Schloß Neuhaus, Residenzschloss Schloss Neuhaus

Laß, Heiko:Schloß Neuhaus, Residenzschloss Schloss Neuhaus, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/fb791321-cec3-4c7a-a7ea-9ce48b0af963

Inventarnummer: cbdd10197

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Im ehemaligen Residenzschloss der Fürstbischöfe von Paderborn hat sich Jagdmalerei von ca. 1600 von Augustin Jodefeld erhalten sowie allegorische Deckenmalerei von Johann Martin Pictorius aus dem Jahr 1720 und von Johann Georg Koppers von 1747/48.

Schloss Neuhaus

Kurzbeschreibung und Lage

Schloss Neuhaus war das Residenzschloss der Fürstbischöfe von Paderborn. Es liegt im Norden der ehemals kleinen Ortschaft, etwas über 4 Kilometer vom Bischofssitz Paderborn entfernt. Die nahezu regelmäßige Vierflügelanlage mit runden Ecktürmen wird von einem umlaufenden Wassergraben umgeben. Die Flügel sind zweigeschossig, die Ecktürme dreigeschossig. Die Satteldächer nehmen unregelmäßig angeordnete Zwerchhäuser auf.

Bau- und Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Schloss Neuhaus [1] geht auf eine Burg des Mittelalters zurück, die wohl 1257 von den Paderborner Bischöfen errichtet wurde. 1370 wurde die Residenz unter Heinrich von Spiegel von Paderborn in dieses Neue Haus verlegt. Dieses blieb Residenzschloss bis zum Ende des Fürstbistums 1802.

Schloss Neuhaus ist aus mehreren einzelnen so genannten Häusern entstanden, die im Laufe der Zeit zu einer Gesamtanlage zusammengefügt wurden. Ältestes Gebäude ist das Haus Spiegel von 1370 an der Westseite des Hofes. Auch die anderen Bauteile sind nach ihren Bauherrn benannt. Baumeister Jörg Unkair errichtete für Fürstbischof Erich von Braunschweig-Grubenhagen zwischen 1524 und 1526 das Haus Braunschweig an der Südseite. Es ist heute der Eingangsflügel. 1534-1536 ließ Hermann von Wied zwischen Haus Spiegel und Haus Braunschweig das Haus Köln errichten und verband die bis dahin frei stehenden Bauten zum Westflügel. Für Fürstbischof Rambert von Kerssenbrock entstand 1548-60 gegenüber von Haus Köln das Haus Kerssenbrock, das heute im Ostflügel aufgegangen ist. Erst 1585-91 wurde Schloss Neuhaus auf seine heutige Größe nach Norden hin verdoppelt und vereinheitlicht. Dazu ließ Fürstbischof Dietrich IV. von Fürstenberg nicht nur am neuen Nordflügel runde Ecktürme anbringen, sondern auch am Süd- und Eingangsflügel. Ferner erhielten die alten Häuser teilweise das gleiche Fassadendekorationssystem wie der Nordflügel sowie Zwerchhäuser.

Erst 1685 erfolgte eine Angleichung der Fassaden des Hauses Kerssenbrock an die des Hauses Fürstenberg. 1719 wurde der Wittelsbacher Clemens August von Bayern Fürstbischof von Münster und von Paderborn. Er ließ unter Leitung von Johann Conrad Schlaun um 1720 seine Gemächer im Ostflügel neu gestalten. 1723 konnte Clemens August auch Erzbischof und Kurfürst von Köln werden, 1724 Bischof von Hildesheim und 1728 Bischof von Osnabrück. Obwohl sein Hauptaugenmerk nun auf seine kurfürstliche Residenz in Bonn und deren Umfeld gerichtet war, nutze er Schloss Neuhaus weiterhin, vor allem als Ausgangspunkt für Jagden in der nahen Senne. Er ließ im Norden des Schlosses einen Garten anlegen und unter Leitung von Franz Christoph Nagel 1730 im Nordflügel eine Durchfahrt einbrechen, damit der Garten bequem erreicht werden konnte. Ferner wurden ein Marstall und eine Schlosswache erbaut. 1747/48 ließ Clemens August seine Gemächer aus dem Ostflügel in den Südflügel verlegen, wo sich bereits der Audienzsaal befand. Dazu wurde das Hauptgeschoss des Hauses Braunschweig durch Nagel tiefgreifend umgebaut, um die Räume für ein fürstliches Appartement westlich des Audienzsaales unterbringen zu können.

