Pähl, Pfarrkirche St. Laurentius


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 446–449, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Präsentationsrecht beim Augsburger Domkapitel, Gericht Weilheim

Patrozinium: St. Laurentius

Zum Bauwerk: Das LHs der 1414 geweihten Kirche wird 1596 neu erbaut; 1612 Wiederaufbau des eingestürzten Turms. Zwischen 1723 und 1734 (Weihe) wurden unter Pfarrer Johann Georg Ottinger aus eigenen Stiftungsmitteln und den Mitteln einer Erbschaft, die der Kirche durch den 1721 verstorbenen Pfarrer Dominikus Giesinger zugekommen waren, das LHs der Kirche neu errichtet. der AR gründlich renoviert. Baumeister ist Joseph Schmuzer. Ausmalung unter Pfarrer Simon Förg (1769-93), der sich in großzügiger Weise der Pfarrei annahm; er baute das Pfarrhaus auf eigene Kosten und vermachte der Pfarrei eine Geldsumme in seinem Testament (Brenner). – Langhaus zu vier Jochen, Doppelpilastergliederung. Stark eingezogener AR zu zwei Jochen mit Pilastergliederung und halbrundem Schluß. Im W Empore.

Autor und Entstehungszeit: Signatur in der SO-Ecke von B: BaaDer LeChMVLLandVs PInXIt. Das Chronogramm ergibt die Jahreszahl 1772. In diesem Jahr erhielt Johann Baptist Baader 600 fl. für Arbeiten in der Pfarrkirche von Pähl (Brenner). Von Baader stammt auch das Fresko an der Emporenbrüstung.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Korbbogentonne mit Stichkappen, AR Tonne mit Stichkappen

Rahmen: A Stuckprofil, B und C Stuckprofil, an einigen Stellen von Rocailleornamenten überspielt, B1–2 Rocaillekartuschen

Technik: Fresko; A, B, C und EB polychrom; B1-2 monochrom graugrün

Maße: A Höhe 10,70 m; 4,20 × 7,70

B Höhe 10,70 m; 9,90 × 7,70

C Höhe 9,50 m; 6,00 × 3,70

Erhaltungszustand und Restaurierungen: letzte Restaurierung 1938. A, B, C gekittete Risse, verschmutzt; A und C stark verschmutzt (fleckig) und anscheinend durch Feuchtigkeit beschädigt; im nördlichen Bilddrittel von A eine größere, offensichtlich ausgebesserte Stelle (rote Fahne, Wolke, Kopf des Henkers); C deutlich sichtbar gekittete Risse, stärkere Feuchtigkeitsschäden im östlichen Bilddrittel; B einzelne geringfügig beschädigte Stellen im Fresko, im ganzen kaum verschmutzt.

Beschreibung

A ABSCHIED DES SIXTUS VON LAURENTIUS Einansichtige Szene, deren Basis im W liegt. Betrachterstandpunkt unterhalb des westlichen Bilddrittels von Freskofeld B. Mäßige Untersicht, geringe Verkürzungen. Schauplatz der breitangelegten Szene ist der freie Grasplatz vor einem Stadttor, das sich rechts im Bild erhebt. Nach vorne und nach hinten zu bricht dieser Grasboden ab, so daß die zahlreichen Figuren wie auf einer langen, seichten, bühnenartigen Rampe agieren.

Sixtus, von Soldaten umringt, nimmt von Laurentius Abschied. Rechts kommen aus der Stadt weinende Männer herbei; im Vordergrund beobachtet eine Mutter mit ihren Kindern die Szene. Hinter zwei Bäumen am rechten Bildrand hat sich eine trauernde Frau versteckt. Auf der linken Bildseite wartet der Henker mit gezogenem Schwert auf den Heiligen, zusammen mit zwei römischen Soldaten zu Pferde, die wehende Fahnen, die rechte mit dem S. P. Q. R. in Händen halten. Vom Himmel fallen Strahlen auf Papst

 
 
A Abschied des Sixtus von Laurentius

Sixtus; Engel bringen Palme und Kranz für Sixtus, Rost, Palme und Martyrerkrone für Laurentius.

