Niederstraubing, Filialkirche St. Martin


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 7: Landkreis Erding. Hirmer, München 2001, ISBN 978-3-7774-7830-2, S. 231–235, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filialkirche, Pfarrei Schröding (Pfarrverband Holzland Gemeinde Steinkirchen, Erzdiözese München und Freising z.Z. der Ausmalung Filiale der Pfarrei Steinkirchen. Die Hofmark Niederstraubing war seit 1594 im Besitz der Freiherren von Pfetten und ging 1713, nach dem Tod des letzten Besitzers Joseph von Pfetten, der Dominikaner war, in den Besitz der Dominikaner von Landshut über. Gericht Erding

Patrozinium: St. Marti

Zum Bauwerk: Mittelalterliche Kirche, Bauarbeiten 1613, Fensterveränderung und Altarausstattung in der 2. Hälfte des 17. Jh., erneute Baureparaturen 1749 (281 fl.). 1754 Erneuerung der Altäre und Kanzel.

Breites, niedriges LHs zu drei Jochen mit Empore im W; eingezogener einachsiger AR mit dreiseitigem Schluß. Belichtung im LHs von N und S durch je zwei Fenster in den östlichen Jochen (im Emporenbereich zwei Okuli), im AR im N und in den Schlußschrägen.

Auftraggeber: Inhaber von Hofmark und Kirchenpatron war seit 1713 das Dominikanerkloster in Landshut, Hofmarksverwalter war P. Theodor Wolff († 1756), Pfarrvikar von Steinkirchen Matthäus Hoffmayr (1737-59). Auf eine Rosenkranzbruderschaft als Stifter der Innendekoration (s. auch die beiden Rosenkranz-Embleme Ba-b) könnte das Chronogramm am Chorbogen hinweisen (s. u.), eine solche ist aber in Niederstraubing nicht nachzuweisen.

Autor und Entstehungszeit: Franz Joseph Aiglstorffer (* um 1713 Wartenberg † 1790 Wartenberg; s. S. 146) 1757 (?). Chronogramm am Chorbogen HONORIBVS RECIVIT ROSARII S. MARTINI ANTISTITIS TOVERSENSIS / LEONARDI ABBATIS NOBILIACENSIS ET ANTONII PATAVIENSIS / EXORNAVERVNT (= 1749; ein C, ein V und zwei I sind nicht als Zählbuchstaben rot gekennzeichnet; das Wort recivitas gibt es nicht).

Von der ursprünglichen Ausmalung sind nur noch das LHs- Fresko A, die Nebenbilder Ba-b und die Emporenbrüstungsbilder EB1-5 erhalten. Für die Datierung ist das Chronogramm kein Anhaltspunkt, weil es offensichtlich verdorben ist. Brenninger schlägt als Datum 1757 vor, weil erst 1756/57 die Kirche von Amelgering erbaut wurde, die in Fresko A dargestellt ist, und weist Fresko A überzeugend Franz Joseph Aiglstorffer zu. Bei Ba-b und EB1-5 hält er auch eine Autorschaft von Franz Albert Aiglstorffer für möglich (Brenninger 1882, S. 113). Ba-b und EB1-5 sind aber so schlecht erhalten, daß eine persönliche Handschrift nicht mehr zu erkennen ist, und wahrscheinlicher ist doch die gemeinsame Entstehungszeit von LHs-Fresko und Chorfresken. Daß die Emporenbilder früher entstanden sind, ist natürlich möglich.

Das Altargemälde Mantelspende des hl. Martin ist von Franz Aiglstorffer signiert und 1763 datiert.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs flache Tonne, AR Stichkappentonne

Rahmen: Alle Fresken weißes Stuckprofil

Technik: Fresko mit Seccoübermalungen; polychrom

Maße: A Höhe 6,20 m; 4,00 x 2,45. a—b 2,20 x 2,20

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Baureparatur und Entfeuchtung der Kirche 1895. Damals waren die beider Hauptbilder offenbar noch gut erhalten (BLfD, Gutachter 30. 10. 1897; von ursprünglich wohl vorhandenen Kartuschenbildern im LHs ist keine Rede). Bei der Restaurierung

NIEDERSTRAUBING

1898 durch Pius Zach aus Wartenberg wurde die Raumschale neu gefaßt und die Deckenbilder im LHs und Chor »aufgefrischt« (= Nachmalen des alten Bestandes).