Im Siebenjährigen Krieg (1756-63) erlitt das Schloss schwere Schäden. Nach 1814 wurde das Schloss durch das preußische Militär genutzt und im Innern umgestaltet. Erst 1881-83 glich man die Firsthöhe vom Haus Spiegel denen der übrigen Flügel an, entfernte einige Zwerchhäuser und stattete verschiedene Innenräume neu aus. 1964 gelangte das Schloss an die Gemeinde Schloß Neuhaus, die das Gebäude sanieren ließ. In den 1970er Jahre wurden im Rahmen von Restaurierungen die Ausstattungen von 1881/82 beseitigt. Eine damals angestrebte Wiederherstellung des Zustandes unter Fürstbischof Clemens August konnte nicht erreicht werden, jedoch wurde 1977 der so genannte Spiegelsaal mit angrenzenden Räumen vollendet.

Auftraggeber

Der Wittelsbacher Clemens August war nicht nur ab 1723 Kurfürst von Köln, sondern ab 1719 bereits Fürstbischof von Paderborn und von Münster sowie ab 1724 von Hildesheim und ab 1728 von Osnabrück. Während er in seinen Schlössern Kurfürstentum Köln durchaus aufwendige Deckenmalerei beauftragte, war das in seinen westfälischen Bistümern anders. Daher stellt die Deckenmalerei in Schloss Neuhaus eine wichtige Ausnahme dar.

Architekten und Künstler

Johann Conrad Schlaun [2] war Militär in den Fürstbistümern Paderborn und Münster und wurde 1729 Landbauingenieur im Fürstbistum Münster. Neben staatlichen Bauaufgaben wie dem Jagdschloss Clemenswerth schuf er zahlreiche Adelsbauten in Paderborn und Münster, wie den Erbdrostenhof oder Haus Beck, aber auch Sakralbauten, wie das Benediktinerkloster in Bad Iburg. In Schloss Neuhaus wurde Schlaun ab 1726/27 durch Franz Christoph Nagel [3] abgelöst, unter dessen Leitung die Umbauten am Schloss für Fürstbischof Clemens August erfolgten. Er war Hof- und Landbaumeister in Paderborn.

Die älteste Wandmalerei im Schloss stammt von Augustin Jodefeld, [4] die dieser für Fürstbischof Dietrich IV. von Fürstenberg um 1600 schuf. Von ihm stammen weitere Malereien in Westfalen wie etwa in der Schlosskapelle von Schloss Schnellenberg, die 1598-1600 für Caspar von Fürstenberg entstand. Die frühen Malereien im Schloss, die für Fürstbischof Clemens August ausgeführt wurden, stammen von Johann Martin Pictorius. [5] Er hat in zahlreichen Schlossbauten und Gutshäusern in Westfalen Malereien geschaffen, so in Schloss Nordkirchen, Schloss Lembeck und Haus Rheder. Der Künstler der Deckenmalerei, die 1774/48 ausgeführt wurde, ist noch unbekannt. Eventuell handelte es sich um Johann Georg Koppers.

Beschreibung

Die zweigeschossige Vierflügelanlage [6] präsentiert sich heute mit symmetrisch angeordneten Zwerchhäusern. Trotz späterer Vereinheitlichung der Fassaden sind die verschiedenen Bauzeiten und ursprünglich eigenständigen Häuser teilweise noch zu erkennen. Am schlichtesten ist die Südseite gestaltet. Die Zwerchhäuser und ihre Giebel unterscheiden sich klar voneinander. Auch die in den Hofwinkeln stehenden Treppentürme habe eine unterschiedliche Erscheinung.

Im Inneren sind nur wenige Räume des 17. und 18. Jahrhunderts erhalten. Die Raumaufteilung wurde teilweise komplett verändert. Das trifft auch auf die historischen Raumausstattungen sowie die Decken- und Wandmalerei aus der Zeit von 1550 bis 1800 zu.

