Sachsenkam, Pfarrkirche St. Andreas


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 229–233, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Verwaltungsgemeinschaft Reichersbeuern-Greiling-Sachsenkam, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Hartpenning, auf die Kloster Tegernsee das Präsentationsrecht hatte, seit 1547 Benefizium, Hofmarksherrschaft Sachsenkam (Inhaber Grafen Preysing)

Patrozinium: St. Andreas

Chorbogen mit Chronogramm und Wappen

Zum Bauwerk: Die spätgotische Kirche wurde 1787 barokkisiert; Chronogramm am Chorbogen EX / De Voto STVMBAC / AEC GLORIA SVRREXIT (= 1787). Der gotische Innenraum ist dabei in seiner Bausubstanz nur geringfügig verändert worden: Vor die flachen Wandpfeiler sind Halbsäulen gelegt, das Gewölbe ist unvollkommen verschliffen. Vierjochiger Gemeinderaum, im W Empore, eingezogener zweijochiger AR, dreiseitig geschlossen, an der S-Seite des AR über der Sakristei Oratorium. Fenster an der S-Seite, im AR auch an der O-Seite.

Auftraggeber: Am Chorbogen weisen Chronogramm (s. oben) und Wappen auf einen privaten Stifter der Barockausstattung hin. Das Wappen – in der Mitte eine doppelschwänzige Nixe auf blauem Grund, seitlich zwei springende Rehe (?) auf gelbem Grund – konnte nicht identifiziert werden (Preysingisch ist es nicht). Auch aus dem Chronogramm ist nicht ersichtlich, welche Bedeutung dem Namen Stumbac (= Stumbeck, oder Stumbach, eine benachbarte Ortschaft?) zukommt. Lokalhistorische Nachforschungen haben erbracht, dass eine Witwe Stubenbeck aus Sachsenkam in den Jahren 1769/71 größere Stiftungen an die Kirche machte (frdl. Mitt. Pfarrer Georg Raig † Sachsenkam)

Autor und Entstehungszeit: Signatur am O-Rand von B CaSp. Weidinger pinxit / 1787. Von Caspar Weidinger, dessen Lebensdaten nicht bekannt sind, stammen auch die Wandfresken (W1-12). Von Weidinger ist noch ein Emporenfresko in Kleinhöhenrain (OB, LKr. Rosenheim) bekannt. In Berbling signierte er 1786 ein Altarbild als »Maler in Fagn« (= Vagen, Thieme-Becker, Bd 35 [1942], S. 266 f.). Demnach war Weidinger vermutlich im Miesbacher Raum ansässig. Stilistisch zeigt er sich stark von Sebastian Troger (Figurentypus, Architekturen, Gewölbedekoration) und Johann Georg Gaill beeinflusst.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A, B) und AR (C) verschliffenes Kreuzgratgewölbe

Rahmen: A, B, C gemalte vergoldete Stuckprofilrahmung Technik: Fresko: polychrom

Maße: A Höhe 7,30 m; 4,00 × 3,20 B Höhe 7,30 m; 5,10 × 3,20 C Höhe 6,70 m; 4,60 × 2,70

 
W2 Die klugen und die törichten Jungfrauen
 

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei der letzten Restaurierung 1975 durch Firma Stachel, München, sind das ursprüngliche Chronogramm unter einer Inschrift von 1929 ECCE / TABERNA ST. . . . DEI / CVM HORIABVS APOC XXI,3 / REN. A. D. MCMXXIX und Teile der Dekorationsmalerei freigelegt worden: die Schriftreste wurden von Pfarrer Raig entschlüsselt und das Chronogramm wieder hergestellt. Die teilweise sehr verschmutzten Deckenbilder sind gereinigt worden. Bis auf einige entstellende Übermalungen (Fresko C, Engel in Rückenansicht) ist der Zustand der Bilder gut.

