederherzustellen

Beschreibung und Ikonographie

A ENTHAUPTUNG MAXIMILIANS VON LORCH. Auf einem ebenen Wiesenstück, an dem sich links hinter ein säulengetragener Rundtempel erhebt, kniet ein heiliger Bischof – durch Gewand, Heiligenschein sowie Mitra und Pedum als solcher deutlich gekennzeichnet – in der Mitte mit ausgebreiteten Armen. Er ist von römischen Soldaten umringt; ein Henkersknecht neben ihm holt mit dem Schwert aus, um ihn zu enthaupten. Über der Szene schweben zwei Putten, die Lorbeerkranz und Palme halten, die Siegeszeichen eines Märtyrers.

 
Beispiele aus den Kapellenfresken: Putten (Max Fürst 1896)

Kein Attribut weist auf die Identität des Märtyrers hin. Es handelt sich aber wohl um Maximilian, angeblich Bischof von Lorch, den zweiten Patron der Waginger Pfarrkirche, der in Cilli um das Jahr 284 enthauptet worden sein soll. Er hat als Attribut das Schwert (hier in den Händen des Henkers). Der hl. Maximilian befindet sich auch in einer großen Statue am Hochaltar als Pendant zur Figur des hl. Martin.

B ENGEL UM DIE HL.-GEIST-ÖFFNUNG. Die kreisrunde Öffnung ist mit einem hölzernen Gitter verschlossen. In dem Bildfeld, das sie einschließt, bilden Putten einen Reiger und halten Rosen wie eine Girlande um die Öffnung (weitgehend erneuert, keine Abb.).

C MARTIN VON TOURS TEILT SEINEN MANTEL MIT DEM BETTLER. Das hochovale Bildfeld zeigt in seiner unteren Hälfte einen freundlichen Wiesenplan mit Bäumen und in der Bildmitte Martin auf dem Pferd, mit Helm und Rüstung als römischer Soldat. Er hat das Schwert erhoben, um seinen Mantel zu teilen und die Hälfte davon einem dürftig

LANDKREIS TRAUNSTEIN · WAGING

bekleideten Bettler zu geben, der im Vordergrund sitzt und die Rechte bittend erhoben hat. Im Himmel erscheint Christus mit dem Kreuz, in der Linken die Mantelhälfte: damit wird an die Vision erinnert, in der in der folgenden Nacht Christus dem Heiligen erscheinen sollte mit den Worten »Martin, ers Katechumene, hat mich mit diesem Mantel bekleidet«. Ein Engel und zwei Putten halten die Abzeichen der Bischofswürde, die Martin in der Zukunft erhalten sollte: Mitra, Pedum und einen reichgestickten Mantel quasi als Ersatz für den halben Soldatenmantel.

1-12 APOSTEL (1896 weitgehend erneuert, nur Petrus und Andreas abgebildet) An den Pfeilern des LHs zu den Emporenräumen hin befinden sich hochrechteckige Bildfelder mit den Dreiviertelfiguren der zwölf Apostel. Darunter jeweils Inschrift mit dem Namen.

a-f PUTTEN (Max Fürst, 1896; nur zwei abgebildet) Sechs stark gelängte hochovale Bildfelder an den schmalen Quertonnen über den Kapellen zeigen Putten und Puttenköpfchen in Wolken. Wahrscheinlich trugen die Felder ursprünglich ähnliche Darstellungen.

Quellen und Literatur

AEM, Nachlass Peter von Bomhard, Nr. 283: Waging, mit umfassender Bearbeitung der Quellen, vor allem des Pfarrarchivs.

AEM, Pfarrakten Waging, Pfarrkirchenbauten 1611–1806. BLfD, Akt Waging, Pfarrkirche St. Martin.

Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 368–74

KDB I OB (3), S. 2836–39

Die Feier des 1000jährigen Jubiläums der Pfarrei Waging Waging 1857.

Ringmeir, Franz und Bernhard Walcher, Waging am Waginger See (= KKF Nr. 585), nach Angaben von Peter von Bomhard, München 1953; 21973, Waging am See, überarbeitet von Josef Scherer und Peter von Bomhard.

Historischer Atlas I, Bd 55, Laufen an der Salzach (Helga Reindel-Schedl), München 1989, S. 495 f., 679 f.

Dehio 1990, S. 1236.

Patzelt, Franz, Geschichte des Ortes Waging am See, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd V, Trostberg 1990. S. 495–516. Geschichte der Waginger Kirche S. 509–11.

Weiermann, Herbert, Die Kirchenbauten, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd V, Trostberg 1990, S. 151–99. Waging S. 180–85. A. B.

