Oberneukirchen, Pfarrkirche St. Margareta
OBERNEUKIRCHEN
Pfarrkirche (Pfarrverband Flossing mit Pfarrsitz Oberneukirchen), Gemeinde Oberneukirchen, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Filialkirche der Pfarrei Flossing, die dem Kollegiatstift in Mühldorf inkorporiert war, Erzdiözese Salzburg; seit 1823 Expositur, seit 1861 Pfarrkirche. An der Kirche wurde 1760 die »Bruderschaft zu Ehren Mariä vom Guten Rat« eingeführt. Gericht Mörmoosen
Patrozinium: St. Margareta
Zum Bauwerk: Der spätgotische Tuffsteinquaderbau mit hohem Westturm (Datum 1479 über dem Eingang der Kelterkapelle) wurde 1757-59 umgebaut und barockisiert (ein schon 1736 genehmigter Umbau, den Martin Pöllner übernehmen sollte, wurde offenbar nicht ausgeführt, s. Grünbach, zum Bauwerk). Es war der erste Auftrag für den Trostberger Baumeister Franz Alois Mayr im Gericht Mörmosen (s. dazu Kreilinger, S. 115 f.). Die teilweise bereits losen gotischen Rippen wurden abgeschlagen, doch blieb das Gewölbe mit den tiefen Stichkappen erhalten. Stuckierung durch Mayr in altertümlichen einfachen Bandwerkformen (»Herstellung einer saubern architectur und quadratur«, vgl. Polling und Grünbach) und Umgestaltung der Wandvorlagen in LHs und AR. Umfangreiche Dachstuhlreparatur.
Neue Kanzel 1777, neuer Hochaltar 1791, beides vermutlich von Johann Philipp Wagner aus Kraiburg, Fassung von Martin Anton Seltenhorn. Das Altarblatt von 1792 ist Balthasar Mang zuzuschreiben. Regotisierung 1850/90, zuerst wurden die barocken Seitenaltäre und die Kanzel, dann der barocke Hochaltar im neugotischen Stil ersetzt. Pläne Josef Elsners von 1912 für einen zentralen Gemeinderaum, der nur Turm und Chorschluß des bestehenden Baus einbeziehen sollte, kamen nicht zur Ausführung. 1922 zweigeschossiger Anbau durch Hermann Selzer, München, auf der N-Seite des AR, zu dem die AR-Wand mit Arkaden geöffnet wurde.
LHs (13,10×8,50 m) zu vier Jochen, fast gleichbreiter AR (9,00×7,00 m) zu drei Jochen, dreiseitig geschlossen. Oratorien auf der N-Wand des ARs, auf der gegenüberliegenden Wand Oratorium über der Sakristei mit Zugang zur Kanzel:
Margareta weist Olibrius zurück
Glorie der hl. Margareta
im W Doppelempore. Gliederung durch Wandpfeiler mit Pilastervorlagen. Belichtung im LHs durch Rundbogenfenster auf der N-Seite und durch spitzbogige Obergadenfenster auf der S-Seite, im AR durch drei Rundbogenfenster auf der S-Seite und eines nordöstlich im Chorschluß. An die S-Seite des LHs grenzt die Wolfgangskapelle (gotisch, zusammen mit dem Kirchenraum barockisiert und stuckiert), die im W neben dem Turm mit der gotischen Kelterkapelle abschließt.
Auftraggeber: Inschrift in A: Auf Sammentlichen Beytrag Der Creuz-Tracht Ober-Neukyrchen ist dis gottshaus gemalter worden im Jahr Christi 1.7.58. Unter Kreuztracht verstand man die Gemeinde einer Filialkirche, die sich auf Pfarrprozessionen hinter einem eigenen Kreuz zusammenschloß. Am 29. 3. 1760 wurde in Oberneukirchen die »Bruderschaft zu Ehren Mariä vom guten Rat« eingeführt, »nachdem das Pfar Flossinger Filialgottshaus zu Oberneukirchen mit großer Costen von innen her ganz neu abgebuzet und mit schöne Quatratarbeith ausgezieret, auch mit nicht geringen Coster der daselbstigen Dorfgemaind das ganz Kürchgewölb in fre sco schön ab- und ausgemahlet worden ...«. Pfarrer von Flossing war Ignaz Erber (1744–69).
