Laß, Heiko:Stade, Ratsweinkellerhaus, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2026, URL: www.deckenmalerei.eu/3732c829-48a9-4ffe-94b3-b5efa2288684

Inventarnummer: cbdd20388

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Im Ratsweinkellerhaus haben sich die Ausmalungsreste eines Gastraums von 1665/67 erhalten. Die Decke zieren Schweifwerk und Landschaftsmedaillons; die Wände sind tektonisch gegliedert. Eine ältere Wandfassung vom Anfang des 17. Jahrhunderts gestaltete die Wände ebenfalls architektonisch.

Das Ratsweinkellerhaus

 

Kurzbeschreibung und Lage

Das Ratsweinkellerhaus [1] steht an der Rückseite des Rathauses und ist seit dem 19. Jahrhundert baulich mit diesem verbunden.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das erste Stader Rathaus wurde um 1279 errichtet. Bereits 1305 wird auch ein Ratsweinkellerbau erwähnt. Der Ratsweinkellerhauptmann besaß das Monopol über den Rheinwein und gehörte daher zu den wohlhabendsten Bürgern Stades. Beim großen Stadtbrand 1659 brannten sowohl das Rathaus als auch das Ratsweinkellerhaus bis auf die Kellergewölbe und einige massive Mauern nieder. Ab 1665 erfolgte der Wiederaufbau des Ratsweinkellerhauses als Fachwerkdoppelhaus für den Ratsweinkellerhauptmann Johann Lüdders. Das nördliche Gebäude beherbergte den Weinkeller und die Schankstuben, das südliche diente dem Ratsweinkellerhauptmann als Wohnung. Der Ratsweinkeller bestand bis 1916. Anschließend wurden die Räume als Büros genutzt. Sie dienen noch heute der Stadtverwaltung. Im Rahmen der Rathauserweiterung und Sanierung des Altbaus ab 1985 wurde auch das Ratsweinkellerhaus saniert bzw. restauriert.[2]

Beschreibung

Das zweigeschossige Ratsweinkellerhaus setzt sich aus zwei aneinander gebauten Giebelhäusern zusammen und steht an der Rückseite des Rathauses an der Straße „Hinterm Hagedorn“. Das nördliche, unterkellerte Haus nimmt den massiven ehemaligen Weinkeller auf. Seine Ost- und Westwand sind in Fachwerk ausgeführt, während Nord- und Südwand massiv sind und wohl auf das Mittelalter zurückgehen. Im Erdgeschoss befanden sich ehemals eine Diele und zwei Schankstuben. Der Eingang lag an der Westseite, direkt gegenüber der ehemaligen hinteren Rathaustür. Das Obergeschoss nahm ehemals Gefängniszellen auf und anschließend, im 19. Jahrhundert, einen großen Saal für die Gastwirtschaft. Die Diele und die beiden Gaststuben erhielten spätestens im 17. Jahrhundert eine Ausmalung, von der sich nennenswerte Reste lediglich im nordöstlichen Raum erhalten haben.[3]

Die ehemalige Weinstube

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der Raum wurde beim Wiederaufbau im Jahr 1665 als Gaststube geschaffen und integrierte ältere Substanz aus der Zeit vor dem Brand von 1659. Der ältere Raum war Anfang des 17. Jahrhunderts ausgemalt worden. Der neue Raum von 1665 erhielt eine Holzbalkendecke aus zwischen 1654 und 1655 geschlagenen Hölzern sowie bis 1667 eine Ausschmückung mit Decken- und Wandmalerei. Um 1800 wurde er nach Westen auf Kosten der dort gelegenen Diele erweitert und erhielt eine Stuckdecke. Die Wandmalerei wurde abstrahierend überarbeitet. Seit 1916 wurde die ehemalige Gaststube als Büroraum genutzt; spätestens damals sind die Wände überputzt worden. 1987 wurden Reste der historischen Ausmalung entdeckt, freigelegt und restauriert. 1990 war die Wiederherstellung des Raumes abgeschlossen. Er soll nun einen Eindruck der Weinstube von 1665 vermitteln.[4]

Beschreibung

Der rechteckige Raum ist an der Nordostecke des Hauses gelegen. Er wird heute von Westen aus betreten und besitzt drei Fenster im Osten. Seine Nord- und Westwand sind massiv, die Süd- und Ostwand bestehen hingegen aus Fachwerk. Der Dielenboden ist modern; der ursprüngliche Boden mit glasierten Tonplatten ist darunter erhalten. Die Nord- und Südwand sowie die Holzbalkendecke zieren Reste der Ausmalung des 17. Jahrhunderts.[5]

Die Wände

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

An den Wänden haben sich drei Malereifassungen erhalten. Die erste Fassung aus der Zeit vor dem Brand stammt von ca. 1615. Sie wurde beim Brand 1659 in großen Teilen zerstört, woraufhin ihre Reste zwischen 1665 und 1667 komplett überfasst worden sind. Diese zweite Fassung wurde um 1800 vereinfachend wiederholt. Im 19. Jahrhundert wurde die Malerei schließlich überputzt und erst 1987 wiederentdeckt. Nach Freilegung der Reste erfolgte deren Sicherung und Retuschierung. Seither hat sich der Zustand der Malerei durch aufsteigende Salze erneut verschlechtert.[6]