Nächste Innenrestaurierung 1921/22. Hans Kögl, Pasing, malte ein neues AR-Fresko mit der Darstellung des Christus Salvator, aus dessen Herzwunde sich Blut in von Putten dargereichte Gefäße ergießt, zwei dazugehörige Stichkappenbilder mit den Opfern Melchisedechs und Abrahams sowie sechs Stichkappenbilder im LHs in ockerfarbener Malerei mit Martin-Szenen (Taufe, Almosenspende, Traumvision, Bischofsweihe, Baumwunder, Königin vor Martin). Außerdem bemalte er die Emporenbrüstung mit Blumen (Hans Kögl malte auch in den nahen Pfarrkirchen von Steinkirchen und Fraunberg neubarocke Deckenbilder). Bei der letzten Innenrestaurierung 1970 durch Johann Eder Vaterstetten wurden die Stichkappenbilder über dem Altar Ba-b und die Fresken EB1-5 an der Emporenbrüstung freigelegt und restauriert, die AR-Fresken von Kögl »mit ihrem pene tranten Blau« wurden durch Überspritzen mit dünner Kalkmilch den freigelegten zartfarbigen Fresken angepaßt (BLfD). Inschrift an der AR-Seite des Chorbogens Renov. A. D. 1970. Von den Bildern der barocken Ausmalung sind einige über­tüncht (westliches Stuckfeld und Zwickelfelder), einige freigelegt (Ba-b und EB1-5) und einige mit neubarocken Fresken übermalt (AR-Fresko, Stichkappen im AR und LHs); das Hauptbildfeld A im LHs ist zumindest in der Bildanlage noch original. Die freigelegten AR-Kartuschen Ba-b und die Emporenbilder EB1-5 sind ruinös.

 
 
 

Beschreibung und Ikonographie

A DIE HEILIGEN MARTIN, LEONHARD UND ANTONIUS VON PADUA ALS FÜRBITTER Symmetrische Bildanlage mit axialer Ausrichtung. In der Mittelachse erscheinen übereinander auf Wolken der hl. Martin, das Jesuskind im Typus des Salvator mit der Weltkugel, Gottvater und die Geisttaube. Der Kirchenpatron Martin von Tours ist von den Patronen der Seitenaltäre, Leonhard von Noblac (Abtsin signien, Ketten) und Antonius von Padua (Franziskanerhabit, Lilie) flankiert, die Dreifaltigkeit von Engeln und Putten, die aus Füllhörnern Blumen schütten. Wann diese drei kommen zu bitten,/ zu Ihnen Ich Mich gsell in dMitten./ Wo Ihrer aber zwey oder drei mit mir versamblet sein / ganz hilfreich sich mein himmlischer Vater alzeit stellet ein.

 
Opfer Melchisedech
 
A Die hll. Martin, Leonhard und Antonius als Fürbitter
 
Christus Salvator, Chorfresko von Hans Kögl 1922

Über der Inschrift ist ein Landschaftsausschnitt gemalt, auf dem die acht Kirchen der ehemaligen Pfarrei Steinkirchen wiedergegeben sind. Im Zentrum liegt Niederstraubing mit dem 1898 abgebrochenen Schloß, rings im Kreise die Pfarrkirche Steinkirchen und die Filialen Hohenpolding, Amelgering, Ebering, Kirchberg, Schröding und Hofstarring.

 
 
EB Martin im Gebet
 
Hl. Martin, Altargemälde signiert von Franz Aiglstorffer 1763
 
 

Also pfleget zu obsigen / und zu tragn den Lorber Crantz, / Se Wan alzeit last obligen / Eure Hilff dem Rosenkrantz.

EB1-5 MARTIN-SZENEN Die Emporenbilder zeigen Ereignisse aus dem Leben des Bischofs Martin von Tours, die von Sulpicius Severus in der Vita, den drei Dialogen und drei Briefen berichtet werden (Bibliothek der Kirchenväter, Bd 20 Kempten-München 1914). Von den Inschriften sind einige verändert, andere zerstört.

EB, MANTELSPENDE-TRAUMVISION Martin liegt auf einem Bett und sieht in einer Traumvision in Wolken Christus mit dem Kreuz, der Martins halben Mantel in Händen hält und die Worte spricht (Schriftstrahl) Martine mir selbst dise. Kleid vor eine dekh hast du bereith. Rechts geht der Raum in: Freie, wo die Mantelspende dargestellt ist. Sag her, meir Mensch was dis bedeittet, Daß Christus Martinum also rede an, / nemlich: Wer einen Bettler kleidet, Ist so vill, als hett Er Christo selbst gethan.

Noch vor seiner Bekehrung teilte Martin vor dem Stadttor von Amiens seinen Soldatenmantel mit einem frierenden Bettler, worauf ihm in der folgenden Nacht Christus im Traum erschien (Vita 3).

