Neuburg an der Donau, ehem. Hofapotheke


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 10: Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2365-4, S. 230–232, geschrieben von Volk-Knüttel, Brigitte. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Ehemalige Hofapotheke heute Gasthaus >Laterne< Amalienstraße A 53

Zum Bauwerk: Im Neuburger Schloß befand sich eine Apotheke für den Hofstaat, die auch für das allgemeine Publikum zugänglich war. Nach dem Tod der Kurfürstinwitwe Elisabeth Amalie Magdalena († 1709) gab es zunächst keine ständige Hofhaltung mehr in Neuburg. Man entschloß sich daher, die Apotheke zur Steigerung der Einnahmen in die Stadt zu verlegen. Bereits 1711 protestierte der Stadtapotheker aus Gründen der befürchteten Konkurrenz heftig gegen dieses Vorhaben. Gleichwohl wurde 1712 ein am Marktplatz stehender Heu- und Wagenstadel im Besitz des Hofes für diese Zwecke adaptiert. Der Stadel war baufällig und drohte einzufallen; er wurde teilweise abgetragen und nach einem Riß von Hofbaumeister Franz Hagen (nicht Haagle, wie in NK 91 angegeben) neu aufgerichtet, wobei die unregelmäßige Giebelseite in eine bessere Form gebracht wurde, sodaß das Gebäude nun, wie es heißt, der Stadt zur Zierde gereichte. Hagen hatte das Amt des Hofmalers und Hofbaumeisters bis 1712 inne, dann wurde er Burgvogt und gab damit die Baumeisterfunktion auf. Der Riß ist also vor diesem Zeitpunkt entstanden, der Umbau erfolgte 1712. Die Hofkammer hatte für das Gebäude eine neue Nutzung gesucht und stark für eine Verlegung der Hofapotheke dorthin plädiert, weil in deren Fundus Gelder vorhanden waren, die man für den Ausbau verwenden konnte und so die Kammer nicht belastet wurde. Argumente für die Transferierung waren u.a., daß die Hofapotheke schlecht zugänglich sei und daß in Wien, Düsseldorf, Heidelberg und bei anderen Höfen die Apotheken nicht in den Residenzen, sondern in der Stadt gelegen seien, schließlich könnten »auch diejenigen Zimmer in der Residenz (Neuburg), welche iezo die Apothek occupiert, zue sehr bequemlicher Logierung verschiedener Personen bey Anwesenheit einer gnädigsten Herrschaft dienen« (BHStA, Graßegger-Sammlung Nr. 14964: Hofkammer an Kurfürst Johann Wilhelm, 1.10.1712). Pächter der neuen Apotheke wurde Matthäus (Matthias) Lindtprunner (Limbrunner), der jährlich 400 fl. Pacht zu entrichten hatte, bei Anwesenheit des Hofes in Neuburg sogar 900 fl. Sein Vertrag datiert vom 18.8.1717, das Inventar der an ihn übereigneten Medikamente und Materialien wurde am 25.8. aufgestellt. Demnach war die Apotheke in diesem Jahr bezugsfertig. Seit 1799 diente das Haus nicht mehr als Apotheke, es ging im Jahr 1800 in Privatbesitz über und wurde völlig umgebaut. Zweigeschossiger Bau über unregelmäßigem Grundriß mit drei Fensterachsen nach N zur Straße und einem geschwungenen Giebel

Ehemalige Offizin im Erdgeschoß (71 Quadratmeter) mit Tür und Fenster zur Straße über in der NO-Ecke spitzwinklig zulaufendem Grundriß.

Auftraggeber: Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz (1690- 1716).

Autor und Entstehungszeit: Franz Hagen? (Geburtsort und Geburtsdatum unbekannt † 1734 Neuburg) 1712/17 Aus historischen Gründen kommt als Autor Franz Hagen infrage, der die Pläne für den Umbau gezeichnet hat und der damals Hofmaler in Neuburg war. Für drei der neun Medaillons an der Decke wurden Vorlagen von Vouet adaptiert (s. u.). Die Uneinheitlichkeit der anderen Darstellungen deutet darauf hin, daß auch sie fremden Vorbildern verpflichtet sind. Eine Zuschreibung auf stilistischer Grundlage ist daher nicht möglich. Allenfalls kann man in der Bildung der Gesichtszüge des Mars eine gewisse Ähnlichkeit mit Werken Hagens feststellen, z.B. mit dem Erzengel Michael im Mittelbild (A) des Kongregationssaales im ehem. Jesuitengymnasium (s. S. 195).

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flachdecke Rahmen: Gemalte Rahmung Technik: Secco; polychrom Maße: A–G Höhe 3,40 m B, C, E, F 1,20 × 1,00 1,20 × 0,80

Erhaltungszustand und Restaurierungen: In dem Haus, das seit 1981 als Gaststätte genutzt wird, begann man 1991 mit der Sanierung. Bei einer Befunduntersuchung entdeckte Kirchenmaler Rudolf Pfaller, Ingolstadt, im ehem. Verkaufsraum der Apotheke, deren Decke und Wände mit Tapete beklebt waren, unter mehreren Schichten von Tünche die Deckenmalerei und machte sie in Ausschnitten sichtbar. Bei der schließlich 1997/98 erfolgten Instandsetzung wurde zunächst eine Trennwand entfernt, die die ehem. Offizin in zwei Räume aufgeteilt hatte. Anschließend erstellte Restaurator Stefano Cafaggi, Zeitlarn, eine Voruntersuchung und ein Instandsetzungskonzept. Die sehr stark reduzierte Malerei, die durch Risse und die Trennwand beschädigt worden war, wurde durch ihn freigelegt, konserviert und großflächig retuschiert. An der W-Wand ist ein schmaler Streifen der Malschicht verloren.

