Prittriching, Pfarrkirche St. Peter und Paul


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 191–198, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei dem Augustiner-Chorherrenstift Dießen inkorporiert

Patrozinium: St. Peter und Paul

Zum Bauwerk: Spätgotischer Bau, 1753 umgestaltet, wie es das Chronogramm am Chorbogen angibt: MAGNI /DEI ECCLESIA. Als Auftraggeber ist vielleicht Propst Herkulan Karg von Dießen (1728–55) anzusehen. – Einfacher Saal zu vier Jochen, Doppelempore im Westen; eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß

Autor und Entstehungszeit: Fresko A ist in der nordwestlichen Ecke signiert: Joh: Anwander p. (Johann Baptist Anwander aus Lauingen, * 1715 † 1770). Zu dem Fresko gibt es eine Entwurfsskizze, Öl auf Papier auf Lw., 548 × 372 mm, Bayerisches Nationalmuseum, München, Sammlung W. Reuschel (Reuschel, Kat. Nr. 2, S. 12f. mit Abb.). – Die Fresken an den Emporenbrüstungen zeigen folgende Signaturen: EB1 rechts unten Joh: Anwander p:, EB6 auf dem Schiffsbauch die Initialen JA (ligiert). Die Fresken sind in der Zeit der barocken Umgestaltung gemalt worden, deren Beendigung durch das Chronogramm für das Jahr 1753 angegeben ist.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs gedrückte Tonne mit Stichkappen, AR Tonne mit Stichkappen, gegen O gemuldet

Rahmen: A Ornamentiertes Stuckprofil, von Rocaillen unterbrochen, B Stuckprofil, von Rocailleornamenten überspielt, A1-4, B1-4, Ba-b Rocaille-Kartuschen

Technik: Fresko; A, B, EB1-6 polychrom, A1-4 Grisaillen auf Goldgrund, B1-4 monochrom rosa, Ba-b Grisaillen auf Goldgrund

Maße: A Höhe 9,70 m; 10,00 × 5,70 B Höhe 9,65 m; 6,70 × 4,00

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Wie aus den Akten des B.L.f.D. und dem Bericht Steichele-Schröders hervorgeht, wurden die Deckenbilder 1853 zugetüncht und die Chorbogeninschrift verändert. 1912 deckte Kögl die Fresken und wahrscheinlich auch das ursprüngliche Chronogramm wieder auf; 1933 weitere Restaurierung der Fresken durch E. Vogt. Letzte Restaurierung 1964 (frdl. Mitt. Pfarramt Prittriching).

Beschreibung und Ikonographie

A MARTYRIUM PETRI UND PAULI Das Bildfeld erstreckt sich über die drei östlichen Gewölbejoche des Gemeinderaumes. Die Konstruktion der umlaufenden Szenerie ist annähernd zentralperspektivisch, jedoch - besonders bei den Hintergrundsarchitekturen – nicht konsequent durchgeführt. Alle vier Bildseiten haben inhaltlich und kompositionell etwa das gleiche Gewicht; die traditionelle Hauptansichtsseite gegen Osten ist lediglich dadurch ausgezeichnet, daß sich auf diese die himmlische Erscheinung der Divina Providentia bezieht.

An den Schmalseiten des Freskos ist das Martyrium der beiden Apostel wiedergegeben, im O die Aufrichtung des Kreuzes Petri, im W die Enthauptung Pauli. Das abgeschlagene Haupt des Heiligen springt zum Entsetzen der Soldaten und Zuschauer dreimal auf und hinterläßt am Boden drei Milchquellen.

 

Die beiden Längsseiten des Freskos zeigen in theatralischen Aufzügen Szenen, die dem Martertod der Apostel unmittelbar vorausgehen: An der N-Seite die Gerichtsszene: Der römische Kaiser thront gebieterisch auf seinem marmornen triumphalen Prunksitz, umgeben von heidnischen Priestern, Senatoren und einem jüdischen Hohenpriester. Zur Seite des Thronbaues die Statue Jupiters. Links wird der hl. Petrus – bis auf einen Lendenschurz entkleidet – an einer Geißelsäule mit Ruten geschlagen. Rechts wird der hl. Paulus, halb entblößt, an eine Geißelsäule herangeführt. – Römische Palastbauten bilden die Hintergrundskulisse der ganz symmetrisch, pomphaft gemalten Szene.