Im 17. Jahrhundert befanden sich im Hauptgeschoss des Nordflügels die Repräsentationsräume des Fürstbischofs mit einem zentralen Hauptsaal, Audienzsaal und anschließenden landesherrlichen Gemächern im Ostflügel. Die Erschließung erfolgte über das einzige geradläufige Treppenhaus in der Nordostecke des Hofes. Erhalten ist von diesen Räumen der hofseitige Korridor im Ostflügel. An der Südostecke lagen verschiedene Tafel- und Schenkenzimmer, die sich bis in den Südflügel hinzogen. Hier hat sich vor allem das Marschalltafelzimmer im Südostturm mit seiner Deckenmalerei erhalten. Der Westflügel nahm Gastgemächer auf und eine Kapelle mit Oratorium. Im Südflügel lag zentral über der Durchfahrt ein Audienzsaal. An diesen ließ sich Fürstbischof Clemens August 1747/48 sein neues Appartement einbauen. Man erreichte es über den Treppenturm in der Südwestecke des Hofes. Über ein Vestibül gelangte man in den zentralen Audienzsaal. Nach Osten schloss sich das ebenfalls im Rahmen dieser Maßnahme umgestaltete Speisezimmer an, auf dass das so genannte Porzellanschenkenzimmer folgte. Von diesem aus gelangte man in das Marschalltafelzimmer im Südostturm. Das fürstbischöfliche Appartement setzte sich jedoch nach Westen mit einem kleinen zweiten Audienzzimmer fort, auf das ein Paradeschlafzimmer folgte. An dieses schloss sich eine Garderobe im Südwestturm an – das so genannte Turmkabinett oder fürstliche Kabinett. Das Appartement hat sich nicht erhalten, jedoch lässt es sich anhand eines Inventars von 1763 recht gut rekonstruieren. [7] Lediglich die Deckenmalerei im Turmkabinett konnte wieder freigelegt und restauriert werden. Das gegenwärtige Speisezimmer ist eine weitgehende Rekonstruktion.

Forschungsstand zur Baugeschichte

Der Forschungsstand zu Schloss Neuhaus ist gut. Zur Baugeschichte liegen zahlreiche Veröffentlichungen vor. Die Decken- und Wandmalerei muss noch eingehender betrachtet werden. Künstler sind überwiegend unbekannt und eine Zuschreibung der Arbeiten erfolgt anhand der Zeitstellung. Auch die Ikonografie wurde bislang nicht abschließend bestimmt.

Das fürstliche Speisezimmer

 

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das fürstliche Speisezimmer [8] wurde mehrfach umgestaltet. Seine gegenwärtige Erscheinung geht auf eine weitgehende Rekonstruktion von 1976 zurück, die den Zustand von 1749 nachzubilden sucht. Bei den Restaurierungsarbeiten fand man Wandmalereien aus der Umbauzeit durch Dietrich IV. von Fürstenberg aus der Zeit um 1600. Diese wurden in das benachbarte Porzellanschenkenzimmer verbracht und werden heute dort präsentiert.

Die translozierten Jagdgemälde aus dem Speisezimmer

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Im Porzellan-Schenkenzimmer werden zwei Fragmente von Wandmalerei [9] aus der Zeit um 1600, die Jagdszenen zeigen, präsentiert. Der Maler war vermutlich Augustin Jodefeld, der zwischen 1596/97 und 1603 mit der Ausmalung der Residenz beauftragt war. Die erhaltenen Darstellungen sind in secco auf den Putz aufgetragen.

Beschreibung und Ikonographie

Es handelt sich um zwei Fragmente. Das größere der beiden an der Nordwand misst 3,75 auf 3,20 Meter und zeigt eine vielfigurige Jagdszene. Es nahm an seinem ursprünglichen Standort die Rückwand des Raumes ein. Das kleine Fragment an der Westwand misst 1,80 auf 1,75 Meter und stellt eine Hirschkuh in Überlebensgröße dar. Es befand sich an seinem ursprünglichen Standort an der Schmalwand und hatte vermutlich als Pendant einen Hirsch.

