Regensburg, Krebsgasse 6
Inventarnummer: cbdd20175
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Das ehemalige Gasthaus ,Blauer Krebs‘ zeigt mehrere Ausstattungsphasen, von denen nach der Restaurierung heute noch Ausmalungen des 17. und dem 18. Jahrhunderts erhalten sind.

Lage, Bau- und Ausstattungsgeschichte
Lage
In unmittelbarer Nähe des dreieckigen Haidplatzes, dem „größten mittelalterlichen Platz der Stadt“[1], der „bis in die Gegenwart Darbietungen und Kundgebungen verschiedenster Art“[2] diente, befand sich ehemals ein „mehrgeschossiges Wohnhaus mit zwei Innenhöfen [...], das vermutlich von Anfang an für eine neue, seit 1635 nachgewiesene Nutzung als Gasthof ,Zum Blauen Krebs‘“[3] erbaut worden war. „Das einstige Gasthaus [...] im Anwesen Nr. 6 gab der Krebsgasse den Namen.“[4]
In dem damaligen wie heutigen Gassengewirr stellte die Krebsgasse zusammen mit der im rechten Winkel abbiegenden Steinergasse eine L-förmige Verbindung vom Haidplatz zur Glockengasse her, die ebenfalls nach einem „Gasthof ,Zur Goldenen Glocke‘“[5] benannt ist.
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Den baulichen Kern des „mehrgeschossige Wohnhaus um zwei Innenhöfe [...] bilden zwei gotische Steinhäuser der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, verbunden wahrscheinlich durch einen Zwischenbau in Fachwerkkonstruktion. In der 2. Hälfte des 16. Jh. durchgreifend um- und teilweise neugebaut, vermutlich von Anfang an für eine neue, seit 1635 nachgewiesene Nutzung als Gasthof ,Zum Blauen Krebs‘.“[3]
Das Gast- und Wohnhaus besitzt einen großzügigen „Grundriss mit Treppendiele, Festsaal und Gastzimmern. Im 17./18. Jh. [erfolgte eine] Erneuerung der Raumausstattung: freigelegt [wurde] im sog. Römerzimmer, dem Südwestraum im 1. Obergeschoss, eine aufwendige Dekorationsmalerei aus Bandelwerk und Akanthusblättern [...] um 1720/30. Im Wappenzimmer [...] [haben sich] Fragmente von Dekorationsmalerei der 1. Hälfte 17. Jh. [erhalten].“[3]
Das Bauwerk
Das Anwesen Krebsgasse 6 setzt sich aus drei Baukörpern unterschiedlicher Bauphasen zusammen, die in ihrer Gesamtheit gestalterisch sichtbar voneinander getrennt sind.
In dem dreiteiligen Gefüge bilden die beiden ältesten Bauteile die seitliche Einfassung für den sehr viel breiteren mittleren Baukörper. Dieser Zusammenhang wird zusätzlich anschaulich, weil er über die gemeinsame Wandflucht so markant hervorkragt, dass sich grundsätzlich eine symmetrische Disposition aus den beiden seitlichen, zurückgesetzten Kompartimenten und der vorgesetzten Gebäudemitte ergibt. Diese Verteilung und Komposition der Baukörper zueinander erinnert zwar generell eher an frühneuzeitliche Gestaltungsprinzipien, hier allerdings ist diese Anordnung auf den bauhistorischen Ablauf zurückzuführen.
Das Erdgeschoss des vorkragendes Mittelbaues besteht aus vier ungleich großen Arkadenöffnungen, die auf Säulen toskanischer Ordnung aufruhen. Deren Bogenunterseiten waren ehemals mit Dekorelementen bemalt, die man zum Teil rekonstruierte.
Das Wappenzimmer im Nordosten: Beschreibung, Maße, Datierung und Technik
Beschreibung, Maße und Datierung
Die Wohnung mit dem Wappenzimmer erreicht man von der Krebsgasse aus über den nördlichen Innenhof und der barocken Treppe, um dann in der großen Halle des 1. Obergeschosses anzukommen. Von diesem großräumigen Verteiler-Raum gelangt man über einen kleinen Vorraum in das nordöstliche Wappenzimmer, benannt nach den an der Ostwand dargestellten zwei Wappen.
