Oberbierbach, Filialkirche St. Martin
OBERBIERBACH
Filialkirche, Kuratie Maria Thalheim (Pfarrverband Reichenkirchen-Maria Thalheim), Gemeinde Fraunberg, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Filiale der Pfarrei Taufkirchen, unter deren sieben Filialen außer Oberbierbach noch Großwimpasing (s. S. 119) und Tegernbach (302) waren. Gericht Erding
Patrozinium: St. Martin
Zum Bauwerk: Neubau anstelle der baufälligen Kirche 1717/18 durch Maurermeister Anton Kogler aus Erding und Zimmermeister Georg Diemer von Bergarn. 1719 Arbeiten an der Kircheneinrichtung, 1720 Hochaltar. Weihe am 7. 10. 1722 durch Fürstbischof Johann Franz Eckher
LHs zu drei Jochen, gerundete Ecken, Pilastergliederung, Empore im W, gleichmäßige Belichtung von N und S durch je drei Fenster. Eingezogener AR zu zwei Jochen mit halbrundem Schluß, Pilastergliederung, Belichtung von N durch zwei, von S durch ein Fenster. Auffallend ist der ornamental geschwungene Chorbogen.
Auftraggeber: Pfarrer Johann Maximilian Stängl (1712-36) von Taufkirchen. Als Johann Maximilian Stängl 1712 die große Pfarrei übernahm, waren von deren acht Kirchen drei völlig baufällig. Stängl erbaute in seiner Amtszeit vier seiner Filialen neu: Oberbierbach 1718, Inning am Holz 1720, Wimpasing 1724 und Tegernbach 1729. Am Chorbogen in Oberbierbach befindet sich das bayrische Wappen.
Autor und Entstehungszeit: Franz Albert Aiglstorffer (um 1675 Wartenberg † 1741 Wartenberg) 1718. Signatur in B auf dem Sack F.A. 1718 (mit Wappen) und Datum unter B MDCCXVIII. Signatur in D Franz Aiglstorffer / in Warttenberg. / Pinx: 1718.
- * *********************************** von Georg Brenninger erstmals als die Schöpfer umfangreicher Freskenzyklen im Bereich des alten Gerichts Erding vorgestellt. Aiglstorffer d. Ä. war Sohn des Wartenberger Schreiners Oswald Aiglstorffer; Heirat am 25.2.1710 mit Eva Bauschmid aus Langenpreising. Der Sohn Franz Joseph Aiglstorffer wurde der Werkstattnachfolger des Vaters (s. S. 146). Franz Albert Aiglstorffer verlegte sich früh auf Freskierungen, die von den Erdinger Malern im früheren 18. Jh. kaum ausgeführt wurden, und entwickelte dabei ein Dekorationssystem, das aus vielen kleinen Bildern und ausführlichen Inschriften in Deutsch und Latein bestand, wobei Embleme eine große Rolle spielten. Danach und nach seiner Handschrift zu urteilen, muß Aiglstorffer über das bei Kunsthandwerkern übliche Maß hinaus gebildet gewesen sein. Was die malerische Qualität betrifft, blieb Aiglstorffer unter provinziellem Mittelmaß.
Folgende Freskierungen von ihm sind bekannt: Bockhorn um 1716 (?); Eitting 1718; Oberbierbach 1718; Burgharting 1724; Großwimpasing 1724; Tegernbach 1729; Geislbach 1729; Großköchlham 1731; Blainthal 1732 und Berglern 1735. Einiges dürfte noch übertüncht, anders bei Gewölbeerneuerungen verloren gegangen sein.
Für Oberbierbach malte Franz Albert Aiglstorffer außerdem neben kleineren Arbeiten 1719 im Totenkerker eine Darstellung der Armen Seelen (StAL, Kirchenrechnung 1720).
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, A1-2, B, C, C1-7), und AR (D, Da-k) Tonnengewölbe mit Stichkappen, im AR nach O abgemuldet
Rahmen: Stuckprofilleisten
Technik: Fresko mit Secco-Übermalungen; sämtliche Deckenbilder sind polychrom
Maße: A Höhe 10,00 m; 1,50×0,80
B Höhe 10,00 m; 2,30×2,20
C Höhe 10,00 m; 3,40×2,20
D Höhe 8,60 m; 3,00×1,70
, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , Erhaltungszustand und Restaurierungen: Reparaturen im Gewölbebereich 1886/89: Einziehen von vier Zugankern und Reparatur der Risse, Schlaudern der Seitenwände. Innenrestaurierung 1894 durch den Erdinger Maler Martin Irl »im Renaissancestyl«, Reinigung und Reparatur der Fresken. Übermalen der Bilder vor allem im Bereich des großen Scheitelrisses. Gründliche Innenrestaurierung nach Trockenlegung der Kirche erst 1995/97. Unter der Fassung des späten 19. Jh. wurde 1995 die originale Raumfassung von 1718 freigelegt und restauriert (Heinrich Götz, München). Restaurierung der Fresken durch Manfred Fronske aus Tiefenbach, Schließen der Scheitelrisse, Reinigung, Festigung der Malschicht. Unter der Empore wurden drei Fresken freigelegt und restauriert.