Vorlagen und Vergleiche

Die Jagdszene folgt einem Holzschnitt von Lucas Cranach von 1506.

Stellung der Malerei

Nördlich der Alpen haben sich wenige derart frühe profane wandfeste Malereien erhalten. Dass die Jagd gewählt wurde, kann nicht verwundern, war sie doch ein landesherrliches Vorrecht und die Fürstbischöfe reklamierten damit ein landesherrliches Regal für sich. Die Vorlage von Lucas Cranach d. Ä. war prominent. Sie war als Auftragsarbeit des sächsischen Kurfürsten entstanden, der das Amt des Reichsjägermeisters innehatte.

Der Korridor im Ostflügel

 

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der Korridor [10] im Ostflügel ist in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert erbaut worden. Die Gestaltung geht vermutlich auf die Umbaumaßnahmen unter Fürstbischof Franz Arnold von Wolff-Metternich um 1705 zurück.

Beschreibung

Der Korridor an der Hofseite des Ostflügels erschloss ehemals das landesherrliche Appartement, das an der Außenseite des Ostflügels gelegen war. Sechs Fenster wiesen auf den Hof hinaus. In den Laibungen wurden rechts, links und im Scheitel in Stuckfeldern Malereien eingefügt.

Die Malerei in den Fensterlaibungen

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Ölmalerei [11] ist vermutlich 1706 im Auftrag von Fürstbischof Franz Arnold von Wolff-Metternich entstanden. Der Maler dürfte Johann Martin Pictorius gewesen sein.

Beschreibung und Ikonographie

In den stuckierten Fensterlaibungen sind rechts, links und im Scheitel je ein ovales Gemälde zu sehen. Die Malereien erinnern formal an Embleme. Es gibt jedoch keine Texte. Es gibt einige alttestamentliche Szenen wie den Brudermord Kains an Abel, König David vor Saul oder Jona, wie der den Wal verlässt. Hinzu kommen Themen aus dem Umfeld der Jagd, eine Stadtansicht und weitere, nur schwer zu deutende Darstellungen.

Das Marschalltafelzimmer

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das Marschalltafelzimmer [12] im Südostturm ist zusammen mit dem Turm 1591 entstanden. Aus dieser Zeit haben sich geringe Reste von Wandmalerei erhalten. Das Zimmer gehörte zu jenen Räumen, die Clemens August zu Beginn seiner Herrschaft 1720 renovieren bzw. neu gestalten ließ.

Beschreibung

Das annähernd kreisrunde Zimmer hat einen Durchmesser von sieben Metern und eine Höhe von 4,50 Metern. Aus der Erbauungszeit hat sich ein Kamin mit Aktäonfries erhalten sowie in geringen Resten illusionistische Architekturmalerei, die ehemals die Wände gliederte. Man erkennt gemalte Pilaster und Beschlagwerk.

Die Deckengemälde im Marschalltafelzimmer

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Im Rahmen der Neuausstattung des Zimmers 1720 bekam das Marschalltafelzimmer eine neue Stuckdecke. In diese wurden zwei Gemälde [13] von Johann Martin Pictorius eingelassen. Der Entwurf für die Stuckdecke geht vermutlich auf Johann Conrad Schlaun zurück.

Beschreibung und Ikonographie

Die Decke ist durch einen Unterzug in zwei gleiche Bereiche unterteilt. Auf jeder Seite ist in die Stuckdecke ein kreisrundes Gemälde eingelassen. In den verbleibenden Zwickeln erblickt man stuckierte Putten, die die vier Elemente vorstellen. Die Putte mit dem flammenden Feuerbecken steht für das Feuer, jene mit einem Wasserkrug für das Wasser. Die Putte, die den Adler reitet, personifiziert die Luft, die Putte mit dem Früchtekorb die Erde.

