Polling, ehem. Augustiner-Chorherrenstift, Reliquienkapelle


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 451–455, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Ehem. Reliquienkapelle der Stiftskirche, sog. Achbergkapelle, heutige Sakristei

Patrozinium: Mariä Verkündigung

Zum Bauwerk: Der Raum wurde bei der Vergrößerung der Stiftskirche (ab 1621) im O an das um vier Kapellen erweiterte südliche Seitenschiff angebaut und unter Propst Claudius Plank 1672 als Heiltumskapelle eingerichtet; Neuausstattung 1764. Rechteckiger, annähernd quadratischer Raum; vier auf einem Mittelpfeiler und Wandpfeilern ruhende Kreuzgewölbe.

Auftraggeber: Propst Franz Töpsl von Polling (1744–96) dessen Wappen sich über einem Reliquienschrein befindet

Autor und Entstehungszeit: Signatur in B Baader pinxit / anno: 1764. Die Rechnungen von der Neuausstattung der Reliquien- oder Achbergkapelle liegen jetzt im Pfarrarchiv Walleshausen, wohin sie Johann Nepomuk Daisenberger, der letzte Propst von Polling, später Pfarrer in Walleshausen, brachte. Unter dem Jahr 1766/67 ist zu finden: »Herrn Johann Baptist Baader für Ausmalung der Kapellen nebst verschiedener anderer Arbeit mit Einschluß des douceurs 600 fl.« (zitiert nach Hofmann). Daisenberger erwähnt die Ausschmückung der Kapelle durch Baader und Zöpf in seinem »Monumentum gratitudinis« (S. 16).

Befund

Träger der Deckenmalerei: verschliffene Kreuzgratgewölbe ohne Gurtbögen

Rahmen: A, B, C, D Stuckprofil, durch Rocailleornamente unterbrochen; A1-2, B1-2, C1-2, D1-2 Rocaillekartuschen Technik: Öl auf Putz: A. B. C. D polychrom: A1-9 C1-9 monochrom blau-grün; B1-2 monochrom ocker-braun; D1-2 monochrom rot-ocker

Maße: A B C D Höhe 4.20 m: 2.30 × 3.00

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1922 Entfeuchtung der Kapelle, 1942–44 Renovierung. In allen Deckenbildern Risse und zahlreiche Fehlstellen; die Bilder sind farblich sehr schlecht erhalten.

Beschreibung und Ikonographie

A MARIÄ VERKÜNDIGUNG (Lc 1,26 ff.) Der Betrachterstandpunkt liegt wie bei allen vier Hauptbildern unter dem oberen Bildrand. Durch ziemlich starke Untersicht und Verkürzungen sowie durch eine Himmelsglorie in der die Hl.-Geist-Taube erscheint, wird eine gewisse Höhenillusion erzeugt. Der Bildraum selbst ist seicht, durch Wolken und diffusen Hintergrund verunklärt.

Auf einem steinernen Stufenunterbau ein Betstuhl, an dem Maria kniet; vom Hl. Geist geht ein Strahl aus und fällt auf sie. Ihr gegenüber kniet der Verkündigungsengel auf einer weißen Wolke, die Lilie in Händen. Überall in den Wolken, die in den Raum eindringen, und auf den Stufen sind Putti wiedergegeben.

Dichte Raumatmosphäre und intime Stimmung machen den Reiz des Bildes aus. Bei aller preziösen Rokokohaltung zeigt sich besonders in der Figur der Maria doch auch individuelles Sentiment, das aber ein Reiz an der Oberfläche bleibt. (Siehe dazu auch Simon: die rokokohafte Andachtsbildform der Pollinger Bilder.)

Durch die Technik bedingt ist die ziemlich dunkle und kompakte Farbigkeit der Bilder, die nicht so sehr als Teil der Deckendekoration wie als Bilder für sich wirken; der Stuck rahmt sie. Die Bilder dominieren.

B HEIMSÜCHUNG (Lc 1,39 ff.) Eine prunkvolle Architektur, die Andeutung einer Säulenhalle – mit Balustrade und Zierobelisk als oberen Abschluß, mit geschwungenen Stufen und reicher Marmorbrüstung -, steht schräg zur Bildfläche und schafft damit Tiefenräumlichkeit. Weinranken und Trauben schlingen sich um Säule und Sockel; auf der Brüstung steht eine steinerne Vase mit Blumen Starke Untersicht besonders in der Architektur. Der Tiefenraum wird durch die von links eindringenden Wolken verunklärt; dadurch wird die Darstellung wieder in die Fläche gedrängt. Auf den Stufen links steht Maria, Elisabeth ist ihr zu Füßen gesunken und umarmt sie. Maria gleicht in Haltung und Gebärde auffällig der triumphierenden Judith von Erpfting (s. LKr. Landsberg), wie A. Simon hervorhebt.