An der Südseite ist der Abschied Petri und Pauli vor einem Stadttor Roms wiedergegeben. Ein großes Aufgebot an Soldaten, beritten und zu Fuß, trennt die Apostelfürsten und bringt sie zu ihren Richtstätten. Links wird das Marterinstrument Petri, das Kreuz, vorangetragen.

Die beiden Apostel sind in den vier Szenen typmäßig kaum differenziert, sie sind als bärtige, weißhaarige Greise – mit fast gleicher Haartracht! – charakterisiert, nur in der Enthauptungsszene ist der Kopf Pauli mit dunklem Haar wiedergegeben. In der Abschiedsszene zeigen die Gewänder etwa die traditionellen Farben: Petrus trägt über dem blauen Gewand einen hellen rosagetönten Umhang (eigentliche Farben Blau und Gelb), Paulus ist in Grün und Rot gekleidet. (Die gleichen Gewandfarben treten im Altarraumfresko B auf, dort ist Paulus wie in der Enthauptungsszene dunkelhaarig charakterisiert.)

Die Marterszenen sind trotz der kulissenartigen Versatzstücke in den Ecken des Bildfeldes untereinander verbunden; von dem Abschied der Apostel wird die Handlung zu den Hinrichtungsszenen fortgeführt. In sich geschlossen ist die Gerichtsszene. Die einander gegenüberliegenden Szenen der Längsseiten zeigen beide eine starke Betonung der Mittelachse und sind streng symmetrisch gebaut.

In dem langgestreckten Himmelsfeld kommt die durchscheinend hell gemalte, kleine Gestalt der Divina Providentia wenig zur Geltung. Sie ist umgeben von Engeln mit Spruchbändern und Attributen. Allein der Engel mit dem lorbeerumwundenen Schwert Pauli ist in größerem Maßstab und in kräftigeren Farben gemalt und dadurch formal auf die irdischen Marterszenen bezogen.

In der Farbigkeit fällt der Kontrast zwischen den kräftigen, warmen Braun- und Grüntönen des Vordergrunds – der szenischen Handlungen – und dem hellen, kühlen, wenig nuancierten Grau des Hintergrunds – landschaftliche Szenerie oder Architekturen – auf. Die Buntfarben sind in die warme Braun-Grün-Skala eingebunden. Der Himmel ist fahl, in weißlichen Grautönen gemalt.

A1-4 KARDINALTUGENDEN Vier Kartuschen begleiten das Hauptbild im N und S an den Gewölbezwickeln. Es sind Dreiviertelfiguren vor goldornamentiertem Hintergrund.

B FIDES-ECCLESIA. DIE INSTITUTION DER KIRCHE Das Altarraumfresko ist einansichtig komponiert, der Betrachterstandort liegt ungefähr unterhalb der liturgischen Deckenöffnung am westlichen Rand des Bildes. Der Bildschauplatz ist in Untersichtsperspektive konstruiert.

Eine hochgezogene Draperie gibt den Blick frei in einen prächtvollen Kirchenraum. Ein Thron auf einem konvex geschwungenen Stufenpodest steht in der Mitte einer überkuppelten Vierung. Die vorderen Vierungspfeiler sind mit gewundenen Säulen geschmückt, die Bogenlaibungen und Pendentifs goldgeziert. In der lichten, tambourbegrenzten Kuppelöffnung schwebt die Geist-Taube. Das goldkassettierte Tonnengewölbe im Anschluß an den Vierungsraum, die lichte Kuppel und die säulenbesetzten Pfeiler geben der Bildarchitektur den würdevoll-feierlichen Charakter eines Thronbaldachins.

Der goldene Thron wird von den plastischen Bildern der vier Evangelistensymbole flankiert, seine Lehne ist durch einen strahlenden Hostienkelch ausgezeichnet. Den Sitz des Thrones nimmt die in Violettrot und Blau gekleidete Personifikation Fides-Ecclesia ein (der Hostienkelch ist spezifisches Attribut der Fides und bezieht sich zugleich auf den Altar als die liturgische Stätte des Meßopfers). Fides-Ecclesia überreicht die Schlüssel der Kirche Christi Petrus zu ihrer Rechten und streckt die Linke zu Paulus – an der anderen Seite des Thrones – hin aus. Schwebende Putti tragen die Attribute der Apostel, Tiara und Papstkreuz, die Insignien des ersten Stellvertreters Christi für Petrus, für Paulus jedoch zwei ungewöhnliche, nicht individuelle, sondern sinnbildhafte »Attribute«, einen Pilgerstab und ein großes, goldenes Gefäß.

