Rosenheim, Loretokapelle
Loretokapelle
Ebersberger Straße 1, Pfarrei St. Nikolaus. An der Kapelle bestand ein Benefizium, von Georg Schaur (s. u.) gestiftet, auf das die Corpus-Christi-Bruderschaft, der die Kapelle inkorporiert war, das Präsentationsrecht hatte. Nach Schmidt war in der Kapelle ein Mariengnadenbild, »statua Bmae Virginis beneficiis clara«.
Patrozinium: B. M. V
Zum Bauwerk: Die Kapelle wurde 1635 erbaut aufgrund eines Gelübdes von Georg Schaur, Bürgermeister und Gastwirt in Rosenheim († 14.8.1652). Grundsteinlegung im Mai 1635 durch Martin Quirin, Pfarrer von Rosenheim (1630-45); Weihe am 22.6.1636 durch Veit Adam von Gepeck, Fürstbischof von Freising. In der Kapellenachse lag hinter dem Altar angebaut eine kleine, zweigeschossige Sakristei. 1722 Bau einer Benefiziatenwohnung anschließend an die Sakristei. 1726 ließ die Malerswitwe Anna Maria Sulzbeck das Gewölbe blau mit goldenen Sternen bemalen. 1755/58 Innendekoration und Errichtung eines kleinen Anbaus mit Vorhalle und darüberliegenden Musikempore »hinterhalb der Kürchen« (= an der Eingangsseite) durch den Rosenheimer Marktmaurermeister Stephan Stöttner. 1806 wurden der Kapelle zwei Fenster ausgebrochen, um ihr gemäß aufklärerischer Auffassung das »abergläubische« Aussehen eines »Heiligen Hauses« zu nehmen. 1833 Ersetzung des ursprünglichen Loretoaltars durch einen ehemaligen Seitenaltar der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus.
Nachbildung des Heiligen Hauses von Loreto: längsrechteckiger geosteter Raum (10,40×3,25) mit durchlaufendem Gesims und darüber ansetzendem Tonnengewölbe, durch zwei (spätere) große Rechteckfenster von N und S belichtet. Im W eingezogener quadratischer Vorbau (3,30 × 2,90) mit Empore.
Auftraggeber: Die Ausmalung wurde aus dem Kirchenvermögen bezahlt, das von der Corpus-Christi-Bruderschaft verwaltet wurde. Verwalter und Rechnungsführer z.Z. der Ausmalung war Johann Georg Höss, Mitglied des Äußeren Rats und Weingastwirt. Seit seiner Ernennung zum Verwalter 1752 wurde für die Ausstattung der Bruderschaft und die Erneuerung der Kapelle viel getan. Gleichzeitig mit Höss kam auch ein neuer Inhaber des >Lauretanischen Benefiziums<: Lorenz Kunz (1752-66), der sich ebenfalls für die verschiedenen Verbesserungen engagierte.
Autor und Entstehungszeit: Joseph Anton Höttinger (* um 1722 Schwaz in Tirol † 1798 Rosenheim); Fresko A 1755, Fresko B 1758
Eintrag in der Kirchenrechnung 1755: »Joseph Antoni Höttinger Maller hat 15 Schuech lang in fresco, die Himelfahrt Maria gemahlen (= Fresko A), mit Ducatengold das neue Gätter vergolt, und all ybriges in der Capellen silberfärbig angestrichen auch aussenher 2 Sonnen Uhrn gemahlen, wegen welcher Verrichtungen ihmo entricht werden miessen sof.«
Eintrag in der Kirchenrechnung 1758: »Umb daß Joseph Antoni Höttinger Maller in dem lobwürdt: Sct: Maria Loretho Gottshaus ybersich das Gewölb in fresco mit grossen Engeln nebst den blauen Firmament gemahlen (= Fresko B), ainige Tafel neu renoviert, in der Sakristey alles angestrichen, der heyl: Creuz Particul, und Kölch Kasten mit vergolten Lauberr gemacht auch andre Thürn angestrichen wird demselben .. bezalt 85 f.« (Stadtarchiv Rosenheim).
