Dreyer, Angelika:Schwerin, Schelfmarkt 2, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/b5f5547b-b4f9-4484-837f-21cbc7d171ae

Inventarnummer: cbdd20109

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Das ehemalige Neustädtische Rathaus war repräsentativer Ausdruck der ab 1705 geplanten Stadterweiterung der Altstadt von Schwerin, die 1769 ihre eigene Verfassung erhielt. Herzogliche Einmischungen behinderten deren juristisch zugesicherte Selbständigkeit, worauf das allegorische Gemälde verweist.

Lage, Bau- und Ausstattungsgeschichte

Lage

Das Neustädtische Rathaus ist ein wesentliches, weil repräsentives Element der Platzbebauung in der Schweriner Schelfstadt, die Herzog Friedrich Wilhelm (1675–1713) 1705 zur eigenständigen Stadt ernannte und die 1832 mit der Schweriner Altstadt vereinigt wurde.

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das Neustädtische Rathaus ist Resultat einer gezielten Ankaufspolitik, um die selbständige Stadtverwaltung des ab 1705 neugegründeten Stadtteils auch nach außen repräsentativ darstellen zu können.

1776 erachteten die „zum Schwerinschen Neustädtischen Gerichte verordneten Räthe und Assessores“[1] das private Anwesen von Direktor Tilk für geeignet, „um hier das Rathaus einzurichten.“[2] Beim Umbau erhielt das Gebäude eine Putzfassade, „deren flaches Fassadenrelief in Form leicht vortretender Fensterbahnen charakteristisch für die Zeit um 1800 ist.“[2]

„Erst infolge der Vereinigung der Neustadt mit der Altstadt 1832 verlor das Neustädtische Rathaus seine zentrale Funktion für diesen Stadtteil und beherbergte seit 1900 bis zuletzt das Stadtbauamt.“[2]

Auftraggeber: Der Magistrat der Schelfstadt

 
Schwerin, Schlefmarkt 2

Als Auftraggeber für den Umbau des angekauften Wohnhauses zum Neustädtischen Rathaus fungierte offiziell der Magistrat der Schelfstadt. Einzelne Vertreter sind nicht benennbar.

Baumeister: Johann Joachim Busch (1720–1802)(zugeschr.), Maler: unbekannt

 
Schwerin, Schlefmarkt 2

Ein planender Architekt und/oder ein die Umbauten beaufsichtigender Bauleiter sind bis dato archivalisch nicht bekannt. Ob Johann Joachim Busch (1720–1802) tatsächlich die Bauleitung inne hatte ist Vermutung.[3]

Auch der das Gemälde mit der Darstellung von Perseus und Andromeda ausführende Künstler ist urkundlich nicht überliefert.

Das Bauwerk

 

Das ehemalige Neustädtische Rathaus ist, konstruktiv gesehen, ein zweigeschossiger Fachwerkbau, der sich über einem durchfensterten Sockelgeschoss entwickelt.

1776 überputzte man diese Aufbauweise und erreichte eine massive Putzfassade mit neun Fensterachsen und einem Mansarddach mit drei Gauben.

Das Gebäude wird insgesamt als in sich stabiler Baukörper inszeniert, wozu die Ortsteine an den Kanten optisch wesentlich beitragen.

Die Binnenstruktur der Fassade folgt einer in der Barockzeit eigentlich üblichen Dreiteilung, wobei der mittige Eingangsbereich hervorgehoben wird und die beiden Seitentrakte in dem symmetrisch aufgefassten Wandverbund subordiniert sind. In Schwerin lässt sich diese generelle Disposition allerdings nicht auf den ersten Blick verifizieren, denn der Architekt verzichtete z.B. auf Pilaster als ordnendes Strukturprinzip, um den Wandkontext auszudrücken.

