Reichenkirchen, Pfarrkirche St. Michael


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 7: Landkreis Erding. Hirmer, München 2001, ISBN 978-3-7774-7830-2, S. 254–261, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

REICHENKIRCHEN

Pfarrkirche, Gemeinde Fraunberg, Erzdiözese München und Freising. Seit 1181 war die Pfarrei Reichenkirchen dem Domkapitel in Freising inkorporiert. Seit 1640 bestand an der Kirche die Bruderschaft der hl. Elisabeth zum Trost der Armen Seelen. Gericht Erding

Patrozinium: St. Michael

Zum Bauwerk: Neubau eines größeren LHs anstelle des baufälligen LHs der spätgotischen Kirche und Erhöhung des Chors 1753 durch Johann Baptist Lethner, Maurermeister von Erding. Altäre und Kanzel 1756-59 von dem Landschuter Schreiner Andreas Rauscher mit vielen Skulpturen von Christian Jorhan. 1913/14 wurde der AR abgetragen, dem LHs im O ein fünftes Joch angefügt, dann ein Querschiff vorgelegt und ein neuer Altarraum gebaut (Architekt Franz Xaver Huf).

LHs zu fünf Jochen, Gliederung durch Pilaster vor flachen Wandvorlagen, Doppelempore im W; Belichtung durch je vier Fenster von N und S in den westlichen LHs-Jochen. Die Fresken befinden sich in den vier westlichen (alten) Jochen des Langhauses.

Auftraggeber: Pfarrvikar von Reichenkirchen z. Z. der Ausmalung war Simon Krimmer (1733-61). Eine Beteiligung der

Elisabeth-Bruderschaft an den Kosten der Ausmalung ist anzunehmen.

Autor und Entstehungszeit: Franz Joseph Aiglstorffer (* um 1713 Wartenberg † 1790 Wartenberg, s. S. 146) 1753/55. Überzeugende Zuschreibung an Aiglstorffer durch Brenninger 1982 (S. 112). Die Freskierung ist nicht datiert. 1753 ist als Datum des Kirchenbaus überliefert, die Freskierung entstand also wohl 1754.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Tonne mit seichten Stichkappen

Rahmen: A und C einfache Stuckprofilrahmung; bei B ist das Stuckprofil an einigen Stellen von sparsamen Stuckornamenten überspielt

Technik: Fresko; sämtliche Deckenbilder sind polychrom

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1887/88 wurde die Raumschale von Pius Zach aus Wartenberg neu gefaßt; Anton Ranzinger malte neue Hauptfresken. Damals wurden wahrscheinlich die Nebenbilder übertüncht. 1913/14 Restaurierung nach der Kirchenerweiterung. Letzte Innenrestaurierung

 
Der Kirchenraum nach Westen
 

1961/62, bei der anläßlich der Neufassung der Raumschale durch Ludwig Keilhacker, Taufkirchen, die übertünchten Nebenbilder und die von Ranzinger übermalten Hauptfelder wieder aufgedeckt wurden (der Vorzustand ist photographisch dokumentiert). Die Deckenbilder wurden von Alois Kaseder, Mühldorf restauriert. Die Fresken haben durch Übermalen und Wiederaufdecken sehr gelitten. In A, B und C Längsrisse.

Beschreibung und Ikonographie

Da der Chor des 18. Jh. fehlt, ist das Programm der Reichenkirchener Pfarrkirche nicht mehr vollständig, doch kann man annehmen, daß die Fresken im AR dem Kirchenpatron, dem Erzengel Michael gewidmet waren. Die Bildthemen im LHs zeigen das Bemühen, Reichenkirchen als Gnadenstätte zu interpretieren und zu fördern: Die Kreuzreliquie wird als Zuflucht vor Augen geführt und das Vertrauen in die einzelnen Patrone gefördert, indem ihre Wunderwerke gezeigt werden; dabei nimmt die Gnade, die die hl. Elisabeth einem Reichenkirchener, dem Pfarrer Michael Sullinger, erwiesen hatte, eine wichtige Stelle ein, gleichsam als Affirmation für das Gnadewalten am Ort. Von der Elisabethbruderschaft zum Trost der Armen Seelen ausgehend, wird auf die Hilfe der Heiligen für die Seelen im Fegfeuer großes Gewicht gelegt. Diese Darstellungen waren wohl auch Weiterführung und Ergänzung zur – vermuteten – Michaelsthematik des Chors.

