Dreyer, Angelika:Solla, Schartenkirche, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/b097c670-53b3-4975-8ff7-5fd791426840

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Die sogenannte Schartenkirche im niederbayerischen Landkreis Freyung-Grafenau „ist eine ehemalige Burgkapelle der hochmittelalterlichen, abgegangenen Burg der Edlen zu Scharten.“ Erbaut im Typus romanischer Landkirchen hat sie diesen baulichen Grundcharakter trotz Veränderungen bis heute behalten.

Solla, Schartenkirche
Solla, Schartenkirche

Lage, Geschichte, Bauwerk

Die sogenannte Schartenkirche im niederbayerischen Landkreis Freyung-Grafenau „ist eine ehemalige Burgkapelle der hochmittelalterlichen, abgegangenen Burg der Edlen zu Scharten.“[1]

Erbaut im Typus romanischer Landkirchen hat sie diesen baulichen Grundcharakter trotz Veränderungen bis heute behalten.[2]

Lage

Die Schartenkirche ist eine „hoch und einsam gelegene[...] Kapelle“[3], deren Lage man auch als idyllisch beschreiben kann. Sie befindet sich „750 Meter südwestlich von Solla“[1], einer kleinen Ortschaft im Bayerischen Wald, „am Rande des Sonnenwaldes in etwa 700 Metern Höhenlage am Südosthang des Berges Windhoch.“[4]

Geschichte

Die Edlen von Scharten hatten sich auf dieser Anhöhe wohl aus Sicherheitsgründen einen Adelssitz erbauen lassen, zu der auch eine Burgkapelle gehörte. Nachdem Rudolf von Scharten in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts verstorben war, vermachte seine Witwe Richardis (Riccardis) von Scharten, „die auf der Burg Scharten ihren Wohnsitz hatte, [...] ihren gesamten Besitz dem Kloster Osterhofen. Darunter befand sich unter anderem die Burg samt Kapelle sowie zahlreiche Grundstücke, die auch die Ortschaften Solla, Loh und Rettenbach samt leibeigenen Untertanen umfasste.“[1] Im Jahre 1152, als „die letzte Herrin von Scharten in Osterhofen [verstarb] und [...] dort auch begraben“[1] wurde, ist „in einer Urkunde von Kloster Osterhofen erstmals“[4] der Schartensche Besitz als „Salha (sal = Weide)“[4] erwähnt. Diese Benennung rettete sich in verwandelter Form bis in das 19. Jahrhundert, als „im Häuser- und Rustikalsteuerkataster des Landgerichts- und Rentamts Schönberg [...] der Ort sowohl als Solaals auch Solla bezeichnet“[4] wurde.

Bauwerk

Die Grundstruktur einer romanischen Landkirche ist bis heute an der schlichten Baugestalt, ihren kleinen Dimensionen und ursprünglichen Machart ablesbar.

Die Kapelle setzt sich aus zwei Baukörpern zusammen: zum einen aus dem einfachen Längsrechteck des Langhauses, das nur auf der Südseite Fensteröffnungen aufweist und zum anderen aus dem nahezu quadratischen Ostturm. Der Chor darin ist kreuzgratgewölbt und niedriger als die flache Bretterdecke des Langhauses.[5]

Die Außenwände sind unverputzt und mit einer Mischung aus „Bruchstein- und Quaderwerk“[6] in einigermaßen horizontalem Verbund gemauert. Der Chor und das Schiff werden von einem „gemeinsamen verschindelten Walmdach aus der Barockzeit“[6] überfangen.

Bau- und Funktionsgeschichte, Auftraggeber

Bau- und Funktionsgeschichte

Baugeschichte:

Die Anlage der Burgkapelle ist zeitlich nicht genau zu fixieren, dürfte aber vermutlich in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zu datieren sein. „Die Burgkapelle war zur damaligen Zeit dem Hl. Martin geweiht.“ 1597 ließ der Abt von Osterhofen „die halbverfallene Kapelle erneuern.“[7]

„Bereits einige Jahre später ließ man das Kirchengebäude erneut verfallen. Ab 1879 wurde das Gotteshaus sogar zu weltlichen Zwecken umfunktioniert, es diente als Wagenschuppen. Im gleichen Jahr begann man mit einer erneuten Instandsetzung der Kirche [...]. 1882 wurde das Gotteshaus erneut geweiht und feierlich eröffnet.“[8]

Funktions-Geschichte:

Nachdem 1152 die Schartensche Burg samt Burgkapelle und Güter an das Kloster Osterhofen fielen, verlor die Kapelle langsam ihre ursprüngliche Funktion als Privatkapelle der Burg Scharten und sie diente als Hilfskirche der Gemeinde Thurmansbang, zu deren Sprengel die Kapelle mittlerweile gehörte, als deren Pfarrkirche baufällig geworden war.[9]

