Oberneuching, Pfarrkirche St. Martin


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 7: Landkreis Erding. Hirmer, München 2001, ISBN 978-3-7774-7830-2, S. 245–253, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

innehatten, aber nicht das Präsentationsrecht. An der Kirche bestand eine Rosenkranzbruderschaft (seit 1629). Im N der Kirche angebaut war die Neuchinger Kapelle als Grablege der Neuchinger, der ehem. Inhaber des Edelsitzes. Gericht Schwaben

Patrozinium: St. Martin

Zum Bauwerk: Mittelalterlicher Bau. Das LHs hat noch romanische Bausubstanz, der Chor und die Neuchinger Kapelle sind gotisch. Große Kirchenreparatur mit Neubau des Turms über dem alten Untergeschoß 1664. Barockisierung mit Neuwölbung 1965/66 durch den Erdinger Gerichtsmaurermeister Johann Lethner und Zimmermeister Anton Arnold aus Schwaben (PfA Oberneuching, frdl. Mitt. Stefan Nadler

Erweiterung der Kirche durch Anbau eines südlichen Seitenschiffs 1967. Gleichzeitig wurde die ehemals von der Kirche abgeschlossene Neuchinger Kapelle in drei Bögen zum Hauptraum hin geöffnet, so daß sie jetzt als nördliches Seitenschiff dient.

Die sog. Neuchinger oder St.-Anna-Kapelle, 1343 erbaut durch die Familie der Neuchinger von Neuching, war Sepultur der Familien Neuching und Armansperg. Sie war bis 1967 ein eigener abgeschlossener Raum und wurde in die Barockisierung nicht einbezogen.

LHs zu vier Jochen, begleitet von Seitenschiffen in ganzer Länge, Empore im W; Belichtung über die Seitenschiffe. Eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß; Belichtung durch zwei Fenster von N, eines von S und zwei in den Schlußschrägen.

Auftraggeber: Joseph Ignaz Mayr, Pfarrer von Oberneuching (1763-79). Sein Epitaph im Chor nennt ihn »Templi huius Restaurator«. An der Innenseite des Chorbogens befindet sich eine Stifterinschrift New Gewölbt Durch Beitrag der Pfarrs Gemaind aus/gemahlen Anno 1765 I. I. M. P. (= Johann Ignaz Mayr Pfarrer). Die drei Personen in Fresko B halten Rosenkränze. Sie verweisen auf die Rosenkranzbruderschaft, die schon 1765 zur »Hauptbau-Reparation« einen Geldbetrag und 1766 nochmals 550f. vorstreckte. Der bärtige Mann, der die Bittschrift hält, stellt wohl Pfarrer Joseph Ignaz Mayr dar den Präses der Bruderschaft. In der Kirchenrechnung vor 1766 (Pfarrarchiv Oberneuching) wird im Zusammenhang mi dem »gefährlichen Bau-Fahl« und den Überschlägen auch die Ausmalung erwähnt, die keine Unkosten verursacht habe »Hierauf nun hat der dermahlige H: Pfarrer Joseph Mayr .. nicht nur allein den ganzen Tachstuhl bestens reparieren, son dern auch das ganze Gwölb völlig Neu einrichten ... ein Neues Pflaster von Weissen Marmor einlegen, ganz Neue Kirchen Stüell verfertigen - und ohne Unkösten des Gottshau von oben herum durchaus mit guten farben al fresco ausmaller ... lassen ... « (Für die Auszüge aus dem Pfarrarchiv danker wir Stephan Nadler, München.)

Autor und Entstehungszeit: Johann Nikolaus Miller 1765 Datum am Chorbogen innen (s. o.).

In der Kirchenrechnung von 1766 wird der Maler Nikolaus Miller für seine Fresken mit 120fl. bezahlt: ... »wurde weiters von Ausmallung der Kirchen von oben herum al fresco, dem Nicolaus Miller burgerl: Maller zu Erting accordirtermassen ... bezalt 120fl:«.