In seiner Architektursprache verließ er sich hingegen eher auf gestalterische Mittel wie die der Wand vorgeschichteten vertikalen Wandfelder und den differenzierenden Einsatz der Fensterverteilung und –größe.

Auf diese Weise ergab sich eine Hervorhebung des mittleren Abschnittes, der sich mit dem Eingangsportal, dem vergrößertem Fenster darüber und den Schmalfenstern formal von den beiden Seitentrakten unterscheidet. Diese sind als dreiteilige, symmetrisch in sich einheitliche Abschnitte konzipiert, wobei die vorgeschichtete Mittelachse über die Verlängerung der Fenster im EG nach oben und im OG nach unten zusätzlich betont wird. Zusammen mit der Dachgaube darüber ergibt sich eine die Wandstruktur übergreifende, das ganze Gebäude gliedernde Komposition.

Die Putzfassade mit dem flachen „Fassadenrelief in Form leicht vortretender Fensterbahnen [ist] charakteristisch für die Zeit um 1800 [...]. Damit fügt sich dieser Bau in die Reihe der Rathäuser ein, die Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts in Mecklenburg-Vorpommern errichtet wurden.“[2]

Das Treppenhaus: Beschreibung und Maße

 

Der im Erdgeschoss des ehemaligen Neustädtischen Rathauses sich befindliche Vorraum weist mit einer Tiefe von 6,4m, einer Breite von 5,7m und einer Höhe von 3,9m relativ enge räumliche Verhältnisse auf. Anschaulich und körperlich eingeschränkt wird dies zusätzlich durch den Einbau der Treppenkonstruktion.

Diese räumliche Gedrängtheit erhöht gleichzeitig die intensivere Wahrnehmung des auf Holz gemalten Gemäldes mit der Darstellung von Perseus und Andromeda, das sich buchstäblich optisch aufdrängt und damit die Aussage der veranschaulichten Botschaft befördert.

Gemälde an der Unterseite des mittleren Treppenlaufes: Perseus befreit Andromeda

 

Betritt man den erdgeschossigen Vorraum des ehemaligen Neustädtischen Rathauses überrascht den Besucher in dem relativ engen Vorraum eine imposante Treppenanlage, die zu den Obergeschossen führt. Ehe man den Weg nach oben antritt, fällt ein hochrechteckiges Gemälde auf, das sich an der Unterseite des mittleren Treppenlaufes befindet, in Öl auf Holz gemalen und 2,7m hoch und 1,5m breit ist.

Darauf dargestellt ist das berühmte Abenteuer des griechischen Helden Perseus, der Andromeda, die Tochter des äthiopischen Königs Kepheus, euphemistisch formuliert, aus einer existentiell bedrohlichen Lage befreite.

Den Hintergrund des mythologischen Narrativs bildet die Überheblichkeit von Kassiopeia, der Gemahlin von König Kepheus, die sich rühmte, „schöner zu sein als die Nereiden. Auf deren Bitten hat Neptun zur Strafe eine Sturmflut und ein Meeresungeheuer gesandt, das Menschen und Vieh verschlingt. Ein Orakelspruch verheißt Rettung von diesem Untier, wenn des Königs Tochter Andromeda ihm zum Fraße ausgesetzt werde. So wird Andromeda an der Meeresküste an einen Felsen gefesselt. Perseus tötet das Meeresungetüm und befreit Andromeda.“[4]

Der namentlich nicht bekannte Maler hat diese Erzählung gestalterisch gewichtet. Am unteren Bildrand ist in körperlich weit ausholender Gestik Andromeda an den Felsen gefesselt zu sehen. Dieses Motiv der nahezu nackten Königstochter bot den Künstlern dieser Epoche stets die Gelegenheit, den Bildinhalt zusätzlich erotisch aufzuladen.

Andromeda, das unschuldige Opfer, sieht hoffnungsvoll zu ihrem Retter Perseus empor, der auf dem geflügelten Pferd Pegasus heranprescht und mit gezücktem Schwert und dem vorgehaltenen, kurz zuvor eroberten Haupt der Medusa, die gefährliche Situation erfolgreich beenden möchte.