B LAURENTIUS VOR DEM KAISER Einansichtige Szene; vom selben Standort aus zu betrachten wie Fresko A; Blickrichtung gegen O. Der Großteil des Bildes wird von einer gewaltigen architektonischen Szenerie eingenommen. Der gemeinsame Fluchtpunkt aller Höhenlinien liegt außerhalb des Bildes, die Tiefenlinien haben keinen gemeinsamen Fluchtpunkt, so daß die ganze imponierende Konstruktion in ihren Verkürzungen uneinheitlich ist. Das östliche Bildviertel nimmt eine mächtige Substruktion aus Treppen, Quadermauern und einem Zisternengewölbe ein, die im Vordergrund einen hofartigen Freiraum umschließen, wo Knechte und Mägde damit beschäftigt sind, Marterwerkzeuge für den hl. Laurentius vorzubereiten. Über dem Unterbau erheben sich auf Stufen an beiden Bildseiten mächtige Palastgebäude, die im Hintergrund durch eine konkav geschwungene Mauer verbunden sind. Auf diese Weise entsteht, analog zum Untergeschoß, ein freier Handlungsraum, der im Hintergrund von einer Kuppel und einem Obelisken überragt wird.

Die beiden Paläste sind prunkvolle Architekturen, links ein Säulenportikus mit riesiger Draperie, Balustrade am Dach und über Stufen erhöhtem Kaiserthron; rechts ein Torbau mit rustiziertem Bogen, Säulen, verkröpftem Gebälk und bekrönenden Zierobelisken.

Im Hof, auf den Stufen, auf Mauern und Dächern und zwischen den Säulen drängt sich eine große Zuschauermenge. Im Zentrum steht Laurentius mit hocherhobenem Kreuz und weist mit der Linken auf eine Schar von Armen und Bettlern, die flehend ihre Hände zu ihm ausstrecken. Der Kaiser sitzt unter einer baldachinartigen Draperie in dem Säulenportikus. Um ihn und im Hof drängen sich Soldaten.

Am oberen Bildrand formen sich Wolken zu einer lichten Glorie, in der die Geist-Taube erscheint. Darunter thronen auf Wolken Gottvater mit Zepter und Weltkugel und Christus mit dem Kreuz, beide umgeben von vielen Engeln. Wieder eine Stufe niedriger Fides, Spes und Caritas. Die hübschen, genrehaften Details, die Baaders Werke meistens so reizvoll machen, gehen in der wimmelnden Menschenmenge dieses Bildes etwas unter, sind aber gleichwohl vorhanden. So erkennt man an dem Ziersockel am unteren Bildrand zwei Buben, von denen einer den anderen auf die Schultern genommen hat, damit er die blauen Windenblüten erreichen kann, die aus der Ziervase hängen. Ein Knecht entfacht das Feuer unter dem Rost; neben ihm liegen ein Blasebalg und ein Korb mit Hobelspänen. Ein anderer Knecht zeigt dem Heiligen Rute und Geißel: ein Diener, links auf der Treppe kauernd, bläst in die Glut eines Kohlebeckens, auf der rechten Seite lassen zwei Kinder an einer Schnur eine Brezel durch eine Luke in den Kerker hinab.

Der Schauplatz, Architekturen und Wolken, ist in hellen, farbig nuancierten Grau- und Ockertönen gehalten. Die Buntflächen sind ziemlich kleinteilig infolge der Vielfigurigkeit des Bildes. Es treten im wesentlichen Karmin in allen möglichen Nuancen, gebrochene Braunrottöne, wenig Blau, Gelb und Grün auf.

B1 DANIEL IN DER LÖWENGRUBE (Dan 6, 16–23) In einem runden Verlies, in das zwei Bogengänge münden, sitzt Daniel zwischen vier Löwen; der eine wird soeben durch einen Engel gebändigt. Durch eine Öffnung zur Erdoberfläche blickt mit einer Gebärde der freudigen Überraschung, Daniel lebend zu finden, König Darius herein

 
C Glorie des hl. Laurentius
 
 
EB Laurentius verteilt Almosen

B2 DIE DREI BABYLONISCHEN JÜNGLINGE IM FEUEROFEN (Dan 3) In einem halbkugelförmigen Ofen, der sich nach vorn und nach oben öffnet, breitet ein Engel schützend die Arme über die drei betenden Jünglinge. Von der Seite kommt König Nabuchodonosor herbei und erblickt mit Schrecken die unversehrten Jünglinge und den von den Flammen getöteten Soldaten. Im Hintergrund das von Nabuchodonosor zur Verehrung aufgestellte Götzenstandbild.

