Oberschleißheim, Schloss Lustheim, Sog. Schöner Stall
Stallungen im nördlichen Pavillon von Schloß Lustheim, z.Z. nicht genutzt
Zum Bauwerk: Der Bau entstand um 1689, in Anschluß an den südlichen Pavillon (Renatusklause; dort Bauleitung durch den Maurerpalier Philipp Zwerger). In den Hofbauamtsrechnungen ist 1689 erstmals von »zway Nebengepeuyen« die Rede, und davon, daß man an der sog. »Stallung« arbeite (BHStA I, HR II fasc. 16 [1689] fol. 166, 31 v, 32 V).
Innenausbau 1689 durch Georg Wohlgemuth; »Georg Wollgemuth Burger und Hofküstler zu München hat in die sog. Stallung beim Neupau 5 Thüren mit Aichen prettern, dann Füllungen und zugehörige Gesimbsen auf ... gemacht, fl. 53« (BHStA I, HR II, fasc. 16 [1689] fol. 166 v.). Wie der südliche ist auch der nördliche Pavillon ein zweigeschossiger Baukörper über rechteckigem Grundriß; allerdings ist das Erdgeschoß höher (es birgt den großen stützenlosen Saalraum, der als Stall diente), das Obergeschoß entsprechend niedriger. Die Hauptfassade ist nach Schleißheim (W) hin ausgerichtet, siebenachsig; im Erdgeschoß in fünf Pfeilerarkaden zu einer Loggia geöffnet, über den Arkaden Fenster. Die Gebäudeflanken sind durch flache Rechtecknischen gegliedert.
Im oberen Stockwerk (Treppe im linken Seitenrisalit) befanden sich Wohnräume und Küche zu Seiten eines Mittelgangs; im Erdgeschoß ein flachgewölbter Saalraum gänzlich mit Fresken ausgestattet, der sog. »Schöne Stall« An den Wänden dieses Raumes gemalte Scheinarchitektur mit Figurennischen, Fenstern und Pilasterstellungen.
Auftraggeber: Kurfürst Max Emanuel von Bayern <math>(1680-1726)</math>
Autor und Entstehungszeit: Vermutlich Caspar Gottfried Stuber (* 1650/51 Weißenhorn † 24. 3. 1724 München) um 1689/90

Der einzige Maler, der in den Rechnungen mit einer größeren Summe aufgeführt wird, ist Caspar Gottfried Stuber; für Farben werden ihm 84 fl. bezahlt (BHStA I, HR II, fasc. 307). Etwas früher ist Stuber als Dekorationsmaler in Lustheim nachweislich beschäftigt: »Denn so hat Caspar G Stuber Mahler mit mahlung 12 plindtfenster hundenherumb auspau in fresco dann anstreichung aller groß und kleinen Fenster greuzstöckh und eisernen Gatter verdient und eingenommen sambt hierzu hergegebenen farben 56 fl. ersagter Stuber hat aufn neupau und bei der Clausen wiederumb 5 plindtfenster in fresco gemahlen und zum Verdienst erhalten 9 fl.« (StAM, Ordnungs-Nr. Grau, 1686 Rechnung Lustheim pro ao fol. 32). Die beiden Quellen grenzen C. G. Stuber als Autor der Stall-Fresken ein.

C. G. Stuber ist in keinem Werk mehr eindeutig faßbar; die von ihm gemalten Friese in den Alexanderzimmern der Residenz (S. 276–78) sind nicht erhalten. Mit St. Margaret in Sendling (CBD Bd 3/1, S. 97 f.), wo er ebenfalls als Faßmaler nachgewiesen ist und von uns mit der Ausmalung in Zusammenhang gebracht wird, ist eine stilistische Verwandtschaft der Deckenbilder zu denen im Stall offensichtlich.
Befund
Träger der Deckenmalerei: flache Voutendecke, verputzte Holzlattenkonstruktion
Rahmen: Quadraturamalerei
Technik: Fresko mit Secco; polychrom
Maße: A Höhe 5,50 m; 4,10 × 7,50
В Höhe 5,50 m; 3,30 × 4,10
C Höhe 5,50 m; 3,30 × 4,10
Erhaltungszustand: Die Decke ist mit Balken abgestützt, die Fresken sind schlecht erhalten, größere Fehlstellen, vor allem in B und in den Zwickeln nordwestlich und nordöstlich, in der Randzone ist der Putz teilweise abgebröckelt; Verschmutzungen, aber offenbar originale Substanz
Beschreibung und Ikonographie
Der Deckenbereich ist mit Quadraturamalerei in roter Sandstein-Imitation in drei Felder aufgeteilt (A-C), von denen sich die beiden äußeren (B und C) entsprechen; das mittlere Feld ist oblong. In den Zwickeln vier Bildfelder (1-4), oben von einer grünen Blattgirlande gerahmt, unten hellgelbe Kartuschen mit Inschriften.