Paulus zeigt auf eine Schriftstelle aus einem seiner Briefe: »MANENT / FIDES / SPES / ET / CHARITAS / [1 Cor. 13,13].« Diese drei göttlichen Tugenden sind auch figürlich dargestellt: Fides(-Ecclesia) auf dem Thron, Spes links bei Petrus mit dem Anker und einem brennenden Herz, das sie wie Caritas – rechts bei Paulus – der (Fides-)Ecclesia darbietet. Caritas ist durch ein weiteres Herz – ihrem spezifischen Attribut – auf dem Haupt bezeichnet. Unten, auf dem Stufenpodest, sind die Personifikationen der vier Erdteile um den Erdball geschart und huldigen Ecclesia, der Kirche als Institution Christi. Europa im Königsornat, begleitet von einem Pagen, dazu ein Pferd. Asia, eine männliche Figur in fürstlichem Gewand, ebenfalls mit Pagen, dazu ein Elefant. America schwarzhäutig mit Federkrone und Krokodil, schließlich Africa dunkelhäutig und perlengeschmückt.

Zu den Seiten der Thronarchitektur stürzen schildbewehrte Engel die Teufel und Feinde Gottes (Häretiker) in die Tiefe.

Das Altarraumfresko hat einen prächtig-feierlichen Farbcharakter. Von den Grundfarben Marmorweiß und Ocker heben sich Marmorrot und Gold in der Architektur, Violettrot, leuchtendes Blau und Grün in den Gewändern der Hauptfiguren und in der Draperie wirkungsvoll ab.

 
Martyrium Petri und Pauli
 
EB4 Predigt des Paulus auf dem Areopag

B1-4 und B3-b Vier monochrom-rosa gemalte Embleme (B1-4) und zwei als Grisaillen auf Goldgrund gemalte Tugend-Personifikationen (B3-b) umgeben das Altarraumfresko.

EB1-6 PETRUS- UND PAULUS-SZENEN An der oberen Emporenbrüstung befinden sich drei Petrusszenen. Die mittlere (EB2) gibt die Berufung Petri und seines Bruders Andreas am See Genezareth (Mt 4,18-20) wieder. Jesus ruft die Fischer im Boot vom Ufer des Sees aus an. – Die linke Szene (EB1) zeigt die Bekehrung des Hauptmannes Cornelius, des ersten Nichtjuden (Act 10). Der Hauptmann, gekennzeichnet durch Brustpanzer, Lanze und Helm, fällt auf den Stufen seines Palastes dem Apostel Petrus zu Füßen. Die Begleitfiguren, Frauen, ein Kind und Soldaten, stellen wohl die Verwandten und Freunde des Hauptmannes dar, die sich mit Cornelius taufen ließen. – Die rechte Szene (EB3) gibt ein Wunder Petri wieder, es handelt sich wahrscheinlich um die Heilung des bettlägerigen, gichtkranken Äneas zu Lydia (Act 9,33–34). Die unteren Freskobilder sind Paulus gewidmet: Die mittlere Szene (EB5) gibt analog zu der Berufungsszene darüber die Bekehrung des Saulus wieder. Auf dem Weg nach Damaskus, von der himmlischen Lichterscheinung Christi getroffen, stürzt er mit seinem Pferd zu Boden (Act 9,1-8). Links (EB4) ist Paulus — ähnlich wie Petrus über ihm — als Apostel und Lehrer der Heiden dargestellt, und zwar ist die Predigt vor den Athenern auf dem Areopag wiedergegeben (Act 17,19-34). Darauf weist die Inschrift auf einem Sockel DEO / IGNOTO (Act 17,23). EB6 rechts gibt schließlich, wie in der Szene darüber, ein Wunder wieder. Der schiffbrüchige Paulus, dem beim Reisigsammeln auf Malta eine Schlange an die Hand fährt, wirft diese vor den Augen seiner Schiffsgefährten und der Inselbewohner unbeschadet ins Feuer (Act 28,1-7). Der Oberste der Insel ist hier in orientalischen Tracht wiedergegeben.