Der kleine Vorbau in dem sich Fresko A befindet, war außen durch ein Chronogramm bei der Sonnenuhr (nicht mehr vollständig lesbar) datiert ELeCta Vt soL beat...oraeM spLenDore (= 1755). Das Fresko ist 1755 abgerechnet, der Vorbau aber erst 1758 - vermutlich nach der endgültigen Fertigstellung auch der Einrichtung. Das Fresko im Hauptraum (B) ist in der Kirchenrechnung 1758 abgerechnet und vermutlich auch erst 1758 entstanden.
Joseph Anton Höttinger, geboren 1722 in Schwaz als Sohn des Bürgers und Malers Johann Georg Höttinger, erwarb 1747 die Weissische Malergerechtigkeit in Rosenheim, heiratete Elisabeth Josepha Wolf und wurde als Bürger aufgenommen. 1772-98 gehörte er dem Äußeren Rat an. Ab 1753 sind verschiedene Vergolder- und Faßmalerarbeiten für die Loretokapelle in der Rechnungen verzeichnet. Höttinger starb am 28.9.1798 in Rosenheim im Alter von 76 Jahren.
Höttinger ist noch ein ausgesprochener Rokokomaler, hat helle und freundliche Farben und beherrscht das Repertoire der Deckenmalerei mit ihren illusionistischen Effekten, die auf dieser Stufe zwar noch gekonnt, aber letztlich nicht mehr von Bedeutung sind. Seine Figuren sind flott gemalt, ohne je besondere Qualitäten zu besitzen. Man hat Schwierigkeiten seinen Malstil zu charakterisieren, weil er nicht charakteristisch ist. Am überzeugendsten ist er in kleinen Formaten - etwa in den Antependien von Lauterbach, die ausgesprochen hübsch sind. In der Deckenmalerei überflügelt er zwar gleichzeitige Deckenmaler wie Joseph und Franz Xaver Tiefenbrunner und ist auch Balthasar Furtner überlegen, erreicht aber nicht den unmittelbaren Reiz der Fresken des Aiblinger Malers Johann Georg Gaill, der ihm in der Qualität gleichzusetzen ist
Befund
Träger der Deckenmalerei: Vorhalle, Obergeschoß (A) Spiegelgewölbe, im W von Schildwand angeschnitten; Kapellenraum (B) Tonne
Rahmen: A ohne Rahmung, nur von den Seitenwänden begrenzt; B setzt über dem Wandgesims an und nimmt die ganze Tonnenfläche ein
Technik: Fresko; polychrom
Maße: A Höhe (vom Boden der Empore) 2,70; 3,30 × 2,90 B Höhe 6,30; figürliche O-Partie 3,45 × 3,25
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die vielbesuchte Kirche verschmutzte durch den Ruß der Beleuchtung vor allem im 18. und 19. Jh. stark. Die Deckenbilder wurden bei den >Restaurierungen< immer wieder, zuletzt 1936, übermalt und zwar mit Ölfarben, da auf der fettigen Rußschicht andere Farben nicht hafteten. Vor der letzten Restaurierung befanden sich die Bilder in sehr schlechtem Zustand. A konnte man fast als Ruine bezeichnen, das Bild zeigte zum Teil starke Risse
Verkittungen, Abblätterungen und mechanische Beschädigungen besonders am Westrand. Es war stark verschmutzt. B hatte nicht so große Schäden - hauptsächlich einen starken Scheitelriß - war aber durch die Übermalungen stark verändert, brauntonig und als Arbeit Höttingers nicht mehr erkennbar. Bei der gründlichen Restaurierung und Sanierung 1986 durch die Fa. Gebrüder Lauber aus Bad Endorf wurden die Ölfarbenschichten abgenommen und die Rußschichten mit Alkohol entfernt. Die Decke über dem Musikchor, wo sich der Verputz von den Rohrmatten der Holzlattendecke gelöst hatte, wurde saniert und die Malschicht gefestigt. Im Bereich der Fensteröffnung zum Kirchenschiff konnte eine noch gut erhaltene Fortsetzung des Deckenbildes mit einem Marienmonogramm und Engeln freigelegt werden. In Fresko B war beim Altareinbau 1833 im Bereich der Altarrückwand bis ca 1,00 m in den Bildbereich hinein überputzt und übermalt worden. Bei der Abnahme dieser Schichten kamen fünf originale Engelsköpfe zum Vorschein. Diese letzte Restaurierung kann man als Rettung der Ausmalung bezeichnen, die jetzt in einem akzeptablen Zustand ist.
