München-Perlach, Pfarrkirche St. Michael


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 1: Stadt und Landkreis München. Sakralbauten. Hirmer, München 1987, ISBN 978-3-7991-6111-4, S. 93–96, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche St. Michael, Pfanzeltplatz 1, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung kurfürstlich bayerische Hofmark Perlach, Landgericht Wolfratshausen, das Präsentationsrecht übten abwechselnd der Bischof von Freising und der Kurfürst von Bayern aus

Patrozinium: St. Michael

Zum Bauwerk: Der romanische Vorgängerbau wurde 1728 wegen Baufälligkeit abgebrochen. Seit 1670 bestanden Pläne für einen Neubau, u. a. drei Entwürfe von Maurerpaier Michael Pröbstl. Den Auftrag erhielt 1727 Stadtmaurermeister Johann Mayr, unter dem Pröbstl am Bau beschäftigt wurde; Zimmermeister war Nikolaus Kraft. Nach dem Tod Mayrs 1731 übernahm Pröbstl die Bauleitung. Grundsteinlegung und Choreinwölbung 1728, Wölbung des LHs 1729, Weihe am 25. 5. 1732. Stuckierung bis 1736 durch Martin Hörmannstorfer und Matthias Schmidtgartner; Altäre 1766 und 1796. – Inschriftkartusche am Chorbogen FUNDITUS EXSTRUCT / ANNO MDCCXXX

Amtierender Pfarrer z.Z. der Ausmalung war Michael Fries (1714–36).

Wandpfeilerraum zu vier Jochen, eingezogener zweijochiger AR mit umlaufender Gesims- und Fensterzone, halbrund geschlossen. Belichtung im LHs durch hohe Rundbogenfenster, die in die Gewölbezone hineinragen, im AR durch einen Kranz großer Fenster. Im westlichen AR-Joch beidseitig Oratorien. Im LHs ist das dritte Joch von W querhausartig betont durch Altarnischen; Doppelempore an der W-Wand.

Autor und Entstehungszeit: Signaturen in A N. STUber, in B Anthony Zächenberger fecit 1729, in C NACH ZACHENBERGER / LEITENMEIER 1968.

Die Ausmalung des LHs erfolgte 1730. Dem Hofmaler Nikolaus Gottfried Stuber (* 1688 München † 1749 München) traute man wohl die Aufgabe, ein jocheübergreifendes, raumbeherrschendes Deckenbild zu schaffen, auf Grund seiner italienischen Schulung eher zu als Zächenberger (vgl. Unterföhring, S. 174–79, wo Stuber ebenfalls die Freskierung im LHs übernahm).

Zu Stubers Fresko (A) existiert eine Entwurfszeichnung in Münchner Privatbesitz, Feder über Bleivorzeichnung, grau laviert und weiß gehöht, mit Quadrierungslinien versehen, 43 × 35,5 cm, die von G. Woeckel identifiziert und publiziert worden ist.

Von Anton Zächenberger sind außer den Deckenbildern in Perlach Deckenbilder in der Filialkirche in Puch (OB LKr. Pfaffenhofen, signiert und 1720 datiert) bekannt, die Fresken in Ottendichl (S. 144–48) und in Lochhausen (S. 86–88) können ihm zugeschrieben werden. Vorausgesetzt, daß der Anton Zächenberger von Puch mit dem in Perlach identisch ist, ist eine beachtliche stilistische Entwicklung von einer hölzern-steifen Malweise (1720/25) zu einem locker-routinierten Kompositionsstil (1730/40) zu erkennen, deutlich orientiert an Münchner Malern wie Nikolaus Gottfried Stuber (von Zächenbergers damals sehr angesehenem Lehrer Joseph Ruffini ist kein Deckenbild bekannt).

