Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 205–207, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Kapelle, zum Staatsgut Romenthal gehörig, Gemeinde Rieden am Ammersee, Pfarrei Dießen, Diözese Augsburg z. Z. der Ausmalung Wallfahrtskapelle innerhalb der Klosterschwaige Romenthal, Klosterpfarrei und -hofmark St. Georgen (Inhaber Kloster Dießen)

Patrozinium: St. Anna

Zum Bauwerk: Neubau an Stelle einer älteren Kapelle 1756/57 (Gailler, dall'Abaco). Die Urheberschaft Johann Michael Fischers ist noch nicht völlig gesichert (Lieb). – Kleiner achteckiger Zentralbau mit angeschobenen querrechteckigen Räumen als Eingangsjoch und als AR; Pilastergliederung; nach S gerichtet

Auftraggeber: Propst Berthold II. Wolff von Dießen (1755–97) auf Wunsch des Propstes Herkulan Karg (1728–55)

Autor und Entstehungszeit: Signatur am Südrand von A: Franciscus Kirzinger. pinx. 1757. (Zu Franz Seraph Kirzinger vgl. Antdorf, s. LKr. Weilheim-Schongau)

Befund

Träger der Deckenmalerei: A Kuppel über acht Pendentifs, B Flachtonne mit Stichkappen

Rahmen: A ornamentierter Stuckprofilrahmen von Rocailleornamenten überspielt, B Rocailleornamentrahmen Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 8,30 m (Stich 2,30); Ø 5,50 B Höhe 5,80 m; 1,60 × 2,30

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1948 durch Stallhofer, 1954 durch Pfohmann restauriert. Reparierte Risse, teilweise Übermalungen.

 

Beschreibung

A PATRONIN ST. ANNA Ringsumlaufende terrestrische Szenerie mit Darstellungsschwerpunkten auf der SO- und der W-Seite. Im Zentrum der Kuppel thront Gottvater auf Wolken, von Engeln begleitet, neben ihm die Taube des Hl. Geistes. Sein Haupt, von einer bogenförmig auffliegenden Mantelbahn wie von einer Glorie umgeben, erscheint vor der zentralen Himmelsaufhellung, um die, annähernd kreisförmig, Wolkenbänke angeordnet sind. Seitlich von ihm Christus, von Engeln umgeben, die das aufragende Kreuz halten, verehrende Engelgruppen. In der Hauptansicht nach S die Mutter Anna (übermalt) mit dem Kinde Maria auf dem Schoß. Ein Engel zu Füßen der Gruppe trägt das Spruchband: TOTA PULCHRA ES MARIA! (vgl. Cant 4,7.). Im südöstlichen Vierte der umlaufenden Szenerie sind die vier Erdteile mit ihren Begleitern dargestellt; um die Weltkugel geschart, bringen sie der Mutter Anna und ihrer Tochter Maria ihre Verehrung dar. Sie sind im wesentlichen durch Hautfarbe und Kleidung bezeichnet: Europa als Frau mit Kaiserkrone und prächtigem Mantel, Asia als kahlköpfiger Mann von mongolischem Typus, America braunhäutig und halbnackt, mit Perlenschnur und Federkrone, und Africa, schwarzhäutig, schön gewandet und geschmückt mit einem Köcher und Pfeilen. Dazu kommen zwei Pagen, deren einer das Gewand Europas trägt und europäisch gekleidet ist, während der andere, mit einem großen Sonnenschirm, Africa zugehört. – An der W-Seite lagert eine Gruppe von Bittflehenden, Männer mit verschiedenen Gebresten, Mütter und Kinder, vor einem brennenden Haus. Dann weitet sich – nach der NW-Seite hin – die Szene zu einer in die Tiefe gehenden Uferlandschaft mit Turm und Bergen unter einem Gewitterhimmel und endlich zu einer großen Wasserfläche mit einem Schiff. An dem jenseitigen Ufer (östlich) versucht ein Schiffbrüchiger, das feste Land zu erreichen. Eine Gruppe von vier großen Engeln auf einer Wolkenbank ist auf diese Ansicht bezogen.

Die Gesamtfarbigkeit bestimmen die weiten Partien blaugrauen Himmels und beige-weißlicher Wolken. Aber auch die in den Gewändern auftretenden Buntfarben sind tonig gebrochen: Blau, Rostrot, Hellgrün und, vorherrschend, Ocker. Beige ist der Hintergrund von B, vor den die gleiche tonige Farbskala wie in A gesetzt ist.

W1–4 Embleme An den Schildwänden unter den Stichkappen der SO-, SW-, NW- und NO-Seite sind emblemähnliche Darstellungen angebracht, annähernd halbrunde Bildfelder mit Schriftbändern, die Bibelstellen anstelle von Lemmata enthalten.

