Oberigling, Pfarrkirche St. Peter und Paul


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 169–171, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Gemeinde Igling, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung (seit 1709) hatte der Bischof von Augsburg das Präsentationsrecht auf die Pfarrei, Herrschaft Igling (Inhaber die Freiherrn von Donnersberg)

Patrozinium: St. Peter und Paul

Zum Bauwerk: 1724 Neubau von Chor und Turm der Kirche durch Michael Stiller aus Ettringen, der auch die Stuckdekoration im AR schuf. Das bereits 1714 errichtete LHs wurde 1759 umgestaltet und von Joseph Anton Walch ausgemalt. Die 1701 in Oberigling eingeführte Bruderschaft Maria vom Trost hatte wesentlichen Anteil an Bau und Ausstattung von AR und LHs (Steichele-Schröder, S. 301). Aus dem 18. Jh. ist jedoch nur der AR erhalten geblieben, denn das LHs wurde 1829 baulich fast völlig erneuert und 1853 durch Karl Vorhölzer ausgemalt. – Der eingezogene AR hat einen fast quadratischen Grundriß und eine flache Apsis (Kreissegment) als Abschluß.

Autor und Entstehungszeit: Signatur in A unter dem gestürzten Pferd JAB. Eine Quittung des Malers von 1735 überliefert dessen vollen Namen: » Johan Andre berg Mihler, histori Mahler a tirkheib« (Heimatmuseum Türkheim: Lesart frdl. Mitt. Peter von Bomhard, Erzbischöfliches Ordinariatsarchiv München; vgl. Steichele-Schröder, S. 302).

Der zwischen 1715–38 durch Archivalien bezeugte Historienmaler Johann Andreas Bergmüller ist vielleicht ein Bruder des bekannten Kunstschreiners Dominikus Bergmüller (Johann Andreas schuf Entwürfe für Altäre und Kanzeln) und damit ein Vetter des Augsburger Akademiedirektors Johann Georg Bergmüller. Doch konnte er bisher in den nicht vollzählig erhaltenen Taufmatrikeln von Türkheim (Schw., LKr. Unterallgäu) nicht nachgewiesen werden (frdl. Mitt. Hans Ruf, Türkheim und München, vgl. auch Läuterer, S. 12, der Johann Andreas nur als »Namensvetter« des Johann Georg Bergmüller bezeichnet). Für Johann Andreas sind außer den obengenannten Entwürfen noch Faßarbeiten und wenige Deckengemälde, z. B. in der Türkheimer Pfarrkirche (1732), überliefert.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachkuppel mit Rundspiegel über Pendentifs

Rahmen: A Stuckprofil, A1-4, Aa-d Bandlstuck-Kartuschen Technik: A Öl auf Leinwand, A1-4, Aa-d Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 11,30 m; ∅ 3,90

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1958/59 Reinigung der Deckenbilder des Chores durch A. Dasser. Das Leinwandbild A ist gut erhalten. Die freskierten Kartuschenbilder in der Kuppelschale (A1-4) und in den Pendentifs (Aa-d) sind stark überarbeitet, Komposition und figürliche Darstellung stammen anscheinend noch aus dem 18. Jh. (Jos. Ant. Walch, 1759?), die originale Farbsubstanz und Zeichnung sind vernichtet. Die Übermalungen rühren von einer früheren Restaurierung her (1853?), Dasser hat die Freskokartuschen nur gereinigt und eingestimmt (B. L. f. D., Akten Oberigling).

Beschreibung und Ikonographie

A MARIA VOM TROST BESCHÜTZERIN IN EINER TÜRKENSCHLACHT Weder die perspektivische Anlage noch die farbliche Gestaltung des Rundbildes entsprechen dem Darstellungsort der Flachkuppel. Das für den Spiegel in der Flachkuppel gemalte Ölbild entspricht vielmehr einem quadro riportato. Die Hauptfiguren sind parallel zur Bildleinwand fast ohne Untersichten wiedergegeben, die szenisch bewegte Darstellung ist in die Bildtiefe mit einem hellen Horizont verlegt.

Das Bildfeld ist ziemlich gleichmäßig in einen himmlischen und einen irdischen Schauplatz geteilt. Es fällt auf, daß diese beide dunkelfarbig gehalten sind, in einer Farbskala von Rotbraun bis Ocker. Ein relativ lichter blaugrauer und darunter ockerfarbener Horizontstreifen trennt die beiden Sphären. Engel, die einen dunklen Samtvorhang zur Seite ziehen, akzentuieren den Wolkenhimmel als Schauplatz, in dem die Jungfrau Maria, weiß-blau gewandet, erscheint. Sie reicht in gnädighilfreicher Gebärde einen schwarzen Ledergürtel zur Erde hinab. Dort tobt der Kampf einer Reiterschlacht. Eiserne Rüstungen und Lanzen der einen, befederte Turbane und Bogen der anderen Krieger kennzeichnen die Türkenschlacht. Unmittelbar vor dem Schlachtgetümmel kniet ein Edler, gestützt auf seinem Schild vor seinem Reitknecht, zu seinen Füßen ein besiegter Türke. Er wendet sich hilfeflehend zu Maria empor, den Blick auf den schwarzen Gürtel gerichtet.