 
 
 
 
EB2 Berufung der Apostel Petrus und Andrea
 
 
EB Schlangenwunder des Paulus

Ergänzungen zur Ikonographie und Ikonologie

- 5 - - - - - - - - - - - - - - - - - - A MARTYRIUM PETRI UND PAULI Die apokryph-legendären Martyriumsberichte enthalten in der Redaktion Ribadeneiras die in Prittriching dargestellten Motive: die Verurteilung durch den Kaiser, die Geißelung beider Apostel, den Abschied der Apostel voneinander vor der Porta Ostiense und die Hinrichtung, die Kreuzigung Petri (Ribadeneira-Hornig Bd 1, 29. Juni, Petrus, S. 899), sowie die Enthauptung des Römers Paulus mit folgenden Wundern: das Ausströmen von Milch statt Blut und das Entspringen dreier Quellen an den Stellen, wo das abgeschlagene Haupt aufgesprungen ist (loc. cit., 30. Juni, Paulus, S. 912 f.).

Im Himmelszentrum erscheint Divina Providentia, oberhalb wird ein Spruchband sichtbar QUIS SEPARABIT Rom Cap. 8 U. 35 (vgl. Rom 8,33-36: »Quis accusabi adversus electos Dei? Deus qui iustificat, quis est qui con demnet? Christus Jesus, qui mortuus est, immo qui et re

surrexit, qui est ad dexteram Dei, qui etiam interpellat pro nobis. Quis ergo nos separabit a charitate Christi? tribulatio? an angustia? an fames? an nuditas? an periculum? an persecutio? an gladius? Sicut scriptum est: Quia propter te mortificamur tota die: Aestimati sumus sicut oves occisionis.«) Die Worte des Apostels Paulus geben den Grundgehalt der Darstellung an und werden direkt auf die Passio der beiden Apostel bezogen. AN / ANGUSTIA / Rom Cap. 8 / U. 35 — steht in der Inschriftkartusche unterhalb der Abschiedsszene. AN / NUDITAS / Rom Cap. 8 / U. 35 - folgt bei der Gerichtsszene, welche die fast ganz entkleideten Apostel zeigt, und AN / GLADIUS bei der Enthauptungsszene. Die Kartusche unterhalb der Kreuzigung Petri enthält keine Inschrift (vielleicht zerstört?). Die Nichtigkeit des kaiserlichen Urteils wird durch eine kleine Himmelsszene demonstriert: Ein Engel oberhalb des Kaiserthrones zerreißt ein versiegeltes Schreiben mit den römischen Insignien SP/QR.

 
 
 
 
53

A1-4 Die Darstellung der vier durch Unterschriften benannten Kardinaltugenden weisen Zitate mit Aussagen über diese Tugenden aus den Briefen der beiden Apostel aut.

Ai Justitia mit Schwert und Waage – den geläufiger Attributen. Auf einer Waagschale liegt ein verschnürtes Päckchen, darüber ein Schriftband OPERA BO (= BONA?) IN / IUSTITIA - ... ISI / IN D... / IUSTITIA QUAE - IUSTITIA QUAE EST EXFU (=FIDE) / PA [il 3] U [9] (vgl. Phil 3,9: »et inveniar in illo non habens meam iustitiam quae ex lege est, sed illam, quae ex fide est Christi Jesu: quae ex Deo est iustitia in fide«. Das erste stark verstümmelte [veränderte?] Zitat könnte aus dem Brief an die Römer stammen, vgl. Rom 3,21; 9,30; 10,3-5). A2 Die Personifikation Prudentia hält eine Fackel, um die sich eine Schlange (vgl. Mt 10, 16) windet. Sie trägt die Sonne als Schmuck an einer Kette – die Sonne ist für Sapientia ein geläufiges Symbol. Das Lot auf dem Sockel weist bildhaft auf das rechte Maß des wägenden-auslotenden Verstandes hin (vgl. auch Ripas Erläuterungen zum »archipendolo« bei Etica, Ausgabe Rom 1603). IN / PRUDENTIA - VT / PRUDENTIAM / DOCEANT / Tit 12 / U 4 (= Tit 2,4, vgl. Tit 2,2: »Senes ut sobrii sint. pudici, prudentes, sani in fide, in dilectione, in patientia...: ut prudentiam doceant adolescentulas . . . «).

