Reichersbeuern, Pfarrkirche St. Korbinian


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 219–222, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Filialkirche der Pfarrei Oberwarngau, auf die Kloster Tegernsee das Präsentationsrecht hatte, Hofmark Reichersbeuern (Inhaber Grafen Preysing)

Patrozinium: St. Korbinian

Zum Bauwerk: Die spätgotische, 1663 erweiterte Kirche wurde 1748 barockisiert (Datum am Chorbogen). Saal zu vier Jochen, eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß. Belichtung im LHs von N und S, im AR von O und S. Pilastergliederung. Im W Doppelempore

Auftraggeber: Die Wappen zu beiden Seiten des AR-Freskos D bezeichnen Johann Max IV. Emanuel Graf Preysing (* 1687 † 1764) und seine Gemahlin Maria Theresia Anna Gräfin Fugger-Nordendorf als Stifter. Reichersbeuern war 1627 durch Kauf in Preysingschen Besitz gekommen. Die gestiftete Ausgestaltung der Kirche ist auch als Schenkung an das Kloster Tegernsee anzusehen, das mit dem Patronatsrecht auch die Baupflicht hatte. Amtierender Pfarrer von Oberwarngau war Dekan Kaspar Neumüller (1718–50)

Autor und Entstehungszeit: Für die Fresken A, B, C im LHs findet sich in B auf der untersten Stufe die Signatur Jul: Breymeyer / 1748. Die Deckenbilder gelten als die frühesten gesicherten des Tölzer Malers Julian Breymeyer. Julian Breymeyer stammt aus Andelfingen bei Riedlingen/ Bad.-Württ., und wurde dort als viertes Kind des Zimmermeisters Franz Breymeyer am 23. 3. 1716 getauft. Am 26. 11. 1737 erwarb er durch die Heirat mit der Malerswitwe Maria Magdalena Paul deren Malerwerkstatt und das Bürgerrecht der Stadt Tölz. (Anton Bauer, Die Heimat des Tölzer Malers Julian Breymeyer, in: Lechisarland 1972, S. 133 f.) Von 1762 an bis zu seinem Tod am 9. 2. 1795 war Breymeyer mit kurzen Unterbrechungen Bürgermeister in Tölz (Georg Westermayer, Chronik der Burg und des Marktes Tölz, Tölz 21893, S. 302; Julius Schöttl, Julian Breymeyer, ein Tölzer Maler des 18. Jahrhunderts, in Heimatbote vom Isarwinkel, Heimatgeschichtliche Beilage zum Tölzer Kurier, 10, 1936).

Laut Hoffmann befand sich im Chorfresko D bei der 1924 erfolgten Freilegung die Signatur »1749, Jul. Breymizer«. Diese Angabe muß auf einer Verwechslung mit der Signatur in B beruhen, denn das Fresko im Chor unterscheidet sich in wesentlichen stilistischen Merkmalen von denen des LHs und fügt sich nicht in das Œuvre Breymeyers ein. Es zeigt vielmehr weitreichende Übereinstimmungen mit Fresken Wilhelm Anton Fetts (* 1735 Tölz † 1800 Tölz), am besten vergleichbar mit dem Kuppelbild A in der Allgaukapelle (1772, S. 451–53). Dort zeigt sich eine ähnliche, mehr dekorative denn konsequent illusionistische Raumauffassung mit der Vorliebe, Treppen und Balustraden unmittelbar über dem Bildrand aufragen zu lassen, ebenso wie in der Ausführung von architektonischen Details (Sockel mit Ziervasen, Stuckprofile). Der Figuralstil ist in beiden Fresken eng verwandt, am augenfälligsten in den zeitgenössischen Personen, den Engeln und Putti.

Die im Vergleich zum LHs fortschrittlichere Gewölbeform deutet darauf hin, daß der Chor später eingewölbt und ausgestattet wurde als das LHs. Den gemalten Ornamentformen nach zu schließen ist das Fresko in Reichersbeuern aber auch früher entstanden als das der Allgaukapelle. Es ist wohl etwa gleichzeitig mit dem Chorfresko von Greiling (1761, S. 185) zu datieren, mit dem es in der Farbgebung, der fast ausschließlichen Verwendung einer Gelb-Rot-Braun-Skala übereinstimmt, und das ebenfalls im Auftrag des Grafen Preysing († 1764) gemalt wurde.

In der Darstellung von Fresko D zeigt sich Fett, wie auch in der Allgaukapelle, vom Chorfresko Matthäus Günthers in der Mariahilfkirche zu Tölz (1733, S. 27) beeinflußt.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A, B, C) Segmentbogentonne mit Gurtenteilung, AR (D) Segmentbogentonne Rahmen: A, B, C Stuckprofil, D gemalter Stuckprofilrahmen

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 8,50 m; 2,00 × 2,00

B Höhe 8,50 m; 2,40 × 2,00

C Höhe 8,50 m; 2,00 × 2,00

D Höhe 8,20 m; 6,10 × 4,30

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Das AR-Fresko D war übermalt und wurde 1924 unter »mehreren Tünchschichten« von Joseph Albrecht, München, freigelegt (Hoffmann, S. 112). 1963 Restaurierung durch Joseph Keilhacker, 1976/77 durch Norbert Fischer, Egling an der Paar. Bei der letzten Restaurierung wurden Übermalungen in Fresko D abgenommen, das Gewölbe weiß getüncht und die Stichkappen im LHs nach alten Fassungen rosa und hellgrün getönt. Die Fresken A, B, C sind in gutem Zustand, in D hat die Farbsubstanz durch Übermalung und Freilegung gelitten.