Die stadtbedrohende Bestie unter ihm, das eigentliche Ziel seiner Attacke, ist bildkünstlerisch allerdings kaum wahrzunehmen, wodurch das baldige Ende des Ungetüms angedeutet wird. Diese aussagekräftige Bild- und Lichtregie gehorcht einem eher traditionellen Motivekanon. Ungewöhnlich für den eintretenden Betrachter ist vielmehr die sehr augenfällige Anwesenheit des die Fessel vom linken Bein der Andromeda lösenden geflügelten Putto.

Auf diese Weise ergibt sich eine inhaltliche Verschiebung der Erzählung, die in Schwerin politisch motiviert scheint.

Programm und Synthese: Der Wunsch des neugegründeten Stadtteils nach Unabhhängigkeit

 
Schwerin, Schelfmarkt 2

Das ehemalige Schweriner Neustädtische Rathaus bildet im Kontext frühneuzeitlicher Ikonographie von Rathausausstattungen dahingehend eine Ausnahme, weil es nicht einer multipiktoralen Programmierung folgt, sondern ihre Botschaft lediglich in einem Einzelbild veranschaulicht.

Zudem scheint sich darin nicht eine in der Zeit übliche generelle Aussage über die gute Regierungsform oder politische Tugendideale auszudrücken, die das Zusammenleben in einem Gemeinwesen gewährleisten, sondern eine spezielle Problematik in der Stadt Schwerin.

Deren Grundkonflikt bestand bereits seit der Gründungsdeklaration von 1705, als Herzog Friedrich Wilhelm (1675–1713) nicht den Ausbau eines Schweriner Vorortes, sondern einer ganz neuen Stadt beförderte. „Friedrich Wilhelm vollzog die Neustadtgründung an einem Ort, der auf fürstlichem Territorium liegend zu seiner alleinigen Verfügung stand, so dass er anders gelagerte Interessen der Stände, deren Einreden oder gar Widerstand, nicht befürchten musste.“[5] „Das ursprüngliche Versprechen, dieser neuen Stadt auch einen eigenständigen Magistrat zu gewähren, wurde jedoch nie erfüllt. An der Spitze der Verwaltung stand stattdessen der vom Herzog ernannte Stadtrichter [...]. Als Vertreter der Bürgerschaft fungierten vier sogenannte ,Viertelsmänner‘ [...].“[6]

Trotz der 1769 erhaltenen eigenen Verfassung, wozu eigentlich sowohl ein Rat wie auch ein Bürgermeister gehörte, scheiterte dieses Konstrukt. Summarisch gesehen blieb „die Neustadt [...] ein landesherrliches Kunstprodukt, keine lebensfähige, gewachsene Gemeinde.“[6]

Im Bewusstsein dieser ortsspezifischen komplizierten Situation, ist das für Rathäuser durchaus ungewöhnliche Thema des mythologischen Helden Perseus, der die Königstochter Andromeda von ihren Fesseln befreit, vorstellbar.

Die inhaltlich innere Verbindung zwischen zeitgenössischer Historie und antiker Mythologie bestünde darin, dass Perseus auf allegorische Weise die vom Ungeheuer bedrohte Stadt, personifiziert durch Andromeda, von den ihr angelegten Fesseln befreit.

Fesseln, die, übertragen auf die damals aktuelle Situation, aus Sicht der Bürgerschaft des neugegründeten Stadtteils, immer noch den herzoglichen Einfluss zeigen, welche die Selbstbestimmung und Selbstbehauptung der Neustadt behindern.