Beschreibung und Ikonographie
A, A1-3 HEILIGE DREI KÖNIGE
A S. MELCHIOR. Ansicht nach W. Melchior ist bärtig und trägt einen Mantel mit Hermelinkragen. Er weist auf den Stern von Bethlehem. Vor ihm liegt ein perlenbesetzter Turban mit Krone, daneben ein Kästchen mit Geschmeide.
A1 (N) S. BALTHASAR. Balthasar ist als jugendlicher König mit Krone dargestellt; er hält einen Deckelpokal.
A2 (S) S. CASPARVS. Kaspar erscheint als jugendlicher Mohrenkönig, eine Krone auf dem Haupt, mit Perlen geschmückt. Er hält ein Weihrauchgefäß.
B ST. LEONHARD ALS HELFER IN NOT Ansicht nach W. Der Heilige im schwarzen Benediktinerhabit thront
auf Wolken, mit der Kette als seinem Attribut, den Abtstab mit dem Velum in Händen. Unter den Wolken zieht sich ein Schriftband VIR MAGNVS CORAM OMNI POPULO (ein großer Mann vor allem Volk; s. auch Eitting, S. 102). Darunter ist in einer Landschaft links auf einem Hügel Oberbierbach mit der Kirche zu sehen, in der Mitte das Dorf Unterbierbach, davor weidendes Vieh. Zahlreiche Männer in altertümlicher Tracht, an ihrer Spitze wohl der Pfarrer, sind rechts versammelt. Sie haben zwei Säcke vor sich stehen. Auf einem sieht man die Initialen Aiglstorffers und das Datum F.A. 1718 mit dem Wappen von Erding, der Pflugschar. Zwei Männer haben Rosenkränze in Händen, ein anderer trägt einen Sack über der Schulter; andere blicken flehend zum Heiligen im Himmel auf. Die Art der Darstellung, vor allem die altertümlichen Trachten mit den weißen Kragen und der Halskrause sowie der Hinweis darauf, daß es sich bei den dargestellten Personen um Erdinger Bürger handelt, läßt an die Darstellung einer historischen Begebenheit denken, an ein Verlöbnis zum hl. Leonhard und eine wunderbare Erhörung. Doch ist das nicht mehr zu klären.
C, C1-7 FLORIANSZYKLUS Das Hauptbild C im Lh und sieben Nebenbilder beschäftigen sich mit Florian von Lorch, der in Oberbierbach Patron des damals einzigen Seitenaltars war. Das Hauptbild zeigt Florian in seiner Eigenschaft als Patron gegen Feuersgefahr, die Nebenbilder schildern Szenen aus seiner Vita und Passio (BiblSS, Bd 5 Sp. 937–40; LCI, Bd 6, Sp. 250–54).
Florian war nach der Legende ein Angehöriger des römischen Heeres in Noricum. Der Präfekt Aquilinus ließ während der diokletianischen Verfolgung in Lorch vierzig Christen festnehmen, worauf Florian sich auch als Christ bekannte. Er weigerte sich, den Göttern zu opfern (C1). Der Präfekt ließ ihn schlagen und einkerkern (C2). Dann wurde Florian durch einen Soldaten mit einem Stein um den Hals in die Enns geworfen und ertränkt; der Soldat erblindete (C3). Die Leiche wurde auf einer Insel im Fluß angetrieben und von einem Adler bewacht (C4). Inzwischen erschien Florian der Witwe Valeria im Schlaf und zeigte ihr den Platz, wo sein Leichnam lag (C5). Valeria brachte den Leichnam auf einem Ochsenkarren weg; da ermüdeten die durstenden Zugtiere. Auf das Gebet Valerias hin entsprang eine Quelle (C6). Das Grab des Heiligen im späteren Stift St. Florian wurde von vielen Wallfahrern besucht (C7). Zählung chronologisch.
C ST. FLORIAN ALS HELFER IN FEUERSGEFAHR In Wolken erscheint der hl. Florian, den Palmzweig in der Linken, und schüttet aus einem hölzernen Schaff Wasser auf die Erde. Ein Putto hält Florians Fahne, die einen goldenen Adler zeigt; zwei andere gießen wie Florian Wasser nach unten. Ein Schriftband windet sich um die bewegte Szene SUB Christi vexilo Ecclesiae Defensor FLORIANVS (unter der Fahne Christi der Verteidiger der Kirche, Florian).
In der Landschaft darunter ist ein brennendes Dorf sehr lebendig dargestellt. Im Kirchturm und in den Dächern wüten die Flammen, Menschen retten sich und ihre Habe. Eine Familie im Vordergrund, umgeben von ihrem geretteten Hausrat, und eine Gruppe am linken Bildrand flehen zum Himmel um Hilfe. Mit Leitern, Stangen und Wasserbottichen rücken andere Dorfbewohner zum Löschen vor. Unterschrift Invoca me in die Tribulationis eruam Te. Psal c. (Ps 49,15. Dann rufe zu mir am Tag der Bedrängnis, ich werde dich retten).