In dem kleinen, als „Festsaal“[3]
deklarierten Raum mit Bohlenbalkendecke finden sich an zwei Wänden (Ost und Süd) Fragmente einer Wandbemalung aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Berücksichtigt man die archivalisch gesicherte Nutzung des Hauses als Gasthaus ,Blauer Krebs‘ ab 1635 und deren entsprechende Darstellungen im Wappenzimmer, ist vielleicht eine Datierung zwischen 1635–1640 sogar präziser.
Die realen, allein in Metern gemessenen Dimensionen des Raumes mit einer Länge von 4,8m, einer Breite von 4,2m und einer Höhe von 2,7m lassen eigentlich nicht sofort an einen repräsentativen Saal denken. Bezieht man jedoch die hochqualitative Wandmalerei und ihren Aussagewert mit in die funktionale Bewertung mit ein, relativiert sich der erste, allein auf der Raumwirkung basierende Eindruck sehr schnell.
Den Zugang in dieses Zimmer ermöglicht eine Türe in der Südwand, belichtet wird es von den zwei Ostfenstern.
Technik
Die Wandmalereien im Wappenzimmer sind in Seccotechnik ausgeführt. „Der Unterschied zur Freskotechnik besteht [...] darin, dass auf durchgetrockneten Untergrund gemalt wird, mit Kalk-, Leim-, Kasein-, Öl-, oder Temperafarben.“[6]
Die Ostwand
Die Ostwand mit seinen beiden Festeröffnungen ist diejenige, von deren ehemaliger Wandbemalung im oberen Drittel einige zusammenhängende Motive rekonstruiert und damit bis heute sichtbar erhalten geblieben sind.
Südliches Bildfeld: Hirschkäfer, Lorbeergirlande und Schalk
Auf dem südlichen oberen Wandfeld werden drei unterschiedliche Einzelmotive zu einer eigenwilligen Darstellung zusammengeführt, die aufgrund der Fehlstellen keinen Kontext erlauben.
An einem gemalten Haken hängt eine zweiteilige Girlande mit Lorbeerbuschen(?), die sich schirmartig über dem Kopf eines Schalkes ausbreitet. Dieser trägt eine in Rot und Silber gefertigte, zweigeteilte Kappe mit nach oben gebogenen Hörnern, deren Enden jeweils eine Schelle trägt. Sein Schultertuch mit Zickzack-Musterung ist ebenfalls mit Schellen behaftet.
Dieser Figur nähert sich von rechts ein übergroßer Hirschkäfer, der sich auf dessen linkes Ohr zubewegt.
Mittleres Wandfeld: Wappen
Auf dem mittleren Wandfeld sind zwei Wappen zu sehen, deren Bestimmung und genealogische Zuordnung noch aussteht.[7]
Auf der rechten, südlichen, Seite ist eine Wappendecke mit Fransen oder Akanthusranken erahnbar, vor der ein schwarzer Adler mit gespreizten Flügeln nach links sich dreht. Dasselbe Motiv wiederholt sich an der Oberseite des nur schwach sichtbaren Helmes.
Auf der linken, nördlichen, Seite ist inmitten einer wallenden Wappendecke ein zweigeteiltes Schild zu sehen, auf dem sich ein Pelikan mit seinem Schnabel in seine Brust hackt, ein Motiv, das oben sich zwischen den beiden Hörnern wiederholt.
Diese Wappendarstellung ist einerseits umgeben von dem Buchstabenfragment ,P‘ und den Zahlen ,16.‘, welche wohl insgesamt auf die Nobilitierung des neuen Wappenbesitzers im 17. Jahrhundert hinweist.
Nördliches Wandfeld: Büste mit Locken
Auf dem nördlichen Wandfeld ist, als Pendant zum Schalk auf der gegenüberliegenden Wandfläche, eine nicht näher beschreib- und benennbar „Büste mit Locken“[8] aufgemalen.
Südöstliches Fenster: szenische Darstellung (zerstört)
Der Gewändebereich des südöstlichen Fensters war ehemals mit Darstellungen versehen, die heute allerdings in ihrer Motivik und szenischen Aussage nicht mehr nachzuvollziehen sind.