LANDKREIS BERCHTESGADENER LAND

BERCHTESGADEN

Ehem. Augustiner-Chorherrenstift Markt Berchtesgaden, Erzdiözese München und Freising Fürstpropstei und Archidiakonat Berchtesgaden

Untere Sakristei S. 20 Obere Sakristei S. 202

Zur Geschichte: Der Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts Berchtesgaden ist eng verknüpft mit der Gründung von Baumburg. Graf Berengar I. von Sulzbach hatte von seiner Mutter Irmingard († 1101) das Gelübde übernommen, aus ihren Ländereien um Berchtesgaden ein Chorherrenstift zu gründen, von seiner Gemahlin Adelheid († 1104/05) das Gelübde, aus ihren Gütern Baumburg zu gründen. Die Berufung der ersten Chorherren und Laienbrüder aus Rottenbuch nach Berchtesgaden ist noch im Jahr 1101 anzusetzen (Weinfurter 1991, S. 239–44). Gründungspropst war Eberwin. Nach der »Fundatio monasterii Berchtesgadensis« (verfaßt zwischen 1125 und 1136, noch zu Lebzeiten Eberwins) litten die ersten Chorherren in Berchtesgaden sehr unter der Einsamkeit des wilden Tals und unter dem rauhen Klima. Die Ministerialen Berengars beschlossen, daß Berengar statt zweier Stifte nur eines, umso besser ausgestattetes gründen solle, und zwar in Baumburg; so wurde um 1107/09 der Berchtesgadener Gründungskonvent mit Eberwin an der Spitze nach Baumburg abberufen. Nach etwa einem Jahrzehnt aber kehrte er nach Berchtesgaden zurück, sei es nun, daß Eberwin das Aufgeben Berchtesgadens als Fehler und Versagen gesehen hat, sei es, daß Berengar das Gelübde seiner Mutter doch getreu erfüllen wollte. 1121 bestätigte Papst Calixt II. die Gründung eines Regular-Kanonikerstifts in Berchtesgaden.

In der Folgezeit gelang es dem Stift, das Rodungsgebiet um Berchtesgaden zu einem geschlossenen Herrschaftsbereich mit hoher Gerichtsbarkeit auszubauen. Die erste Belehnung mit den Regalien 1386 durch König Wenzel auf Karlstein in Böhmen gilt als die Geburtsstunde der Reichspropstei. Berchtesgaden war nun verfassungsrechtlich ein Land und ab 1491 Reichsstand. Die Lage des kleinen Landes zwischen Salzburg und Bayern brachte es mit sich, daß Berchtesgadens Selbständigkeit immer bedroht war. Auf die Exemption von Salzburg 1455 verzichtete der Propst 1459. Im Barock wurde die Exemption nicht mehr formell behauptet, aber praktisch ausgeübt. Zu Weihen wurden auswärtige Bischöfe gebeten. Mit dem erst fünfzehnjährigen Ferdinand, Herzog von Bayern (Fürstpropst 1595–1650) begann die Regierung Berchtesgadens durch Wittelsbacher Fürstpröpste, die bis 1724 dauerte. Die Chorherren entstammten alle dem Adel, ihre Zahl schwankte zwischen zehn und zwölf. Bei der Aufnahme behielten die Kapitulare Familiennamen, Siegel, Wappen und Titel. Im 18. Jh. lebten sie als vornehme Herren, von Lakaien bedient, in eigenen Häusern. Die Ausgaben für die Hofhaltung des Fürstpropstes und der Kapitulare waren hoch. Berchtesgaden war trotz der hohen Einnahmen vor allem aus dem Salzwesen stets hoch verschuldet.

Im Frieden von Preßburg 1805 fiel das Land Berchtesgaden zusammen mit Salzburg an Österreich, durch den Schönbrunner Frieden 1809 an Bayern. Das Augustiner-Chorherrenstift wurde 1803 säkularisiert, dauerte aber als Vikariat bis 1807 fort. Der geistlichen Administration gehörten die ehemaligen Chorherren an. Dann wurde Berchtesgaden dem Erzbistum Salzburg und 1817 dem Erzbistum München und Freising einverleibt.

Der sehr hohe und lange Chor der ehem. Stiftskirche mit dem dreiseitigen AR stammt aus der Zeit um 1300. Das Langhaus in Form einer gotischen Hallenkirche auf Rundpfeilern mit der Doppelturmfassade im W und der tiefen Vorhalle wurde um 1450 erbaut, unter Verwendung von Mauerwerk des romanischen Vorgängerbaus.