St. Ottilien bei Rott, Kapelle St. Ottilie
Kapelle, Gemeinde und Pfarrei Rott, Diözese Augsburg z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei Rott dem Kloster Wessobrunn inkorporiert und gehörte zu dessen Hofmark
Patrozinium: St Ottili
Zum Bauwerk: Der spätgotische Kapellenbau wurde 1483 errichtet, 1723/24 kamen Turm und Sakristei hinzu. In den 70er Jahren des 18. Jh. Neudekoration der Kapelle, 1823 Neuausmalung des Gemeinderaumes. - Einfacher Saalraum mit eingezogenem, dreiseitig geschlossenem Altarraum. Im AR befindet sich das Ottilienfresko.
Auftraggeber: Abt Engelbert Goggl von Wessobrunn (1770–81), Kloster- und Abtswappen
Autor und Entstehungszeit: Meidinger überliefert Matthäus Günther als Freskanten von St. Ottilien (S. 382). Im Auftrag von Abt Goggl hatte Günther die Kreuzbergkapelle Wessobrunn, signiert und datiert 1771, und die Pfarrkirche von Moorenweis (OB LKr. Fürstenfeldbruck), signiert und datiert 1775, ausgemalt. In diese Jahre der Ausbildung seines Spätstiles gehört auch das kleine Ottilienfresko. Es zeigt im Architektonischen - bei den Baumotiven und der perspektivischen Konstruktion – große Ähnlichkeit zu dem Altarraumfresko von Moorenweis (Gundersheimer, Abb. 114). Auch die Formen von Rahmen und ausgehöhlten Rocaillen stimmen mit jenen in Moorenweis überein, das Ottilienfresko ist daher in unmittelbare zeitliche Nähe, also um 1775 zu datieren.
Das Deckenfresko im Gemeinderaum wurde 1823 von Sebastian Jaud aus Haid, der Klostermaler von Wessobrunn war, gemalt.
Befund
Träger der Deckenmalerei: AR Tonne mit Stichkappen nach O abgemuldet
Rahmen: Stuckprofil, von Rocaillen überlappt Technik Fredra nalychrom
Technik: Fresko; polychrom
Maße: Höhe (AR) 5,40 m; 3,20 <math>\times</math> 2,20
Erhaltungszustand: Das Fresko im AR ist leicht verschmutzt - ein Längsriß und stärkere Risse im westlicher Teil, bei denen Feuchtigkeitsschäden auftreten -, im ganzen jedoch gut erhalten. Das Fresko im Gemeinderaum ist äußerst schadhaft, hier wird es daher nur erwähnt.
Beschreibung und Ikonographie
DIE TAUFE DER HL. OTTILIE Das kleine längsformatige Bildfeld oberhalb des Altares zeigt eine einansichtige Innenraumszene. Bildarchitektur und Figuren sind in entschiedener Untersicht - von dem Standort unterhalb des westlichen Freskorandes aus berechnet - wiedergegeben.
Über einem kellerartigen Untergeschoß erhebt sich der leichte Sakralraum einer Taufkapelle. Gekuppelte Säulenpaare mit weitausladendem Gebälk tragen einen Korbbogen; durch die Bogenöffnung wird die Kuppelschale der Kapelle sichtbar. Unterhalb des Kuppeltambours steht in hellem Licht ein rotmarmornes Taufbecken. Feierlichmonumentale Architekturteile, kulissenartig zusammengesetzt, bilden eine Schaubühne, die in die Tiefe jäh abfällt. Dieser typisch güntherische Bildraum findet sich ganz entsprechend in dem Altarraumfresko der Pfarrkirche St. Sixtus zu Moorenweis (OB LKr. Fürstenfeldbruck) — der Kuppelaum von St. Ottilien wirkt geradezu wie ein Ausschnitt aus der zweikuppeligen Architektur von St. Sixtus. Eine Abwandlung im Detail: in Moorenweis ruht das Gebälk auf pilasterbesetzten Pfeilern statt auf Säulen. Hier wie dort vermittelt eine lagernde Gestalt auf einer Stufe vor dem Untergeschoß als Repoussoirfigur und ein geraffter Vorhang vor dem sakralen Schauplatz vom realen Kirchraum zum Bildraum.
