Strass, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 10: Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2365-4, S. 299–305, geschrieben von Volk-Knüttel, Brigitte. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche (Pfarrverband Burgheim), Markt Burgheim, Diözese Augsburg. Das Patronatsrecht lag seit 1442 durch Kauf beim Magistrat der Stadt Neuburg. Die Pfarrei mußte bis 1806 jährlich den Rat der Stadt am Kirchweihfest verköstigen. Hofmark seit 1506, z.Z. der Ausmalung im Besitz von Joseph Anton Freiherr von Silbermann (1724–88). Gericht Neuburg

Patrozinium: Mariä Himmelfahrt

Zum Bauwerk: Die ältesten Teile der Kirche sind der spätgotische Chor, in dem man die Kapelle des ehemals nördlich gelegenen Schlosses Straß vermutet, und der mächtige, ebenfalls gotische Turm an der S-Seite des LHs. Der Turm springt stark in den östlichen Teil des LHs ein, so daß dieses auf einer Seite asymmetrisch erheblich eingeengt wird. Eine Erweiterung des LHs nach W erfolgte bei einer Barockisierung der Kirche 1761/62. Um den unregelmäßigen Grundriß zu kaschieren, wurde an der Stelle der Einschnürung über zwei marmorierten Holzsäulen eine Arkadenarchitektur errichtet, in der Mitte eine Art Chorbogen mit Blick auf den Hochaltar, flankiert von schmäleren Bögen als Rahmung für zwei vor Rückwände postierte Seitenaltäre (Abb.). Der Bildhauer und Stuckator Joseph Thaddäus Kronenbitter schuf die zwei Seitenaltäre mit ihren Statuen und zierte die Kirche mit Stuckaturen »auf die neueste Art« (Schöttl). Der bestehende Hochaltar von 1712 sowie die Kanzel wurden 1762 neu gefaßt.

Bei Umbau- und Renovierungsmaßnahmen 1967/68 unter Beratung des Architekten Hans Döllgast, München, wurde die westlich der Kirche stehende Seelenkapelle abgerissen, das Kirchenschiff um sieben Meter nach W verlängert und die Emporenbrüstung des 18. Jahrhunderts mitsamt den Fresken an die neue Empore versetzt. Man entfernte auch die Arkadenarchitektur und stellte den nördlichen Seitenaltar an die Wand des Schiffs und beeinträchtigte damit empfindlich das barocke Raumkonzept.

Durch Pilaster gegliederter Saalbau zu ursprünglich drei Achsen, im W Empore, die dritte östliche Achse durch den einspringenden Turm stark verengt; Belichtung durch vier Fenster von N und drei von S. Eingezogener, dreiseitig geschlossener Chor mit Kreuzgratgewölbe, Belichtung durch je zwei Fenster von N und S. Die Fresken befinden sich im LHs und an der Emporenbrüstung.

Auftraggeber: Josef Dollinger, Pfarrer in Straß (1753-82), später Pfarrer in Oberhausen, wo er 1794 im Alter von 70 Jahren starb. In einer Inschrift am heute entfernten südlichen Seitenaltar wurde sein Name als Auftraggeber dieses Altars genannt (Portenlänger, S. 223 f.).

Autor und Entstehungszeit: Joseph Hartmann (*1721 Tiengen bei Waldshut, † 1788 Augsburg, s. S. 338) 1761. Signatur in A: I: HARTMANN / pinxit A:V: (= Augustae Vindelicorum, / 1761 Nach dem Frühwerk Hartmanns in Dezenacker (1749) sind die in der Bergmüller-Tradition stehenden Fresken in Straß und Längloh (1761 und 1762) Arbeiten aus der bester Zeit des Augsburger Malers.

Befund

Träger der Deckenmalerei: A, Aa-d, B Flachtonne mit Stichkappen

Rahmen: A, B geschwungener, kräftig profilierter weißer Stuckrahmen, jeweils umgeben von Rocaillestuck, der die Rahmen begleitet, aber nicht berührt