Alle figuralen Darstellungen erscheinen vor einem Himmelsgrund, der auch am Übergang von der Scheinarchitektur der Wände zur Decke und an den Wänden in Durchblicken sichtbar wird.
Zwischen den drei Deckenbildern zweimal das verschlungene Monogramm Max Emanuels ME; an den Wänden halten im Übergangsbereich zur Decke unter den gemalten Portalbögen Löwen das kurbayerische Wappen.
A PHOEBUS-APOLL – DER MITTAG Blickrichtung gegen O. Auf einer von links nach rechts ansteigenden, zart rosafarbenen Wolkenbahn treibt Apollo die vier Rosse an, die ihn in seinem Sonnenwagen hinanziehen. Der Sonnengott erscheint als Jüngling mit langem blonden Lockenhaar, in der Rechten die Sonnenpfeile, in der Linken die Zügel haltend. Sein Haupt ist genau vor das Zentrum der Sonnenstrahlen gesetzt, so daß sie es wie eine Gloriole umstrahlen. Bis auf einen kleinen hellblauen Himmelsausschnitt im rechten Bildwinkel unterhalb der Wolkenbahn ist das Fresko durchgehend in hellen Ocker-, Gelb- und Rosatönen gehalten. Eines der Rosse ist weiß, die anderen sind den angegebenen Farbschattierungen angepaßt. Im
Sinnzusammenhang mit den seitlichen Deckenbildern (B und C; Aurora und Luna) ist Apoll als Allegorie des Mittags zu verstehen.
B AURORA – DER MORGEN Blickrichtung gegen S; rechts neben der Darstellung Apolls, im Blickwinkel um 90° gedreht. In hellblauem Himmelsfeld mit wenigen zartgrauen Wölkchen im Randbereich schwebt Aurora als halbnackte geflügelte Gestalt. Um Schulter und Hüfte trägt sie eine Draperie in Rosa und Gelb, in ihrer Rechten hält sie Blüten empor, in der Linken ihr Attribut, die Fackel, mit der sie das Licht des Tages entzündet. Sie wird von Putti umgaukelt: Einer schiebt die Wolken zur Seite, ein zweiter entgießt den Morgentau, ein dritter streut Blumen, der vierte hält eine blumengefüllte Schale auf seinem Kopf. Aurora steht hier als Allegorie des Morgens.
C DIANA-LUNA – DER ABEND Blickrichtung gegen N; links neben dem Mittelbild, analog zu B, in Gegenrichtung zu diesem Blickwinkel um 90° gegen das Mittelbild gedreht. Das Bildfeld ist diagonal geteilt in eine hellblaue Himmelszone und eine graue Wolkenpartie, inmitten derer Luna thront, nur von einem transparenten Hüftschleier verhüllt, einen Speer in der Hand, die Mondsichel im umflochtenen goldenen Haar. Ein Putto zu ihren Häupten bemüht sich, die Wolken wie einen Vorhang über dem blauen Himmelsfeld zuzuziehen, ein anderer schwebt, Pfeile in der einen, eine Fledermaus auf der anderen Hand. Das Gesamtkolorit ist extrem kühl gehalten; mit der Bedeutung Lunas als Mondgöttin und dem Attribut der Fledermaus, das auf die Nacht vorausweist, ist damit der abendliche Charakter des Bildes betont.
1-4 JUPITER-SZENEN In den Gewölbezwickeln über den Ecken befinden sich vier Darstellungen mit Jupiter-Themen, die durch kleine Kartuschenfelder in der Spitze des Zwickels ergänzt sind. Inschriften stellen die Verbindung der jeweiligen mythologischen Szene mit einer allgemeinen Herrscher-Ikonographie dar.
1 JUPITER ALS KIND Vor einem hellen blauen Himmelsgrund thront auf einem goldenen Altar die nackte kindliche Gestalt Jupiters, das Zepter in der Hand, die Krone auf dem Haupt; seinem Mund entsteigt ein Schwarm Bienen. Er wird flankiert von zwei weiblichen Sitzfiguren mit prächtigen Frisuren und brokatenen Röcken. Inschrift (wegen des schlechten Zustandes schwer lesbar) BLANDO ASSUESCIT REGIMINI (Er gewöhnte sich an liebevolle Lenkung).