Das linke Deckengemälde zeigt Allegorien auf Liebe (Caritas) und Treue (Fidelita), das rechte eine Allegorie des Reichtums (Richezza). Die Treue personifiziert eine weibliche Gestalt in weißem Gewand mit einem blauen Mantel mit Hermelinbesatz. Sie nähert sich der Liebe und umarmt sie. Ihre Attribute finden sich bei der Putte vor ihr: ein Hund und ein Schlüssel. Die blumenbekränzte Liebe neigt sich ihr entgegen. Der Pelikan - eines ihrer Attribute – ist links hinter ihr im Dunkel auszumachen. Der Reichtum mit Rosenkranz im Haar schüttet ein Füllhorn mit Münzen aus. Zu seinen Füßen tummeln sich vier Putten, von denen zwei einen mit Rosen gefüllten Korb emporhalten.

Gestalterische Mittel - Komposition und Ansichtigkeit

Die Gemälde sind im Gegensatz zu den Stuckfiguren in ihrer Ansichtigkeit auf den Eintretenden hin ausgerichtet.

Das Turmkabinett

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das Turmkabinett [14] im Südwestturm ist zusammen mit dem Turm 1591 entstanden. Aus dieser Zeit haben sich geringe Reste von Wandmalerei erhalten. Das Zimmer wurde im Rahmen der Verlegung des fürstbischöflichen Appartements an die Südwestecke des Schlosses 1747/48 neu ausgestattet. Der Fürstbischof nutzte es als Arbeits- und Ankleidezimmer. Auch dieser Raum wurde im 19. Jahrhundert umgestaltet und nach 1970 restauriert. Erst damals kam der Kamin in den Raum, der nicht zur ursprünglichen Ausstattung zählt.

Beschreibung

Das annähernd kreisrunde Zimmer hat einen Durchmesser von sieben Metern und ist 4,5 Meter hoch. An Fenstern und Eingangstür hat sich illusionistische Architekturmalerei aus der Erbauungszeit nach 1591 erhalten. 1763 waren die Wände mit rotem Damast bespannt. Die heutige Rekonstruktion verdeckt zahlreiche Wandmalereireste. Über dem ursprünglichen Kamin befand sich ein Porträt von Kurfürst Max Emanuel von Bayern, dem Vater des Bauherrn Clemens August.

Das Deckengemälde im Turmkabinett

 

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Das Gemälde [15] wurde im Zuge der Neuschaffung des landesherrlichen Appartements 1747/48 geschaffen. Als Künstler kommt eventuell Johann Georg Koppers in Frage. Der lange Zeit als Künstler vermutete Anton Joseph Stratmann wurde 1734 geboren und scheidet aufgrund seines damals noch sehr jungen Alters aus. Das erst 1976 wieder entdeckte Gemälde war teilweise zerstört. So wurde der untere Teil der Gruppe über dem Kamin und der Kopf der Geschichte (Historia) ergänzt bzw. frei rekonstruiert. [16]

Beschreibung und Ikonographie

Das Gemälde überspannt die gesamte Decke und läuft übergangslos in die Deckenkehle ein. Ein goldfarbener Fries trennt es von der Wandbespannung. Es stellt eine allegorische Huldigung an Fürstbischof Clemens August dar. Dieser ist zentral als Apoll mit seiner Lyra auf Wolken lagernd dargestellt. Betritt man den Raum, fällt der Blick jedoch zuerst auf eine Dreiergruppe über dem Kamin. Sie gehört zu einer Folge von Allegorien und Personifikationen, die umlaufend am unteren Rand des Gemäldes auf Wolken oder dem Boden lagern. Über dem Kamin sind es Flora und Zephyr sowie eine Gestalt mit Sonnenschirm. Der untere Teil der Gruppe war zerstört und ist rekonstruiert. Unter dieser Darstellung befand sich an der Wand über dem Kamin ein Gemälde des Vaters von Clemens August: Maximilian I. Emanuel von Bayern. Das mag die Darstellung eines Paares im Kabinett eines geistlichen Herrn erklären. Es geht um Frühling, Aufbruch und Fortpflanzung. Die Person mit Sonnenschirm ist rein dekorativ bzw. kompositorisch begründet – wie es auch sonst häufig bei den in Dreiergruppen angeordneten Personen eine Figur ohne Attribut gibt.