Technik: Fresko; A, B, EB2 polychrom; Aa-d camaieu ocker EB., camaieu karmin

Maße: A Höhe 7,25 m; 5,85 × 4,30

B Höhe 7,10 m; 3,00×4,00

EB1, 1,10×1,20

EB, 1,10×2,00

 
Der Kirchenraum nach Westen mit den Fresken B3-4, Bb, Be-f, EB1-6, EB3-1
 
Der Kirchenraum nach Westen, Zustand vor 1967

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1903 Renovierung des Innern durch Alexander Hinkert, München. 1907 wurden gotische Fresken an der nördlichen Chorwand freigelegt und wieder übertüncht. 1938 fand eine Außenrenovierung statt, 1940-42 eine Innenrenovierung durch die Fa. Josef Pfefferle, München. Das vorausgehende Gutachten des BLfD vom 13. 12. 1939 stellt für die Fresken fest: »Die barocken Bilder an der Decke und Emporenbrüstung scheinen noch nicht übermalt und in gutem Zustand zu sein«. Bei der Umgestaltung der Kirche 1967/68 wurden die Fresken durch die Fa. Metz, Neuburg, gereinigt. Anläßlich der Innenrenovierung von 1986/87 durch die Fa. Bernd Holderried, Pfaffenhofen, waren für die Deckenbilder Reinigung, Schließen der Risse, Einstimmen der Fehlstellen und konservierende Behandlung vorgesehen. Die Fresken der Emporenbrüstung werden im Kostenvoranschlag der Fa. Holderried vom 27.2.1986 nicht erwähnt. 1992/93 wurde die Kirche außen instand gesetzt.

Beschreibung und Ikonographie

A HIMMELFAHRT MARIENS Die Aufnahme Mariens in den Himmel ist in starker Untersicht dargestellt, sodass die himmlische Zone den größten Teil der Bildfläche einnimmt. Die Gottesmutter kniet auf Wolken in Adorantenhaltung, umgeben von Engeln, von denen einer Blumen streut. Sie ist ganz statisch, wie eine überirdische Erscheinung am Himmel wiedergegeben. Der irdische Schauplatz ist ins Freie verlegt. Der in der Mitte stehende Sarkophag und eine Pyramide am rechten Rand sind die einzigen architektonischen Elemente. Von den in Gruppen angeordneten Aposteln, die das Geschehen mit Staunen verfolgen, umgeben einige den Sarkophag, unter ihnen besonders hervorgehoben der hl. Petrus, der rechts auf einem Stein mit der Signatur Hartmanns kniet. Weitere Apostel halten sich vorne links in einer dunklen Randzone auf, nur partiell von links beleuchtet, andere verfolgen das Geschehen vom Hintergrund aus.

Das Fresko steht deutlich in der Tradition Bergmüllers, sowohl bei der Bildung der Figuren als auch bei den verschatteten Randzonen und der Konzentration der größten Helligkeit auf die Bildmitte. Durch verklärendes, helles Licht wird der Sarkophag hervorgehoben, über dessen Rand das Leichentuch gebreitet ist. Hartmann folgt auch hier seinem immer wieder verwendeten Kompositionsprinzip, die Protagonisten gestaffelt im Raum darzustellen. Seine lichte Farbigkeit ist auf Hellblau, Gelb und auf Rottöne gestellt. Die Komposition variiert nur leicht sein signiertes und 1758 datiertes Langhausfresko in der Filialkirche Mariä Himmelfahrt in Mögling bei Trostberg, Lkr. Traunstein (Parisi, S. 49–54).

Aa-d MARIENEMBLEME Das Hauptbild wird in der Diagonalen von vierpaßförmigen Bildfeldern begleitet, die Embleme zeigen. Sie beziehen sich nicht auf das Thema der Himmelfahrt Mariä, sondern allgemein auf die Rolle Mariens als Schutzfrau der Menschen und Heilsbringerin.

Aa CON=SOLATRIX AFFLICTO=RVM (Trösterin der Bedrängten). Die Taube trägt den Ölzweig zur gelandeten Arche Noe zum Zeichen, dass die Flut auf der Erde zurückgegangen ist (Gen 8,11). – Sinnbild der Hoffnung, das hier auf die

 
Der Kirchenraum nach dem Umbau 1967/68
 

Gottesmutter bezogen wird. Die Arche Noe ist Bild Mariens als Heil der Welt (Picinelli Lib. XX, Nr. 16, s. v. arca Noe).

Ab AVE MARIS STELLA (Sei gegrüßt, Meerstern). Stern über einem Segelschiff in stürmischer See. – Der Stern leuchtet in der Finsternis und dient den Schiffern in Seenot zur Orientierung. Er ist damit ein Sinnbild der Eigenschaften Mariens, die in dem Hymnus ›Ave maris stella‹ als Meerstern angerufen wird.