Beschreibung und Ikonographie

Die Darstellungen A, B und C sind einfache Kompositionen, die kaum Untersicht oder Verkürzungen zeigen. Nur beim architektonischen Schauplatz in B ist der Versuch einer perspektivischen Konstruktion unternommen (Aufnahmestandpunkt jeweils unter der Bildmitte). Räumliche Tiefe deuten in A und C sich überschneidende Bodenschichten an, deren vorderste, charakteristisch für Breymeyer, repoussoirartig dunkel absticht. Blau- und Rot- Werte in verschiedenen Abstufungen bestimmen mit Weiß und Gold die farbliche Gesamtwirkung.

A BÄRENWUNDER DES HL. KORBINIAN Auf einem Wiesenplatz mit wenigen Bäumen beobachten Korbinian und seine Begleiter einen Bären, der über das Saumpferd des Heiligen hergefallen ist. Korbinian befiehlt dem Bären, das Gepäck an Stelle des Pferdes zu tragen; ein Gefolgsmann ist dabei, es dem Bären aufzuladen.

B GRIMOALD UND PILTRUDIS VOR KORBINIAN Stufen führen in einen überkuppelten, festlichen Innenraum, wo Korbinian in Bischofskleidung rechts erhöht unter einem Baldachin thront. Zu seinen Füßen knien der Herzog Grimoald von Bayern und seine Gemahlin Piltrudis in reumütiger Haltung; ein Page, der hinter ihnen steht, trägt auf einem Kissen den Herzogshut.

Herzog Grimoald hatte unmittelbar nach dem Tod seines Bruders Theodibald dessen Witwe Piltrudis zur Frau genommen und dadurch den Zorn des Bischofs erregt. Erst als beide in seiner Gegenwart ihren Fehler bereuten, vergab er ihnen mit dem Zeichen des Kreuzes.

C QUELLWUNDER IN WEIHENSTEPHAN Der Heilige mit seinen Begleitern ist in einer einfachen Wiesenlandschaft dargestellt. Korbinian berührt mit seinem Abtsstab den Boden; dort beginnt eine Quelle zu sprudeln

 
C Quellwunder in Weihenstephan

Rechts im Hintergrund sind Bauarbeiter an einem großen Kirchenneubau zu sehen.

Während der Arbeit am Kirchenbau in Weihenstephan mußte das Wasser aus der Ebene geholt werden. Korbinian war voller Mitleid wegen dieser Mühe. Er betete und grub »ein wenig mit dem Stab... in die Erden, sihe, da entspringt ein so reichlicher Brunnen, daß Wasser zu aller Notdurft überflüssig vorhanden, und noch als ein Bächlein den Berg hinab rauschet« (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 1022).

HL.-GEIST-TAUBE Auf den hölzernen Deckel ist die Hl.-Geist-Taube im Strahlenkranz gemalt (keine Abb.)

D DIE GEMEINDE REICHERSBEUERN BEGIBT SICH UNTER DEN SCHUTZ DER GOTTESMUTTER Schauplatz ist ein monumentaler, säulenbesetzter Hochaltar über einer großen Treppenanlage, die sich hinter einer geschwungenen Balustrade im Bildvordergrund erhebt. Zu beiden Seiten des Altars sieht man anschließende geschwungene Mauern eines angedeuteten Kirchen-Innenraums, von oben dringen Wolken ein, in deren heller Mitte, von Engeln umgeben, Maria mit dem Kind erscheint. Mariens Haupt ist vom Sternenkranz umgeben und ihr Fuß ruht auf der Mondsichel.

Am Altar wird ein Pontifikalamt zelebriert, wiedergegeben ist der Augenblick der Elevation der Hostie bei der

 

Wandlung. Auf den Altarstufen knien Priester, Diakone und Meßdiener mit den Abtsinsignien. Links hinter der Balustrade sind vornehm gekleidete weltliche Personen kniend dargestellt, die Inhaber der Hofmark, Graf Preysing und seine Gemahlin mit zwei Kindern und Begleitern. Im Bildvordergrund, in illusionistischen Effekten zum Teil den unteren Rahmen übergreifend, sieht man Männer, Frauen und Kinder aus dem Volk mit Rosenkränzen in Händen. Steile Untersicht, gedrängtes Übereinander auf den Stufen und die vertikal aufragende Architektur sind wie auch das Motiv des Rahmen-Ubergreifens als illusionistische Bildmittel eingesetzt, doch ist das Konstruktionssystem an keiner Stelle schlüssig.