Die figürliche Szene – im Inhalt ganz verschieden – hat jeweils ihr eigenes kompositionelles Konzept.
Das blinde Mädchen Ottilie kniet, feierlich bekleidet, vor dem Marmorbecken und erwartet in andächtiger Haltung die Chrisamsalbung des Bischofs. Ein Diener stützt das ganz in sich gekehrte Mädchen vorsichtig, während sich der Bischof behutsam zu ihm hinabbeugt.
Die assistierenden Ministranten werden vollkommen auf ihr Tun konzentriert gezeigt; von den Kirchenbesuchern werden nur die teilnehmend schauenden Gesichter sichtbar. Allein die lagernde Repoussoirfigur, eine Mutter mit drei kleinen Kindern, kontrastiert durch ihre lebhafte, extravertierte Gebärde.
Die drei Hauptfiguren sind – typisch für die spätere Stilphase Günthers im achten Jahrzehnt – klar artikuliert. Licht – konkretisiert als das Licht vom Kuppeltambour – modelliert die faltenreichen, bauschigen Gewänder und unterstreicht die Salbungsgeste des Bischofs durch kräftige Schlagschatten auf dem profilierten Taufbecken.
Die Farbskala ist bezeichnend für Günther: Braun zu Rot und Violett hin gebrochen, Ocker zu Gelb- und Goldocker gesteigert gegen steingraue und gedämpft weiße sowie wenige graublaue Töne bestimmen Architektur und Figuren. Am intensivsten – doch immer in den typisch güntherischen Farbbrechungen – treten diese Farben bei den drei Hauptfiguren auf. Das Mädchen Ottilie und der Bischof sind durch zwei differenzierte Goldockertöne ausgezeichnet, das fahlere Gelbocker im Gewand der Repoussoirfiguren vereinigt sich mit den Goldockertönen zu einem festlichen Farbdreiklang.
Ottilie ist der Überlieferung folgend die Tochter eines elsässischen Herzogs. Das vom Vater verstoßene blinde Mädchen wird von dem Wanderbischof Erhard von Regensburg getauft und erhält dabei durch ein Wunder ihr
Augenlicht wieder. Ottilie, die spätere Stifterin und Äbtissin eines Frauenklosters, wird als Patronin gegen Augenleiden angerufen.
Ein Stich Sadelers in Matthäus Raders Heiligem Bayerland, dt. v. Maximilian Rassler, Augsburg 1714-15 (Bd 1 S. 231), gibt zu dem knappen Text, der als Taufort der Heiligen das bayerische Regensburg hervorhebt, die Taufszene in einer steif wirkenden Komposition wieder.
Die Szene Günthers gibt hier als einen Taufakt die Chri samsalbung wieder. Die für sich sprechende Handlung kommt ganz ohne das spezifische Attribut der Heiligen - das einzelne Augenpaar – aus.
Im Gemeinderaum hat Sebastian Jaud Blindenheilungen Jesu dargestellt.
Quellen und Literatur
Meidinger, Franz Sebastian, Historische Beschreibung der kurfürstlichen Haupt- und Regierungsstädte in Niederbayern, Landshut und Straubing . . ., Landshut 1787 S 389.
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 377 f
Gundersheimer, Hermann, Matthäus Günther, Augsburg 1930, S. 43.
Dehio-Gall OB (1964), S. 259
Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 599, 601
Fried, Pankraz und Sebastian Hiereth, Die Landgerichte Landsberg und Schongau (= Historischer Atlas von Bayern Bd 22–23), München 1971, S. 185.