A DIE HL. ELISABETH HILFT DEM PFARRER MICHAEL SULLINGER IN SCHWERER KRANKHEIT Das Fresko über der Empore (Ansicht nach W) zeigt einen Mann im Krankenbett. An den kahlen Wänden des Zimmers hängen Albe und Stola, um ihn als Priester zu kennzeichnen. In Wolken erscheint dem Pfarrer die hl. Elisabeth im Gewand einer Franziskaner-Terziarin, eine Krone auf dem Haupt. Sie neigt sich ihm mit ausgestreckter Hand zu.

Hier handelt es sich um eine Darstellung der Heilung des Reichenkirchener Pfarrers Michael Sullinger († 28. 3. 1644), der sich in einer schweren Krankheit zu Elisabeth von Thüringen verlobt hatte. Nach seiner wunderbaren Heilung stiftete er Messen in die Elisabeth-Kapelle auf dem Friedhof (sie fiel der

 
 
A Die hl. Elisabeth hilft Pfarrer Sullinge

Kirchenerweiterung 1913/14 zum Opfer) und förderte die Devotion zur hl. Elisabeth. Die Elisabeth-Bruderschaft wurde von ihm in Reichenkirchen eingeführt (AEM).

B SCHLACHT AN DER MILVISCHEN BRÜCKE Ansicht nach W. Eine weite Landschaft mit Bergen im Hintergrund ist in naiver Aufsicht dargestellt. Aus dem Hintergrund kommt als breiter Strom der Tiber, die mauerumgebene Stadt am rechten Bildrand mit den zahlreichen Türmchen stellt Rom dar. Am Ufer des Tiber tobt eine in vielen drastischen Details dargestellte Schlacht. Die Tiberbrücke ist unter dem Ansturm der Kämpfenden eingebrochen, Stürzende sind zu sehen, ertrinkende Männer und Pferde in den Fluten. Am jenseitigen Ufer fliehen Berittene zurück nach Rom. Am diesseitigen, linken Ufer reitet Kaiser Konstantin durch das Getümmel und schleudert eine Lanze. Mit Konstantin dringen seine Truppen siegreich vor. Über der Schlacht öffnet sich eine von Wolken umgebene Glorie, in deren Zentrum, auf den Deckel der Pfingstöffnung gemalt, die Worte IN HOC / SIGNO / VIN- CES zu sehen sind. Ein Engel hält ein Kreuz, ein zweiter einen Palmzweig. Das Bild malte Aiglstorffer sicher nach der gleichen graphischen Vorlage wie Fresko A in Hinterholzhausen. Kaiser Konstantin errang im Jahr 312 an der Milvischen Brücke den Sieg über Maxentius, nachdem er in der vorangegangenen Nacht eine Vision gehabt hatte, in der ihm der Sieg verheißen wurde, wenn er im Zeichen des Kreuzes in die Schlacht ziehen würde.

Die Hl.-Kreuz-Thematik hier in Reichenkirchen leitet sich von einem Kreuzpartikel her, den die Kirche besaß und der auf dem Hochaltar zur Verehrung ausgesetzt wurde (»exponi solet authentica particula s. Crucis«, Schmidt, S. 542).

C MARIÄ VERKÜNDIGUNG Seichter Bildraum, in den ein Sockel einführt und von dem aus eine Tür in die Bildtiefe führt und Ausblick auf eine einfache Gebirgslandschaft gibt. Links ist unter einer Draperie Mariens Betpult mit dem aufgeschlagenen Buch dargestellt. Maria erhebt sich vom Pult und wendet sich zu dem Verkündigungsengel, der von rechts auf Wolken in den Raum eingedrungen ist. Der Engel weist nach oben, wo die Taube des hl. Geistes einen Gnadenstrahl auf Maria sendet.

a-h, 1–6 PATRONE VON REICHENKIRCHEN Acht Darstellungen in den Stichkappen (a-h) und sechs Darstellungen an den Gewölbezwickeln (1–6). Die nördlichen Stichkappenfelder (a–d) beschäftigen sich wie das Hauptbild B mit dem Kreuz, die nördlichen Zwickelfelder (1–3) mit Elisabeth von Thüringen. Der nördliche Seitenaltar war der Elisabeth-Bruderschafts-Altar.

Die südlichen Zwickelfelder (4–6) beziehen sich auf Leonhard von Noblac, dem der rechte Seitenaltar geweiht ist. Nebenpatron dieses Seitenaltars ist Nikolaus von Tolentino, an den die südlichen Stichkappenfelder (e–h) erinnern.