W1 O quam pulchra est casta generatio! Sap 4 v 1. – Sonne scheint auf eine Muschel. Die Muschel ist in der

 
 
Emblematik ein geläufiges Symbol für die hl. Anna (vgl. Picinelli, s. v. margaritha, Lib. 12, Nr. 218). Sie ist die Schale, in der die Perle - Maria - verborgen ist. Außer- dem ist die Muschel Symbol der castitas und der unbe- fleckten Empfängnis, da sie in der Vorstellung nur vom Tau des Himmels befruchtet wird.
 
 

W2 Flores mei Fructus Honoris et Honestatis. Eccli 24 v. 23. - Einzelstehender Apfelbaum in einer spärlich baumbestandenen Landschaft. Der fruchtbeladene Apfelbaum ist auch ein Symbol Mariens (vgl. Picinelli s. v. pomus, Lib. 9, Nr. 393) und muß hier auf Anna gravida angewendet werden.

W3 Valles abundabunt Frumento. Psalm. 64. v. 14. - Weites Tal zwischen Hügeln. Das Tal ist hier nur Illustration zum biblischen Text, der sich - wie die anderen drei - auf die Fruchtbarkeit der hl. Anna bezieht.

W4 Sicut Vitis abundans. Psalm. 127. v. 3. - Weinstock mit Trauben in einem angedeuteten Heckengarten. Der fruchtbeladene Weinstock ist ein geläufiges biblisches Bild für Maria gravida und kann — mit dem gleichen Sinn — auch auf Anna angewendet werden.

B GEBURT MARIENS Einansichtiges Fresko; auf illusionistische Wirkung wurde fast völlig verzichtet. Auf einer bildparallel verlaufenden Bühne kniet Anna mit dem Kinde Maria auf dem Schoß vor einem ornamentierten Sessel (bzw. Lager), der durch eine schwere Draperie thronartigen Charakter erhält. Neben Mutter und Kind steht die Wiege, deren vordere Kufe von einer Mondsichel gebildet wird. Als Ornament trägt sie das Monogramm Mariens. Auf Wiege, Mutter und Kind fallen

 
A Patronin St. Anna

Gnadenstrahlen. Mit verehrend über der Brust gekreuzten Armen und geneigtem Haupt kniet die Hebamm links von der Wiege.

Ergänzungen zur Ikonographie: Die hl. Anna, Mutter Mariens, wurde in dieser Kapelle durch ein Gnadenbild besonders verehrt und nicht nur als Schutzherrin der Eheleute, der Mütter und der Armen, sondern auch in anderen Nöten (Pest, Besessenheit) angerufen (A, W-Seite). Sie ist auch Patronin gegen Gewitter (Gewitterhimmel) und der Schiffer (Schiff und Schiffbrüchiger auf stürmischem See durch die Berge im Hintergrund als der nahe Ammersee gekennzeichnet). Das brennende Haus spielt vielleicht auf eine tatsächliche Begebenheit an (Brand der Schwaige im Spanischen Erbfolgekrieg 1704).

Die Huldigung, welche die vier Erdteile der Mutter Anna und ihrer Tochter Maria darbringen, ist eine Allusion auf die Stelle im Protoevangelium des Jakobus (4,1), wo ein Engel zu Anna spricht: »Du wirst empfangen und gebä ren, und deine Nachkommenschaft wird in der ganzer Welt genannt werden« (Edgar Hennecke und Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, Bd 1, Tübingen 1959, S. 281). Zur Geburt der Maria vgl. ebenda (5,2). Auf die Anna gravida sind auch die vier emblemähnlichen Darstellungen (A1-4) bezogen. Die umlaufende Inschrift am Kuppelrand gibt Stellen aus dem AT, die sich auf Anna als Mutter und als Fürbitterin beziehen, wieder: OBVIABIT ILLI QUASI MATER HONORIFICATA Eccli 15 v 2. ORA PRO NOBIS QUONIAM MULIER SANCTA ES Judith 8 v 29.

Quellen und Literatur

Gailler, Franciscus Salesius, Vindeliciae Sacrae Tomi 3... Capitulum Weilheimense, Augsburg 1756, Cap. 12.

Abaco, Joseph, dall', Chronik des Klosters Diessen, Bd 3. S. 54 f. (BSB Cod. germ. 1769/70)

Hugo, Joseph Anton, Chronik des Marktes und der Pfarrei Dießen, Dießen 1901.

Hartig, Michael, Die oberbayerischen Stifte, Bd 1, München 1936, S. 194.

Lieb, Norbert, Münchener Barockbaumeister, München 1941, S. 184 f.

Kraut, Alfred, Aus der Geschichte der Schwaige Romenthal, in: Lechisarland 1960, S. 35 ff.

-, Die St.-Anna-Kapelle zu Romenthal, in: Lechisarland 1961, S. 44 f.