Ortlfing, Pfarrkirche St. Stephanus


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 10: Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2365-4, S. 238–243, geschrieben von Volk-Knüttel, Brigitte. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

ORTLFING

Pfarrkirche (Pfarrverband Burgheim), Markt Burgheim, Diözese Augsburg. Das Patronatsrecht lag z. Z. der Ausmalung bei den Herzögen von Pfalz-Neuburg bzw. Kurfürsten von der Pfalz. Gericht Neuburg

Patrozinium: St. Stephanus

Zum Bauwerk: Die Kirche ist ein Neubau von 1760 mit einer einheitlichen Rokokoausstattung, die in seltener Vollständigkeit erhalten ist. Planung und Ausführung können nahezu lückenlos aus archivalischen Quellen belegt werden. Architekt war Martin Puchtler, Hof- und Stadtbaumeister in Neuburg. Die Grundsteinlegung fand am 21.4.1760 statt, nachdem am 14.4. die alte Kirche abgerissen worden war. Beibehalten wurde der 1671 erbaute Turm in der Nordostecke des Schiffs, den man 1735 um ein Oktogon mit Zwiebelhaube erhöht hatte. Bereits am 24.9. 1760 konnte die Weihe durch den Augsburger Weihbischof Franz Xaver Adelmann von Adelmannsfelden stattfinden.

Für den Bau standen reichlich Mittel aus dem Legat des im Februar 1759 verstorbenen Ortlfinger Pfarrers Philipp Jose Heyleth zur Verfügung (s.u.). Am 30.6.1759 schloß dessen Testamentsexekutor Jakob Arnold, Dekan von Burgheim und Pfarrer in Rennertshofen, mit Matthias Häberle (Heberle), dem neuen Pfarrer von Ortlfing, einen entsprechenden Vertrag ab; gleichzeitig wurde die Lizenz zum Neubau erteilt (ABA Siegelamtsprotokolle). Zu Bauinspektoren bestellte man die Pfarrer Häberle und Franz Anton Nissel, Kammerer des Kapitels Burgheim und Pfarrer in Burgheim; die Inspektion wurde ihnen am 24.8. übertragen. Unmittelbar anschließend bereisten sie gemeinsam die Gegend und besichtigten Kirchen, um sich für den zukünftigen Bau von Ortlfing inspirieren zu lassen. Am 13. 9. schrieb Nissel: »...mit titl. Herrn Pfarrer zu Ortlfing auf Sinning gefahren, auch den Augenschein von selbigen Gottshaus eingenommen, welchen hernach erwählt

nach selben seinen Kürchen zu pauen« (ABA, Pfarrarchiv Baurechnung). Nach dieser Entscheidung des Ortlfinger Pfarrers, sich für den Neubau an der Kirche von Sinning zu orientieren, wurde am 16.9. 1759 mit einem neun Punkte umfassenden Spaltzettel ein Vertrag mit Martin Puchtler und Zimmermeister Anton Engel von Wengen geschlossen (Engel ist später durch Matthias Lenz ersetzt worden). Der Bau sei u.a. aufzuführen »nach dem Modell und Riß« der Kirche von Sinning. Martin Puchtler, Sohn des Baumeisters von Sinning, sollte ausdrücklich die Arbeiten mit »Zuziehung seines Vatters« ausführen und ferner auch eine Kaution stellen, wie es von diesem bei dem Kirchenbau von Sinning gefordert worden war (s. S. 280). Nach diesem Vertragsabschluß dürfte bald mit den Bauarbeiten begonnen worden sein. Ähnlichkeit zwischen Sinning und Ortlfing besteht in der Grundrißdisposition und bei den Oratorien im Chor. Kurz vor Baubeginn wurde am 12.4.1760 ein Kontrakt über 300 fl. mit Joseph Köpf, Stuckator von Wertingen, für die Stuckierung der Kirche geschlossen. Köpf, der mit Martin Puchtler schon in der Wallfahrtskirche Bergen (s. S. 45 f.) zusammengearbeitet hatte, verpflichtete sich zudem, über den ganzen Bau die Aufsicht zu führen und das Werk zu dirigieren und dabei nach Kräften zu sparen (ABA Pfarrarchiv, Baurechnung). Der Vertrag mit dem Freskanten Vitus Rigl trägt das Datum vom 9.7.1760 (s.u.).