As Abstinentia hält Zaum und Zügel in Händen – die Temperantia-Attribute. IN / ABSTINENTIA / Petr Car 1/ U.6 (= 2 Petr 1, 6, vgl. 2 Petr 1, 5–7: »Vos autem curam omnem subinferentes, ministrate in fide vestra virtutem, ir virtute autem scientiam, in scientia autem abstinentiam in abstinentia autem patientiam, in patientia autem pietatem, in pietate autem amorem fraternitatis, in amore autem fraternitatis charitatem.«) — ABSTINERE VOS / A DESIDERIIS / 1 Pet. 2 (= 1 Petr 2,11: »Charissimi, obs desideriis, quae militant adversus animam . . . «).

A4 Fortitudo trägt Helm und Löwenfell - die Fortitudo Attribute. Außerdem hält sie Schwert und Kreuz in der Rechten und hat neben sich Geißelsäule, Strick, Kette und Rute – die Marterinstrumente der Apostel. IN/FORTITUDINE. – IN PASSIONIBUS /Coloss/C.1.24. (»Ou

nunc gaudeo in passionibus pro vobis, et adimpleo e quae desunt passionum Christi, in carne mea pro corpor eius quod est Ecclesia . . . «) Die Inschrift steht auf der Marterkreuz.

Alle vier Kardinaltugenden sind im Sinne des Aposteltugend- und Apostellehramt-Programmes abgewandel worden. Die klassische Kardinaltugend Temperantia ist zwar mit deren üblichen allegorischen Attributen ausgestattet, jedoch Abstinentia benannt worden und bezeichnet so eine sinnverwandte, spezifisch religiöse Tugend. – Die Observanz der Tugenden bis zur Selbstaufgabe ist das feste Band zur Liebe Gottes – diese religiöse Wahrheit gibt dem Martyrium der Apostel seinen Sinn.

b FIDES—ECCLESIA. DIE INSTITUTION DER KIRCHE Die Worte Christi, »Et ego dico tibi, quia tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam et portae inferi non praevalebunt adversus eam. Et tibi dabo claves regni caelorum . . . « (Mt 16, 18-19), theologisch als die Institution der katholischen Kirche durch Christus gedeutet, geben den Grundgehalt des Bildes im Altarraum an. Die Darstellung zeigt jedoch nicht die traditionelle Szene der Schlüsselübergabe Christi an Petrus im Kreise der übrigen Apostel – eine genaue Illustrierung des biblischen Berichtes und der biblischen Metaphern. sondern die Kirche selbst und die Apostelfürsten als Stellvertreter Christi und damit auch der Kirche Christi werden in einer eigenen allegorischen Szene dargestellt. Paulus ist dabei Petrus gleichrangig gegenübergestellt, während bei der biblischen Schlüsselübergabe Paulus fehlt. Es ist die auf der Offenbarung Gottes im Neuen Testament (die vier Evangelistensymbole am Thron) als ihrem Fundament ruhende Kirche, unter der Führung des Heiligen Geistes (Geist-Taube in der Kuppel), getragen von den drei göttlichen Tugenden, dem Glauben an den Erlöser Christus, der in der Eucharistie immer gegenwärtig ist (Hostienkelch), die Hoffnung auf Gott und die Liebe zu Gott. Es ist die konkrete, historische Kirche Roms (die Bildarchitektur nimmt deutlich auf St. Peter zu Rom Bezug) mit ihren historischen Vertretern: Petrus als das von Christus erwählte erste Haupt seiner Kirche und neben ihm Paulus als der von Christus erwählte Apostel der Völker. Die Papstinsignien weisen auf die rechtmäßige Nachfolge der Päpste dieser Kirche hin. Die Worte Christi auf den Schilden der Engel PORTAE INFERI / Matth C 16. U. 18 - NON PRAEVALEBUNT / Matth C. 16 U. 18 bestätigen die Kirche in ihrer historischen Existenz und Aufgabe. Die Kirche Roms wird in ihrer globalen Bedeutung gezeigt, die vier Erdteile huldigen ihr.