Aus der Säulenhalle heraus beobachtet Zacharias das Geschehen. Auf einer lichten Wolke schweben zwei Engel, einer spielt auf der Laute; ein Putto hält ein Notenblatt Magnificat (Lc 1,46)

Die Hintergrundsfarbigkeit ist ziemlich einheitlich und tonig: ein warmes Grau in der Architektur, Grau bis Licht Ocker in den Wolken. Davor erscheinen als starke Buntfarben Rot und Blau, zueinander in Spannung gesetzt einmal im Kleid der Maria, zum anderen rechts oben im Blau des Himmels und im Rot des schweren Vorhangs.

 
David psallens
 
C Anbetung der Hirten
 
 
 
D Flucht nach Ägypte

Mariä Verkündigung

B Heimsuchung

 
 
 
 

Das Deckenbild gibt Einblick in das Innere einer niedrigen, gewölbten Säulen- und Pfeilerarchitektur, die den Charakter einer Grotte hat. Sie ist in starker Untersicht gegeben. Der Fluchtpunkt der Horizontalen liegt etwa am unteren Bildrand. Nach hinten ist die Architektur durch eine Apsis abgeschlossen. Das Gewölbe darüber fehlt, der Himmel wird sichtbar, und Putto-Engel dringen in den Raum ein; sie halten ein Schriftband GLORIA IN EXCELSIS DEO ET IN TERRA PAX. (Lc 2,14). Maria, im Zentrum des Bildes, sitzt an der Krippe, sie reicht dem Kind einen Apfel und ein Kreuzchen, Symbole der Erlösung. Links Joseph eine Kerze hochhaltend (ein Motiv, das auf die Revelationes der Birgitta von Schweden zurückgeht). Hirten, beladen mit Geschenken, umdrängen die Heilige Familie. Das dargebrachte Lamm alludiert den Erlöser. (Der Fuß eines Hirten rechts ragt – vollplastisch – über den Rahmen.) Die warme Tonigkeit der Farben, das Kerzenlicht und die schmalen Stücke des nächtlichen Himmels zu beiden Seiten der Architektur geben dem Bild eine abgeschlossene und friedliche Stimmung. Einzig Maria und das Kind haben kühle, helle Farben von starker Leuchtkraft.

D FLUCHT NACH ÄGYPTEN (Mt 2,13 ff.) In wilder Landschaft mit Bäumen, Schilf, einem Wasserfall und einem Holzsteg ist die Heilige Familie dargestellt, von einem Engel und einem Putto begleitet. Doch bildet die Landschaft, in jäher Untersicht gegeben, keinen festen und erfassbaren Bildraum und keine zusammenhängende Bodenfläche. Schräg ragt der Holzsteg nach oben; der Esel, von Joseph geführt, ist in den morschen Planken eingebrochen. Dieses ausschmückende, erzählerische Motiv vergegenwärtigt die biblische Handlung. Warme, tonige Farben beherrschen das Bild. Kühle und helle Farben sind auf die Gruppe der Maria mit dem Kind und der Engel beschränkt.

MARIENEMBLEME Die vier Deckengemälde sind jeweils von zwei Emblemen in Rocaillekartuschen begleitet. Diese sind exegetisch auf das Hauptbild bezogen.

A1 NULLA HIC MUNERA DESUNT. – Aus einem Füllhorn fallen die Abzeichen weltlicher und geistlicher Würden und Ehren: Krone, Papstkreuz, Kardinalshut, Tiara, Zepter. Das Bild bezieht sich auf die Gnadenfülle Mariä; Picinelli beschreibt es: »Rectius tamen d Maria Virgine id intellexeris, quam SS. Trinitas per Ange lum salutavit gratia plenam« (Picinelli, s. v. cornu, Lib. 25 Nr. 19; ähnlich s.v. cornu-copiae, Lib. 3, Nr. 34).

A2 FOECUNDA EX ALTO. – Perle in einer Musche. Die Perlmuschel ist ein häufiges Emblem für die durch die Empfängnis unbefleckte Jungfrauschaft Mariens: »Conch non aliunde, nisi pretiosis humoribus, e coelo distillantibus impraegnatur. Unde Lucarini lemma; FOECUNDA EX ALTO Mariam Virginem, ab Angelo salutatam, hac icone adum brabis« (Picinelli, s. v. conchylium, Lib. 6, Nr. 75). Der Bezug beider Embleme auf das Thema des Hauptbildes ist evident.