Das mit breiten rotbraunen Bändern gerahmte und strukturierte Fenster zeigt im Bogenscheitel einen kreisrunden Ring, der die geometrisierende Einteilung des Fensters unterstreicht.
Nordöstliches Fenster: Krebse, eine kulinarische Köstlichkeit
Die Fenstergestaltung ist in ihrer Grundauffassung identisch mit dem südöstlichen Pendant: genauso wie dort strukturieren die rotbraunen Bänder Gewände und Bogen, in dem sich dieselbe Ringform wiederfindet.
Der einzig gewichtige Unterschied besteht in der Erkennbarkeit des dargestellten Motivs, denn an beiden Gewänden sieht man einen kopfunter an einem Haken aufgehängten Krebs, eine Anspielung auf das Gasthaus ,Blauer Krebs‘.
Doch damit nicht genug: der Freskant bemühte sich, den Prozess der Verwandlung eines Krebses vom fangfrischen Rohprodukt (auf der südöstlichen Seite) zur frisch zubereiteten Gaumenfreude durch die jeweils typische Farbgebung, Blau und Rot, auszudrücken.
Die Nordwand: dokumentierte, nicht konservierte Fassung (des 18. Jahrhunderts)
Aus verschiedenen Überlegungen heraus hatte man sich entschlossen, die Wandmalereien aus dem 17. Jahrhundert in situ zu erhalten und nicht die zweite ebenfalls ablesbare, durch eine dünne Mörtelschicht getrennte Rokokomalerei aus dem 18. Jahrhundert. So überputzte man „die Fragmente an der Nordwand nach der Sicherung.“[9]
Dokumentiert ist die Existenz von mehreren hochrechteckigen Wandfeldern mit Rahmenwerk und einem hochgezogenen Schweifgiebel als oberen Abschluss, woran Blumengirlanden hängen.
Vom Boden des Dekorfeldes windet sich jeweils ein einzelner blühender, mit Blättern besetzter Strunk dem Gehänge entgegen, dem, wie an der Rekonstruktion der Südwand besser ersichtlich ist, ein Aufbau aus Rocaillen als Sockel dient.
Die Südwand: Fassung des 17. Jahrhunderts mit Lorbeersträuchern, Blumen- und Obstgehängen
An dem Freskenrest aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, das man im oberen Wanddrittel zwischen der Ostwand und der Südtüre konservierte, ist eine gemalte Metallstange zu sehen, die mit einem Haken versehen ist, an dem Lorbeersträucher aufgehängt sind, die seitlich von Blumen- und Obstgestecken begleitet werden.
Vorlage (freie Adaption): Michel Le Blon (1587–1656)
Das dargestellte Arrangement aus Obst- und Fruchtgehängen passt gut in die Zeitströmung der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Als eine bildliche Referenz und gestalterische Orientierung kann ein Stich aus der Zeit um 1611 herangezogen werden, den der Publizist und Kunsthändler Michel Le Blon (1587–1656) fertigte.[10]
Im Vergleich zeigt sich eine gewisse gestalterische Ähnlichkeit mit der Regensburger Wandmalerei, aber eine direkte Übernahme der Graphikvorlage ist nicht erkennbar.
Die Südwand: dokumentierte, nicht konservierte Fassung des 18. Jahrhunderts
Die ehemalige Wandgestaltung des 18. Jahrhunderts entspricht in seiner Einteilung mit gerahmten Dekorfeldern, in denen sich Blumengehänge und Blumenranken befinden, grundsätzlich der Machart auf der Nordwand, wodurch die ehemals bestehende Einheitlichkeit des Raumes zumindest angedeutet ist.
Supraporte: Landschaftsszenerie mit Wolkenhimmel, Bäumen und Gebäudeensemble
In der Supraporte war eine Landschaftsszenerie mit Wolkenhimmel dargestellt, in deren Vordergrund zwei Einzelbäume zu sehen waren. Auf der bildlinken Seite und im Hintergrund stand ein Haus mit Satteldach und ein Gebäudeensemble.