C GLORIE DES HL. LAURENTIUS Zwei Drittel des Bildes werden von einer Wolkenszenerie eingenommen, in der Laurentius kniend nach oben schwebt, von Christus mit einer Krone empfangen. Darüber das Dreifaltigkeits-symbol, von Licht umstrahlt, in einer Wolkenöffnung. Von der Brust des Heiligen gehen Strahlen aus und fallen auf die Gruppen der Bittflehenden auf Erden.

Die Bittflehenden sind auf einer seichten Landschaftsrampe im Vordergrund dargestellt. Dahinter steht auf einem kleinen Hügel die Kirche von Pähl mit dem Pfarrhaus. In dieser Zone überwiegen Erdfarben, dazu stumpfes Grün und Blau. Das Braun der untersten Wolken, das dunkle Ocker und warme Rot in den Gewändern der beiden Engel, die den Rost tragen, gehören noch zu dieser Farbzone. Die obere Bildhälfte beherrschen zarte, helle Farben Hellblau, Rosa und Gelb.

 
 
B Laurentius vor dem Kaiser

EB LAURENTIUS VERTEILT ALMOSEN Das breitformatige Fresko an der Emporenbrüstung zeigt den Heiligen vor einer zierlichen Nischenarchitektur inmitten von Kranken und Armen, die von beiden Seiten auf ihn zuströmen.

Ikonographie

Der verhältnismäßig ausführliche Laurentiuszyklus der Pähler Pfarrkirche erzählt die Geschichte des römischen Martyrers (vgl. Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 10. 8., S. 187–90). Laurentius war Archidiakon des hl. Papstes Sixtus. Als dieser während einer Christenverfolgung zum Tode geführt wurde, eilte ihm Laurentius nach, und es folgte die rührende Abschiedsszene, die in der Deckenmalerei des 18. Jh. öfters dargestellt wurde (z.B. bei Wink in Königsdorf, OB LKr. Bad Tölz-Wolfratshausen, s. Bd 2). Dabei beauftragte Sixtus seinen Diakon, die Schätze der Kirche an die Armen zu verteilen (A und EB).

Als Kaiser Decius davon erfuhr, ließ er Laurentius zu sich kommen und fragte ihn nach dem Kirchenschatz. Laurentius sammelte alle Armen, Kranken und Blinden und brachte sie vor den Kaiser als die ewigen Schätze der Kirche (B: inmitten der Schar der Armen steht die Truhe mit den Schätzen). Daraufhin wurde Laurentius nach etlichen Martern schließlich auf dem glühenden Rost zu Tode gebracht. Der Tod des Heiligen ist innerhalb der Fresken und der jetzigen Altarausstattung nicht dargestellt. Wie typologische Vorbilder sind die alttestamentlichen Darstellungen B1, Daniel in der Löwengrube, und B2, die drei Jünglinge im Feuerofen, auf Martyrium und Glorie des hl. Laurentius bezogen. Außer dem direkten, auf dem Bildmotiv Feuer (B2) beruhenden Vergleich, der sich auf die Marter des Heiligen bezieht, liegt beiden Szenen ein übertragener Sinnbezug zugrunde: die Überwindung des Todes durch Gottes Hilfe. (Typologische Vorbilder für außerbiblische Heilige finden sich im Speculum Humanae Salvationis, Lilienfeld, Cod. 151, Teil 3, Heilige.)

In C krönt Christus den Heiligen mit der Martyrerkrone; Engel bringen Siegespalmen und sein Hauptattribut, den Rost. Die Bittflehenden wenden sich an ihn als einen Patron der Notleidenden.

Quellen und Literatur

Gailler, Franciscus Salesius, Vindeliciae Sacrae Tomi 3,.. Capitulum Weilheimense, Augsburg 1756, Cap. 32. Braun-Augsburg, Bd 1, S. 349 f.

Brenner, Joseph Anton, Chronik des Pfarrsprengels Pähl, in: OAVG 9, 1848, S. 219 ff.

KDB I OB (1), S. 709.

Fuchs, Adolf, Johann Baptist Baader, der Lechhansl, Kaufbeuren 1959, S. 35.

Mauthe Willi, Der Pfaffenwinkel, Weilheim 1964, S. 41.

Simon, Adelheid, Die Fresken des Johann Baptist Baader mit einem kritischen Katalog des Gesamtwerkes, ungedruckte Diss. München 1972, S. 166 ff.