Beschreibung und Ikonographie

A-G DIE SIEBEN PLANETEN Die Malerei erstreckt sich über die gesamte Decke. Sie besteht aus einer fingierten Stuckgliederung, in die sieben Medaillons mit den Darstellungen der Planeten eingefügt sind. Ein großes rundes Feld in der Mitte und vier Medaillons in den Hauptrichtungen sind umgeben von grauen, gemalten Stuckrahmen, die wegen der Unregelmäßigkeit des Grundrisses durch ungleich lange Stege verbunden sind. Die Kompartimente dazwischen werden durch Stuck imitierende kräftige Akanthusranken belebt. Hier sind zwei weitere Medaillons mit Planeten eingefügt. Nach der allgemeinen Bildtradition sind die Planeten als antike Götter wiedergegeben, wobei die Bildfelder als Himmelsöffnungen aufgefaßt sind, auch wenn die Perspektive kaum berücksichtigt ist.

Apoll, Mars und Venus sind in ihrer Körperhaltung deutlich abhängig von Prudentia bzw. Fortitudo und Justitia aus einer Folge von Vier Kardinaltugenden, die Simon Vouet 1637/38 für eine Decke im Schloß Saint-Germain-en-Laye gemalt hatte. Sie waren 1638 in Nachstichen von Michel Dorigny verbreitet worden und wurden häufig kopiert (Thuillier u.a. 1990).

 
A Jupiter auf dem Adler mit Krone, Blitzbündel und Zepter.
 
Fortitudo, Stich von Dorigny nach Vouet 1638, Vorlage für Fresko (C)

Seit der Antike glaubte man an eine Verbindung des Menschen mit dem Kosmos und an eine unmittelbare Einwirkung der sieben Planeten und ihres wechselnden Standes am Himmel auf Körper und Gemüt, auf die Krankheiten und deren Heilmittel. Die Wichtigkeit der Planetenbewegung im Makrokosmos für die Konstitution des menschlichen Mikrokosmos schien evident. Die pharmakologische und alchemistische Bedeutung einzelner Planeten beruhte speziell darauf, daß ihnen jeweils ein bestimmtes Metall zugeordnet war, mit dem eine Wechselwirkung bestand. Auf die Medizin übertragen spricht man beispielsweise von merkurischen oder martialischen Medikamenten. Im Christentum wurde die Wirkung der Gestirne auf die Menschen als Teil der göttlichen Weltordnung betrachtet.

Die Wahl der sieben Planeten für die Decke der Offizin der Hofapotheke zeugt in ihrer Kenntnis des antiken Schrifttums von hohem Anspruch. Deckenbildausstattungen von Apotheken mit dieser Thematik lassen sich bisher nicht nachweisen. Deswegen kommt den wiederentdeckten und freigelegten Gemälden der ehem. Neuburger Hofapotheke besondere Bedeutung zu.

 
D Apol
 
 
 
 
Saturn

Quellen und Literatur

BHStA, Depot Heimatverein Nr. 207: Hofapotheke 1712/13; ebd. Graßegger-Sammlung Nr. 14964: Translokation der Hofapotheke aus der Residenz in die Stadt, 1712/13; ebd. PNA, Nr. 1636: Hofapotheke, Pacht 1726.

BLfD, Registratur, Akten Amalienstraße 53: u.a. Restaurierungsbericht von Stefano Cafaggi.

Neuburg, Historischer Verein, Archiv: Manuskript von Kan Adam, Häuserbuch der Stadt Neuburg. o.J. (um 1930/40) Amalienstraße A 50 und A 53.

StA Augsburg, Seminar Neuburg, Nr. 1153: Bau und Reparaturen an der Hofapotheke 1713–1803.

Graßegger, Joseph Benedikt, Chronik über Neuburg und dessen nächste Umgebung unter dem Churfürsten Johann Wilhelm 1703-1716, in: NK 19, 1853, S. 12.

Heim, Die Apotheke in Neuburg a.D., in: NK 53, 1889, S. 190–196.

Breitenbach, Joseph, Die Häuser Neuburgs im achtzehnten Jahrhundert, in: NK 62, 1898, S. 38, Nr. 70.

Horn/Meyer 1958, S. 305 f.

Dr. E, Die Stadt- und Hofapotheke in Neuburg, in: NK 91, 1926, S. 60–81.

Thuillier, Jacques, Brejon de Lavergnée, Barbara und Denis Lavalle, Vouet (Kat. Ausst.), Paris 1990, S. 288–93.

Thiele, Roland u.a., Hofapotheke Neuburg. Festschrift, hg. von Manfred Bartl, (Neuburg) 1991, S. 15.

B. V.-K.