Die Darstellung bezieht sich auf die Legende, derzufolge das Kind Jupiter von seiner Mutter Rhea vor seinem Vater Saturn in Sicherheit gebracht wurde, da dieser alle seine Kinder verschlang, um der Prophezeiung zu entgehen, eines von diesen werde ihn stürzen. Rhea übergab das Kind den Kureten, die ihn mit Hilfe der zwei Nymphen Adrastea und Ida (oft als Töchter des Melisseus, König von Kreta bezeichnet) großzogen. Sie nährten ihn mit der Milch der Ziege Amalthea und dem Honig, den Bienen aus dem Gebirge herbeitrugen (Hederich, Sp. 1403 f.). Darstellung und Inschrift verweisen auf die sorgfältige Erziehung des zum Regenten bestimmten Kindes als Grundlage seiner späteren Herrschertätigkeit.
2 JUPITER UND MINERVA In der Mitte des Bildes auf gedrehtem Sockel ein Globus; rechts davon Minerva, kostbar gekleidet, mit Speer, Schild, Brustpanzer und federgeschmücktem Helm; links davon Jupiter (Gesicht zerstört) in fast schwarzem Gewand, die Krone auf dem Haupt, das Zepter in der Rechten, der auf einem Adler thront und seine andere Hand auf den Globus legt. Inschrift (schwer lesbar) IN REGENDO PROVIDENTIA (Voraussicht im Regieren).
Hier ist keine bestimmte mythologische Situation dargestellt, sondern Jupiter im Beisein seiner Tochter Minerva allegorisch gemeint: Minerva verkörpert die umsichtige Klugheit, die der Herrschende benötigt, der zum Zeichen seiner Macht und Fürsorge die Hand auf den Erdball legt. Die Inschrift formuliert diesen Gedanken im Sinn einer allgemeinen Herrschertugend.
3 JUPITER UND DIE DREI PARZEN Wie alle anderen Szenen ist auch diese vor ein lichtes Himmelsblau gesetzt. In der Mitte sitzt, bärtig und mit Herrschaftsinsignien ausgestattet, Jupiter in schwarzem Gewand. Um ihn drei weibliche Gestalten: Rechts Clotho in Weiß, Goldgelb und Rosa, einen Spinnrocken in der Hand, links (stark beschädigt) Lachesis in gelbem Kleid, neben deren Haupt gerade noch die Spindel zu erkennen ist. Von ihr wird der Faden weitergeführt durch die Finger der grüngewandeten Atropos (Oberkörper zerstört), die ihn mit der Schere durchschneidet. Inschrift (teilweise zerstört) FATA MODERATUR (Er lenkt die Geschicke).
Auch diese Szene hat allegorischen Charakter; nach Hederich (Sp. 1880) werden die Drei Parzen oft als »gleichsam in Jupiters Kanzlei« gesehen, wo sie dessen Urteile aufschreiben, die »eines jeden Menschen Schicksale enthielten«. Darstellung und Inschrift setzen die Rolle Jupiters als Leiter menschlicher Schicksale in Analogie zu dieser allgemeinen Bestimmung eines Regenten.
4 JUPITER VERJAGT SATURN Jupiter, in rötlichem Schwarz, die Krone auf dem bärtigen Haupt, das Zepter in der Hand, verjagt mit drohend erhobenem Flammenbündel Saturn, der mit seiner Sense in die rechte Bildecke flieht. Inschrift (schwer lesbar) STABILITAS PRINCIPIS (Die Festigkeit des Fürsten/Ersten). Saturn, den sein Sohn Jupiter, die Prophezeiung erfüllend, gestürzt hatte, versuchte, den Thron zurückzuerobern, wurde aber von dem neuen (und gerechten) Herrscher vertrieben (Hederich, Sp. 1404f.). Inschrift wie bildliche Darstellung verfestigen das Bild vom Regenten und seinem Werden mit dem Hinweis auf die Unanfechtbarkeit und Unzerstörbarkeit seiner Regentschaft.
Quellen und Literatur
StAM, Ordnungs.-Nr. Grau, Lustheim 1686. BHStA I, HR II, 16, fol. 31 v., 32 v. und 166 r. u. v.
Heym, Sabine, Schloß Lustheim. Jagd- und Festbau des Kurfürsten Maximilian II. Emanuel von Bayern, in: OA 109, H. 2, 1984, S. 51–56.
-, Zuccalli, 1984, S. 50–52
s. auch Quellen und Literatur S. 557 f.
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