Die farbliche Gesamtwirkung beruht auf der vorwiegenden Verwendung von Rötlichbraun als Schauplatzfarbe, in die Blau- und Rotwerte eingebettet sind.

Ergänzungen zur Ikonographie

A-C KORBINIAN-SZENEN Die LHs-Fresken zeigen Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons St. Korbinian (Ribadeneira-Hornig, 7. 9., Bd 2, S. 1019–24). Der aus Frankreich stammende Bischof unternahm zwei Romreisen, deren zweite ihn über den Hof des Bayernherzogs Grimoald in Freising führte. Dieser hätte ihn gern als Bischof eingesetzt, doch Korbinian bestand auf seiner Reise, auf der dann, am Brenner, das Bärenwunder geschah (Fresko A). Auf der Rückreise von Rom ließ sich Korbinian in Mais bei Meran nieder, wurde aber von Grimoald nach Bayern gerufen. Korbinian betrat dessen Burg nur unter der Bedingung, daß die ungültige Ehe zwischen Grimoald und seiner Schwägerin Piltrudis aufgelöst werde. In Fresko B erbittet das Paar Korbinians Vergebung. Als Sühne kaufte Grimoald das Land in Mais und ließ zu Ehren der hll. Valentin und Zeno eine Kirche bauen, in der Korbinian begraben werden wollte. Bei Freising wählte der Heilige sich den Berg Weihenstephan als Wohnsitz; hier hatte er eines Tages wunderbare Choräle und Düfte aus dem Stefanskirchlein vernommen. Um der Dienerschaft das mühselige Wasserholen zu ersparen, erlangte er durch sein Gebet eine Wasserquelle (Fresko C). Das sog. Korbiniansbrünnlein versiegte, als die Gebeine des Heiligen nach Mais überführt wurden, und sprudelte erst wieder, als diese fünfzig Jahre später nach Freising zurückgebracht wurden.

 

D DIE GEMEINDE REICHERSBEUERN BEGIBT SICH UNTER DEN SCHUTZ DER GOTTESMUTTER Hoffmann (S. 112) schlägt für dieses Fresko folgende Deutung vor: Abt Gregor Plaichshirn von Tegernsee zelebriert ein Pontifikalamt. – Von einem solchen historischen Ereignis ist allerdings nichts bekannt. Pfarrer Josef Zimmermann von Reichersbeuern weist hingegen auf ein Pontifikalamt hin, das am 13. 8. 1752 anläßlich der Übertragung der Reliquien des hl. Honorat stattfand, und das Johann Christian Graf von Königsfeld, seit 24. 4. 1746 Bischof des St. Georgs-Ritterordens, zelebrierte. Da der Inhaber der Hofmark, Johann Maximilian IV., Graf von Preysing, seit 1729 (also seit der Gründung des Ordens) Ordenskanzler war, selbst mit seiner Familie im Bild erscheint und um sein Wappen in auffälliger Weise das Ordensband dargestellt ist, ist diese Deutung wahrscheinlich

Daß ein so kurz zurückliegendes historisches Ereignis Thema eines Deckenbildes an so hervorragender Stelle (Chor) werden konnte, hat seinen Grund wohl darin, daß im historischen Bewußtsein des Auftraggebers durch dieses

 

Ereignis Hofmark und Kirche eine Aufwertung erfahren hatten, auch gegenüber dem mächtigen Tegernsee, das das Präsentationsrecht auf die Pfarrei hatte und dieses auch gelegentlich ohne Rücksicht auf den Hofmarksbesitzer ausübte

Ferner ist über die Darstellung eines einmaligen Ereignisses hinaus in einer weiteren Bedeutungsschicht auch eine dauernde Situation gemeint: die Gemeinde von Reichersbeuern, ihr voran der Hofmarksinhaber, stellt sich unter den Schutz der Immaculata, die auch Patronin des St. Georgs-Ritterordens ist.

Quellen und Literatur

Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 319–22 KDB I OB (1), S. 670.

Seidl, Oskar, Die Kirchen und Kapellen des Dekanates Tegernsee, Dießen 1913, S. 117–22.

Hoffmann, Richard, Zwei aufgedeckte und restaurierte barocke Deckenmalereien von Hans Georg Asam und Julius Breymizer, in: Die christliche Kunst 21, 1925, S. 112. Bauer, Anton, Regesten zur Tölzer Kunstgeschichte, in: Altheimatland 5, 1928/29, Nr. 9.

Eismann, Josef, Kirchenmaler und Bürgermeister von Tölz, in: Tölzer Kurier, 24./25. 8. 1957

Mathäser, Hans, Pfarrkirche Reichersbeuern, in: Tölzer Kurier, September 1957.

Dehio-Gall OB, S. 217 f.

Bauer, Anton, Allgaukapelle und Allgauklause bei Piesenkam, in: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte 25, 1967. S. 119–44.