Das Römerzimmer: Beschreibung, Maße, Datierung und Technik
Beschreibung, Maße und Datierung
Das Römerzimmer ist über den nördlichen Innenhof von der Krebsgasse aus erreichbar. Eine barocke Treppe führt in die große Halle im 1. Obergeschosses, der als großräumiger Verteiler-Raum fungiert. Von hier aus gelangt man über einen kleinen Vorraum in das südwestlich gelegene Römerzimmer, benannt nach den in den Fenstergewänden auf der Westseite dargestellten Imperatorenbüsten.
Der Raum hat stattliche Ausmaße mit einer Länge von 10,2m, einer Breite von 7,2m und einer Höhe von knapp 3m (2,92) und dürfte weniger zum (bequemen) Wohnen als zum (angemessenen) Repräsentieren gedient haben. Diese Vermutung verstärkt nicht nur die hochwertige Dekorationsmalerei der Westwand im typischen Stil der Zeit um 1725/30, sondern vor allem die in den Fenstergewänden aufgemalten Büsten römischer Imperatoren.
Die Restauratoren gingen von einer Entstehungszeit um 1725–1730 aus. Dabei argumentierten sie nicht allein stilistisch, sondern stützten sich auf ihre Befunduntersuchungen: „In den uns vorliegenden Malereien finden wir ein blaugrünes Pigment im Blattwerk, bei dem es sich, aus Vergleichsproben feststellbar [...] um ein Berliner Preußischblau handelt. Dieses Pigment wurde erst ab etwa 1725 stark verbreitet in der Malerei eingesetzt. In der Wandmalerei allerdings sehr selten.“[9]
Technik
Die Wandmalereien im Römerzimmer sind in Seccotechnik ausgeführt. „Der Unterschied zur Freskotechnik besteht [...] darin, dass auf durchgetrockneten Untergrund gemalt wird, mit Kalk-, Leim-, Kasein-, Öl-, oder Temperafarben.“[11]
Die Westwand: römische Kaiser
Die Westwand mit ihren beiden Fensteröffnungen ist die einzige der vier Wände, die in ihrem gesamten Wandkontinuum konservatorisch gesichert und damit als bedeutendes Zeitdokument erhalten ist.
Die gedankliche Konzeption der Wandgestaltung lebt von dem Gegensatz der großformatigen Dekorflächen auf den drei Wandabschnitten, die sich auf eklatante Weise von der Geometrisierung der zeitlich früher datierbaren Stuckdecke mit ihren vier Feldern und konkaver Eckbildung unterscheiden.
Auf die Fenstergewände sind hingegen die Darstellungen von römischen Kaisern gemalen, deren Motivik wie formale Ausführung an einen Auftraggeber denken lassen, der sich in die Lage versetzt sah, einen zeittypischen anspruchsvollen Lebensstil mit repräsentativen Aufgaben, z.B. zeremoniellem Empfängen, zu führen, der gleichzeitig mit einer „glanzvollen Selbstdarstellung“[12] verbunden war.
Die Restauratoren schlugen eine Entstehungszeit um 1725–1730 vor. Dabei argumentierten sie nicht stilistisch, sondern stützen sich auf ihre Befunduntersuchungen: „In den uns vorliegenden Malereien finden wir ein blaugrünes Pigment im Blattwerk, bei dem es sich, aus Vergleichsproben feststellbar [...] um ein Berliner Preußischblau handelt. Dieses Pigment wurde erst ab etwa 1725 stark verbreitet in der Malerei eingesetzt. In der Wandmalerei allerdings sehr selten.“[9]
Der ausführende Künstler wollte nicht nur das der neuesten Mode entsprechende Dekorsystem auf die Wand malen, sondern auch eine kompositorisch etwas anspruchsvollere Symmetrie, mit betonter Mitte, schaffen.
Südliches Wandfeld: Bandelwerk
Der gestalterische Aufbau des Wandfeldes rezipiert und variiert gleichzeitig die zur Ausstattungszeit um 1725/30 in Deutschland sehr beliebte Ornamentik des Bandelwerks.[13]
In Regensburg ist ein symmetrisch angeordnetes Dekorsystem erkennbar, deren Hauptelemente einerseits die stilisierte Akanthusranke und andererseits das Bandelwerk ist. Hierbei bilden die Ranken das stützende und das Feld rahmende Gerüst.