Saalbau zu vier Fensterachsen, eingezogener halbrund geschlossener Chor. Über profiliertem Gesims Holztonnen mit Stichkappen, im W Empore mit geschwungener Brüstung. Belichtung im AR durch zwei rundbogige, im LHs durch vier korbbogige Fenster; die übrigen Fenster sind hier zugesetzt. Turm an der NO-Ecke des Schiffs, im W Vorzeichen. Im südlichen Chorwinkel zweigeschossiger Sakristeibau, im Obergeschoß Oratorium zum Chor, die Oratoriumsbrüstung gegenüber auf der N-Seite ist nur vorgeblendet. In den Gewölbezwickeln stuckierte Rocaillekartuschen mit Blütenranken als Füllung von Joseph Köpf.

 
 
A Festnahme des hl. Stephanus

Auftraggeber: Am 4.9. 1758 vermachte Philipp Josef Heyleth, Pfarrer in Ortlfing (1728–59) testamentarisch 6184 fl. 44 kr. für den Bau einer neuen Kirche in Ortlfing. Er starb am 1.2.1759. Sein Grabstein mit fragmentierter Inschrift befindet sich an der N-Wand des LHs. Ihm folgte am 20.2.1759 Pfarrer Johann Matthias Häberle († 5. März 1781), unter dem der Kirchenbau 1760/61 zügig ausgeführt wurde.

Autor und Entstehungszeit: Vitus Felix Rigl (* 1717 Augsburg † 1798 Augsburg) 1760/61. Signatur in B auf dem Sockel links im Vordergrund: V. Felix / Rigl pinxit. / Dilingae. / 1760. Am 9.7. 1760 traf der »Mahler von Dillingen« abends in Ortlfing ein, wurde im Pfarrhof in die Kost und Logis aufgenommen, und erhielt dafür, gleich dem Stuckator, wöchentlich 1 fl. 30 kr., hat »sich aber beschwärt und ein mehrers begehrt«. Der am selben Tag aufgestellte Kontrakt lautet: »Anno 1760 den 9. July mit dem Herrn Vito Felix Rigl Mahlern zu Dillingen auf der Statt für ein neues Altar Blat undt zway Fresco Gemähl, eines in dem Chor und das ander in dem Langhaus also contractiert und pactiert: Nemblich ihme für die Arbeith diser 3 Stück 100 fl.«(ABA, Pfarrarchiv, Baurechnung). Die verhältnismäßig niedrige Summe wurde in zwei Raten, am 10.8. und am 20.9.1760, ausgezahlt. Er wohnte fünf Wochen lang im Pfarrhof. Erst am 7.1.1762 wurde Rigl für weitere Freskoarbeit »nach Kontrakt« (der aber nicht vorliegt) mit 67 fl. 30 kr. bezahlt, zuzüglich Unterhaltskosten, ebenfalls für fünf Wochen (ebd.). Diese zweite Zahlung für Gemälde, die offenbar im Sommer 1761 ausgeführt worden waren, muß sich auf seine Fresken über der Orgelempore und an der Emporebrüstung beziehen. Diese waren möglicherweise im ursprünglichen Konzept für die Ausmalung noch nicht enthalten.

Vitus Rigl hatte 1743 in Dillingen die Witwe des Malers Matthias Wolcker geheiratet und dessen Werkstatt übernommen. Nach dem Tod seiner Frau 1761 verließ er die Stadt und wandte sich nach Augsburg, wo er 1762 die Malergerechtigkeit erwarb. Rigl, der seit etwa 1750 als Freskant und Ölmaler im nördlichen Schwaben nachweisbar ist, stand unter dem Einfluß von Johann Georg und Matthias Wolcker und damit mittelbar von Bergmüller. Auffallend bei ihm ist, wie bei Wolcker, die starke Dominanz der gemalten Scheinarchitekturen. Er verfügt über eine helle Farbigkeit und zierliche Figuren, die mitunter eine etwas drastische Mimik mit weit aufgerissenen, rollenden Augen zeigen.

Befund

Träger der Deckenmalerei: A, B, C Holztonne mit Stichkappen. Rahmen: Geschwungener, kräftig profilierter grauer Stuckrahmen, stellenweise von Rocailleornament übergriffen, bei B von dünnen, spitz auslaufenden Blättern, die den Kartuschen entwachsen.

Technik: Fresko; A, B, C, EB1-3 polychrom; Oa-b camaieu braun.

Maße: A Höhe 8,50 m; 3,20 × 4,05 m. B Höhe 8,50 m; 5,70 × 4,00 m. C Höhe 8,30 m; 3,50 × 3,10 m. EB1,3 0,95 × 1,83 m. LD2 0,95 × 3,35 m. O1 0,70 × 0,95 m. Oa-b 0,70 × 0,95 m.