In dieser stark hervorgehobenen Gestalt wird traditionell die Darstellung des Eusebius Augustin von Donnersberg gesehen, der 1685 unter Max Emanuel an der Schlacht bei Raab teilnahm und fiel (Steichele-Schröder S. 302). Die Figur ist jedoch nicht näher gekennzeichnet, Hinweise wie z. B. die bayerischen Farben oder das Wappen der Donnersberger fehlen. Zudem entsprechen die altertümlichen Kriegsutensilien nicht der Darstellung einer Schlacht, die damals erst rund fünfzig Jahre zurück lag. Hauptmotiv der sehr allgemein gehaltenen Kampfdarstellung ist der Gegensatz von Christen und Heiden. – Die Freiherren von Donnersberg hatten sich als Hofmarksherren von Igling sehr für den Neubau der Kirche und für die Einführung der Gürtelbruderschaft (1701) eingesetzt, von daher wird die Benennung der Figur begründet.

Maria mit dem Heilszeichen des schwarzledernen Gürtels, der der Verehrung der Bruderschaft gilt, ist als Patronin der Christen im Kampf gegen die feindlichen Heiden wiedergegeben.

 
A Maria vom Trost – Beschützerin in einer Türkenschlacht mit A1-4 Die vier Erdteile Aa-d Die Wirksamkeit des Heilszeichens der Gürtelbruderscha

A1-4 DIE VIER ERDTEILE A1 Europa ausgezeichnet durch die Würdesymbole von Kaiser- und Papsttum, zur Seite der österreichische Bindenschild. A2 Asien bezeichnet durch ein Kamel, eine Opferschale und die Türkentracht eines Pagen. A3 Amerika mit Federputz, Bogen und Pfeilen und Papagei. A4 Afrika schwarzhäutig mit Turban und Perlengeschmeide, dazu Sonnenschirm, Palme und Krokodil.

Die vier Erdteile sind auf Maria als Herrin der ganzen Welt bezogen.

Aa-d DIE WIRKSAMKEIT DES HEILSZEICHENS DER GÜRTELBRUDERSCHAFT

Aa GLOBO RESISTIT – Ein gegürteter Mann hält sich an dem schwarzen Gürtel fest, der um einen Pfahl geschlungen ist. Wenn der schlechte Erhaltungszustand des Bildes nicht täuscht, ist ein Boot auf dem Meer – an dessen Mast sich der Mann festhält - dargestellt. Eine sinngemäße Deutung dazu wäre: Der Mensch hält sich mit Hilfe des Heilszeichens im Schiff der Kirche und widersteht dem Meer der Welt.

Ab Inschrift fehlt. Ein Pilger (Abzeichen Stab und Muschel sowie der schwarze Gürtel) wird von einem Räuber mit einer Pistole bedroht.

Ac DESTRUIT INSIDIAS – Ein Türke bedrängt mit seinem Schwert eine junge Frau, doch das Schwert verbiegt sich an dem schwarzen Gürtel. Hier ist, wie offensichtlich auch in Ab, der Schutz vor körperlicher Bedrohung gemeint, deutlich ausgesprochen durch die Inschrift. Ad CVNCTIS AMOENA – Eine junge Frau zähmt mit dem Gürtel einen gehörnten Drachenhund – den Teufel; das Bild entspricht sinngemäß der Darstellung in Aa.

In den vier durch die lemmaartigen Inschriften emblematisch aufgemachten Szenen ist jeweils ein Mann oder eine Frau in geistiger oder körperlicher Bedrohung wiedergegeben. Das Heilszeichen der Bruderschaft Maria vom Trost gewährt ihnen Schutz und Hilfe.

Quellen und Literatur

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 173

Dellinger, Joachim, Igling, Schloß und Hofmark im königlichen Landgerichte Landsberg..., in: OAVG 12 1851/52, S. 28 f.

Steichele-Schröder, Bd 8 (1932), S. 302

Läuterer, Oswald, Die Künstler Türkheims, 1. Teil, Johann Georg Bergmüller, Landsberg am Lech (1953), S. 3 f. S. 12.

Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 540.