Steinfurt, Schloss Burgsteinfurt
Inventarnummer: cbdd10359
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Auf Schloss Burgsteinfurt hat sich ein Saal mit Blaumalerei von ca. 1770/80 erhalten. Vier hervorragend erhaltene Gemälde zeigen eine südliche Landschaft, eine Soldatenszene, ein Seestück und einen Hafen nach Claude Lorrain.

Schloss Burgsteinfurt
Kurzbeschreibung und Lage
Schloss Burgsteinfurt[1] steht auf einer ovalen Insel im Fluss Aa. Im Nordwesten ist auf einer eigenen Insel ein Wirtschaftshof gegen die gleichnamige Stadt vorgelagert.
Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte
Das Schloss geht auf eine 1129 erstmals erwähnte Burg der Edelherren von Steinfurt zurück. 1164 wurde die Burg zerstört, aber anschließend wieder aufgebaut. Schlosskapelle und „Rittersaal“ stammen noch aus dem 12. Jahrhundert. 1421 starben die Edelherren aus und Steinfurt gelangte an Everwin von Götterwick, der im selben Jahr auch die Grafschaft Bentheim erbte. 1459 wurde Steinfurt zur Reichsgrafschaft der Linie Bentheim-Steinfurt erhoben. Der Ausbau zum Residenzschloss erfolgte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist etwa der von Johann Brabender geschaffene Erker von 1559. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Schloss mehrfach besetzt. Erst 1706-15 begann unter Graf Ernst seine Erneuerung. 1728 wurde der lange Ostflügel ausgebaut. Graf Ludwig ließ das Schloss ab 1780 entfestigen. 1875-1902 wurde Schloss Steinfurt restauriert.[2]
Beschreibung
Das Schloss ist ein Dreiviertelrundbau, der sich aus Gebäuden vom 12. bis 19. Jahrhundert rund um einen Hof zusammensetzt. Er wird im Westen durch einen Torturm betreten. Die Bauten stehen alle am Inselrand. Lediglich im Westen nördlich des Torturms gibt es keine Bebauung. Im Süden befinden sich die älteren Teile des Schlosses. Zu ihnen gehören die 1312 geweihte Kapelle sowie der ehemalige Wohnturm des 13. Jahrhunderts. Direkt an den Torturm schließt der so genannte Kanzleitrakt von 1596 an. Gegenüber dem Torturm steht vor dem Ostflügel eine doppelte Freitreppe des 18. Jahrhunderts. Links daneben erhebt sich der Erker von 1559. An diesen schließt sich nach Norden ein langer entsprechend der alten Ringmauer gebogener zweigeschossiger Flügel von 1728 mit hohem Sockelgeschoss unter einem Satteldach an.[3]
Der so genannte "Blaue Saal"
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Im bis 1728 ausgebauten Flügel ist der so genannte Blaue Saal gelegen. Er wurde um 1755/60 neu ausgestattet. Bereits 1770/80 erfolgte eine Veränderung und der Raum erhielt wandfüllende Ausmalung Blau in Blau. 1794 ist der Name „Blauer Saal“ belegt. Bereits um 1810/20 erfolgte eine weitere Umgestaltung, auf die die Grisaillemalerei an der Ost- und Westwand sowie rund um die Gemälde zurückgeht. Sie ersetzte die blaue Wandfassung bis auf vier große gegenständliche Gemälde. Kurz nach 1864 wurde der Raum um eine Fensterachse im Süden auf die heutige Größe verkleinert. Die blauen Gemälde kamen an die neue Wand, die Grisaillemalerei wurde ergänzt. Die Namen der ausführenden Künstler und Kunsthandwerker sind unbekannt. [4]
Beschreibung
Der Raum durchmisst mit rund 9 auf 6,4 Metern die gesamte Tiefe des Flügels. Im Norden und Süden sind Tapetentüren gelegen, im Osten und Westen je drei Fenster. Zwischen den Fenstern weiten Spiegel optisch den Raum. Die Nordwand nimmt in der Mitte eine Ofennische auf. An der Südwand wurde diese nach der Verkleinerung des Raums malerisch ergänzt. Rechts und links der Nischen ist über dem gemalten Paneel je ein großformatiges Leinwandgemälde angebracht, das in Blaumalerei Hafenszenen bzw. Landschaften präsentiert. Die Grisaillemalerei stellt Füllungsfelder, Arabesken, Trophäengehänge und Figurenreliefs mit Putten dar.[5] 1794 gab es sechs Wandspiegel von denen sich fünf erhalten haben, mit darunter angebrachten Konsolotischen, von denen noch vier vor Ort sind. Auch den Kristalllüster gab es bereits 1794. Hinzu kamen ehemals sechs Girandolen, vier Standleuchter, fünf Speisetische, ein Spieltisch sowie 40 Stühle.[4]
Stellung
Der Blaue Saal ist ein spätes Beispiel der im 18. Jahrhundert beliebten blau ausgemalten Räume.[6] Zugleich gehört er zu den in Norddeutschland ehemals weit verbreiteten Räumen mit Landschaftsdarstellungen. In Westfalen ist er eines der besten erhaltenen Beispiele.[7]
Die Wandbilder im Blauen Saal
Die Gemälde an der Südwand
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die beiden Leinwandmalereien entstanden um 1770/80 auf Spannrahmen. Ihr Künstler ist unbekannt. 1864 wurden die Leinwände von der ursprünglichen Wand abgenommen und auf eine neu eingefügte Wand geklebt. Sie wurden 2004/05 restauriert.[8]
Beschreibung und Ikonographie
Die beiden Gemälde an der Südwand sind 2,85 hoch und 3,16 bzw. 3,26 Meter breit. Sie zeigen links eine Szene mit Soldaten vor einem Lager und rechts eine südliche Landschaft. Die Szenerie mit den Soldaten ist friedlich. Offenbar sind sie gerade heimgekehrt – nur zwei sitzen noch auf ihren Pferden. Im Vordergrund spielen zwei Kinder. Von rechts naht sich ein Bettler. Ganz rechts im Bildmittelgrund hat sich eine Gruppe an einem Tisch niedergelassen. Am gegenüberliegenden Ufer eines breiten Flusses erblickt man ein weiteres Lager. Das zweite Bild gewährt den Blick von einer Anhöhe mit ruinöser Kirche in ein Tal mit Türmen und Häusern. Im Hintergrund erheben sich kahle Berghöhen. Wenige Staffagefiguren beleben die südlich wirkende, ebenfalls friedliche Landschaft.