B1 VITIS FRUCTIFICANS. – Ein Weinstock. Das Lemma nennt – regelwidrig – bereits den Bildgegenstand. Der fruchtbare Weinstock kann als Bild für Maria gravida stehen und hat damit Bezug auf das Thema der Heimsuchung.

B2 ONUSTIOR HUMILIOR. – Ein Baum mit Früchten. Picinelli beschreibt: »D. Archangelus Conter eandem arbo rem symboli loco expressit, quae frugum suarum ponder onusta, ramos versus terram deprimebat; cum lemmate onustior, humilior. Quod apographum autographo, idip sum Mariae Virgini haec imago praestat; quippe qua gravida, ac Deo plena, ad Elisabethae domun invisit, eius que obsequiis humillime se addixit.« (Picinelli, s. v. arbor, Lib. 9, Nr. 74.)

C1 NUNTIA PACIS. – Die Arche Noe, die auf einem Fels gelandet ist (Gen 8,4), darüber der Regenbogen, das Zeichen des göttlichen Bundes (Gen 9,12–17) und die Taube mit dem Ölzweig im Schnabel (Gen 8,11). Das Emblem zeigt drei verschiedene biblische Bildmotive, die dem Sintflutbericht entstammen. Diese Motive werden in der religiösen Emblematik vielfach – meist mariologisch – verwandt. Picinelli (Lib. 4, Nr. 262, s. v. columba) führt das Bild der Taube als Emblem für »Christus resurgens« und »Maria V. protectio« an: »Columba, olivae ramum rostro sustinens, ad illam diluvii columbam alludit; cum lemmate DIVINAE NUNTIA PACIS ... Servatorem nostrum hoc columbae hieroglyphico insinuaris existimat, qui superata corporis sui morte, caenaculum ingressus, Discipulis suavissimae pacis nuntium tulit... Etiam Maria Virgo, columba purissima, miseros peccatores suis precibus in libertatem et pacem apud Deum restituit.« Den Regenbogen bringt Picinelli als Icon, ebenfalls mit ganz entsprechendem Lemma verbunden: »SERENITATIS NUNCIA«, für die »incarnatio verbi Dei« (Lib. 2, Nr. 254, s.v. iris). Die Arche Noe ist als symbolisches Bild Mariens in der Emblematik sehr verbreitet (bei Picinelli vgl. Lib. 20, Nr. 14 u. 16, s. v. arca Noe). Das Lemma des Pollinger Emblems knüpft offensichtlich an die von den Engeln verkündete Frohbotschaft (Inschrift in C nach Lc 2,14) an. Das Emblem bezieht sich auf die in C dargestellte Menschwerdung Jesu und hebt Maria als die jungfräuliche Mutter Jesu hervor – auf sie kann jedes Bildmotiv und ebenso das Lemma bezogen werden. Das Emblem spielt auf Christus, den Erlöser, und Maria, die Miterlöserin an – alle drei alttestamentlichen Motive deuten typologisch auf die göttliche Erlösung des Menschen hin. Das Emblem verbindet sich hierbei sinngemäß mit den biblisch-symbolischen Erlösungshinweisen in der Darstellung C.

C2 OMNIBUS ORTUS. – Über dem Erdkreis aufgehende Sonne. Die aufgehende Sonne ist ein geläufiges Bild für die Geburt Christi (Picinelli, s. v. sol, Lib. 1, Nr. 84).

D1 DE CUBILIBUS LEONUM. – Ein Hirsch flieht, von zwei Löwen verfolgt. Das Bild ist in einem direkten Vergleich auf die Flucht nach Ägypten bezogen.

D2 RECIPIT ET TUETUR. – Ein Adler kreist über einer Henne, welche die Küken unter ihre Fittiche sammelt. Das Emblem ist üblich für Maria als auxiliatrix et protectrix (Picinelli, s. v. gallina, Lib. 4, Nr. 363), hier sinngemäß für den bei seiner Mutter geborgenen Jesusknaben auf der Flucht.

»Die Häufung exegetischer Embleme ist zumal bei marianischer Thematik verbreitet; hier bestand die Tendenz, die exegetischen Embleme auch untereinander stärker in Verbindung zu bringen, so daß man bisweilen fast von einen Emblem-Programm sprechen könnte (so etwa Polling, Reliquienkapelle)« (William S. Heckscher und Karl August Wirth, s. v. Emblem, Emblembuch, in: RDK, Bd 5, Sp. 203) Literatur siehe S. 469

 
 
 
C ANBETUNG DER HIRTEN (Lc 2,15 ff.)