St. Georgen, Filialkirche St. Georg


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 212–215, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filialkirche Demontiertes Deckenbild S. 216

Filialkirche, Gemeinde und Pfarrei Dießen, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Pfarrkirche, Klosterpfarrei und Hofmarksitz (Inhaber Kloster Dießen)

Patrozinium: St. Georg

Zum Bauwerk: Der spätgotische Bau (um 1500) wurde im 18. Jh. barockisiert. Altarausstattung 1766-68. Am Chorbogen Klosterwappen von Dießen, in der Hochaltarbekrönung Klosterwappen sowie das Wappen des Propstes Berthold Wolff. Der Umstand, daß nur drei der Dießener Pröpste, unter ihnen Berthold Wolff, ein persönliches Wappen führten (ohne sich dessen regelmäßig zu bedienen, vgl. Propst Berthold v. Romenthal), erschwert eine genauere Datierung des Umbaus. Gailler (1756) erwähnt ihn noch nicht.

Langgestreckter rechteckiger Gemeinderaum mit wenig eingezogenem, halbrund geschlossenem Altarraum

Auftraggeber: Propst Berthold II. Wolff von Dießen (1755–97)

Autor und Entstehungszeit: Meidinger überliefert für die Ausstattung der ehemaligen Pfarrkirche als Stukkator Franz Xaver Feichtmayr und als Freskant Joseph Zitter, der ausdrücklich als Bergmüller-Schüler bezeichnet wird. — Franz Joseph Zitter, Sohn des Stadtschreibers Johann Joseph Zitter aus Bruchsal und dort um 1712 geboren, heiratet 1739 in München, wo er 1743 als Kaiserlicher Hofbruderschaftsmaler und 1745 als hofbefreiter Maler auftritt und 1777 stirbt (frdl. Mitt. Peter von Bomhard. Erzbischöfliches Ordinariatsarchiv München; vgl. Lipowsky, Franz Joseph, Bayerisches Künstlerlexikon, Bd 2, München 1810, S. 187 f., 280; Thieme-Becker, Bd 26, Sp 530).

Von Joseph Zitter ist an weiteren Deckenfresken das Schlehdorfer Kuppelbild (ab 1757), allerdings in Zusammenarbeit mit Johann Georg Winter, durch Meidinger überliefert (OB LKr. Bad Tölz-Wolfratshausen, s. Bd 2). Die St. Georgener Fresken weisen einzelne Motive auf, die aus Bergmüllers Fresken in der Dießener Stiftskirche herzuleiten sind: der Schubkarren auf den Bohlen und der Bühnenaufbau in Fresko A. Komposition und Figurenauffassung Zitters zeigen einen Bergmüller ganz fremden Stil. Die Szenerien sind großflächig, stofflich undifferenziert und nahezu leer – oder schmucklos – gestaltet. Die handelnden Figuren darin werden für sich isoliert erfaßt. Licht- und Schattenwerte sind zeichnerisch ornamental behandelt - Merkmale, die allgemein im 18. Jh. in der süddeutschen Freskomalerei erst von den 60er Jahren an beobachtet werden können. Stilistisch sind die Fresken von St. Georgen demnach erst in diese Zeit zu datieren. Für das in der Literatur für die Ausmalung der Kirche (in Zusammenhang mit dem Umbau) angeführte Datum 1750 (erstmals bei Hugo) lassen sich keine konkreten Anhaltspunkte finden (vgl. Gailler). Auch das durch Bomhard archivalisch gesicherte Todesdatum Zitters (begraben 19. 7. 1777, Sterbematrikel Unsere Liebe Frau München) hebt die zeitliche Einschränkung auf die 50er Jahre auf (nach Lipowsky und Thieme-Becker »gestorben um 1760«).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs und AR haben ein zur Spitztonne – mit Stichkappen – verschliffenes ehem. gotisches Gewölbe

 
A St. Georg Verteidiger der Kirche und Helfer der Bedrängten

Rahmen: A, B Stuckprofile, von Rocaillen überspielt. Technik: Fresko; polychrom. Maße: A Höhe 10,00 m: 10,50 × 5,40; B Höhe 9,30 m; 7,00 × 5,60

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1957/59 restauriert. Die Fresken sind im ganzen recht gut erhalten. A und B verkittete Risse; Farben etwas stumpf; in A vier Löcher von ehemals innerhalb des Freskofeldes angebrachten Beleuchtungskörpern

Beschreibung

A ST. GEORG – VERTEIDIGER DER KIRCHE UND HELFER DER BEDRÄNGTEN In der längsformatigen, einansichtig angelegten Komposition ist der hl. Georg die zentrale Bildfigur. Die in geringer Untersicht plastisch gezeichnete Gestalt des hl. Ritters ragt in das weite Glorienrund, welches die westliche Bildhälfte ganz einnimmt, hinein. St. Georg steht auf einem quer gelagerten, mächtigen Wolkenpolster - Rocaillen betonen vom Rahmen her die Wolkenformation, welche sich wie ein Dach über dem seichten Bühnenaufbau an der östlichen Schmalseite des Bildfeldes ausbreitet.