Um seinen Hals ist noch der Mühlstein gebunden; sein Haupt ist von Strahlen umgeben. Vom Dreifaltigkeitssymbol im Himmel fallen Gnadenstrahlen auf den toten Heiligen, über dem ein Adler schwebt.
seinen Tod, auf dem Hochaltarblatt von Johann Degler ist er kniend vor der Immaculata dargestellt. In den zehn das Fresko D begleitenden Emblemen wird auf seine Tugenden verwiesen auf seine Verachtung alles Irdischen und seine Hinwendung zu Gott (Da), seinen Eifer in der Heilsvermittlung (Dd und Dg) sein gutes Beispiel (Di) und seine Liebe zu Gott (Dk); vor allen aber auf seine Güte, Nächstenliebe und Freigebigkeit (Db, Dc, De, Df und Dh). Fast alle Embleme finden sich mit den gleichen Lemmata bei Picinelli; sie werden in den folgenden Jahren in Aiglstorffers Ausmalungen immer wieder auftauchen.
D TOD DES HL. MARTIN Wolken und himmlisches Licht dringen in einen Raum, wo Martin von Tours im Büßerhemd auf seinem Sterbebett liegt, einer Strohschütte. Er hat ein kleines Kreuz in der Rechten, ein Mitbruder hält ihn halb aufgerichtet. Im Hintergrund sind drei klagende Männer zu sehen. Putten auf Wolken halten Mitra, Pedum und die Gans sowie ein aufgeschlagenes Buch mit der Inschrift O Domine / Si populo / tuo ad / huc / Necessarius / non Recusso / Laborem / ex Vit S: M:. Vom Dreifaltigkeitssymbol im Himmel fällt eine breite Strahlenbahn auf den Sterbenden. Eine kleine Gruppe von Putten musiziert.
Als sich Martin von Tours seinem Ende nahe fühlte, reiste er in die Pfarrei Candes, um Frieden unter dem dortigen Klerus zu stiften. Dort verließen ihn seine Kräfte. Da klagten seine Schüler und Gefährten: »Vater, warum verläßt du uns? Wem vertraust du uns an in unserer Trostlosigkeit? Räuberische Wölfe werden in deine Herde einbrechen. Wer wird uns von ihren Zähnen schützen, wenn der Hirt geschlagen ist?« Darau: sprach Martin, von ihren Tränen bewegt, zu Gott: »Herr, bir ich für dein Volk noch notwendig, so weigere ich mich der Mühsal nicht« (s. Inschrift. Sulpicius Severus, Leben des hl. Martin, Bibliothek der Kirchenväter, Bd 20, S. 66; s. auch LA-Benz, S. 869). Nach Sulpicius Severus lag Martin wie in Leben so auch im Sterben im Büßergewand auf einem Bett aus Asche.
Da Terena sordent (sordent; die irdischen Dinge werden verachtet). Ein Adler schwingt sich hoch über die Wolken zur Sonne empor. »Omnes quidem Christiani, cum primis tamen Religiosi et Sacerdotes, Aquilam ideae loco ob oculos sibi statuant, quae immobili corpore in Solem defixa, epigraphen tenet TERRENA SORDENT (Picinelli, Lib. IV, Nr. 169, s. v. aquila).
Quellen und Literatur
StAM, LRA 147974: Restaurierung 1855, Bauzustand 1889/93. StAL, Kirchenrechnungen Gericht Erding 1720, Bd II, fol. 1595 ff., Rechnung Pierbach.
AEM, Pfarrakten Taufkirchen an der Vils: Resignations- und Verlassenschaftsakten, Nachlaß Pfarrer Stängls; Bauten II, Filiale Oberbierbach; Filiale Bierbach 1667–1833.
Baureferat des Erzbischöflichen Ordinariats der Erzdiözese München und Freising: Stefan Nadler und Maria Hildebrandt Quellenkundliche Dokumentation zu St. Martin in Oberbierbach mit Bearbeitung aller einschlägigen Archive, auch der Pfarrarchive Taufkirchen, Steinkirchen und Reichenkirchen. BLfD, Akt Oberbierbach, St. Martin.
Schmidtsche Matrikel, Bd 1, S. 154. Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 234. KDB I OB (2), S. 1276. Landkreis Erding 1963, S. 321. Kemp, S. 261. Brenninger 1980, S. 135. Brenninger 1982, S. 104, 106 f. Landkreis Erding 1985, S. 344. Dehio 1990, S. 898.
Brenninger, Georg, Üppige Aiglstorffer-Werke und der klare Stil des (Kirchen-)Baulöwen, in: Land und Leute. Geschichte und Geschichten aus dem Erdinger Gäu, Beilage des Münchner Merkur, Ausgabe für den Landkreis Erding 14.3. 1998
Pfarrkirche, Gemeinde Neuching, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung war Oberneuching Monatspfarrei. Den Edelsitz Oberneuching zusammen mit der angrenzenden Hofmark Ottenhofen besaßen die Grafen von Perusa (bis 1821), die zwar die Verwaltung des Kirchenvermögens