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Johann Paul Kurz (* 1721 Mühldorf † 1772 Mühldorf, s. S. 347) 1758. Für den Mühldorfer Maler Johann Paul Kurz sprechen die gelängten, S-förmig gebogenen Figuren mit den großbauschigen Mantelschwüngen, die denen der Frauenkirche in Wasserburg (1750) und der Katharinenkirche in Mühldorf (1756) sehr ähnlich sind. Charakteristisch für ihn ist auch die Vorliebe zu inschriftlichen Erläuterungen. Typische Eigenheiten von Kurz sind auch in Oberneukirchen zu erkennen, z. B. die starken Konturierungen der Inkarnatflächen, die weiblichen Figuren im stark taillierten Rokokomieder oder die im Profil gezeigte Katharina in B mit gerader Rückenlinie, die durch einen am Krönchen befestigten Schleier entsteht. Eine typische Kurz-Figur ist auch Margareta in Fresko A; sie hat den bekannten Gesichtsausdruck mit erhobenen, etwas hervortretenden Augen und einem Mund, dessen Unterlippe aus einem runden Tupfen besteht.
Im kleinen Gericht Mörmosen gab es keine gerichtseigene Handwerker und Künstler, man mußte daher stets Handwerker aus den angrenzenden Gerichten Mühldorf, Kraiburg, Neuötting oder Trostberg beauftragen. Für Mühldorf, wo die Kirche inkorporiert war, war Johann Paul Kurz zuständig.
Befund
Träger der Deckenmalerei: A und B verschliffene gotische Rippengewölbe, B im O abgemuldet. Rahmen: Stuckprofil
Technik: Fresko mit erheblichem Seccoanteil; polychrom. Maße: A Höhe 9,00 m; 8,90 × 4,30. B Höhe 10,00 m; 6,20 × 4,10
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1848 faßte Balthasar Mang, Maler in Tüßling, den barocken Hochaltar und 14 Kreuzwegstationen für 740 fl. neu. Eine Restaurierung im Stil der Neugotik saugte die pudrige Freskomalerei auf und band die Fresken in einem bräunlichen Ölfirnis. Mit dem Erweiterungsbau 1922/23 war eine umfangreiche Neuausmalung verbunden. August Prieser, München, und Peter Keilhacker, Taufkirchen, freskierten im neubarocken Stil die Wolfgangskapelle, den nördlichen Anbau und die Kanzelbrüstung sowie die beiden Emporenbrüstungen. Die barocken Fresken, die so dunkel waren, »daß von irgendeiner Darstellung nichts mehr zu erkennen war« (BLfD), wurden dabei überlasiert und mit gemalten Lichteffekten aufgehellt. Renovierungen 1948, 1966 und 2002 durch Martin Zunhamer, Altötting. Bei der jüngsten Restaurierung wurden die Fresken von sämtlichen Übermalungen befreit. Dabei wurden ursprüngliche Korrekturen an Schafen und bei der Johannesfigur aufgefunden. Die Fresken sind jetzt wesentlich heller, sie zeigen den gedünnten Originalbestand einer kleinteiligen und in der Qualität schwankenden Freskomalerei, der die Zuschreibung an Johann Paul Kurz bestätigt.
Beschreibung und Ikonographie
Franz Alois Mayrs eigenartiger Stuck überspannt netzartig die Zwickel und Stichkappen mit gleichmäßigem Gitterwerk, was eine starke Konzentrierung auf die Deckenbilder bewirkt. Margareta von Antiochien, die Kirchenpatronin, der die beiden Fresken und das Hochaltarblatt gewidmet sind, stammte aus vornehmer Familie. Ihre Amme bekehrte sie zum Christentum. Fünfzehnjährig sah sie der Präfekt Olibrius, als sie Schafe hütete, und wollte sie zur Frau. Sie weigerte sich und bekannte sich hartnäckig zu Christus als dem wahren Gott, worauf Olibrius sie ins Gefängnis bringen und foltern ließ. Im Gefängnis erschien ihr der böse Feind in Gestalt eines Drachen; sie schlug ihn durch das Kreuz in die Flucht. Schließlich wurde sie nach weiteren Martern enthauptet.
OBERORNAU .
A MARGARETA WEIST OLIBRIUS ZURÜCK Schauplatz ist eine weite Wiese, an der sich links im Hintergrund ein Hügel mit der Kirche von Oberneukirchen erhebt, rechts ein burgartiges Gebäude mit einer thronenden Jupiterstatue als Mauerbekrönung. Auf der Wiese steht inmitten einer kleinen Schafherde Margareta in höfischem Gewand, ihr gegenüber ein vornehm gekleideter Herr mit Begleitung, der auf die Jupiterstatue zeigt. Margareta weist ihn mit der Linken zurück; mit der Rechten zeigt sie zum Himmel, wo zuoberst die Dreifaltigkeit erscheint. Von ihrem Mund aus geht ein Schriftstrahl nach oben: Du bist Gott allein Dir ist niemand gleich unter den Göttern. Psal: 75 V 8–10. (Ps 86,8). In einer Schriftkartusche an der Bildbasis steht Ich vertraue auf Gott und / will mir nit förchten was mir auch / ein Mensch Thuen mag. Psal: 55. V: 11. (Ps 55,12). Über der Szene thronen auf Wolken links Johannes der Täufer mit dem Kreuzstab ECCE AGNUS / DEI, dem Lamm und der Muschel als Taufgerät; rechts Magdalena mit ihren Attributen Kruzifixus, Buch, Totenkopf und Salbgefäß. Johannes der Täufer ist Patron der Pfarrei Flossing, Magdalena war Patronin einer Kapelle in Mühldorf, die 1795 abgebrochen wurde (Mayer-Westermayer, S. 145).