Beschreibung und Ikonographie

Fassungsreste in Leimfarbtechnik haben sich nur an der Nord- und Südwand erhalten. Diese sind in fünf Felder unterteilt, die sich am Fachwerk der Südwand orientieren. Die westlichen Felder gehören nicht zum ehemaligen Raum; sie kamen erst im Zuge der Raumerweiterung hinzu. Ost- und Westwand sind ebenfalls nicht mehr ursprünglich. Die beiden mittleren Felder an der Südwand sind vollständig überputzt. Raumbestimmend ist die zweite Fassung, die eine Wandgliederung durch schwarze Säulen aufzeigt. Reste der ersten Fassung sind vor allem an der Nordwand im östlichen Feld sichtbar sowie an der Südwand in einem kleinen Fenster im zweiten Feld von Westen.[7]

Die Malerei des frühen 17. Jahrhunderts

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Reste der ersten Fassung in Kalkfarbe mit einem Zusatz von Glutinleim stammen etwa aus 1615. 1987 wurden sie restauriert.[8]

Beschreibung und Ikonographie

Eine Scheinarchitektur mit Arkadenbögen in Rot- und Ockertönen gliederte die Wände. Sie wurden von Pilastern mit Volutenkapitellen begleitet, die einen Fries mit Triglyphen trugen. Die Bögen gewährten den Blick auf eine ockerfarbene, scheinbar marmorierte Fläche. Von den Bogenscheiteln hingen Weintrauben herab. Dunkle Schattenstriche, Höhungen sowie eine leichte Untersicht des Bogens schufen Plastizität. Die Malerei reicht nicht bis an die heutige – jüngere – Decke.[9]

Die Malerei von 1665/67

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die zweite Fassung wurde zwischen 1665 und 1667 auf einer Kalktünche mit einem sehr geringen Zusatz von Glutinleim aufgetragen. 1987 wurde sie restauriert.[10]

Beschreibung und Ikonographie

Die Nord- und Südwand gliedern jeweils fünf gedrehte schwarze Säulen mit korinthischen, zinnoberroten Kapitellen. An der Südwand befinden sie sich auf den Pfosten. Eine solche Wandgestaltung ist in jener Zeit in der Region weit verbreitet gewesen. Es kann in Analogie davon ausgegangen werden, dass die Fenster durch derartige reale Säulen voneinander geschieden wurden. Die Wandflächen zwischen den Säulen werden von zinnoberroten Blockstreifen mit schwarzen Begleitstrichen gerahmt und sind darüber hinaus monochrom in Weiß-Ocker gefasst. Ein Fries mit schwarzen Ornamenten unter der Decke konnte nicht rekonstruiert werden. Darüber befindet sich zwischen den Deckenbalken graue Ornamentmalerei im Stil der Decke. Zum Boden hin verläuft ein grauer Sockelstreifen.[11]

Die Decke

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Deckenmalerei stammt aus der Zeit zwischen 1665 und 1667. Die Leimfarbenmalerei ist direkt auf das Holz aufgetragen worden. Um 1800 wurde sie überputzt und 1987 nach Freilegung restauriert.[12]

Beschreibung und Ikonographie

Fünf Balken trennen sechs Fachen voneinander, wobei die westliche Fache nicht zur ursprünglichen Decke gehört. Die Fugen der Bretter sind mit Stoffstreifen kaschiert. Die Balkenkanten sowie die Fachen werden von breiten blaugrauen Randbemalungen gefasst. Die Mitte einer jeden Fache nimmt vor hellem Fond ein querovales Medaillon auf, das von ebenfalls graublauem Schweifwerk mit goldgelben Verzierungen gerahmt wird. An den Rändern der Fachen steigt weiteres graublaues Schweifwerk mit goldgelben Verzierungen zur Mitte hin auf. Auf diesem Schweifwerk stehen wie auf kleinen Tischen Fruchtstilleben oder Vögel. In der östlichen Fache handelt es sich um eine Obstschale und einen Trinkbecher. In der nächsten Fache sind ein Vogel mit Kirschen im Schnabel und ein Truthahn dargestellt. Es folgen ein Obststillleben und eine heute unkenntliche Darstellung, anschließend sind ein unkenntlicher Vogel sowie ein Hahn und in der vorletzten Fache zwei Obststillleben zu sehen. Die Darstellungen sind teilweise stark beschädigt, waren ursprünglich jedoch sehr detailgenau, was beispielsweise am Truthahn zu erkennen ist. Die Medaillons nehmen Ansichten heimischer Landschaften auf, wie sie damals in der Region weit verbreitet waren: In der östlichen Fache überspannt eine Brücke ein Gewässer, die von einem Mann mit geschultertem Dreschflegel überquert wird. An beiden Ufern stehen Gebäude; auf dem Gewässer schwimmen Gänse, die sich im Wasser spiegeln. Das nächste Medaillon präsentiert eine Hügellandschaft mit niedrigem Horizont, in der sich zahlreiche Menschen aufhalten. Am Himmel fliegen Vögel, an den Seiten stehen Häuser. In der mittleren – dritten – Fache ist ein breiter Flusslauf mit Segelschiffen zu sehen. Am geschwungenen Ufer steht links ein Krahn zum Be- und Entladen der vertäuten Boote. Am rechten Ufer erhebt sich ferner eine Kirche, am gegenüberliegenden eine ganze Ortschaft. Das vierte Medaillon zeigt rechts ein größeres Gebäude, das einem Gewässer im Schiffen links steht. Am wolkenverhangenen Himmel fliegen Vögel. Das letzte Medaillon nimmt eine Landschaft mit einer Kirche in der Mitte auf. Sie steht vor mehreren Bäumen, zwischen denen rechts und links weitere Häuser auszumachen sind.[13]