Beschreibung und Ikonographie

Das gesamte Gewölbe ist in frühklassizistischer Dekoration in den Grundfarben Hellgrün, Sandsteinrot und Steingrau ausgemalt. Auf die kaschierten gotischen Gewölbeansätze sind als Verbindungsstücke zwischen Wandpfeiler und Gewölbe konische sandsteinrote Steinsockel gemalt, auf denen Blumenvasen stehen. Die Dekoration in den Stichkappen und in den Zwickeln folgt den vorgegebenen architektonischen Formen: schlichte Felderteilung, teils gemustert, teils mit Blumen und Blätterfestons dekoriert. An den Chorbogen ist ein roter Stoffbaldachin gemalt. Zwei Putti (Scheinstuck) halten die Inschriftkartusche. Die Dekorationsmalerei ist in Gliederung, Farben und Details der 1784 durch Sebastian Troger entstandenen in der benachbarten Filialkirche Piesenkam (S. 546-48) eng verwandt.

Der mit imitierten Blattgirlanden und Bändern besetzte Rahmen von C ist von einem Muschelornament umgeben, das sich am Rand wellig kräuselt. Eine imitierte Blattgirlande ist durch goldfarbene Ringe am Rahmen geschlungen. Zwischen A und B ein imitierter Gurtbogen, darüber ist ein von Puttoköpfchen gesäumter Wolkenzug gemalt.

Dieser mündet, die Rahmung überspielend, in origineller Weise in die Himmelsdarstellung sowohl von Fresko A als auch von B und umfaßt das Hl.-Geist-Loch zwischen beiden Fresken.

A BERUFUNG DES ANDREAS (Mt 4, 18 u. Par.) Bildform eine Art gelangter Vierpaß. Schwache Untersicht; gemeinsamer Betrachterstandpunkt mit wechselnder Blickrichtung für A und B unter dem W-Teil von B. Der Schauplatz ist eine Seelandschaft. Im Vordergrund ist das Ufer mit grasbewachsenen Landzungen knapp angedeutet, rechts erheben sich von Bäumen überwucherte Ruinen. Der See erstreckt sich weit in die Tiefe, im Hintergrund von Bergen und Ortschaften gesäumt. Darüber nimmt der weite Landschaftshimmel, von fedrigen Wolken überzogen, zwei Drittel des Bildfeldes ein.

Am Ufer steht Jesus und winkt den Brüdern Simon-Petrus und Andreas zu, die mit ihrem Fischerboot bei einem Steg anlegen. Andreas ist im Begriff auszusteigen, Simon-Petrus antwortet Jesus und hält dabei das Ruder.

Wie die Bildanlage so erzielt auch die Farbigkeit des

 
C Glorie des hl. Andreas
 
A Berufung des Andreas
 
 
 
 

Freskos keine Höhenillusion. Von den kräftigeren, insgesamt zurückhaltenden Werten des Vordergrundes – Ocker Braun, Oliv für Ufer, Steg und Boot – und den ikonographisch vorgegebenen Gewandfarben Blau-Violett (Jesus), Blau-Gelb (Petrus), Rot-Grün (Andreas) – ist das Bild zum Tiefenhorizont hin aufgelichtet. Blau, meist in hellen Brechungen, ist die dominierende Farbe des Bildes.

    • B MARTYRIUM DES ANDREAS** Annähernd hochovales Bildfeld, das genau auf der Querachse in himmlische und irdische Zone halbiert ist. Geringe Höhenillusion, desto stärkere Tiefenperspektive. Die terrestrische Zone ist zur Tiefe hin mehrfach gestaffelt; die vorderste Rampe zieht sich halbkreisförmig um das östliche Bildfeld und schließt seitlich mit Bäumen ab, im Vordergrund ein Bächlein, auf der S-Seite bruchstückhaftes Mauerwerk.

Im Mittelgrund kniet Andreas lobpreisend vor dem X-förmigen Marterkreuz, das, überdimensional proportioniert in die Bildmitte gesetzt, die Komposition beherrscht. Andreas ist in einem weiten Halbkreis umringt von Soldaten. Zu seiner Rechten hält ihm ein Priester eine Diana-Statuette über einem Opferfeuer entgegen. An der Spitze des Soldatenzugs Aegeas zu Pferde, den Kommandostab gebietend ausgestreckt. Hinter dem Apostel Schergen und Zuschauer. Im Hintergrund hügeliges Gelände mit der Stadtsilhouette von Patras und einer angrenzenden Baumreihe am Horizont.