Am westlichen Bildrand die Stifterinschrift (s. Auftraggeber). Die Komposition ist flächig angelegt, Untersichten und Tiefenperspektive fehlen fast ganz. Die sechs einzelnen Bildelemente sind ohne kompositorischen Zusammenhang achsensymmetrisch auf drei Ebenen zusammengefügt, auf dem Wiesengrund Margareta und Olibrius, auf zwei Wolken darüber die Heiligen Johannes der Täufer und Magdalena, und wieder auf zwei Wolken darüber Christus und Gottvater. Offensichtlich war der Maler mit dem großen Bildformat überfordert. Die einzelnen Figuren sind aber sorgfältig ausgearbeitet und nicht ohne Qualität, die Gesichter hübsch gestaltet mit zartem Inkarnat und rundlichen Formen, die Farbigkeit des Schauplatzes vielfältig nuanciert. Die Gewandfarben der Figuren, Karminrot, Blau, Goldgelb sind durch Ockerbeimischung gedämpft.
B GLORIE DER HL. MARGARETA Weitläufige Himmelsszenerie über einer ausgedehnten Landschaft mit Hügel, zinnenbekrönter Burg und Bäumen. Hier reitet in der Mitte Georg und tötet mit der Lanze den Drachen. Um ihn sind auf dem Wiesenplan seine Marterinstrumente dargestellt: Kessel, Schwert, Steinblöcke, Reißzangen, Nägel, Ketten, Geißel, Fackel. Die Unterschrift lautet Durch vill Trangsaallen müssen / wir zum Reich Gottes / ein gehen: act: 14. V: 21. (Act 14,22). Darüber schwebt auf einer großen zentralen Wolke Margareta zum Himmel auf, von Engeln begleitet. Ihr neigt sich Christus entgegen, von seinem Mund geht der Spruch aus Khomm vom Libano meine Braut. Cant: 4. V: 8. (Cant 4,8). Mit dem Kreuz bannt Margareta den noch fauchenden, aber schon auf einer Feuerwolke fliehenden Drachen. Margareta ist als Prinzessin gekleidet, ein Putto hält den Palmzweig als Zeichen des bestandenen Martyriums und einen weißen Blütenkranz als Zeichen der Unschuld. Ein Engel hält über ihr gekröntes Haupt den Lorbeerkranz als weiteres Symbol ihres Martyriums.
Auf Wolken erscheinen seitlich zwei Heilige, ein Bischof (mit Gans) und Katharina von Alexandrien mit Palmzweig, Rad und Schwert. In Entsprechung zu den Patronen in Fresko A könnten hier weitere Kirchenpatrone des Kollegiatstifts Mühldorf gemeint gewesen sein, in dessen geistlicher Herrschaft die Kirche lag: St. Katharina und St. Nikolaus. (Ihm wurde möglicherweise die merkwürdig allein auf Wolken stehende Gans bei der Freilegung der Fresken 1914 irrtümlich als Attribut gegeben).
Auf dem Hochaltarblatt ist die Enthauptung der hl. Margareta, der Kirchenpatronin, gezeigt.
Quellen und Literatur
StAM, Gericht Mörmoosen, Kirchenrechnungen 1700–1800. StAM, LRA 51856-51863: Baureparaturen und Kirchenerweiterung der Pfarrei Oberneukirchen 1889/1924. AEM, Pfarrakten Flossing, Filiale Oberneukirchen. BLfD, Akt Oberneukirchen, Kirche St. Margareta.
Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 145–49. KDRIOR(2) $ 2224f
Spagl, Hans Rudolf, Das Kelterbild von Oberneukirchen, in: Das Mühlrad 15, 1973, S. 29–33.
Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder), München 1976, S. 354.
Kreilinger, Kilian, Der bayerische Rokokobaumeister Franz Alois Mayer (= Jahrbuch der Vereins für christliche Kunst 9), München 1976, S. 115 f., Abb. 87.
Krausen, Edgar, Der Maler Balthasar Mang, in: Das Mühlrad 21, 1979, S. 16–18.
Spagl, Hans Rudolf, Der Maler Balthasar Mang aus Buchbach, in: 1200 Jahre Buchbach, Buchbach 1988, S. 37–53.
Dehio 1990, S. 910.
Heimatbuch Polling-Oberneukirchen, Haag 1990, S. 595-611. C B