Gestalterische Mittel – Komposition und Ansichtigkeit

Die Ansichtigkeit der Malerei ist auf die Eintretenden im Westen ausgerichtet.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Dehio, Niedersachsen, 1992. — Dehio, Georg: Bremen - Niedersachsen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Gerd Weiß. München/Berlin 1992.
  • Grote/Königfeld, Katalog, 1991. – Katalog. In: Grote, Rolf-Jürgen/Königfeld, Peter (Hrsg.): Raumkunst in Niedersachsen. Die Farbigkeit historischer Innenräume. Kunstgeschichte und Wohnkultur. München 1991, S. 219-266.
  • Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990. – Schwanitz-Rath, Ursula: Das Stader Rathaus. Geschichte – Nutzung – Restaurierung (Veröffentlichung aus dem Stadtarchiv Stade, 13). Stade 1990.
  • Seefried, Rathaus, 1989. – Seefried, Matthias: Die Wiedergewinnung einer barocken Raumdekoration im historischen Rathaus zu Stade. In: Möller, Hans-Herbert (Hrsg.): Restaurierung von Kulturdenkmalen. Beispiele aus der niedersächsischen Denkmalpflege (Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, Beiheft 2). Hameln 1989, S. 243-246.
  • Archivalien:
  • Hansen, Magistratsstube, 2020. – Hansen & Muhsil: Historisches Rathaus, Magistratsstube. Dokumentation der Baugeschichte samt der früheren Restaurierungsmaßnahmen. Dokumentation der aktuellen Untersuchungen zum Zustande der Bemalung und Aufnahme der Schadensphänomene. Konzept für eine Konservierung / Restaurierung der Wandmalereien. Bearbeitung: Inke Hansen, Barbara Neulinger, Olivia Cordes, Elena Linz, Victoria Holze. Hamburg 2020.
  • Seefried, Rathaus, 1987. – Seefried, Matthias. Restauratorische Befundermittlung und konservatorische Sicherung der Befunde im Rathaus Stade, Zimmer 9. Bremen 1987. In: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Hannover, Sammlung der Restaurierung. 033-1203-012-05. Stadt Stade, Hökerstraße 12. Rathaus.

Einzelnachweise

  1. Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990, S. 53-56. Dehio, Niedersachsen, 1992, S. 1224-1225.
  2. Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990, S. 53-55. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 5, 8.
  3. Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990, S. 53-55, 60.
  4. Dehio, Niedersachsen, 1992, S. 1225; Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990, S. 55, 60. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 5, 8, 16-18, 25, 70; Seefried, Rathaus, 1987, S. 9, 11.
  5. Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990, S. 55. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 17.
  6. Dehio, Niedersachsen, 1992, S. 1225-1226; Grote/Königfeld, Katalog, 1991, S. 256; Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990, S. 55; Seefried, Rathaus, 1989, S. 243. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 4-5, 8-9, 16-25, 32, 65, 67, 70-71; Seefried, Rathaus, 1987, S. 2.
  7. Grote/Königfeld, Katalog, 1991, S. 256; Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990, S. 56; Seefried, Rathaus, 1989, S. 243. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 13, 33, 37; Seefried, Rathaus, 1987, S. 2.
  8. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 4-5, 34-35; Seefried, Rathaus, 1987, S. 2
  9. Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990, S. 55; Seefried, Rathaus, 1989, S. 243. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 13; Seefried, Rathaus, 1987, S. 3.
  10. Seefried, Rathaus, 1989, S. 243. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 4-5, 34, 36; Seefried, Rathaus, 1987, S. 2.
  11. Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990, S. 56. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 14; Seefried, Rathaus, 1987, S. 3-4.
  12. Seefried, Rathaus, 1989, S. 245. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 4, 8, 16, 18, 22; Seefried, Rathaus, 1987, S. 5-6.
  13. Grote/Königfeld, Katalog, 1991, S. 256; Schwanitz-Rath, Rathaus, 1990, S. 57-60. Hansen, Magistratsstube, 2020, S. 15, 22; Seefried, Rathaus, 1987, S. 6.