Die sinnbildhaften Attribute Pauli sind vielleicht folgendermaßen zu deuten: Der Pilgerstab bezeichnet Paulus als den auf steter Wanderschaft missionierenden Apostel der Heiden. Die Wahl des Gefäßes als Bild knüpft offensichtlich bei einer Stelle in der Bekehrungsgeschichte des Paulus an. Dort wird Saulus in der Vision des Ananias vom Herrn bezeichnet als: »... vas electionis est mihi iste, u portet nomen meum coram gentibus, et regibus, et filii Israel.« (Act 9,15). Das goldene Gefäß im Fresko bezeichnet also die Auserwähltheit und Größe des Apostels Paulus. Beide Sinnbilder lassen sich mutatis mutandis auf die Kirche selbst beziehen – wie ja auch die klassischen Petrus-Attribute die Papst-Insignien

B1-4 Die vier Kartuschendarstellungen gehen in emblematisch-exegetischer Form auf die Bedeutung der Institution der Kirche und der Apostel als ihrer Vertreter ein: B1 INCLINATA RESURGIT.—Palmen in einer Landschaft. Deutung auf Apostel: Picinelli, s. v. palma, Liber 9, Nr. 341: »Servi Dei, quasvis calamitates collato pede. et generoso animo excipere soliti, palmae non absimiles se probant, quae pondere praegravata, epigraphen tenet INCLINATA RESURGO.« — Sinngemäß lässt sich das Emblem, obwohl bei Picinelli nicht angeführt, auch auf die Kirche in ihrer Unüberwindbarkeit durch die Verfolgungen anwenden

B2 INTACTA TRIUMPHAT. – Zwischen geknickten Bäumen ein aufrechter Lorbeerbaum in einer Landschaft. Eine Deutung auf die christliche Tugend gibt z. B. Joachim Camerarius, Symbolorum et Emblematum ex Re Herbaria . . ., Nürnberg 1590, Emblem Nr. 35: »Sic illaesa malis constat pulcherrima virtus: Laurus ut est diris integra fulminibus.« Der Lorbeer wird als einziger Baum vom Blitz verschont, die Tugend widersteht den Verfolgungen. In diesem Sinn ist das Emblem auf die Kirche wie auf die Apostel zu beziehen.

B3 FORTIOR AESTATE. - (wohl eigentlich fortior aestu – u. a. Brandung, Flut, Wogen von Gewässern.) – Felsen im wildbewegten Meer. Picinelli schreibt (s. v. scopulus, Liber 2, Nr. 637): »Animum generosum, et ad om nes hostium assultus imperterritum, scopulus, seu rupes ir mare eminens, repraesentat; cum lemmate inconcussa MANET.« Picinelli führt mehrere ähnliche Embleme auf, die sich alle auf die Standhaftigkeit und den furchtlosen Geist, auch direkt auf Martyrer beziehen.

Einen eindeutigen Bezug auf Ecclesia schafft das biblische Bild vom Felsen, das eine Anspielung auf Petrus, den Felsen, ist. Auch sonst ist der Bezug klar; Picinelli, s. v. mons Liber 2, Nr. 588: »NON MOVEBITUR«, oder s.v. insula Nr. 629: »IMMOBILIS IN MOBILI«, vgl. Nr. 630, und s.v scopulus. Nr. 655: »IN AETERNUM NON COMMOVEBITUR«.

B4 UNDIQUE FIRMA. – Pyramide auf einem Sockel in einer Landschaft. Picinelli gibt die Deutung (s. v. pyramis, Liber 16, Nr. 147): »Imperterritum ac immobilem animum e Pyramidis symbolo dignoscere licet, quae basi suae innixa, tametsi ventorum impetu tentetur, nunquam tamen prosternitur.« und Nr. 148: »Tametsi venti superbo ac concitato agmine adversus Pyramidem tumultuentur; illa tamen immota manet. Ita sapientis ac generosi hominis pectus nullo unquam adversantis fortunae impetu dimoveri se patitur.« Hier ist die Deutung Constantia; und speziell in unserem Fall bezieht sich das Emblem auf die Stärke und Standhaftigkeit der Heiligen im Martyrium.

Auf Ecclesia trifft eine Deutung zu, die Picinelli unter Nr. 147 gibt: »FRUSTRA. Res publica, supra Principum suorum prudentiam ac constantiam, ceu basin, stabilita, nullam unquam aliorum injuriam aut perniciem substinebit.« Statt Res publica kann hier ohne weiteres Ecclesia unter der Leitung ihrer klugen und standhaften Päpste – der Stellvertreter Christi – stehen.