Weiter rechts befindet sich eine weitere Dreiergruppe, bestehend aus einem Mann, der in einen Spiegel schaut, einer Frau mit sich windender Schlange am rechten Unterarm sowie einer mit Lorbeer bekränzten weiteren Frau im Hintergrund. Es handelt sich um eine Allegorie der Klugheit (Prudentia), die entgegen der Tradition auf zwei Figuren aufgeteilt wurde. Die eine blickt in den Spiegel der Selbsterkenntnis, die andere hält die schützende Schlange. Die dritte Figur hat keine inhaltliche Bedeutung.

Rechts daneben lagert eine Gruppe aus zwei Frauen und einem Mann. Dieser ist mit Sense und Flügel als Zeit (Saturn) zu identifizieren. Die Sense der Zeit ist zerbrochen. Die Frau mit dem durchsichtigen Gewand und einem Licht in der Hand ist als Wahrheit (Veritas) zu deuten. Die Kombination von Zeit und Wahrheit ist in der Zeit gängig. In diesem Fall überdauert die Wahrheit die Zeit, was durch die zerbrochene Sense angezeigt wird. Die dritte Figur in dieser Gruppe ist wiederum ohne Attribut und inhaltliche Bedeutung.

Zuletzt erkannte man unten neben der Eingangstür einen Flussgott. Er gehört nicht der himmlischen Sphäre an, was das Schilf rund um seine Quelle zeigt. Vermutlich steht er für den Fluss Pader, der von Paderborn nach Schloß Neuhaus fließt, und damit für das Fürstbistum Paderborn.

Schaut man von der Gruppe mit Flora und Zephyr über dem Kamin nach links, erblickt man einen alten bärtigen Mann, der eine Waage nach links zu einer Gruppe von drei Frauen trägt. Vielleicht soll er die Beurteilungskraft darstellen. Die eine der Frauen schreibt in ein Buch und ist als Geschichte (Historia) zu deuten, die zweite hält ein kurzes Schwert in Händen und stützt sich auf einen Welt- oder Himmelsglobus. Es ist die Gerechtigkeit (Justitia), der die Waage gebracht wird. Die dritte im Bunde wendet dem Betrachter den Rücken zu und hat kein Attribut. Das Gesicht der Geschichte war zerstört und wurde frei rekonstruiert.

Direkt anschließend an den Globus und Justitia, erkennt man eine geharnischte Frau mit erhobenem Schildarm. Es handelt sich um die Kriegskunst (Bellona). Schräg vor ihr stehen zwei bärtige Männer, die einen Schild präsentieren. Auf diesem ist das verschlungene Monogramm von Clemens August „CA“ zu sehen. Sie gehören nicht mehr der himmlischen Sphäre an, sondern stehen auf einem Bodenstreifen. Sie verweisen einen gebeugten Mann, der ihnen gegenübersteht, auf die Initialen. Er hat einen freien Oberkörper und stützt sich auf Trophäen, die vor ihm aufgestapelt sind. Er ist offenbar im Begriff, sich Clemens August zu unterwerfen. Es ist möglich, dass hier auf den 1748 beendeten Österreichischen Erbfolgekrieg angespielt werden soll.

Ein wenig rechts der Deckenmitte lagert der lorbeerbekränzte Apoll auf Wollen. Er ist das formale und inhaltliche Zentrum des Deckengemäldes. Sein Kopf ist von einem Sonnennimbus hinterfangen. In seiner linken hält er die Leier, mit der ausgestreckten Rechten zeigt er auf die Allegorie der Großmut (Magnanimitas). Diese schaut sich nach ihm um, während ihr von zwei Löwen gezogener Wagen mit ihr davonfährt. Auch einer der beiden Löwen blickt zurück. Offenbar wird die Großmut von Apoll beauftragt. Sie trägt Zepter und Diadem und überrollt mit ihrem Wagen eine Gestalt, die schützend die Hände über ihren Kopf hält, wobei sie ein offenes Buch fallen lässt. Es handelt sich hier um eine böse und schädliche Macht, die überwunden wird.