Die Fresken gelten schon seit Brenninger als Arbeiten Nikolaus Millers (AEM, Kunsttopographie). Die Ähnlichkeit mit Millers 1766 entstandenen Fresken in Walpertskirchen ist groß, besonders die Ähnlichkeit der beiden LHs-Fresken, die beide die Himmelfahrt Mariens zeigen, sowohl in der Gestaltung des Schauplatzes als auch in den Figurentypen und Bewegungsmotiven, wenn sich auch Miller 1766 in Walpertskirchen sichtlich um eine Variation der Oberneuchinger Komposition von 1765 bemüht.

Auch in den beiden AR-Fresken finden sich viele Übereinstimmungen. Die Landschaftsdarstellung, die Stifter mit dem Schriftblatt, die Figur des Patrons auf der Wolke und die Wolkenlandschaft mit der wirbelähnlichen Vertiefung zur Hl.- Geist-Öffnung sind sehr ähnlich, bis hin zu der Reihe der Engelsköpfchen unter einem dunkleren Wolkenzug am oberen Bildrand.

Johann Nikolaus Miller (* 1708 † 1981 Erding) hatte 1729–40 die Malergerechtigkeit in Kraiburg inne, die er durch Heirat mit Genoveva Huber erlangte, der Tochter des Kraiburger Malers Johann Michael Huber. In dieser Zeit freskierte er die Wallfahrtskirche Heiligenstatt bei Altötting (signiert und datiert 1736). In zweiter Ehe heiratete er Rosina Heippl, Tochter des Verwalters der Fürstenfelder Hofmark Walkersaich Zwischen 1740 und 1750 ist er als Maler im Bereich Fürstenfeld faßbar. Aus dieser Zeit stammt die Ausmalung vor Walkersaich (Lkr. Mühldorf; signiert und datiert 1750).

Nach dem Tod des Erdinger Malers Johann Michael Rieder am 10.2.1760 wurde Miller dessen Werkstattnachfolger (frdl Mitt. Gerhard Koschade). Im Gericht Erding sind die Fresker in Oberneuching und Walpertskirchen für Nikolaus Müller gesichert. Eschlbach kann ihm zugewiesen werden.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A, 1-14) und AR (B, B1-6) Tonne mit Stichkappen, im AR nach O abgemuldet

Rahmen: Gemalte Rahmung; A ockerfarbener Ornamentrahmen; B ockerfarbene Leiste, von Rocaillen übergriffen; 1-14 B. dünne Ornamentrahmen

Technik: Fresko; A und B polychrom, 1,3,5,7,8,10,12,14, monochrom karmin, 2,4,6,9,11,13 monochrom grau; B1, B3-4, B6 monochrom karmin, B2, B5 monochrom grau Maße: A Höhe 8.00 m: 8.40×4.00

B Höhe 7,50 m; 4,10×3,10

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Ehem. Inschrift am Chorbogen Renovirt im Jahre 1882. Reinigung und Neutönung des Raums 1922 durch den Malermeister Heuet aus Plattling mit Renovierung der Fresken durch Kunstmaler Niedermaier von Hohenbrunn. In einem Gutachten des BLfD vom 25.2.1957 schreibt Blatner, die Fresken seien durch unsachgemäße frühere Restaurierungen völlig vergraut. Dazu kamen Schäden durch die Feuchtigkeit des Mauerwerks. Eine Restaurierung des Raums mit Reinigung der Fresken erfolgte erst 1968 nach der Kirchenerweiterung. Beginn einer Gesamtrestaurierung mit dem Außenbau 1999, Restaurierung der Deckenbilder durch Michael Hornsteiner, Dorfen, in Vorbereitung. Die Deckenbilder sind stark übermalt, am meisten Fresko B.

Beschreibung und Ikonographie

A und 1–14 ROSENKRANZGEHEIMNISSE Das Bildprogramm im LHs ist bestimmt von der Rosenkranzbruderschaft. Die vierzehn großen Kartuschenbilder 1-14 bilden zusammen mit dem Hauptbild A die fünfzehn Geheimnisse des Freudenreichen, Schmerzhaften und Glorreichen Rosenkranzes. Die Reihe führt an der S-Seite von O nach W und wird an der N-Seite von W nach O fortgesetzt.

Vorbild für Millers Darstellungen 1-14 waren die Stiche Bergmüllers der »Quindecim Mysteria Sacri Rosarii« von 1723/24, deren Kompositionen Miller aber nicht völlig detailgetreu wiederholte, sondern meist etwas vereinfachte.