 

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Fresken sind sehr gut erhalten. Für eine geplante Innenrestaurierung heißt es im Gutachten des Generalkonservatoriums vom 12.4.1911: »Viele Sprünge an den Decken müssen untersucht werden, ob Putz hohl liegt...Die Deckengemälde sind vorzüglich erhalten und müssen nur trocken mit Brot gereinigt werden«. Die Restaurierung wurde dann 1912/13 von Paul Jackisch, Neuburg, durchgeführt. 1939 erfolgte eine Außeninstandsetzung der Kirche, 1948/49 wurden Turmkuppel und Dach restauriert. Für 1957 liegen Kostenvoranschläge für eine erneute Innenrenovierung vor (möglicherweise nicht ausgeführt). 1988 fand eine Außenrestaurierung durch die Fa. Rudolf Pfaller, Ingolstadt, statt.

Beschreibung und Ikonographie

Die Deckenbilder A-C schildern von W nach O Szenen aus dem Leben des hl. Stephanus nach der Apostelgeschichte (Ac 6-7), entsprechend der chronologischen Abfolge der bibli

schen Ereignisse. Das ebenfalls von Rigl 1760 gemalte Hochaltarbild ist in die Thematik einbezogen, es zeigt den Kirchenpatron in der Glorie.

A FESTNAHME DES HL. STEPHANUS Der hl. Stephanus wird von falschen Zeugen der Gotteslästerung angeklagt und festgenommen, um vor den Hohen Rat der Juden gestellt zu werden (Act 6, 8–12). – Das einansichtige Fresko über der Orgelempore, das nach W zu betrachten ist, wird heute weitgehend von der Orgel verdeckt und zeigt vor einer Architekturkulisse mit Ausblick durch eine große Arkade in der Mitte den jugendlichen Stephanus, der von einigen von rechts hereindrängenden Männern ergriffen wird. Ihm gegenüber stehen ein Priester und ein Schriftgelehrter erhöht unter einem Baldachin, während links hinter einer Balustrade weitere Schriftgelehrte in ihre Bücher vertieft sind. Die Instrumentierung der Architektur im Hintergrund spiegelt das Geschehen. Die drohenden Gebärden des Priesters und seines Begleiters werden durch die beschattete große Säule vorne und die schwarz-violette Vorhangdraperie betont. Im Kontrast dazu steht Stephanus vor einer hellen, grünmarmorierten Säule mit goldenem Kapitell vor hellgrauer Rückwand, was seine Jugendlichkeit und Wehrlosigkeit unterstreicht.

B DISPUTATION UND VISION DES HL. STEPHANUS Stephanus rechtfertigt sich und gibt in einer großen Verteidigungsrede einen Abriß der Geschichte Israels, die in dem Vorwurf gipfelt, daß die Juden, wie ihre Väter, jederzeit den Geboten Gottes zuwider handeln. Im Fresko dargestellt ist der Moment der Vision des Stephanus während der Rede.»Er aber, voll des Heiligen Geistes, blickte zum Himmel auf, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und sprach: Sehet, ich sehe die Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen« (Act 7, 55 f.). Vor einer mächtigen Architekturkulisse steht rechts, etwas aus der Mitte gerückt, der jugendliche Stephanus im Diakonsgewand vor dem Hohen Rat der Juden. Sein Kopf ist von einem Heiligenschein umgeben. »Alle, die im Hohen Rat saßen, richteten der Blick auf ihn und sahen sein Antlitz (leuchten) wie das eines Engels« (Act 6,15). Links über Stufen erhöht thront der Hohepriester unter einem Baldachin vor einer schweren Säulenarchitektur, umgeben von erregt gestikulierenden Schriftgelehrten, rechts sind weitere Schriftgelehrte und Älteste zu sehen. Stephanus weist mit der Hand zum Himmel, wo in einer Lichtgloriole die Dreifaltigkeit erscheint und ihre Strahlen auf ihn herabsendet. Christus steht zur Rechten des thronenden Gottvaters und zeigt seine Wundmale, während Engel hinter ihm ein großes Kreuz halten. Irdischer Schauplatz der Disputation ist der jüdische Tempel, von dem nur ein großer Triumphbogen und dahinter eine Apsis zu sehen sind, in profilierten Altaraufbau die Gesetzestafeln stehen.

 
B Disputation und Vision des hl. Stephanus
 
 
O2 Burg im Wasser
 

C STEINIGUNG DES HL. STEPHANUS Einansichtige Bildanlage nach O. Der profilierte Stuckrahmen wird unten zu einer gemalten schmalen Brüstung erweitert, die perspektivisch in die Darstellung hineinführt. Stephanus, der nach dem Verhör vor die Stadt geführt wurde, um durch Steinigung hingerichtet zu werden, kniet betend mit zum Himmel erhobenem Antlitz in der Bildmitte. Ihn umgeben fünf Männer, die Steine aufheben oder in den erhobenen Händen halten. Im Hintergrund rechts sitzt Saulus und bewacht die abgelegten Kleider der Zeugen (Act 7,58). Am Himmel erscheinen in einer Gloriole kleine Engel, die Martyrerkranz und Palmzweig für Stephanus bereithalten.