Im westlichen Bildteil ein Landschaftshimmel, von fasrigen Wolken überzogen, in der den Rahmen überspielenden Wolkenmulde ein Putto, der dem Heiligen den Marterpalmzweig entgegenträgt.

Dargestellt ist der Augenblick, in dem Andreas mit den Worten »O bona Crux, diu desiderata, sollicite amata« vor dem Kreuz niedersinkt und den sog. Kreuzeshymnus betet (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 30. 11., S. 897 f.).

    • C GLORIE DES HL. ANDREAS** (Betrachterstandpunkt unter der Figur Gottvaters in der westlichen Bildhälfte.) Ein schmaler terrestrischer Streifen am O-Rand des Bildes gibt – annähernd in Vogelperspektive – die lokale Umgebung topographisch genau wieder: das Dorf Sachsenkam mit der Kirche und das im Pfarrsprengel Sachsenkam liegende Kloster Reutberg auf einer Anhöhe vor einer Waldsilhouette. Beim lichten Tiefenhorizont wechselt der Schauplatz unvermittelt von der topographischen Landschaft zu einem Glorienhimmel über, der mit einem Wolkenpolster ganz im Vordergrund einsetzt. Die Gloriendarstellung hat eine eigene, leicht untersichtige Bildanlage.

Christus-Salvator mit Kreuz und Wundmalen, Gottvater mit Weltkugel und Zepter und die Geisttaube sind von hellen, von Engeln besetzten Wolkenringen dargestellt, im Zentrum ein lichtweißes Dreieck, Symbol der Dreifaltigkeit. Zu ihren Füßen der Apostel auf einer Wolke, vor Engeln getragen. Christus hält einen Lorbeerkranz zu seinen Häupten, ein Engel trägt den Martyrer-Palmzweig. Die Farbigkeit des Bildes entspricht den beiden anderen Fresken. Die Glorie ist zwar in hellen Werten gegeben, doch nicht als ausstrahlendes Lichtzentrum, sondern flächig begrenzt und folienhaft. Farbgestaltung und Bildanlage – mit dem Gegensatz von tiefenräumlicher Vedute und topographisch indifferenter Himmelsszenerie – kündigen das Ende der barocken Deckenbildtradition an.

W1-12 APOSTEL An den Wänden von LHs und AR sind über die Apostelleuchter Brustbilder der Apostel auf Wolken gemalt. Bei jedem Apostel ein Inschriftband mit einem Vers aus dem apostolischen Glaubensbekenntnis. Die Folge beginnt im AR an der N-Seite (W1-2), setzt sich fort auf der S-Seite (W3-8) und endet im LHs auf der N-Seite (W9-12).

 
 
Iudas Thaddäus
 
 
 
V6 Philippus
 
W11 Matthäus
 
 

W1 Andreas – Ich glaube an Gott, den Vater allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde W2 Paulus – nud (!) an Jesum Christum Seinen eingeborenen Sohn unseren Herrn W3 Johannes Ev – der empfangen ist von dem H. Geist gebohren aus Maria der Jungfrau W4 Jakobus Major – gelitten unter Pontius Pilatus gekreuzigt, gestorben und begraben W5 Jakobus Minor – abgefahren zur Hölle am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten W6 Philippus – aufgefahren zum Himmel sitzet zur Rechten Gottes des Allmächtigen Vaters W7 Simon – von danen Er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten W8 Judas Thaddäus – Ich glaube an den Heiligen Geist W9 Bartholomäus – Eine allgemeine Christliche Kirchen Gemeinschaft der Heiligen W10 Thomas – Ablaß der Sünde V11 Matthäus – Auferstehung des Fleisches W12 Matthias – Und ein ewiges Leben. Amen

Quellen und Literatur

Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 322 f. KDB I OB (1), S. 672. Seidl, Oskar, Die Kirchen und Kapellen des Dekanates Tegernsee, Dießen 1913, S. 88–90. Ein dreihundertjähriges Jubiläum Sachsenkams (o. V.), in: Altheimatland 1926, Nr. 8, S. 30 f. Dehio-Gall OB, S. 244.