I ELISABETH HEILT KRANKE Auf einer Wiese stehen zwei Bahren mit Kranken, ein Krüppel mit Stock und Holzbein, ein Mann mit einem Blatt Papier, eine Mutter mit Kind und eine weitere Frau. Sie wenden sich mit Blick und Geste an die hl. Elisabeth, die über ihnen in Wolken erscheint, in der Tracht des Dritten Ordens des hl. Franziskus, über dem Schleier eine Krone, die auf ihre königliche Herkunft als Tochter des Königs Andreas II. von Ungarn hinweist. Die H: Elisabetha heilt blinde / Kranke Krüppel und Lahme.

2 ELISABETH ERRETTET DURCH IHR GEBET IHRE ERMORDETE MUTTER AUS DEM FEGFEUER Elisabeth kniet betend in einem Innenraum. Vor ihr sind Arme Seelen im Fegfeuer dargestellt. In Wolken erscheint Christus, zeigt seine Wundmale und sendet einen Gnadenstrahl auf die Heilige, während sich ein Engel den Armen Seelen zuwendet. Eine der Seelen, die ermordete Mutter Elisabeths, in weißem Kleid, schwebt aus dem Feuer nach oben. Die H: bettende Elisabetha erleset ihr / Königliche Mutter, und andre aus / dem Fegfeuer heraus.

Das Thema dieses Bildes wurde wegen der Elisabeth-Bruderschaft zum Trost der Armen Seelen gewählt. Es schildert eine legendäre Begebenheit: Elisabeths Mutter Gertrud aus dem

 
Schlacht an der Milvischen Brücke

REICHENKIRCHEN

 
 
Brunnenwunder des hl. Leonhard 4–6 Leonhard-Zyklus
 

Geschlecht der Grafen von Andechs-Meran ist als eine herrschsüchtige und habgierige Frau überliefert, die in Ungarn äußerst unbeliebt war. Sie wurde von ungarischen Adeligen ermordet. Die Erzählung von der Erlösung der Mutter aus dem Fegfeuer kommt in den frühen Viten und Berichten über Elisabeth von Thüringen nicht vor. Sie gehört zu den Wunderszenen, die seit dem 14. Jh. verbreitet wurden (LCI, Bd 6, Sp. 140).

zwei Damen in höfischer Tracht. Eine von diesen weist nach oben, wo in Wolken der hl. Leonhard mit der Kette erscheint und einen Gnadenstrahl auf die Wöchnerin sendet. In der rechten Bildhälfte stehen drei Damen an einem weißgedeckten Tisch und sind mit dem Neugeborenen beschäftigt. Der hl. Leonard erbittet / der Notigen ein glückliche / Geburt.

 
 
 

das eroberte Kreuz Jesu, nur nach ablegen des ksl: Schmuckes tragen.

(Inschrift). Nachdem Nikolaus eine Messe für sie gelesen hatte, erschien ihm Peregrinus wieder, um sich für die Errettung zu bedanken (AASS, Sept. Tom. III, S. 646 f.). Das Thema der Darstellung ist wegen der Bruderschaft der Hl. Elisabeth zum Trost der armen Seelen gewählt.

FOR RETTUNG CORDOBAS VOR DER PEST Das Bild zeigt eine Straße mit einer Kirche im Hintergrund. Eine lange Prozession bewegt sich aus der Kirche nach vorn, an ihrer Spitze der Fahnenträger, auf dessen Fahne das Bild des hl. Nikolaus von Tolentino zu sehen ist. Der Zug begegnet einem Kreuzträger: Der getragene Kruzifixus und der hl. Nikolaus von Tolentino auf der Fahne umarmen sich. Der hl. Nicolaus erledigt durch seine Vürbitt die Stadt Corduba von der Pest a: 1602.