Auftraggeber (Deckenmalerei: 1597)

Den Auftrag für die Instandsetzung der Burgkapelle erteilte der 48. Abt vom Kloster Osterhofen, Michael I. Vögele, der von 1593–1604 regierte. „Vögele war seit 1593 Administrator von Kloster Altenmarkt und wurde 1594 zum Abt gewählt. Er bemühte sich während seiner Amtszeit um die Durchführung der Reformen des Konzils von Trient und verbesserte die Disziplin in Kloster und Verwaltung.“[10]

Diese Disziplinierung war auch notwendig geworden, da sein Vorgänger „Abt Wolfgang Scharnickel zum Luthertum“[11] übergetreten war. Die von Vögele eingeleitete geistige und administrative Neuorganisation des Klosters unterstützte auch die Amtskirche, denn der Abt erhielt „die päpstliche Freiheit [...] – und das war ein seltenes Privilegium – die ketzerischen Bücher zu lesen, um die Irrlehren besser widerlegen zu können.“[12] Im Zusammenhang mit der Stärkung und Verbreitung des katholischen Glaubens dürfte auch die Sanierung und Ausmalung der ehemaligen Burgkapelle zu sehen sein. „Bei der Konsekration wurde die vormals dem Hl. Martin geweihte Kirche dem Namenspatron des Abtes geweiht.“[13]

Der Chor

Der Chor

Der relativ kleine Chorraum weist auf den drei Wandseiten im Osten, Süden und Norden Wandmalereien auf.

Wandmalereien insgesamt

„1768 wurde der Chor ausgemalt, bzw. wurden ältere Malereien [von 1597] erneuert.“[14]

„An der Ostwand rechts und links vom Fenster befindet sich ein Drache, darunter eine vollständig erloschene Inschriftzeile und in einem Spruchband die Jahreszahl 1768. An der Südwand östlich vom Fenster eine Kartusche mit unleserlicher, verwischter Inschrift. Unter dem Text ein Ordenskreuz und die Jahreszahl 1768. Westlich vom Fenster: Christus am Ölberg. In der unteren rechten Ecke knien zwei Männer und eine Frau in Rokokotracht. Davor eine Wappenkartusche, die drei kleine Wappenschilder enthält; in letzteren die Buchstaben I bzw. M bzw. leer.“[15]

Auf der fensterlosen Nordwand ist der Erzengel Michael im Kampf gegen den Drachen zu sehen.

Die Nordwand

Chor: Wandmalerei (Nordwand)

„1768 [...] wurden ältere Malereien erneuert. Letzteres ist an der Nordwand der Fall, wo ein Bild von 1597 im wesentlichen noch erhalten ist. Es stellt den Kampf des heiligen Michael mit dem Drachen dar; unten zu beiden Seiten kniet ein Ritter bzw. seine Frau. Neben dem Ritter das Wappen der Grafen von Formbach (verderbt). Unter dem heiligen Michael zwischen den beiden Personen befindet sich eine Inschriftkartusche, deren Rahmen (Rollwerk mit Akanthus) von 1597 ist, während die Inschrift jedenfalls gänzlich erneuert wurde. Sie ist etwa zur Hälfte ausgelöscht. Der entzifferbare Rest lautet: Als ungefer vor 600 Jahr diß wurdige Gott ... ist gegenwerdige hochadelige Persohnen, welche alhier ihr ... ihre bildnussen anhero setzen lassen, nachdeme aber ... ist ruiniert worden hat solches wiederumb ao 1597 ein gewiser Abt von ... anizo aber, nachdem solches mermallen eraltet, ist es ... . Das Gemälde ist durch Restaurierungen stark verdorben.“[16]

Programm und Synthese: Der Erzengel Micheal im Kampf gegen die Häresie

Vom Pivileg "ketzerischen Bücher zu lesen, um die Irrlehren besser widerlegen zu können“

„Bei der Konsekration [1597] wurde die vormals dem Hl. Martin geweihte Kirche dem Namenspatron des Abtes geweiht.“ Diese patroziniale Umwidmung der Kapelle dürfte jedoch nicht allein auf die Person des Auftraggebers, Abt Michael Vögele, zu beziehen sein, wenn sie gleichzeitig auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

Für die Umwidmung des Gotteshauses und Darstellung des hl. Michael im Chor sind auf alle Fälle glaubensspezifische Überlegungen mit entscheidend gewesen. Im Reformationsjahrhundert, der Epoche der Spaltung des christlichen Glaubens in zwei verschiedene Grundrichtungen, war eines der Hauptaufgaben nach dem Konzil von Trient, die Belange des Katholizismus wieder zu stärken und die Glaubensinhalte flächendeckend zu verbreiten. Hatte doch gerade das Kloster Osterhofen selbst, mit dem Austritt des Vorgängerabtes Scharfnickel aus Kloster und Orden und seinem Übertritt zum lutherischen Glauben die Kongregation in eine tiefe Krise gestürzt.