Beschreibung und Ikonographie
Der tonnengewölbte Raum der ›Casa Santa‹ wird von einem Fresko überspannt, das ohne eigene Rahmung über dem Stuckgesims ansetzt. Der größte Teil (etwa zwei Drittel) des Deckenfeldes wird dabei von gemalten Wolkenstreifen eingenommen, im Ostteil über dem Altar befindet sich Fresko B, eine einansichtige Himmelsszenerie (3,45 × 3,25), in die die geschnitzten Putten des Altarauszuges optisch hineinspielen. Über der Orgelempore im Westen ist eine zweite figürliche Szene in Wolken dargestellt (A).
A KRÖNUNG MARIENS UND ENGELSKONZERT Das Deckenbild ist wegen des geringen Abstands zum Boden der Empore (2,70 m) nicht in einem Photo zu erfassen. Ansicht nach W.- Im Zentrum ist auf einem schräg verlaufenden Wolkenzug die Krönung Mariens durch Christus dargestellt. Maria schwebt nach oben, von Engeln getragen, ihr Haupt ist von einem Sternenkranz umgeben, ein Engel hält die Lilie als Symbol ihrer Reinheit. Christus, am Haupt den Drei-Strahlen-Nimbus, an den Füßen Wundmale, fliegt ihr entgegen und hält in der ausgestreckten Rechten die Krone über das Haupt seiner Mutter. Mit seiner Linken ergreift er ihre Hand. Die lebhaft bewegte Wolkenbildung wird in ihrer Wirkung noch durch die reich gebauschten Gewänder, die auch - vor der ockerfarbenen und grauen Wolken - den farbigen Eindruck des Bildes bestimmen: Der Mantel Mariens hat ein klares und kräftiges Blau, die Mantel Christi ein gedämpftes Rot, das auch im Gewand eines Engels auftritt.
Unter der Marienkrönung, an der Westseite des Bildes, ist ein Engelskonzert dargestellt: Es besteht links (Südseite) aus Bläsern und einem Trommler, die Mitte wird von Streichern eingenommen, rechts (Nordseite) sind Sänger und ein orgelspielender Engel zu sehen. Vor der letzten Restaurierung war auf Notenblättern der Engel zu lesen da capo und veni cor (onabe ris).
B LAURETANISCHE SYMBOLE Bildschauplatz ist eine reine Himmels- und Wolkenlandschaft, die mit dichten Wolken über dem Hochaltar ansetzt. Hier erscheint in einer Strahlenglorie die Taube des Heiligen Geistes. Darüber, wo die Wolken in blauen Himmel übergehen, der mit kleinen plastischen vergoldeten Sternchen besetzt ist, schweben drei große Engel. An den Längsseiten der Tonne sind jeweils vier große Engelsgestalten dargestellt, begleitet von Putten und Puttenköpfchen. Die Engel tragen Mariensymbole, die wie die Inschriften Anrufungen aus den verschiedenen Formen der Lauretanischen Litanei sind (zu den Lauretanischen Litaneien s. S. 205 ff.).
An der Nordseite beginnend sieht man zunächst einen Engel, der in der Linken ein kleines Holzkreuz sowie Rosen hält. Um das Kreuz schlingt sich ein Spruchband mit der Inschrift Di Trösterin der Betrübten (Consolatrix Afflictorum). Hier symbolisiert das Kreuz das Leid, die Rosen den Trost. Außerdem sind die Rosen Anspielung auf die Anrufung Rosa mystica. Nach rechts folgt ein Engel und ein Putto, die heute ohne Attribut sind, ursprünglich aber sicher eines bei sich hatten. Der dritte Engel auf dieser Seite trägt ein goldenes Deckelgefäß (Vas honorabile); vor ihm am Bildrand sieht man einen Putto mit einer Lilie (Lilium inter spinas). Der letzte Engel an dieser Seite, in der Nordostecke des Freskos, hält die strahlende Sonnenscheibe empor (Electa ut sol).
Auf der gegenüberliegenden Seite, beginnend über dem Hochaltar, sieht man zunächst einen Engel mit Monstranz (Vas spi… rituale) dargestellt, neben ihm folgend einen Engel mit einem grünen Zweig (Virga Iesse). Von den beiden folgenden Engeln hält der erste eine Fahne mit der Inschrift Du helfferin / Der Christen (Auxilium Christianorum). Darüber schwebt ein Engel mit der Mondsichel (Pulchra ut luna), und der letzte auf dieser Seite hält eine goldene Dose, um die ein Spruchband mit den Worten Du Heil der Kranken (Salus infirmorum) gewunden ist.