Um sich von dieser herzoglichen Einengung zu befreien, bedarf es einer besonderen Lösekraft, die bildmotivisch in Gestalt des geflügelten Puttos in Szene gesetzt ist, der hochkonzentriert die fest gezurrte Fessel von Andromedas linkem Bein losmacht. Dieser ungewöhnliche Befreiungsakt ist, bildtraditionell gesehen, eher selten thematisiert. Einen inhaltlich ähnlichen Zusammenhang zwischen Andromedas Befreiung vom Ungeheuer und der neuen Selbstbehauptung der Stadt stellte Pierre Mignard (1612–1695) in seiner 1679 gemalten Version des Perseus-Thema dar. Während ein Putto die angekettete Andromeda aus ihrer misslichen Lage erlöst, bedanken sich bereits der König, seine Gemahlin und die Stadtbevölkerung ehrfürchtig und überschwänglich bei Perseus für seine Heldentat.

Restaurierung

 
Schwerin, Schelfmarkt 2

1983 erwog das Institut für Denkmalpflege als restauratorische Zielsetzung im „Innern des Hauses Erhaltung und Restaurierung der Treppenanlage [sowie] Restaurierung der Malerei.“[7] Die konservatorische Überarbeitung des Gemäldes erfolgte 2006 im Zusammenhang mit der Wiederherstellung der Treppenanlage.[8]

Bibliographie

  • Amt, Schelfstadt, 2006 — Amt für Bauen, Denkmalpflege und Naturschutz (Hg.): 300 Jahre Schelfstadt, 15 Jahre Stadterneuerung. Die historische Entwicklung des Stadtteils in der Landeshauptstadt Schwerin, Schwerin 2006
  • Gnekow, Besichtigungsprotokoll, 2006 — Gnekow, Bettina: Besichtigungsprotokoll vom 27.02.2006, in: Schwerin, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Fachbereich Archäologie und Denkmalpflege, Archiv: Schwerin 0768, Mappen-Nr. 02
  • Gnekow, Rathaus, 2007 — Gnekow, Bettina: Landeshauptstadt Schwerin, Schelfmarkt 2. Neustädtisches Rathaus, in: KulturERBE in Mecklenburg und Vorpommern, Band 2, Jahrgang 2006, Schwerin 2007, S. 162–163
  • Hunger, Lexikon, 1974 — Hunger, Herbert: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Hamburg 1974 (6. Auflage)
  • Rehberg-Credé, Schelfmarkt 2, 2003 — Rehberg-Credé, Christine: Schelfmarkt 2 – Das ehemalige Neustädtische Gerichtsgebäude und Rathaus (=Stadtgeschichts- und – Museumsverein Schwerin e.V. zum Tag des offenen Denkmals am 14.09.2003), in: Schwerin, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Fachbereich Archäologie und Denkmalpflege, Archiv: Schwerin 0768, Mappen-Nr. 02
  • Zander, Zielstellung, 1983 — Zander, Dieter: Denkmalpflegerische Zielstellung: Schwerin, Stadtbauamt, sogenanntes Neustädtisches Rathaus vom 17. Juni 1983, in: Schwerin, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Fachbereich Archäologie und Denkmalpflege, Archiv: Schwerin 0768, Mappen-Nr. 01
  • Zänger, Markt 2007 —Zänger, Horst: Der Bau am „großen Markt“, in: Schweriner Volkszeitung vom 7. August 2007.
  • online

Einzelnachweise

  1. Rehberg-Credé, Schelfmarkt 2, 2003.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 Gnekow, Rathaus, 2007, S. 162.
  3. https://de.wikipedia.org/w/index.php?=Neustädtisches_Rathaus_(Schwerin)&oldid=232636457[zuletzt eingesehen am 05.08.2024].
  4. Hunger, Lexikon, 1974, S. 320.
  5. Amt, Schelfstadt, 2006, S. 7.
  6. 6,0 6,1 Amt, Schelfstadt, 2006, S. 17.
  7. Zander, Zielstellung, 1983.
  8. Gnekow, Besichtigungsprotokoll, 2006.