EB1-3 SPEISUNGSSZENEN In den Fresken an der Emporenbrüstung sind Speisungsszenen dargestellt.

EB1 GASTMAHL IM HAUSE DES SIMON (Lc 7,36–50) Der Pharisäer Simon hat Jesus zum Mahl eingeladen. Die beiden sitzen am Tisch einander gegenüber, Simon in vornehmer Kleidung links in einem Lehnstuhl, Jesus rechts vor glatter gelber Wand auf einem Hocker ohne Lehne. Auf ihm versammelt sich das von links kommende Licht, zusätzlich ist sein Haupt von einer Strahlengloriole umgeben. Außerdem ist er noch durch in größeren Flächen verwendetes Rosa und Blau bei seiner Kleidung akzentuiert. Die Sünderin kniet tief herabgebeugt neben ihm. Sie netzt mit ihren Tränen seine Füße, trocknet sie mit ihrem Haar, um sie dann zu küssen und zu salben. Rigls Liebe zum Detail äußert sich bei der Schilderung des gedeckten Tischs und der großen goldenen Kanne, sowie dem reizvollen Ausblick in einen weiteren Raum mit einem Buffet, auf dem Teller aufgebaut sind.

EB, LETZTES ABENDMAHL An der bildparallel angeordneten Tafel sitzen die Apostel mit Jesus in der Mitte, den Lieblingsjünger Johannes neben sich. Einige der Apostel an der Vorderseite des Tischs wenden dem Beschauer den Rücken zu. Unter ihnen erkennt man links Judas, den Beutel in der Hand, auf einem grün bezogenen Sofa. Vor dem Tisch steht ein großes Kühlgefäß mit einer Kanne. Die Szene wird wirkungsvoll gerahmt durch zwei Säulen auf hohen Postamenten, um die hochgeraffte braune Vorhänge geschlungen sind. Die graue Rahmung der Emporenbrüstung erweitert sich perspektivisch ins Bild hinein in der architektonischen Gliederung der exedraartig nach hinten schwingenden Rückwand mit rundbogigen seitlichen Durchgängen, von denen der linke einen Blick auf eine Kirche freigibt.

 
Ob Berg im Gewitter

Oa-b STEPHANUS-EMBLEME An der Brüstung der Oratorien befindet sich jeweils ein Emblem, das sich auf die Standhaftigkeit des Heiligen im Martyrium bezieht.

Oa Circumstant, non mergunt (Sie umgeben, versenken nicht). Eine auf Felsen erbaute Burg ist von Wellen umgeben. Wie die Wellen das fest fundierte Bauwerk nicht zerstören können, so kann auch die Marter den Glauben des Heiligen nicht wankend machen.

Ob Superiora illaesa (Die Höheren bleiben unversehrt). Ein Gewitter umtost einen steilen Berg, dessen Spitze über das Unwetter in den Himmel ragt. – Sinnbild für den Heiligen, dessen Glaube alle Widrigkeiten überragt.

Quellen und Literatur

ABA, Pfarrarchiv Ortlfing, Fach II, Fasz. 1, Bauwesen: Baurechnungen; Fach VII, Baufallanzeige: Restaurierungen; Matrikelbuch von Ortlfing, Bd. 2, o. S; ebd. BO, Diözesanbeschreibung Augsburg 1762, S.41; ebd. Siegelamtsprotokolle 25, 1748–1764, S. 597–99: Baugenehmigung.

BLfD, Registratur, Akten Ortlfing, Pfarrkirche St. Stephanus. StA Augsburg, BA Neuburg Nr. 5397: Restaurierungen; ebd. Regierung Nr. 13088: Restaurierungen 1844–1939.

Braun- Augsburg, Bd 1, S. 482; Bd 2, S. 257. Leuthenmayr, Johann Baptist, Ortlfing, in: NK 24, 1858, S. 58–64; NK 29, 1863, S. 141–146. Hopp, Bd 1, S. 128.

Steichele, Bd 2, S. 711–715. Schröder, A., Vitus Felix Rigl, Maler in Dillingen, in: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen 14, 1901, S. 147–150.

Horn/Meyer 1958, S. 595–599. Dehio 1990, S. 934.

Paula, Georg, in: Kunstgeschichte. Der Landkreis Augsburg Bd 6, Augsburg 1997, S. 252, 268.

B. V.-K.