Aus den trompetenartigen Kelchen entwinden sich feingliedrige Bänder, die in der Binnenfläche drei Zentren ausbilden: Ein konkaves Rautenmuster, ein Bandschild, das sich aus einer Überkreuzung der Bänder ergibt und eine Fächerform ganz oben.
Mittleres Wandfeld: Ornamentfeld mit Frucht- und Obstschale
Der Aufbau und die verwendete Motivik des mittleren Wandabschnittes entspricht mit gewissen Veränderungen den seitlichen Abschnitten.
Trotz dieser Übereinstimmungen ergeben sich doch Unterschiede in der gestalterischen Auffassung und Erscheinung. Erheblichen Anteil daran hat die proportionale Veränderung der Ornamente auf der hellen Hintergrundfläche, die einen großzügiger wirkenden Effekt ergeben, der sich von der formalen Gedrängtheit der Seiten deutlich unterscheidet.
Verändert ist auch die Ausgestaltung der drei Zentren, was am überdeutlichsten im unteren und oberen Wandbereich sich zeigt. Unten schließt das Bandoval eine Raute mit ihren konkav geformten Seiten ein, während sie auf den Schmalseiten aus Platzmangel über das Oval hinausgreift.
Das Ornamentfeld endet oben mit der Darstellung einer konisch geformten, gerippten Frucht- und Obstschale mit Inhalt, welche die Fächerform der beiden Seiten ersetzt und motivisch die Mitte hervorhebt.
Nördliches Wandfeld: Bandelwerk
Das schmale, mit Ornamenten bemalte nördliche Wandfeld entspricht in seiner Gestaltung exakt demjenigen auf der Südseite.
Vorlage (freie Adaption): Jean Bérain (1637–1711)
Die Wandgestaltung in Regensburg orientiert sich ganz generell an der Ornamentform des Bandelwerkes, die „der in Paris tätige Lothringer Jean Bérain (1637–1711) [...] in bewußter Anlehnung an Werke des niederländischen Ornamentstichs, Arbeiten von Cornelius Floris (+1575) und Vredeman des Vries (+1623)“[13] miteinander verschmolzen hat.
„Die Grundlage der Schmuckformen Bérains ist das kurvierte Band. Es ist als Motiv von den deutschen Künstlern aufgenommen und zu etwas Eigenem abgewandelt.“[13]
Diese andere Auffassung zeigt sich auch in Regensburg. Zwei charakteristische Eigenheiten fallen auf: zum einen fehlen Elemente des in Frankreich häufig verwendeten Gitterwerkes, genauso sind figürliche Anteile und Fabelwesen sowie Blumengirlanden absent.
Zum anderen strukturiert in Regensburg die Pflanzenranke den Dekoraufbau, eine gänzlich andere Auffassung als im Ursprungsland Frankreich, wo das Bandelwerk diese Rolle erfüllt.
Diese strukturelle sowie motivische Umgewichtung findet sich in Deutschland bei Johann Leonhard Eysler (1672–1733), der um 1715 „seine Hefte mit ,Neu inventiertem Laub- und Bandelwerk [...] geschaffen [hat]. Friese, Ränder, Zierflächen in mannigfachen Variierungen des kurvierten Bandes, durchflochten von fein gegliedertem und wohldurchformten Akanthus, verdankt er zu einem großen Teil den Anregungen Bérains, wenn auch diese Anregungen schöpferisch verarbeitet und zu etwas Eigenem durchgestaltet worden sind.“[13]
Ob allerdings diese gestalterische Nähe von Eysslers Graphik zur Regensburger Ausstattung für den ausführenden Künstler tatsächlich ein direktes Vorbild abgab oder ob andere Einflüsse bestimmend blieben, kann hier nicht entschieden werden. Auf alle Fälle hat er die Vorlagen nicht sklavisch kopiert, sondern auf eigene Weise für die Raumgestaltung phantasievoll umgesetzt.
Nördliche und südliche Fenstergewände: römische Kaiserbüsten
Die Gewände des Süd- und Nordfensters sind in ihrer Aufbaustruktur, Motivik und malerischen Ausführung identisch.