EB, DAS KREUZ ALS WAFFE IM KAMPF Hac Cruc protectus Cuneos penetrabo Spiritus (securus) hostium. Ein weite Fläche, auf der seitlich die feindlichen Lager aufgestel sind. Auf der linken, römischen Seite stehen einige Männe Wache, von rechts drängen die Feinde bewaffnet heran. In de Mitte steht Martin in Rock und Hose, ohne Rüstung, und hä das Kreuz als Waffe vor sich. Martinus nit Zu ruckh will we chen, ob er schon war gantz waffen loß, / verhoffent durch de Kreutzes Zeichen, dem Feind anzbringen manchen Stoß./ Brauch Mensch auch dise heilig waffen, Wan wider dhöll zu streitten ist, / mit disen dir gwiß Frid wirst schaffen, Sye weicht oleich ab. seve verowist.

Nach seiner Bekehrung nahm Martin seinen Abschied vom römischen Heer. Kaiser Julian beschuldigte ihn der Angst von der bevorstehenden Schlacht gegen die Alemannen bei Worms (im Jahr 356). Daraufhin versprach Martin, sich am anderen Tag ohne Waffen, nur mit dem Zeichen des Kreuzes, den Barbaren entgegenzustellen. Noch bevor er seinen Plan ausführen konnte, ergaben sich die Feinde mit Hab und Gut (Vita 4). Martins Worte waren nach Sulpicius Severus: »In Nomine Domini Jesu, signo crucis non clypeo protectus aut galea, hostium cuneos penetrabo securus«. Auf sie bezieht sich die Inschrift.

EB. TOTENERWECKUNG Trium Mortuorum Sulchator (Surgator) magnificus. In einem mauerumgebenen Friedhof steht Martin in Bischofskleidung. Aus dreien der Gräber erhebt sich jeweils ein von den Toten Erweckter. Fragst wer die Totten kan erweckhen, der steiffe Glaub an Gott thuet klekhen, / Wan diser in dir ist lebhafft, kanst diß und mehr, sey nit zaghafft.

Die Darstellung bezieht sich auf die drei Totenerweckungen, die von Martin von Tours berichtet werden: die Erweckung des Katechumenen, des Erhängten auf dem Landgut des Lupicinius (Vita 7 und 8) und die Erweckung des vergifteten Knechtes des Evanthius (2. Dialog 2, in dem außerdem die Erweckung eines Knaben auf einer Reise nach Chartres erwähnt ist).

EB MARTIN VON TOURS IM GEBET Invictum ab ora tione spiritum non rela[xabat?]. Der Heilige kniet allein an Rande einer Stadtmauer. Er hat seine Bischofsinsignien neber sich liegen und ist ins Gebet vertieft. Deutsche Inschrift zerstört Sulpicius Severus berichtet in der Vita des hl. Martin von des sen Beharrlichkeit im Gebete: »Quamquam etiam inter legen dum, aut si quid aliud forte agebat, numquam animum an ora tione laxabat« (26).

EB, TOD MARTINS Inschriften völlig zerstört. Schauplatz ist wie in EB, ein Innenraum, der sich ins Freie hin öffnet. Unter einer Vorhangdraperie steht ein Bett, in dem Martir liegt, ein Kreuz in Händen, die Mitra seitlich abgelegt. Vor draußen dringt eine Wolke in den Raum, in der Spuren einer Figur und eines Textes zu erkennen sind.

Quellen und Literatur

StAM, LRA 147946: Restaurierung 1898, 1921. AEM, Pfarrakten Steinkirchen: Pfarrbeschreibung mit Rech nungsextrakten 1748–57; Bauten II; Filiale Niederstraubin 1664–1898.

 
 
EB, Kreuz als Waffe im Kampf

AEM, Kunsttopographie der Erzdiözese, Dekanat 21/Dorfen, Pfarrei Schröding, Filialkirche St. Martin Niederstraubing (Georg Brenninger).

BLfD, Akt Niederstraubing, St. Martin.

Wening, Bd 3, S. 28 mit Abb.

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 150

Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 486–89.

Brenninger 1980, S. 133-35

Brenninger 1982, S. 113.

Brenninger, Georg, Die Kirchen der Pfarreien Schröding un

Burgharting, Wartenberg 1983.

Landkreis Erding 1985, S. 401

Dehio 1990, S. 886 f.

C.]

 
Kranz aus Lorbeer und Rosenkranz a–b Embleme über dem Hoch

23