Maisach, Pfarrkirche St. Vitus


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 4: Landkreis Fürstenfeldbruck. Hirmer, München 1995, ISBN 978-3-7774-6310-0, S. 190–192, geschrieben von Sauerländer, Brigitte. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

MAISACH

Pfarrkirche, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei dem Domkapitel Freising inkorporiert und wurde durch einen Pfarrvikar versehen. Maisach war Hofmark im Besitz der Benediktinerabtei Ettal (1330–1746). Gericht Dachau, Amt Esting

Patrozinium: St. Vitus, ursprünglich St. Laurentius

Zum Bauwerk: Der spätgotische Bau aus der ersten Hälfte des 15. Jh. wurde 1632 von den Schweden zerstört; erhalten blieb nur der AR. Wiederaufbau des kaum breiteren LHs als einschiffiger, flachgedeckter Saalbau wohl gegen 1650 (Schmidhammer, S. 66 f.). In der Beantwortung von Visitationspunkten 1720, unter Pfarrvikar Balthasar Neumayr (1715-24), heißt es: »... das pfarrgottshaus hätte woll einige reparierung vonnöthen, waiß aber die nothwendtigen gelter nit aufzutreiben« (AEM, PfB Maisach). 1721 Ausbrechen von zwei neuen Fenstern an der LHs-Nordwand und Veränderung der alten Fenster in LHs und AR; 1722 Anbringen einer neuen LHs-Decke, die im gleichen Jahr, zusammen mit dem Chorgewölbe, freskiert und stuckiert wurde. Den für die Zeit um 1720 charakteristischen Stuck mit Akanthusblättern, Blütenschnüren und Putten, wie er sich ähnlich in Oberweikertshofen und Rammertshofen findet, schuf Benedikt Heiß aus Dachau (Schmidhammer, S. 66 f.). 1909/10 Abriß des alten und Errichtung des neuen, großen LHs mit Vorchor; Verlust der LHs-Deckenbilder. Vom Deckenstuck ließen sich nur wenige Bruchstücke retten und wieder anbringen (Kölbl, S. 12, 17), darunter auch das Zweischildwappen.

AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß; ohne architektonische Wandgliederung; Belichtung durch vier barocke Rundbogenfenster im östlichen Joch und in den Schlußschrägen. Die Deckenbilder befinden sich im AR

Ein Engel besucht den eingesperrten Knaben

Die hll. Vitus und Modestus im Kerker des Diokletian

B-D Szenen aus der Legende des hl. Vitus

Auftraggeber: Johann Franz Eckher von Kapfing und Liechtenegg, Fürstbischof von Freising (1695-1727). Ein frühes Photo des Kirchenraums (Kölbl, Abb. S. 8) zeigt am Scheitel des Chorbogens ein fürstbischöfliches Zweischildwappen aus Stuck, in der Mitte ein Puttenköpfchen mit Mitra, von Krummstab und Schwert flankiert. Die Schildfüllungen sind nicht mehr erkennbar, entsprachen jedoch mit Sicherheit dem Zweischildwappen Johann Eckhers am Chorbogen der Schloßkapelle von Burgrain (Herrschaft in Besitz von Freising, LKr. Erding, Ausmalung der Kapelle unter Johann Eckher 1719/20): im linken Schild das freisingische, gekrönte Mohrenhaupt mit Halskragen, im rechten das Stammwappen der Eckher von Kapfing, drei aufrechtstehende, silberne Rauten auf schwarzem Grund.

Die nach dem Umbau in vereinfachter Form erneuerte Wappenkartusche wurde über dem Vorchor-Bogen angebracht und 1912 von dem Freskanten des Neubaus, Hans Kögl, München-Pasing, bemalt. Der linke Schild zeigt zwei freisingische Mohren und das Wappen des Erzbischofs Franziskus von Bettinger, der 1910 die neue Kirche einweihte; der rechte Schild zeigt ein frei erfundenes Maisacher Wappen (Kölbl S. 17, 26).