Vorlagen und Vergleiche
Die Soldatenszene erinnert an Darstellungen von Philips Wouwerman.[5]
Die Gemälde an der Nordwand
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Leinwandmalerei entstand um 1770/80 auf Spannrahmen. Der Künstler ist unbekannt. 2004/05 wurde die Malerei restauriert.[8]
Beschreibung und Ikonographie
Die Nordwand zieren zwei Seestücke, die 2,95 Meter hoch und 3,3 Meter breit sind. Links sieht man über eine felsige Küste auf eine bewegte See mit Segelschiffen. Am Ufer im Bildvordergrund erblickt man Fischer, ihre Frauen und Kinder. Eine Gruppe schiebt gerade ein Boot ins Meer. Links erhebt sich ein Gebirge mit einer Architektur. Im Hintergrund ist in der Mitte ein kahler Berg auszumachen, auf dem sich eine Stadt oder Festung befindet. Das rechte Bild zeigt eine südliche Hafenlandschaft mit klassischer Architektur am Ufer und einem Rundturm im Wasser. Wenige staffageartige Bote, Schiffe und Menschen belebenen die Darstellung.
Vorlagen und Vergleiche
Die Hafenlandschaft geht auf einen Kupferstich von Thomas Major nach der Kopie eines Gemäldes des frühen 18. Jahrhunderts von Claude Lorrain zurück, wie Dirk Strohmann nachgewiesen hat.[5]
Bibliographie
- Literatur:
- Dehio, Westfalen, 2011. – Dehio, Georg: Nordrhein-Westfalen II. Westfalen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Ursula Quednau. München/Berlin 2011.
- Köckeritz, Steinfurt, 1982. – Köckeritz, Wolfgang: Schloß Steinfurt (Große Baudenkmäler, 335). München/Berlin 1982.
- Ludorff, Steinfurt, 1904. – Ludorff, Albert (bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Steinfurt (Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen). Münster 1904.
- Mummenhof, Profanbaukunst, 1961. – Mummenhof, Karl Eugen: Die Profanbaukunst im Oberstift Münster von 1450 bis 1650 (Westfalen, Sonderheft, 15). Münster 1961.
- Reitinger, Epoche, 2016. – Reitinger, Franz: Die blaue Epoche. Reduktive Farbigkeit im Rokoko. Berlin 2016.
- Strohmann, Raumdekoration, 2007. – Strohmann, Dirk: Raumdekorationen des 18. Jahrhunderts in den Schlössern Hovestadt und Burgsteinfurt und ihre Restaurierung, in: Denkmalpflege in Westfalen-Lippe, 13 (2007), Nr. 2, S. 75-81.
- Archivalien:
- Schlüter, Angebot, 2003. – Schlüter, Marita: Angebot über die Konservierung und Restaurierung der Wandgestaltung des sog. „Blauen Saales“ im Schloß von Steinfurt, in: Landschaftsverband Westfalen-Lippe. – Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Archiv. Steinfurt-Burgsteinfurt, Schloss.
- Schlüter, Blauer Saal, 2005. – Schlüter, Marita: Restaurierungsdokumentation „Blauer Saal“ von November 2005, in: Landschaftsverband Westfalen-Lippe. – Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Archiv. Steinfurt-Burgsteinfurt, Schloss.
Einzelnachweise
- ↑ Dehio, Westfalen, 2011, S. 1049-1052; Köckritz, Steinfurt, 1982; Mummenhof, Profanbaukunst, 1961, S. 139-144; Ludorff, Steinfurt, 1904, S. 30-33.
- ↑ Dehio, Westfalen, 2011, S. 1049-1050; Köckritz, Steinfurt, 1982; Mummenhof, Profanbaukunst, 1961, S. 139-144; Ludorff, Steinfurt, 1904, S. 19.
- ↑ Dehio, Westfalen, 2011, S. 1050-1052; Ludorff, Steinfurt, 1904, S. 30-33.
- ↑ 4,0 4,1 Strohmann, Raumdekoration, 2007, S. 79.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 Strohmann, Raumdekoration, 2007, S. 78.
- ↑ Reitinger, Epoche, 2016.
- ↑ Strohmann, Raumdekoration, 2007, S. 81.
- ↑ 8,0 8,1 Strohmann, Raumdekoration, 2007, S. 79-80. Schlüter, Blauer Saal, 2005.