Drei Engel schweben frei im Himmel. Der mittlere, direkt über der Glorie mit der Geisttaube, hält Krone und Zepter der
Himmelskönigin (Regina omnium Sanctorum) und erinnert damit auch an die sieben weiteren Ehrentitel Mariens als Königin (s. S. 372-74). Ein Engel an der rechten Bildseite hält die Mondsichel (Pulchra ut luna), während der Engel ihm gegenüber ohne Attribut ist, wobei anzunehmen ist, daß er ursprünglich eines hatte. Die Inschriften sind der heute noch üblichen Lauretanischen Litanei entnommen, ebenso wie die Symbole Rose und Gefäße. Der heute nicht mehr üblichen sog. Lauretanischen Schriftlitanei entstammen die Symbole Lilie, Sonne und Mond sowie der Zweig Jesse.
Die Lunette zwischen Kapellenraum und Empore nimmt ein Leinwandgemälde ein. Es ist nicht von Höttinger und wohl früher anzusetzen. Es zeigt den Tod Mariens. Maria liegt auf dem Sterbebett, von den Aposteln umgeben. Rechts steht Petrus mit vier Jüngern, links Johannes; er deutet auf Maria. Petrus schaut auf eine fliegende Taube. In einer Himmelsöffnung erscheinen Engel mit zwei Schriftbändern: Komme meine Dauben./ Komm du wirst gekrönet werden. Zu Füßen des Sterbebetts sitzt eine junge Frau und liest in einem Buch. Inschrift links unten im Bild: Wan Jesus mit Maria steth / den Sterbenten an der Seiten / all bitterigkheit des Dodts veracht / Lustig ist mit ihme streiten. In der Laibung der Lunette Engel und die Inschrift Causa nostrae laetitiae. Die seitlichen Zwickel der Lunette zeigen Landschaften mit Wasser, vielleicht die Insel Frauenwörth und Gestalten.
An den Wänden hängen sechs große Leinwandgemälde, Werke Sebastian Rechenauers d. Ä. um 1800, Szenen aus dem Marienleben: Tempelgang, Vermählung, Verkündigung, Heimsuchung, Darstellung im Tempel und Himmelfahrt. Die Kompositionen der Heimsuchung und Darstellung im Tempel sind von Szenen gleichen Themas in den Fresken von Lippertskirchen (Hauber 1798) übernommen. Rechenauer wiederholte sie auch in den Kartuschen 2 und 4 in Flintsbach 1803.
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten St. Nikolaus Rosenheim, Loretokapelle 1631–1913.
AEM, Series Parochorum, Verzeichnis der Inhaber des Schaur-schen Benefiziums und des Lauretanischen Benefiziums. Stadtarchiv Rosenheim, Rechnungen »deß Löblichen Sanct Maria Loretho Gottshauß im Burgfridt alhier zu Rosenhamb« aus den Jahren 1751–60, Fasc. 863–72. BLfD, Akt Rosenheim, Loretokapelle.
Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 21. Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 801. KDB I OB (2), S. 1561.
Forstmayer, Andreas, Die Loretto-Kapelle Rosenheim, in: Inn-Oberland 5, 1906, 61–63.
Eid, Ludwig, Rosenheim 1907 (Beschreibung aller Kunstdenkmäler), in: Inn-Oberland 8, 1909, S. 33-40, 53-62, 65-68: Loretokapelle S. 60.
Aschl, Albert, Die Lorettokapelle, in: Rosenheimer Anzeiger 1930, Nr. 49.
Bomhard, Bd 1, S. 63-65.
Bauer, Anton, Die Wallfahrten und Gnadenbilder im Gebiet des alten Dekanats Aibling, in: Der Mangfallgau 2, 1957, S. 62–69. Loretokapelle S. 66.
Rosenegger, Josef und Nikolai Molodovsky, Meister im Inntal (= Kleine Pannonia-Reihe Nr. 41), Freilassing 1974, S. 28. Dehio 1990, S. 1030 f. A. B./K. S