Alle vier hochrechteckigen Leibungsbahnen werden von den mittig platzierten Büsten eines römischen Imperators in zwei Hälften geteilt. Sie tragen das Paludamentum,[14] die Feldherrntracht, ihre Gesichter sind bartlos und verleihen ihnen einen jugendlichen Ausdruck. Auf ihrem Haupt tragen sie einen Lorbeerkranz, der ihnen als „Sieges-, Ruhmes- und Ehren[zeichen] gewunden“[15] wurde. Die Köpfe hinterfangen große Muscheln. An den einander sich gleichenden Gesichtern ist kein genau benennbaren Kaiser dargestellt, sondern die Büsten sind als Idealbildnisse zu verstehen.
Die oberen Hälften der Leibungen beinhalten zwei Motive: zum einen ganz oben Baldachine mit herunterhängenden Fransen, die als Zeichen der Nobilitierung und Würde dienen. Zum anderen sind darunter Blätterarrangements zu sehen, dem Akanthusranken entwachsen, die sich x-förmig ausbreiten. Die unteren Feldhälften zeigen voluminöse, mit Äpfel bestückte Fruchtgirlanden, die an den Büstensockeln hängen. Den Abschluss bildet je ein fleischiges Akanthusblatt. Begrenzt werden alle vier Hochrechtfelder von schmalen Leisten, die ihnen dadurch einen Rahmen geben und sie gleichzeitig von der Wandgrundfläche unterscheiden.
Nördliche und südliche Fensterstürze
Die beiden Fensterstürze des Süd- und Nordfensters sind in ihrer Darstellung gleich. Das wesentliche Zierelement sind sich rankende, schlaufenbildende Akanthusblätter, die Dreiblatt-Gruppen umfangen. Die Anordnung beider Ornamente folgt einer doppelt symmetrischen Struktur entlang der Bild-Längsachse und –Querachse.
Nordöstliche Ecke
In der nordöstlichen Ecke des Römerzimmers befand sich ehemals ein Kamin, weshalb das Deckengesims an dieser Stelle schräg verläuft. Am Übergang der beiden geraden Wände zur Schräge befindet sich ein dreieckiges Dekorfeld, in dem die Ornamentformen der Rocaille sich ausbreiten. Dessen Leitmotiv, die C-Bögen, kombiniert mit Muschelwerk, bilden ein unregelmäßiges Gebilde aus, das weißes Blattwerk umrankt.
Dieser Ornamentstil nahm seinen Ursprung im Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts und dehnte sich in Europa aus. „Unter dem Einfluss der verbreiteten theoretischen Abhandlungen, der ornamentalen Musterblätter, aber auch durch die vielen Auslandsreisen der Künstler, überhaupt durch den Austausch von Kunst, entstand ein internationales Rokoko als Ausstattungsstil verschiedener Facetten, aber von homogener Grundstruktur.“[16]
Mit aller gebotenen Vorsicht ist dieses Dekorfeld stilistisch in die Zeit um 1740–1750 zu datieren.[17]
Der Auftraggeber: Johann Friedrich von Schönberg (1691–1762)? Der Künstler: unbekannt
Ein konkreter Auftraggeber ist mangels archivalischer Forschung nicht benennbar. Aufgrund äußerer, miteinander kombinierbarer Umstände soll hier ein diesbezüglicher Vorschlag gewagt werden:
Es ist bekannt, dass in der Krebsgasse 6 „von 1725 bis 1749 [...] der kursächsiche Gesandte beim Immerwährenden Reichstag, Johann Friedrich von Schönberg“[4](1691–1762) dort wohnte.
„Von den 70 Anwesenden traten die Gesandten der Freien Reichstädte, allesamt Bürgerliche, und die der kleinen, weniger bedeutenden Fürsten relativ bescheiden auf; sie hatten meist nur ein, zwei Begleiter als Sekretäre und Berater bei sich. Wer sich in großem Stil repräsentierte, das waren die adeligen Vertreter der mächtigen Fürsten des Reichs, der Kurfürsten zumal, vor allem dann, wenn ihre Herren in Personalunion gleichzeitig außerhalb des Reichs amtierten und regierten, wie zum Beispiel der Kurfürst von Hannover als König von England oder der Kurfürst von Sachsen als König von Polen.“[18]
Diesem Repräsentationsbedürfnis scheint auch die in dem Raum vorhandene Dekorationsmalerei und vor allem die Darstellung der antiken Imperatorenbüsten inhaltlich zu entsprechen. Sie verweisen durch ihre Anwesenheit auf den universalen Anspruch mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Kaiser, ihre Herrschaft in der Nachfolge der antik-römischen Imperatoren zu legitimieren und auszuüben. Zur Zeit der Gesandtentätigkeit von Johann Friedrich von Schönburg auf dem Immerwährenden Reichstag in Regensburg waren dies Kaiser Karl VI. (reg. 1711–1740) und Karl VII. (reg. 1742–1745).