Der Wagen ist mit der Wittelsbacher Raute geziert. Das legt die Vermutung nahe, dass sich diese zentrale Gruppe auf den Auftraggeber Clemens August beziehen soll. Tatsächlich ähneln die Züge Apolls jenen von Clemens August. Direkt unter Apoll befinden sich die beiden Männer, die auf das Schild mit dem Monogramm des Fürstbischofs verweisen. Die Gleichsetzung des Apoll mit Clemens August scheint gerechtfertigt zu sein. Die Großmut ist auf die Dynastie der Wittelsbacher zu beziehen. Nicht nur ist ihr Wappen am Wagen angebracht, die Zugtiere sind das Wappentier der Wittelsbacher. In diesem Fall ist der Löwe also nicht nur das Attribut der Großmut, sondern zugleich ein Verweis auf das Haus Wittelsbach. Ein Löwenwagen als Huldigung an die Wittelsbacher war damals durchaus gebräuchlich und dürfte von Besuchern erkannt worden sein. Die häufig verwendete Devise des Clemens August war „Pietate et Magnanimitate“ (Mit Frömmigkeit und Großmut) und stellt einen weiteren Bezug zur Magnanimitas her. So wird Clemens August mit der Magnanimitas verbunden. Sie ist sozusagen sein Attribut.

Dem Wagen voraus eilt die Allegorie des Ruhms (Fama), die den Ruhm des Clemens August aller Welt verkündet.

Gestalterische Mittel - Komposition und Ansichtigkeit

Die Ansichtigkeit des Deckengemäldes ist auf den Benutzer des Kabinetts ausgerichtet. Beim Eintritt erblickt man Flora und Zephyr über dem Kamin. Die Hauptgruppe steht auf dem Kopf. Es gibt keinen eindeutigen Betrachterstandunkt, vielmehr muss das Gemälde abgeschritten werden.

Programm

Fürstbischof Clemens August wird als Sol-Apoll dargestellt, der als Sonnengott und Gott der Künste den Tagesablauf und das Leben seiner Untertanen positiv durch seine Großmut bestimmt. Die Taten seiner gerechten Herrschaften werden von der Geschichte aufgezeichnet. Seine Kriegskunst garantiert den Frieden im Fürstbistum. Seine Klugheit und Wahrheit überdauern die Zeit, sein Ruhm währt ewig.

Eine derartige allegorische Darstellung eines Landesherrn ist Mitte des 18. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich, in Westfalen jedoch einzigartig. Es handelt sich ferner um eines der seltenen Beispiele der Region aus der Zeit nach 1720, bei denen der Betrachter in profanem Kontext in den Himmel und damit in eine andere Sphäre blickt.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Becker, Neuhaus, 1970. – Becker, Walter: Schloss Neuhaus. Das ehemalige Wohngebäude der Paderborner Bischöfe. Paderborn 1970.
  • Börste, Neuhaus, 2004. – Börste, Norbert: Das Schloß in Neuhaus zur Zeit Ferdinands von Fürstenberg. In: Börste, Norbert/Ernesti, Jörg (Hrsg.): Friedensfürst und guter Hirte. Ferdinand von Fürstenberg. Fürstbischof von Paderborn und Münster (Paderborner theologische Studien, 42). Paderborn u.a. 2004, S. 437-464.
  • Börste/Santel, Neuhaus, 2015. – Börste, Norbert/Santel, Gregor G. (Hrsg.): Schloss Neuhaus bei Paderborn. München/Berlin 2015.
  • Dehio, Westfalen, 2011. – Dehio, Georg: Nordrhein-Westfalen II. Westfalen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). München/Berlin 2011.
  • Graan, Neuhaus, 1992. – Graan, Monika: Residenz Schloss Neuhaus (Kleine Kunstführer des Weserrenaissance-Museums Schloß Brake, 7 / Schnell, Kunstführer Nr. 1996). München/Zürich 1992.
  • Hansmann, Neugestaltung, 2008. – Hansmann, Wolfgang: Die Neugestaltung der Fürstenzimmer im Neuhäuser Schloß um 1747/48. In: Die Residenz – Nachrichten aus Schloß Neuhaus. Sprachrohr des Heimatvereins. 118 (2008), S. 3-42.
  • Hansmann/Butt, Deckengemälde, 1978. – Hansmann, Wilfried/Butt, Peter: Ein neugefundenes Deckengemälde im Schloß zu Schloß Neuhaus. In: Aus der praktischen Denkmalpflege 1 (1978), S. 4-17.
  • Konservieren, 1975. – Korzus, Bernard (Red.): Konservieren, Restaurieren. Ausst.-Kat. Münster 1975. Westfalen. 20. Sonderheft.
  • Korn, Nagel, 1973. – Korn, Ulf-Dietrich: Der Paderborner Hofbaumeister Franz Christoph Nagel, ein Zeitgenosse Johann Conrad Schlauns. In: Bußmann, Klaus (Hrsg.): Johann Conrad Schlaun 1695 - 1773. Ausstellung zu seinem 200. Todestag. Münster 1973, S. 214-277.
  • Matzner/Schulze, Schlaun, 1995. – Matzner, Florian/Schulze, Ulrich: Johann Conrad Schlaun. 1695–1773. Das Gesamtwerk. Stuttgart 1995.
  • Otten, Paderborn, 2018. – Otten, Heinrich (Bearb.): Stadt Paderborn (Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland. Denkmäler in Westfalen, Kreis Paderborn, Band 2.1). Petersberg 2018.
  • Pöppel, Jodefeld, 1959. – Pöppel, Karl Ignaz: Meister Augustinus Jodefeld, ein bisher unbekannter Paderborner Maler um die Wende des 16. Jahrhunderts. In: Westfälische Zeitschrift 109 (1959), S. 357-358.
  • Rave, Pictorius, 1935. – Rave, Wilhelm: Johann Martin Pictorius. In: Westfalen 20 (1935), S. 344–348.