 
A Krönung Mariens und 1–5, 10–14 Freudenreicher und Glorreicher Rosenkranz
 
 
 

Die Farbigkeit ist im Unterschied zu Walpertskirchen sehr hell, teilweise bis zur Farblosigkeit aufgelichtet. Der Bildschauplatz in hellem Grau, Graugelb und Graugrün dominier die wenigen etwas kräftigeren Buntfarben in den Gewändern, die nur in den Figuren von Petrus, Johannes und Maria auftreten.

 
6 Ölberg
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1-5 FREUDENREICHER ROSENKRANZ

 
 
8 Dornenkrönung
 
 

6-10 SCHMERZHAFTER ROSENKRANZ

11–14 und A GLORREICHER ROSENKRANZ

Der von den Toten auferstanden ist (Auferstehung) Von rechts ragt der Sarkophag Christi ins Bild, mit der schweren Steinplatte, die von einem Engel zur Seite geschoben wird. Darüber erscheint Christus, strahlend im Licht, das vom Himmel fällt, die Wundmale weisend und eine Fahne in Händen. Links zwei zu Boden taumelnde Grabwächter.

 
 
10 Kreuzigung
 
 
 
St. Martin als Patron von Oberneuching
 

12 Der in den Himmel aufgefahren ist (Christi Himmelfahrt) Christus fährt zum Himmel auf; auf dem Boden sind die Abdrücke seiner Füße zu sehen. Rechts und links sind die Apostel dargestellt, deren Figuren, vom Boden überschnitten, nur zum Teil zu sehen sind

 
12 Himmelfahrt Christi
 
 
 

A Der Dich, o Jungfrau, im Himmel gekrönt hat (Marienkrönung) Das letzte Geheimnis des Glorreichen Rosenkranzes, die Krönung Mariens im Himmel, wird durch das Hauptbild A (s. o.) dargestellt.

B, B1-6 MARTIN VON TOURS Das Bildprogramm im Chor beschäftigt sich mit dem Kirchenpatron. Die sechs Kartuschen zeigen Szenen aus dem Leben des Heiligen oder erinnern an seine Wundertaten.

B ST. MARTIN ALS PATRON VON OBERNEUCHING In der Mitte einer weiten bäuerlichen Landschaft mit Hügeln, Wiesen und Feldern ist in der Mitte die Kirche von Oberneuching zu sehen, im Hintergrund liegt auf einem Hügel die Kirche von Niederneuching. Auf einem kleiner Hügel im Bildvordergrund knien Stifter und Bittflehende. Ein bärtiger Herr mittleren Alters mit Kniebundhosen, langen rotbraunen Rock und gefälteltem Kragen, der ein Blatt in Händen hält H. / Martin bitt für / uns! und ein Paar in bürgerlicher Tracht zeigen individuelle Züge und sind sicher Porträts. Die Rosenkränze, die sie in den Händen halten, weisen sie als Angehörige der Oberneuchinger Rosenkranzbruderschaft aus. Mehr im Mittelgrund sind zwei jüngere Frauen mit Kindern dargestellt, die eher allgemein typische Gesichtszüge zeigen. Im Himmel ist der Kirchenpatron Martin von Tours dargestellt, dem ein Putto Mitra und Pedum hält. Eine Wolkenbank zieht sich nach rechts oben und spiralförmig um den Deckel der Hl.-Geist-Öffnung. Rechts sieht man drei musizierende Engel, am oberen Bildrand eine Reihe von Puttenköpfchen.

 
B2 Traumvision
 
B4 Teufelsaustreibung
 
B1-6 Martin-Zyklus

Die Farbigkeit ist hell und freundlich, wenn auch nicht bunt. Vor dem gedämpften Grün der Landschaft und dem zarten Graugelb der Wolken erscheinen in den Gewändern vor allen ein gedämpftes Rot und wenig Blau.

B1 MANTELSPENDE Das Bild zeigt einen Platz vor den Mauern und Türmen der Stadt Amiens. Im Vordergrund liegt ein Bettler mit Krücke und Binde um den Kopf, nur mit Fetzen bekleidet. Er streckt bittend seine Hand zu dem römischen Soldaten Martin aus, der auf einem Pferd vorüberreitet. Martin teilt seinen Mantel mit dem Schwert.