Die Icones Palme, Pyramide, Fels und (Lorbeer-)Baum werden augenfällig durch die vier kulissenartigen Versatzstücke in den Ecken von Fresko A wiederholt und sollen sicher ebenfalls auf die Gleichsetzung Kirche Christi - Apostelfürsten Petrus und Paulus hinweisen. Während die Darstellungen von Palme, Pyramide und Fels eindeutige Wiederholungen sind, steht an Stelle des hochragenden Lorbeerbaumes im Emblem ein ziemlich entblätterter Baum im Martyriumsbild. Hier bietet sich vielleicht folgende Deutung auf die Martyrer-Apostel an: »CAESA ткіимрно« (Picinelli, s. v. laurus, liber 9, Nr. 211) »... Ат crebris falcibus incisa ac supputata, demum ramos, triumphantium coronis, aliisque festivis apparatibus sufficiendos progerminat. Ita ferrum in sanctos Martyres desaeviens ad felicissimos aeternae beatitatis triumphos assequendos iisdem deservit . . . «

 
 
 
 
 
 

Ba IN / TIMORE Die Personifikation Timor Dei ist als geflügelte Frau mit einem Kopfschleier wiedergegeben, sie erhebt ehrfurchtsvoll die Hände und hat ein weißes Häschen bei sich. Der Hase als Sinnbild der Ängstlichkeit ist als Attribut des Lasters Furchtsamkeit geläufig (vgl. Ripa, s. v. timidità, timore), hier ist er der Tugend der Furcht des Herrn, einer der sieben Gaben des Heiligen Geistes (Is 11,2), beigegeben.

Bb IN / AMORE Eine verschleierte weibliche Figur mit einem brennenden Herzen hebt den Blick zum Himmel, die Hände im Schoß gefaltet. Auf einem Podest steht ein Weihrauchgefäß. Das Herz ist das klassische Liebessymbol. Kleidung, Gebärde und Weihrauchfaß verweisen auf Adoratio (vgl. Ripa, s. v. oratione) und sinnentsprechend auch auf Pietas (Pietas ist auch eine der Geistesgaben). Diese Tugenden sind zu den drei göttlichen Tugenden (Apostel-)Tugenden Justitia, Prudentia, Abstinentia und Fortitudo in A1-4 sowie zu dem Grundgehalt der Fresken A und B in Beziehung zu setzen. In Fresko A kommt die Vorstellung von der Liebe Gottes, welcher der Mensch in Ehrfurcht begegnet und die er mit Liebe beantwortet, zentrale Bedeutung zu. In Fresko B implizieren die Stiftung der Kirche und die immerwährende Gegenwart Gottes seine Liebe. Die Liebe des Menschen zu Gott ist in den Personifikationen Caritas (in B) und Amor Dei (Bb) bildlich zum Ausdruck gebracht. - Die Furcht Gottes ist in Fresko B unter dem Aspekt der Furcht vor der Strafe Gottes, welche die Gottesfeinde trifft, vorgestellt - die Personifikation Timor Dei gibt die religiöse Tugend und Geistesgabe wieder.

Ausgehend von den apokryphen Leidensgeschichten Petri und Pauli wird in diesem Programm ein theologisches Bild von der Bedeutung der beiden Heiligen, ihrer Tugenden und ihrer Schriften entworfen – der Hochaltar mit der Inschrift APOSTO/LORUM GLORIA / ECCE schließlich zeigt Petrus und Paulus mit Maria als Fürbitter - und zugleich wieder ein Bild der Kirche selbst. Daß letzten Endes die Kirche als Institution Christi das Grundthema des Prittrichinger Programmes ist, zeigen die Worte am Chorbogen: Magni Dei Ecclesia.

Quellen und Literatur

KDB I OB (1), S. 538

Steichele-Schröder, Bd 2, S. 445 (Bridriching).

Schöttl, Julius, Der schwäbische Barockmaler Johann Anwander, in: Jahrbuch des historischen Vereins Dillingen 54, 1952, S. 177.

Reuschel, Wilhelm, Die Sammlung Wilhelm Reuschel. Ein Beitrag zur Geschichte der Barockmalerei, München 1963, S. 12 f.

Dehio-Gall OB (1964), S. 280.

Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 575 f., 580.

Merk, Anton, Johann Anwander (1715-70), ein schwäbischer Maler des Rokoko, ungedr. Diss. München 1975.