Einzelnachweise

  1. Otten, Paderborn, 2018, S. 586-594; Börste/Santel, Neuhaus, 2015; Dehio, Westfalen, 2011, S. 869-87; Hansmann, Neugestaltung, 2008; Graan, Neuhaus, 1996; Korn, Nagel, 1973, S. 221-228, 257-259; Becker, Neuhaus, 1970.
  2. Matzner/Schulze, Schlaun, 1995.
  3. Korn, Nagel, 1973.
  4. Pöppel, Jodefeld, 1959.
  5. Rave, Pictorius, 1935.
  6. Otten, Paderborn, 2018, S. 588; Börste/Santel, Neuhaus, 2015; Dehio, Westfalen, 2011, S. 869-870; Hansmann, Neugestaltung, 2008; Börste, Neuhaus, 2004; Graan, Neuhaus, 1992, S. 21; Becker, Neuhaus, 1970.
  7. Hansmann, Neugestaltung, 2008.
  8. Otten, Paderborn, 2018, S. 590; Graan, Neuhaus, 1992, S. 23-24; Konservieren, 1975, S. 86-87.
  9. Graan, Neuhaus, 1992, S. 5; Konservieren, 1975, S. 86-87.
  10. Otten, Paderborn, 2018, S. 590; Börste/Santel, Neuhaus, 2015, S. 40; Hansmann, Neugestaltung, 2008, S. 4.
  11. Otten, Paderborn, 2018, S. 590; Gran, Neuhaus, S. 22.
  12. Börste/Santel, Neuhaus, 2015, S. 40-41; Hansmann, Neugestaltung, 2008, S. 4; Graan, Neuhaus, 1992, S. 23-25.
  13. Otten, Paderborn, 2018, S. 590; Börste/Santel, Neuhaus, 2015, S. 41-42; Hansmann, Neugestaltung, 2008, S. 4-6; Graan, Neuhaus, 1992, S. 25.
  14. Otten, Paderborn, 2018, S. 590; Börste/Santel, Neuhaus, 2015, S. 52-55; Hansmann, Neugestaltung, 2008, S. 33-38; Graan, Neuhaus, 1992, S. 26; Hansmann/Butt, Deckengemälde, 1978, S. 15.
  15. Otten, Paderborn, 2018, S. 590; Hansmann, Neugestaltung, 2008, S. 35-37; Graan, Neuhaus, 1996, S. 26; Hansmann/Butt, Deckengemälde, 1978, S. 5-7.
  16. Hansmann/Butt, Deckengemälde, 1978, S. 5.