 

In der Mitte der Glorie steht das Zeichen der Dreifaltigkeit, das Dreieck mit dem Auge Gottes, von dem Strahlenbündel nach allen Seiten ausgehen. - Das Glorienrund ist übermäßig ausgedehnt und wirkt wie ein flacher Deckel auf dem mauerartig aufragenden, in Licht- und Schattenpartien plastisch modellierten Wolkenring, der die Glorie einfaßt.

Die Glorie hinterfängt wie ein überdimensionaler Nimbus den hl. Georg, der in fürbittender Gebärde seinen mächtigen Kreuzschild erhebt. Engel und Putti tummeln sich zu seinen Füßen in dem dicken Wolkenpolster.

Die Fürbitte St. Georgs gilt den Kranken und Elenden, die den Heiligen in bewegter Klage um Hilfe anflehen. Mütter mit ihren Kindern, Besessene, Gelähmte in Schubkarren, Gefangene nehmen dicht gedrängt einen Mauerbogen ein, der sich wie ein Laufsteg über eine Rampe erhebt. Die Rampe, eine seitliche Mauer und der Mauerbogen bilden ein großflächiges, schmuckloses Bühnenszenarium. — Einige schräg über den Rand der Rampe hinausgeschobene Bretter und die Figuren darauf — ein Gefangener und Gelähmter im Karren — werden in starker Untersicht gezeigt, doch isoliert von den anderen Figuren schaffen sie keine überzeugende Raumillusion.

Unmittelbar hinter dem Bühnenaufbau erhebt sich in schroffen Formen ein überdimensional hoher Berg. Seine Grate stoßen unvermittelt auf den Mauerbogen, während seine helle, unklare Farbigkeit zugleich räumlich distanziert. Auf dem Gipfel des Berges steht ein mächtiger Kirchenbau, kuppelbekrönt und ausgezeichnet durch eine Lichtgloriole. Die Kirche wird von Feinden bedrängt, doch himmlische Hilfe macht die Angriffe zunichte. St. Georgs riesige Lanze, geführt von einem Putto, vertreibt einen Drachen vor den Toren der Kirche. Blitze schleudern einen fliegenden Dämon und auch die den Berg hinaufstürmenden Männer von der Kirche zurück.

In der Komposition der verschiedenen Bildzonen — Glorie, Wolkenhimmel St. Georgs, Bühnen- und Bergszene — zeigt sich deutlich eine Isolation der einzelnen Teile, und ganz entsprechend wirken die für sich klar in Stellung und Bewegung charakterisierten Figuren voneinander getrennt. Auch farbig sind die Bildzonen voneinander geschieden. Glorie und Bühnenaufbau werden von fahlen Gelb- und Ockertönen bestimmt, davon hebt sich der Wolkenhimmel mit der Gestalt St. Georgs in klareren, kühlen Weiß-Ocker-Farben ab, die Bergszene in verwaschenen Grün-Grau-Nuancen weicht ganz zurück. Die Buntfarben in den Gewändern treten nur gedämpft auf. In den Wolken sind das Gelb, Ocker und Weiß in Licht- und Schattenpartien zeichnerisch klar geschieden.

B PATRON ST. GEORG Auch im Chorfresko findet sich ein formal gleichartig gestaltetes Glorienrund. Wolkenpolster lösen sich aus dem Glorienring und ziehen in langgezogenen Bogen zum irdischen Schauplatz hinunter.

Vor der Glorie thront Christus, der Gute Hirte, und deutet in pathetischem Gestus auf Kirche und Kloster St. Georgen hinab. Sein roter Mantel umweht in weitem Bogen seine herkulische Gestalt. Zu seinen Füßen kniet auf einer Wolke St. Georg und weist mit seiner Lanze, an der die Kreuzfahne flattert, ebenfalls hinab, gleichzeitig seinen Schild gegen den Drachen hinter sich haltend.