Abt Vögele, dem deswegen von päpstlicher Seite Priviligien zugestanden wurden, „die ketzerischen Bücher zu lesen, um die Irrlehren besser widerlegen zu können“, scheint die Gegenreformation nicht allein in seinem Namen getragen zu haben.

Einen bedeutsamen Beitrag zur Bekämpfung der lutherischen Irrlehre hatte ab 1550 in der katholischen Bildpropaganda der Erzengel Michael zu leisten. „Im Mittelalter erscheint Michael, ausgehend von der deutschen Kunst der karolingisch-ottonischen Zeit mit Schwert und Lanze als Bekämpfer des höllischen Drachens.“[17] Diese mediävistische Stoßrichtung erfuhr in der Gegenreformation eine beträchtliche ikonographische Erweiterung. War bis dahin „der Drache als Verkörperung des Bösen und Repräsentant des Teufels“[18] zu verstehen, so werden die Dämonen, die es zu bekämpfen gilt, zunehmend mit den Gläubigen des lutherischen Bekenntnisses in Analogie gesetzt, gegen die es alle Abwehrkräfte zu mobilisieren gilt.

Bibliographie

  • Brix, Niederbayern, 2008 ─ Brix, Michael: Bayern II. Niederbayern (Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern II. Niederbayern), München/Berlin 2008.
  • Irtenkauf, Kalendar, 1957 ─ Irtenkauf, Wolfgang: Das Osterhofener Kalendar von 1324, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern, Band 83, Landshut 1957, S. 17–38.
  • Kretschmer, Lexikon, 2008 ─ Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart 2008.
  • Molitor, Osterhofen 2006 ─ Molitor, Johannes: Osterhofen, in: Körner, Hans-Michael/Schmid, Alois (Hgg.): Bayern I. Altbayern und Schwaben (Handbuch der Historischen Stätten), Stuttgart 2006.
  • Ritz, Kunstdenkmäler, 1933 ─ Ritz, Joseph Maria: Die Kunstdenkmäler von Niederbayern. XXIV: Bezirksamt Grafenau, München 1933.
  • Sauser, Michael, Band 7, 1986 ─ Sauser, Ekkard: Michael, in: Höfer, Josef/Rahner, Karl (Hgg.): Lexikon für Theologie und Kirche, Band 7, Freiburg 1986, Spalte 394–395.
  • Schön, Osterhofen, 1996 ─ Schön, Johann Heinrich: Das Stift Osterhofen und seine Äbte, Osterhofen 1996.
  • online

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 https://regiowiki.pnp.de/index.php?title=Schartenkirche_(Solla)&oldid=255387[zuletzt abgerufen am: 18.05.2021].
  2. Schartenweg 1, 94169 Thurmansbang; Denkmal-Nr.: D-2-72-150-12.
  3. Ritz, Kunstdenkmäler, 1933, S. 97.
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Solla_(Thurmansbang)&oldid=211533771[zuletzt abgerufen am: 18.05.2021].
  5. Maße des Chores: 3,80m Länge x 3,63m Breite x 4,3m Höhe; Maße des Langhauses: 10,20m Länge x 6,06m Breite x 5,80m Höhe: Angaben nach: PL_06863.
  6. 6,0 6,1 Brix, Niederbayern, 2008, S. 642.
  7. Ritz, Kunstdenkmäler, 1933, S. 98.
  8. https://regiowiki.pnp.de/index.php?title=Schartenkirche_(Solla)&oldid=255387[zuletzt abgerufen am: 18.05.2021].
  9. Irtenkauf, Kalendar, 1957, S. 34, Anmerkung 29.
  10. https://regiowiki.pnp.de/index.php?title=Michael_Vögele&oldid=259603[zuletzt abgerufen am: 18.05.2021].
  11. Molitor, Osterhofen, 2006, S. 614.
  12. Schön, Osterhofen, 1996, S. 10.
  13. https://regiowiki.pnp.de/index.php?title=Schartenkirche_(Solla)&oldid255387[zuletzt abgerufen am: 18.05.2021].
  14. Ritz, Kunstdenkmäler, 1933, S. 99.
  15. Ritz, Kunstdenkmäler, 1933, S. 100.
  16. Ritz, Kunstdenkmäler, 1933, S. 99–100.
  17. Sauser, Michael, 1986, Band 7, Spalte 394–395.
  18. Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 86–88.