Ac NVTRIT ET PROTEGIT (Sie nährt und schützt) Eine Henne verteidigt ihre Küken gegen den Angriff eines Raubvogels. Dieser wird vom Blitz getroffen. - Geläufiges Emblem für Maria als Schützerin und Helferin ihrer Kinder.

Ad AD ASTRA PROVOCAT (Sie fordert zu den Sternen auf). Ein Adler fliegt mit seinen Jungen der Sonne entgegen. Maria führt die Menschen zu Gott wie der Adler seine Jungen zur Sonne.

B VERMAHLUNG MARIENS (Protoevangelium des Jakobus 9, 2f.) Über einem Stufenunterbau kniet das Brautpaar, etwas nach links aus der Bildmitte gerückt, im Profil einander zugewendet. Joseph hält in der linken Hand den blühenden Stab zum Zeichen seiner Auserwähltheit und steckt Maria, die Rosen im Haar trägt und in der Linken einen Kranz hält, einen Ring an den Finger. Hinter ihnen steht der Hohepriester und segnet den Bund, darüber schwebt als helle Lichterscheinung die Taube des Hl. Geistes. Die Bedeutung des Geschehens wird unterstrichen durch eine mächtige, um Säulen geschlungene, grüne Draperie, die sich wie ein Bühnenvorhang über der hell beleuchteten Szene öffnet. Rechts schließt sich in Höhe des Säulenpostaments über Eck gestellt eine Mauer an, von der aus kleine Engel das Geschehen verfolgen. Unten sind auf den Stufen Assistenzfiguren angeordnet, darunter vorne links die hll. Joachim und Anna, und im Hintergrund ein Tempeldiener mit einem Buch.

EB1-3 Fresken an der Emporenbrüstung, Zählung von Süden nach Norden.

EB1 ERSTER TRAUM JOSEPHS Ein Engel erscheint dem schlafenden Joseph und ermahnt ihn im Traum, Maria nicht zu verlassen. Das Kind, das sie gebären wird, sei vom Hl. Geist empfangen, wodurch sich die alttestamentliche Pro-

 
A Himmelfahrt Mariens
 
 
 
EB, Träume Josephs von Agypten
 
Ad Adler mit Junger
 

Prophezeiung über die Ankunft des Messias erfüllen werde (Mt 1,20).

EB, MARIÄ VERKÜNDIGUNG Links kniet Maria le send hinter dem Betpult und empfängt die Botschaft des Engels, der ihr gegenüber auf einer Wolke kniet.

EB, TRÄUME DES ÄGYPTISCHEN JOSEPH Als typologische Entsprechung zum Traum des Nährvaters Joseph sind hier die Träume des ägyptischen Joseph, des Sohnes von Jakob, wiedergegeben. Er träumte, daß sich auf dem Feld die von seinen Brüdern gebundenen Garben vor seinem eigenen Garbenbündel verneigten und daß ihm außerdem die Sonne, der Mond und die Sterne huldigten (Gen 37, 5–10). Vor seinen Brüdern gehaßt und verfolgt, wurde Joseph später im fernen Ägypten in seiner Erhöhung zum Retter der Menschen vergleichbar mit Christus.

Quellen und Literatur

BLfD, Registratur, Akten Straß, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

StA Augsburg, BA Neuburg Nr. 6100: Restaurierungen; Regierung Nr. 13351: Restaurierung 1903.

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 482; Bd 2, S. 257. Böhaimb, Carl August, Straß, in: NK 23, 1857, S. 65–124. Steichele, Bd 2, S. 729-735.

Schöttl, Julius, Franz Karl Schwertle und Johann Michael Fischer, zwei Dillinger Bildhauer des 18. Jahrhunderts, in

 
 
EB2 Mariä Verkündigun

Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen 48, 1935, S. 48 ff., hier S. 81, Anm. 9.

Horn/Meyer 1958, S. 717–726.

Lemp, S. 299 f.

Portenlänger, Franz Xaver, Die barocke Kunsttätigkeit des Klosters Kaisheim. Schreiner und Bildhauer des 18. Jahrhunderts (= Hefte des Kunsthistorischen Instituts der Universität Mainz, 4), Speyer 1980, S. 223 f.

Dehio 1990, S. 1140.

Parisi, Jeanette, Studien zu Leben und Werk des Augsburger Barockmalers Joseph Hartmann mit einem Katalog seiner Fresken, München 1994, S. 62-67.

B. V.-K.