B2 TRAUMVISION In einem weiten, plattenbelegten Innenraum kniet Martin, mit Rüstung, Helm und Mantel, gesenkten Hauptes betend am Boden. Vor ihm erscheint in hellen Wolken Christus, von Engeln begleitet, und weist den halben Mantel vor.

B3 MARTIN LENKT DAS FEUER Das Bild zeigt eine Dorfstraße mit einer Kirche im Hintergrund. Über dem Dorf wütet ein Unwetter. Blitze schlagen in alle Häuser ein und entflammen Brände. Im Vordergrund steht der hl. Martin mit ausgebreiteten Armen. Das hier dargestellte Feuerpatronat des Heiligen beruft sich auf zwei legendäre Ereignisse.

»Martin von Tours hatte an einen heidnischen Tempel Feuer gelegt. Der Sturm trieb ganze Feuergarben auf das Nachbarhaus. Martin stieg dort auf das Dach und trieb das Feuer gegen die Windrichtung zurück zum Tempel (Sulpicius Severus, Vita 14). Bei einer Visitation in einem Pfarrhof wurde Martin nachts vom Feuer überrascht. Auf sein Gebet hin wichen die Flammen zurück (Sulpicius Severus, erster Brief an Eusebius; Hinweis auf die mehrfache Abwendung von Feuersgefahr in Dialog 1,25).«

B4 MARTIN HEILT EINEN BESESSENEN In einem kuppelüberwölbten Kirchenraum steht Martin segnend vor einem Besessenen, der von einem Begleiter gehalten wird. Aus dem Mund des Kranken fliehen kleine schwarze Teufel. Mit dieser Darstellung wird an zwei Besessenenheilungen erinnert, an die Heilung des besessenen Knechts des Tetradius und des besessenen Kochs (Sulpicius Severus, Vita 17).

B, MARTIN HEILT KRANKE An einem Kirchenportal steht der Bischof Martin und hebt segnend die Rechte. Am Fuße der Treppe haben sich Kranke versammelt: ein Lahmer mit Krücke, der auf seinen verbundenen Kopf weist, eine liegende junge Frau, ein Pestkranker mit Glöckchen und eine Mutter mit Kind rechts. Der Hintergrund zeigt eine weit in die Tiefe laufende prachtvolle Straße, gebildet aus Palästen, die von Statuenreihen bekrönt sind. Diese allgemeine Szene einer Krankenheilung (Sulpicius Severus berichtet von mehreren) schließt auch die Heilung des lahmen Mädchens ein, zu dessen Heilung Martin bei einem Besuch in Trier die Kirche verließ (Sulpicius Severus, Vita 15).

B6 MARTIN ERWECKT TOTE Martin steht segnend in einem weiten Friedhof mit vielen Kreuzen und einem Beinhause am linken Bildrand, durch dessen rundbogige Öffnung Schädel zu sehen sind. Vor ihm erhebt sich ein Toter aus seinem Grab. Von Martin von Tours berichtet Sulpicius Severus mehrere Totenerweckungen. Hier ist keine bestimmte dargestellt, sondern die Macht, die der Heilige durch sein Gebet selbst über den Tod hatte.

Quellen und Literatur

Pfarrarchiv Oberneuching, 2000 bearbeitet von Dr. Stefan Nadler und Mitarbeitern (und uns freundlicherweise mitgeteilt).

StAM, LRA 147851: Gutachten 1910/17.

AEM, Pfarrakten Oberneuching: Kirchenrechnungsextrakte 1664–1786; Bauten II; Benefizium 1594–1791.

AEM, Kunsttopographie der Erzdiözese, Dekanat 23/Erding Pfarrei Oberneuching, Pfarrkirche St. Martin (Georg Brenninger).

BLfD, Akt Oberneuching, Pfarrkirche St. Martin.

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 525–28. Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 118–21.

Historischer Atlas I, Bd 48, Gericht Schwaben (Gottfried Mayr und Susanne Margarethe Herleth-Krenz), 1989, S. 254 294–96, 329 f.

Dehio 1990, S. 909 f.

A. F