Meersburg, Priesterseminar
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Im Freskenzyklus der 1763 in die Mitte des Seeflügels verlegten Seminarkapelle präsentiert Joseph Ignaz Appiani den Alumnen prominente Aufgaben des Priesteramtes: Carlo Borromeo führt eine Prozession an, predigt und spendet Sakramente. Im Chor Scheinarchitektur von Giovanni Battista Brenni aus Como.

Meersburg, Priesterseminar
Vorlauf und Entstehungsgeschichte
Das Konzil von Trient verlangte von den Bischöfen, Priesterseminare einzurichten. Knaben aus ärmeren Bevölkerungsschichten sollte damit eine Ausbildung ermöglicht und zugleich dem Priestermangel abgeholfen werden.[1]In der Diözese Konstanz wurden seit 1567 mehrere Anläufe zur Einrichtung eines Priesterseminars unternommen, die sich jedoch nicht realisieren ließen.[2]Abhilfe schuf erst knapp 150 Jahre später die Einrichtung in Meersburg, die 1735 eingeweiht wurde.[3]
Initiator des Meersburger Priesterseminars war Fürstbischof Johann Franz Schenk von Stauffenberg, Konstanz, Fürstbischof (amt. 1704–1740).[3]Bereits 1710 hatte er in Meersburg den Bau des Neuen Schlosses durch den Architekten Christoph Gessinger (um 1670–1732) veranlasst. Mit dem Seminarbau betraute er ebenfalls Gessinger, der die von ihm entworfene Vierflügelanlage im Jahr 1725 begann.[4]
Das Gebäude befand sich in nächster Nähe zum Neuen Schloss und wandte wie dieses seine Front dem Bodensee und damit dem am gegenüberliegenden Ufer gelegenen Bischofssitz Konstanz zu. Es sollte zunächst 100 Alumnen aufnehmen, wurde dann jedoch auf die realistischere Zahl von 24 Alumnen nebst Oberen und Bediensteten reduziert.[4]Erster Meersburger Seminarregens war Johann Joseph Wolpert. Die feierliche Einweihung fand am 2. Februar, Maria Lichtmeß 1735 satt.[4]
Verlegung und Hervorhebung der Kapelle unter Fürstbischof Franz Konrad von Rodt 1763
Für das Priesterseminar entwarf Gessinger eine Vierflügelanlage, deren dem See zugewandten Südflügel er nach Osten um einige Achsen verlängerte. In dieser Verlängerung sollte sich die Seminarkapelle befinden.[5]1763 ließ Fürstbischof Franz Konrad von Rodt die Kapelle in die Mitte des seeseitigen Flügels verlegen und am Außenbau durch sieben hohe, über zwei Geschosse reichende Fenster auszeichnen. Architekt dieser Veränderung war Franz Anton Bagnato.[6]
Die am Außenbau sichtbaren sieben Kapellenachsen verteilen sich wie folgt: Fünf Achsen entfallen auf das Langhaus, zwei auf den nach Osten anschließenden Chor. Auf den Chor folgen zwei Achsen mit kleinen Fenstern für die Sakristei. Dem Langhaus ist eine weitere Achse mit kleinem Fenster für die Orgelempore vorgeschaltet. Insgesamt umfasst die Kapelle also zehn Achsen, von denen am Außenbau nur sieben hervorgehoben sind. Diese sieben Achsen werden von einer dreiachsigen Attika mit Mansarddach und Turmaufsatz überfangen.
Seminarkapelle St. Karl Borromäus
Beteiligte Künstler
1938 wurde in der Kugel des Turmaufsatzes eine Urkunde vom 7. September 1765 gefunden, die die Seminaroberen, die Alumnen, das Gesinde sowie „Bau-Direktor, Künstler und Handwerkhs Leuth" aufführt.[7]
An der Seminarkapelle waren beschäftigt:
1. Franc. Ant. Pagnato, Baudirektor v. Altshausen,
2. Ignatius Abiani, Mahler von Mayland,
3. Johann Baptist Brenni, Architektur-Mahler von Como aus Welschland,
4. Franc. Ignatius Verhelst, Bildhauer v. Augsburg,
5. Franc. Ignat. Bauer, Goldarbeiter allda,
6. Leonhard Rosenlechner, Glockengießer v. Konstanz,
7. Carl Pozi, Stuccadour v. Mayland.
Dann kommen noch 10 Handwerker aus Meersburg beziehungsweise Markdorf.[8]
Deckengemälde im Langhaus: Stationen Carlo Borromeos
Carlo Borromeo führt in Mailand eine Prozession für Pestkranke an
Carlo Borromeo predigt in einem Kirchenraum
Apostelmedaillons im Langhaus
Petrus mit Schlüssel
Andreas mit Schrägbalkenkreuz
Johannes mit Buch und Schlangenbecher
Jakobus d. J. mit Keule
Bartholomäus mit Messer
Simon mit Säge
Thomas mit Winkelmaß
Matthäus mit Buch
Philippus mit Kreuz
Thaddäus mit Speer
Jakobus d. Ä. mit Pilgerstab
Paulus mit Schwert und Buch
Carlo Borromeo spendet das Sakrament der heiligen Eucharistie an Pestkranke
Medaillons im Chor mit Christus und Maria
Christus als Salvator mundi
Maria
Gemalte Wanddekoration im Chor
Die scheinarchitektonische Wandgliederung
Der scheinarchitektonische Altar
Das freskierte Altargemälde mit dem hl. Karl Borromäus in Anbetung des Kreuzes
Jubilierender Engel mit Violine über der Orgelempore
Maria Magdalena als Büßerin unter der Orgelempore
Gemälde der Emporenbrüstung
Mittelbild mit Christus als Guter Hirte
südliches Medaillon: Zwei Putten mit Tamburin und Triangel mit Klirrringen
nördliches Medaillon: Putto mit Querflöte und singende Putten mit Notenheft
Bibliographie
- • Alof, Appiani, 1999 = Marion Alof, Joseph Ignaz Appiani (1706–1785). Leben und Werke, in: Jahrbuch der bayerischen Denkmalpflege. Forschungen und Berichte, 45/46 (1999), S. 93–144, hier S. 117–119.
- • Helvetia Sacra, Bistum Konstanz, 1996 = Das Bistum Konstanz, in: Helvetia Sacra, Abt. I, Bd. 2: Erzbistümer und Bistümer II, Erster Teil, unveränderter Nachdruck von 1993, Basel/Frankfurt am Main 1996.
- • Heunoske, Brenni, 2018 = Werner Heunoske, Die Brenni. Tessiner Barockstuckatoren in Süddeutschland und Österreich (Studien aus dem Lehrstuhl für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft, Technische Universität München, Fakultät für Architektur), München 2018, S. 295–296.
- • Hosch, Brugger, 1987 = Hubert Hosch, Andreas Brugger 1737–1812. Maler von Langenargen. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des Bodenseegebietes und seiner Umgebung zwischen Barock und Romantik, Sigmaringen 1987. [Ist schon in Zotero]
- • Hotz, Meersburg, 1965 = Joachim Hotz, Das Neue Schloß in Meersburg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg, 2 (1965), S. 211–248.
- • Kastner, Meersburg, 1955 = Kastner, Adolf, Das neue Schloß in Meersburg. Mit Beiträgen zur Baugeschichte der Meersburger Oberstadt, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 73 (1955), S. 29–97, bes. 73–76.
- • Knapp, Meersburg, 2013 = Ulrich Knapp, Das Neue Schloss in Meersburg in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Neues Schloss Meersburg 1712–2012. Die bewegte Geschichte der Residenz. Von den Fürstbischöfen bis heute, hg. Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Regensburg 2013, S. 27–33.
- • Schmidt, Priesterseminar Meersburg, 1977 = Peter Schmidt, Herkunft und Werdegang der Alumnen des Priesterseminars Meersburg. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der Weltgeistlichkeit im deutschen Anteil des Fürstbistums Konstanz im 18. Jahrhundert, in: Freiburger Diözesan-Archiv 97 (1977), S. 49–107.
- • Venator, Appiani, 2020 = Michael Venator, Joseph Ignaz Appiani. Der Zeichner. Ein neu entdeckter Atelierbestand im Wallraf. Addenda zum Gemäldekatalog, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch, 81 (2020), S. 117–166.
Einzelnachweise
- ↑ Helvetia Sacra, Bistum Konstanz, 1996, S. 132.
- ↑ Helvetia Sacra, Bistum Konstanz, 1996, S. 132–133.
- ↑ 3,0 3,1 Helvetia Sacra, Bistum Konstanz, 1996, S. 137.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Schmidt, Priesterseminar Meersburg, 1977, S. 61.
- ↑ Kastner, Meersburg, 1955, S. 74.
- ↑ Kastner, Meersburg, 1955, S. 73–76.
- ↑ Kastner, Meersburg, 1955, S. 74 mit Anm. 74; Schmidt, Priesterseminar Meersburg, 1977, S. 66, Anm. 78.
- ↑ Schmidt, Priesterseminar Meersburg, 1977, S. 66, Anm. 78. Die von Schmidt angegebene Quelle: Stadtarchiv Meersburg. Nachlass Kastner Nr. 247.