Autor und Entstehungszeit: Joseph Krenauer (Krönauer; Maler in Bruck 1703-38, † 1738; Daten in Heimatbuch Fürstenfeldbuch 1992, S. 443) 1722

Laut Kirchenrechnungen im ehemaligen Kreisarchiv Landskut schuf 1722 der Brucker Maler Joseph Krenauer Deckenfresken im LHs und im AR. Er erhielt für vier Eckmedaillons mit den Kirchenvätern im LHs je 1 fl. 30 kr.; für eine Marienhimmelfahrt in der Mitte, 17 Schuh lang und 8 Schuh breit (= ca. 5,00 × 2,70) 15 fl.; für zwei kleinere Medaillons mit dem Hl. Geist, in der Längsachse, 2 fl.; im AR wurden ihm bezahlt für zwei größere und zwei kleinere Rundbilder mit der Darstellung der Hl. Dreifaltigkeit und drei Vitus-Szenen 8 fl. An der Empore sollten fünf Szenen aus dem Martyrium des hl. Vitus angebracht werden, zu je 3 fl. (Schmidhammer, S. 66 f.; ders., in: Thieme-Becker, Bd 21, s. v. Krennauer S. 499). Erhalten sind nur die Chorfresken, die in der Szenenabfolge der Veitslegende den Emporenbildern vorausgehen. Die Maisacher Kirche ist bisher die einzige für Krenauer belegte Fresko-Arbeit. Er ist außerdem in einer Kirchenrechnung von 1711 als Vergolder von Gewölberosetten faßbar (Sigfrid Hofmann, Aus den Kirchenrechnungen von Unterpfaffenhofen [Landkreis Fürstenfeldbruck], in: Lechisarland 1960, S. 52). Durch Stilvergleich können ihm die Fresken der Pucher Wallfahrtskirche zur sel. Edigna (s. S. 223 ff.) zugeschrieben werden.

Charakteristisch für ihn sind gestalterische und kompositorische Schwächen beim großflächigen Freskobild und ein Hang zu miniaturhaften, illustrativen Bildern, die fast aquarellhafte Farbigkeit besitzen

 
A Hl. Dreifaltigkeit
 
Das Chorgewölbe mit B Die hll. Vitus und Modestus im Kerker des Diokletian, C Ein Engel besucht den eingesperrten Knaben Modestus, D Flucht der hll. Vitus und Modestus übers Meer (Photos D. Reichler

Befund

Träger der Deckenmalerei: AR Kreuzrippengewölbe, Rippen abgeschlagen

Rahmen: A und B Stuckprofilrahmen mit Blütenkranz, am Ansatz der ehemaligen Gewölberippen von Karyatidenputten gestützt; C und D Stuckprofilrahmen, am Fuß von einem Karyatidenputto gestützt

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 6,20 m; Ø 1,20

B Höhe 6,20 m; ∅ 1,20

C Höhe 6,20 m; ∅ 0,70

D Höhe 6,20 m; Ø 0,70

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Um 1912 Restaurierung durch Kunstmaler Hans Kögl, München-Pasing, der den LHs-Neubau mit Szenen aus der Legende des hl. Vitus ausmalte. 1986 Reinigung der Fresken durch Gerhard Jehl München, freier Mitarbeiter der Firma Hausch, Fürstenfeldbruck. Erhaltungszustand relativ gut bis auf die zu pastoso Farbgebung des Rundbildes D.

Beschreibung und Ikonographie

Die Tondi A und B fungieren als zwei gemalte Gewölbeschlußsteine; die kleineren Rundbilder C und D befinden sich auf den dreieckigen Zwischenflächen.

A DREIFALTIGKEIT Auf einer Wolkenbank thronen Gottvater und Christus in geduckter Haltung zu seiten der Weltkugel, darüber die Taube des Hl. Geistes. Die Linke Christi umfaßt das Kreuz auf der Weltkugel, Gottvater hält ein spiraliges Zepter in der Linken. Die Komposition ist ungeschickt, die Umrißführung flau.

B-D SZENEN AUS DER LEGENDE DES HL. VITUS Der junge Martyrer ist in allen drei Bildern als Fürst gekleidet; er trägt ein rotes, hermelinbesetztes Obergewand und eine ebensolche Kappe, obwohl für diese Variante der ikonographische Bezug in Maisach nicht besteht (nach LCI, Bd 8, s. v. Vitus, Sp. 580, nur als Patron des sächsischen Kaiserhauses und der böhmischen Könige). Chronologische Abfolge der Szenen nach der Vita C, D, B. Inschrift in B im Bild, in C und D jeweils in einer Stuckkartusche über dem Bild.