Künstler
Ein namentlich bekannter Künstler ist nicht überliefert.
Sanierung/ Renovierung
Eine umfassende Sanierung und Renovierung des ehemaligen Gasthauses ,Blauer Krebs‘ führte man 1980–83 durch. Begleitend erforschte man die Baugeschichte des Gebäudes.
Bibliographie
- Bauer, Regensburg, 2014 — Bauer, Karl: Regensburg. Kunst-, Kultur- und Alltagsgeschichte, Regenstauf 2014 (6. Auflage)
- Bauer/Sedlmayr, Rokoko, 1991 — Bauer, Hermann/Sedlmayr, Hans: Rokoko. Struktur und Wesen einer europäischen Epoche, Köln 1991
- Bleibaum, Bandelwerk, 1937 — Bleibaum, Friedrich: Bandelwerk (Laub- und Bandelwerk), in: Schmitt, Otto: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, Band 1, Stuttgart 1937 (=https://www.rdklabor.de/w/index.php?title=Bandelwerk_(Laub-_und_Bandelwerk)&oldid=89321)
- Drexler/Hubel, Regensburg, 2008 — Drexler, Jolanda/Hubel, Achim: Bayern V. Regensburg und die Oberpfalz (=Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler), München/Berlin 2008 (2. Auflage)
- Freitag, Regensburg, 2022 — Freitag, Matthias: Regensburg. Kleine Stadtgeschichte, Regensburg 2022 (6. Auflage)
- Kretschmer, Lexikon, 2008 — Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart 2008
- Oppermann, Paludamentum, 2013 — Oppermann, Siemer: Paludamentum, in: Ziegler, Konrat/Sontheimer, Walther (Hgg.): Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike, Stuttgart 2013, Band 4
- Strehler, Bericht, o.J. — Strehler, Heinz: Bericht, in: BLfD (Archiv): Ordner: Wand 5: Regensburg, Opf., Krebsgasse 6: Bericht zur Abnahme und Restaurierung, o.J.
- Strehler, Befundergebnisse, 1980–83 — Strehler, Heinz: Bericht, in: BLfD (Archiv): Ordner: Wand 6: Regensburg, Opf., Krebsgasse 6: Zusammenfassung der Befundergebnisse und Restaurierungsmaßnahmen, München 1980–83
Einzelnachweise
- ↑ Drexler/Hubel, Regensburg, 2008, S. 648.
- ↑ Bauer, Regensburg, 2014, S. 294.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 Drexler/Hubel, Regensburg, 2008, S. 654.
- ↑ 4,0 4,1 Bauer, Regensburg, 2014, S. 311.
- ↑ Bauer, Regensburg, 2014, S. 319.
- ↑ Strehler, Bericht, o.J.
- ↑ Eine intensive Recherche in Siebmachers Wappenbücher blieb ohne Ergebnis.
- ↑ Strehler, Befundergebnisse, 1980–83, S. 3.
- ↑ 9,0 9,1 9,2 Strehler, Bericht, o.J., S. 4.
- ↑ Abbildung in: Strehler, Befundergebnisse, 1980–83, Anhang.
- ↑ Strehler, Bericht, o.J., S., S. 14.
- ↑ Freitag, Regensburg, 2022, S. 118.
- ↑ 13,0 13,1 13,2 13,3 Bleibaum, Bandelwerk, 1937, o.S.
- ↑ Oppermann, Paludamentum, 2013, Spalte 1584.
- ↑ Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 270.
- ↑ Bauer/Sedlmayr, Rokoko, 1991, S. 83.
- ↑ Zur Problematik der Datierung von Rocaillen: Bauer/Sedlmayr, Rokoko, 1991, S. 82.
- ↑ Freitag, Regensburg, 2022, S. 119.