Ihm gegenüber, erhöht auf einer Erdscholle, kniet der selige Rathard, wiedergegeben als Propst der Augustinerchorherren mit seinem Gefolge, und empfiehlt seine Kirche und sein Kloster - rechts im Hintergrund sichtbar - dem Schutz des Heiligen. - Vor dem Propst rutscht ein Putto auf dem Rücken - den Propststab als Balancestab haltend – den kleinen steilen Abhang der Erderhebung hinunter. Eine flache, spärlich bewachsene Erdzone breitet sich im Vordergrund aus.

Die kompositionelle Ordnung der Figuren innerhalb eines Dreiecks macht den Bildaufbau klar und festgefügt. Wie im LHs-Fresko sind die Figuren prägnant gezeichnet. Die Licht- und Schatten-Differenzierung gliedert hier vor allen die terrestrische Zone - mehr ornamental als raumperspektivisch. Farbig sind wieder die Ockertöne bestimmend, dem Rot in Christi Mantel und in der Fahne Georgs sowie dem Blau in dem Mantel des Heiligen eignet in diesem Bild mehr Leuchtkraft.

Ikonographie

A ST. GEORG – VERTEIDIGER DER KIRCHE UND HELFER DER BEDRÄNGTEN Die Inschriften in den beiden Rocaillekartuschen westlich und östlich des LHs-Freskos beziehen sich auf den hl. Georg: DIVO / GEORGI / MEGALO — MARTYRI. — ein in der Ostkirche gebräuchlicher Titel des Martyrers. — Auf den Martertod des Heiligen weist in der Freskodarstellung allein ein Palmwedel in den Händen eines Putto hin. — PRINCIPALI ECCLESIAE / DEFENSORI. / SPECIALI AFFLICTORUM / AUXILIATORI — diese Titel geben den Inhalt der bildlichen Darstellung an: in der Bergszene wird die Verteidigung der Kirche allegorisch dargestellt, der Berg als Sitz der Kirche alludiert sowohl den alttestamentlichen Berg Zion als auch den Fels »Petrus«, auf dem die Kirche Christi gegründet ist. Der legendäre Georgsdrache ist hier zum dämonischen Feind der Kirche Christi geworden, er wird mit der Lanze Georgs bekämpft. Im Gefolge des Drachens sind Irrlehrer, gekennzeichnet durch Schlange, Bücher, Schreibfedern und Tracht — eine Halskrause des 16. Jh. deutet auf die Reformatoren. — Die Flehenden der vorderen Szene machen den hl. Georg als den Helfer der Bedrückten deutlich.

B PATRON ST. GEORG Das Patronatsbild im Chor gibt zugleich die Gründung von St. Georgen im 9. Jh. durch den sel. Priester Rathard wieder — der nicht näher gekennzeichnete Propst im Bild stellt Rathard dar. Auf seine Klostergemeinschaft in St. Georgen geht das Augustinerchorherrenstift zurück; es wurde 1132 von St. Georgen nach Dießen verlegt (Zur Vita vgl. Magnus Jocham, Leben der {ZITAT|NNN}).

 
B Patron St. George

Heiligen und Seligen des Bayerlandes, Bd 1, München 1861, S. 346 f.).

Rathard, einem Vorfahr des Dießener Grafengeschlechtes, wurden bei der Überführung seiner Gebeine in die neue Dießener Stiftskirche 1739 besondere Ehrungen bereitet (vgl. die Weihepredigt des Augustin Fastl von 1739, Gailler, und die Ratharddarstellungen in der ehem. Stiftskirche Mariä Himmelfahrt, Dießen), hier in der damaligen Pfarrkirche wird ihm wesentlich später ebenfalls ein Denkmal in Form des Chorfreskos gesetzt (vgl. dall'Abaco und Hugo).

Quellen und Literatur

Abaco, Joseph, dall', Chronik des Klosters Diessen, Bd 3 S. 37 f. (BSB cod. germ. 1769/70)

( 00, 0) Gailler, Franciscus Salesius, Vindeliciae Sacrae Tomi

... Capitulum Weilheimense, Augsburg 1756, Cap. 12. Meidinger, Franz Sebastian, Historische Beschreibung der kurfürstlichen Haupt- und Regierungsstädte in Niederbayern, Landshut und Straubing ... Landshut 1787 C 207

KDB I OB (1), S. 543

Hugo, Joseph Anton, Chronik des Marktes und der Pfarrrei Dießen, Dießen 1901, S. 102 ff.

Zimmermann, Eduard, Bayerische Klosterheraldik, München 1930, S. 62 f.

Hartig, Michael, Die oberbayrischen Stifte, Bd 1, München 1935, S. 194.

Dehio-Gall, OB (1964), S. 281

Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 422 f., 441 f.