B DIE HLL. VITUS UND MODESTUS IM KERKER DES KAISERS DIOKLETIAN An einer Mauer sitzen Vitus und Modestus, Ketten mit schweren Eisengewichten um den Hals; Modestus ist auch am Fuß angekettet. Vitus betrachtet voll Inbrunst das Kreuz in seiner Hand, während Christus im Strahlenkranz herniederschwebt, um ihre Ketten zu zerbrechen. Nur seine Unterpartie ist im Bild sichtbar. Zwischen den beiden Heiligen ist zu lesen: Aus grosser Lieb zu Gott / wurd Vittus und Modestus / erlöset auß der Noth

C EIN ENGEL BESUCHT DEN EINGESPERRTEN KNA- BEN Vitus, von seinem heidnischen Vater wegen seiner Glaubensfestigkeit eingesperrt, kniet betend vor einem Altar mit einem Kreuz darauf; das Barett hat er abgelegt. Ein Engel ist bei ihm (statt der sieben Engel in der Legenda Aurea). Der Vater, der durchs Schlüsselloch schaut, erblindet durch das himmlische Licht. Vitus bitt Zu Gott. / Vnd Glaubet bestendiglich, in gefahr vnd noth / Ein Engl tröstet in anoch, das er sich förcht nicht/Sein vatter sicht durch schlisselloch, verlieret das gesicht.

D FLUCHT DER HLL. VITUS UND MODESTUS ÜBERS MEER Modestus, der Erzieher des Vitus, wird von einem Engel aufgefordert, wegen der Mordabsichten des Vaters mit dem Knaben zu Schiff zu fliehen; der Engel fungiert als Fährmann. Das Rundbild zeigt ein kleines Boot, das von einem Engel in der Art und Weise eines Gondoliere gesteuert wird, während der balancierende Modestus in der Bootsmitte das Gleichgewicht des Schiffchens zu erhalten strebt. Im Steven sitzt Vitus, ein Kreuz in der Hand. Hoffnung virsichtigkeit / Der Engel Führet Vitum weit / mit Modesto übers Meer / Zu Haben alda die Sicherheit / von aller Falscher Lehr.

Da in den Begleitversen Glaube (C), Hoffnung (D) und Liebe (B) besonders hervorgehoben sind, sollen in den Darstellungen wohl auch die göttlichen Tugenden angesprochen werden.

Die künstlerisch bescheidenen Darstellungen verraten immerhin einen Maler mit Sinn für die kleine, erzählerische Form, die der Buchillustration nahesteht. Dem entspricht seine eher kleinteilige, mit Pastelltönen arbeitende Farbgebung. Rosa-braune und gelbliche Töne überwiegen. Die für Maisach unmotivierte Tracht des hl. Vitus läßt ebenfalls auf eine Buchillustration als Vorlage schließen.

Quellen und Literatur

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 291 f.

Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 309 f.

KDB I OB (1), S. 468 f.

Schmidhammer, Matthias, Kirchen- und Ortschronik von Maisach (Ms.), Maisach 1910.

Zauner, Franz Paul, Kunstgeschichtliche Wanderungen im Bezirk Fürstenfeldbruck, VI. Maisach, in: Unsere Heimat, Beilage zum Fürstenfeldbrucker Wochenblatt 1921, Nr. 14, S. 53 f.; 1922, Nr. 15, S. 57 f.; 1922, Nr. 16, S. 61 f.

Schmidhammer, Matthias, Die Pfarrkirche Maisach, Auszug aus der Geschichte der Pfarrei Maisach, in: Unsere Heimat, Beilage zum Fürstenfeldbrucker Wochenblatt, 16. Folge Sept. 1934, S. 65-68; 17. Folge Okt. 1934, S. 72-76.

Heimatbuch Fürstenfeldbruck (o.V.), Fürstenfeldbruck 1952, S. 275 f.

Historischer Atlas I, Bd 11/12, S. 60, 112-15

Landkreis Fürstenfeldbruck (o.V.), Heimatbuch, Pörsdorf 1963, S. 174 f.

Kunst- und Kulturdenkmäler, S. 300 f.

Kölbl, Gertraud, St. Vitus, Maisach. Festschrift zur 75-Jahr-Feier der Erweiterung der Pfarrkirche St. Vitus Maisach. Maisach 1985.

Dehio 1990, S. 611.

B.S.