Die Wunder, die Nikolaus von Tolentino 1601/02 während der Pest in Cordoba wirkte, waren so viele, daß Cordoba ein »theatrum miraculorum Thaumaturgi nostri« genannt wurde (AASS, loc. cit., S. 700). Das dargestellte Wunder (von der Überlieferung etwas abweichend dargestellt) ereignete sich am 7.6. 1602. Das schreckliche Wüten der Krankheit veranlaßte den Rat der Stadt, die Statue des Heiligen von der Klosterkirche der Augustiner-Eremiten aus zu einem Spital zu tragen, in dem viele Pestkranke litten. Jacobus de Vargas y Caravajal, »corrector et iudex maior Cordubensis«, ging an der Spitze dieser Prozession mit 24 Abgeordneten. Am Spital wurden sie von dem Franziskanerpater Joannes de Navas empfangen, der ein großes Kruzifix in Händen trug. Vor dem Kruzifix ging der Geistliche, der die Statue des hl. Nikolaus trug, in die Knie. Dabei wurde beobachtet, daß die Statue die Füße des Kruzifixus küßte. Auf dieses wunderbare Geschehen hin ereigneten sich bei den Kranken, die in großer Zahl zugegen waren, viele Heilungen, und das Wüten der Pest milderte sich (AASS, loc. cit., S. 706–08).

 
 

g AUFERWECKUNG DES GEKOCHTEN KINDES In einer weiten Halle stehen ein Augustiner-Eremit, ein vornehmer Herr und zwei Damen an einem Tisch. Der Heilige segnet das Skelett eines kleinen Kindes, das vor ihm liegt. Daneben ist das Kind lebendig zu sehen. Im Hintergrund ist ein Koch an einem großen Kessel über einem Feuer beschäftigt, ein Rückblick auf das unheilvolle Geschehen, das zum Tod des Kindes geführt hatte. Im Ausblick aus dem Haus steht ein Mann, der um Hilfe ruft. Der H. Nicolaus gibt ein im Kessel versoffenes Kind seinen Eltern frisch zurück. Das dargestellte Wunder ist postum. Ein kinderloser Edelmann aus Grenoble verlobte sich zum hl. Nikolaus von Tolentino und bekam daraufhin einen Sohn, den er dem Heiligen weihte und Nikolaus nannte. Als das Kind zwei Jahre alt war, feierten seine Eltern mit Freunden das Fest des Heiligen. Das Kind war unbeaufsichtigt, kam in die Küche und fiel in einen Kessel mit kochendem Wasser. Als die Eltern heimkamen, fanden sie ihn schon in Stücke zerfallen vor. Außer sich vor Schmerz, warfen sie sich vor dem Bild des Heiligen auf die Knie. Da kam ein Augustiner-Eremit des Weges, wurde gerufen, ließ sich die Reste des Kindes bringen, legte sie auf einem Tisch in der gehörigen Ordnung auf und flehte den Himmel um ein Wunder an. Da wurde das Kind wieder lebendig, gesund und fröhlich wie vorher (AASS, loc. cit., S. 695 f.).

 
 

h NIKOLAUS VON TOLENTINO ALS ZUFLUCHT IN ALLEN NOTEN In einer nur angedeuteten Landschaft sind Bittflehende versammelt: Lahme, eine Mutter mit Kind, ein Knabe mit dem Pestglöckchen, ein Besessener, der am Boden liegt und aus dessen Mund der böse Geist in Gestalt eines schwarzen Vogels entweicht. Über der Szene erscheint in Wolken der hl. Nikolaus von Tolentino im Habit der Augustiner-Eremiten, die Lilie, sein Attribut, in der Linken. Er blickt zum Himmel und weist im Fürbittgestus auf die Menschen, die ihn um seine Hilfe anflehen. Der H: Nicolaus ist ein sichere Zuflucht in allen Nöten.

 
 
 

Quellen und Literatur

BHStA I, Landshuter Abgabe 1993, 204: Neubau 1752/53. StAM, LRA 147910: Restaurierung 1888, Erweiterung 1913/14.

StAL, Kirchenrechnungen Gericht Erding 1720, Bd 2, Reichenkirchen.

AEM, Pfarrakten Reichenkirchen: Kirchen- und Pfarrhofbauten 1657–1782; Pastoral- und Kultusgegenstände 1671–1890; Kapelle St. Elisabeth (Bericht über die Heilung des Pfarrers Michael Sullinger).

BLfD, Akt Reichenkirchen, St. Michael

 
-d Kreuz-Zyklus

[[File:Band07_chunk006_p006_img009.jpg|thumb|Schmidtsche Matrikel, Bd 1, S. 541–43. Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 388–90. Landkreis Erding 1963, S. 307. Mayer, Mathias und Hugo Schnell, Reichenkirchen (= KI Nr. 1026), München und Zürich 1975. Brenninger 1982, S. 112. Dehio 1990, S. 1009. Mayer, Sebastian, Pfarrei St. Michael Reichenkirchen (Peda-Kunstführer Nr. 152), Passau 2000. A.B.