Anton Zächenberger (* um 1690 bei Salzburg † 19. oder 21. 2. 1773 München, »im 83. Jahr seines Alters«) bewarb sich in einem Schreiben vom 27. 10. 1724 um die Maler-Profession (StadtA München, Gewerbeamt 1792/2, Gewerbewesen Maler 1708–1826): »Anton Zächenberger, ehel. Sohn des Simon Zächenberger, Kramer zu Straßwalchen in dem Salzburger Land, hab in München bei Johann (= Joseph) Ruffini Maller die Maler Kunst nit allein ordentlich gelernt, sondern bin auch in dem Römischen Reich wie auch zu Salzburg dann zu Trient und auch zu Wien gewandert und bey etwelchen Bürgerl. Mahlern alhier gearbeitet... und mich anjetzto mit der verwittibten Maria Anna Hörapöckh Bürger- und Mallerin alhier 80 Jahr alt und die Malerprofession nit mehr zu gaudieren« verlangte, mir solche Gdgs zu überlassen«; am 5. 3. 1725 wurde ihm die Malergerechtigkeit des Daniel Hörapöckh († 1716) überlassen. 1729-35 und 1742-49 war Zächenberger zusammen mit den Bildhauern Johann Georg Greiff bzw. Ignaz Ingerl Führer der Zunft. 1739 zahlte er den obligatorischen Beitrag von 1 fl. für einen Lehrjungen. 1741 bewarb er sich beim Magistrat in München um die durch den Tod Lorenz Hubers freigewordene Stelle des Stadtmalers, sie wurde ihm am 10. 6. 1741 zugesagt. 1770 reichte Franz Anton Gaulrapp um die Nachfolge ein (loc. cit.): »Dermahlen der Anton Zächenperger Bürger und Mahler seines anhabend hohen Alters in der Hauptsach der vorfallenten Stattarbeith allenthalben vorzustehen sich außerstand befindet und derselbe durch mich schon mehrere Zeit ersetzet worden...«, die Stelle wurde ihm am 7. 12. 1770 bewilligt. Nach Thieme-Becker (Bd 36, S. 380) war Zächenberger Hofmaler. Ein Bildhauer Joseph Zächenberger, vielleicht ein Sohn des Anton, ist seit 1768 in der Zunft nachweisbar. (StadtA München, Gewerbeamt 1794, Maler-Zunftbuch 1718-92, Liedke-Meisterbuch, S. 40, 42 ff., 48.)

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A, a, 1-3) weite Gurtbogentonne, durch jochüberspannende Arkadenbögen seitlich tief eingeschnittene Stichkappen, AR (B-C) Tonne, die im O in eine Halbkuppel einmündet

Rahmen: A geschweiftes, bandumschlungenes Stuckprofil, in den Achsen aufgesetzte Blattornamente, B-C querovales Stuckprofil mit gemalter Bandwerkdekoration darum, a und 3 rundes Stuckprofil mit angefügtem Bandwerkstuck, 1 – 2 Stuckkartuschen

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 13,90 m; 8,50 × 6,20

B Höhe 12,00 m; 2,70 × 3,70

C Höhe 12,00 m; 3,20 × 3,70

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1856 Restaurierung, 1865/68 Renovierung im »Zeitgeschmack«; das Chorgewölbe erhielt einen Sternenhimmel. 1931/32 wurden die Fresken von Jakob Huwyler restauriert und die neogotischen Zutaten durch Toni Roth entfernt. 1944 stürzte die Apsiswand und mit ihr das Chordeckenbild C ein. Es wurde 1968 nach einer Schwarz-Weiß-Photographie (Pfarramt Perlach, derzeit verschollen) von Manfred Leitenmeier, Augsburg, neu gemalt; vgl. die Inschrift NACH ZÄCHENBERGER / LEITENMEIER 1968. Gleichzeitig Restaurierung der übrigen Deckenbilder durch Manfred Leitenmeier und Fa. Binapfel, Augsburg.

Alle Deckenbilder sind verschmutzt und von Netzrissen überzogen. In A Längsriß, in B Übermalungen. Die Gewölbmalerei ist vergraut und weist Risse auf.

Beschreibung und Ikonographie

Die Stuckdekoration beschränkt sich im LHs auf eine einfache Gliederung der Gewölbeabschnitte. Das zwei Joche überspannende Freskofeld A betont die zentralisierende Tendenz des Baues, die mit den Queraltarnischen gegeben ist.

Der ein Jahr früher ausgestattete AR zeigt eine gemalte, gewölbefüllende Bandwerkdekoration.

A ENGELSTURZ Zentral angelegte, flächig komponierte Himmelsszene (Betrachterstandpunkt unter der Bildmitte). Die Figur des hl. Michael mit Schild und Flamenschwert schwebt im Zentrum. Radial darum sind drei Figurengruppen auf Wolken angeordnet: Rechts darüber sitzt Gottvater mit zwei Engeln, umhüllt von seinem weiten Mantel. Links am Bildrand schwingen drei Engel ein Weihrauchfaß und wenden sich betend Gottvater zu. Unten des Erzengels stürzen die gefallenen Engel nieder. Die plastisch ausgebildeten Muskeln und die nahezu verselbständigten Arme und Beine der Teufelsleiber kontrastieren zu den Gewandfiguren Gottvaters und der Engel. Die Gestalt Michaels ist ähnlich wie die Gottvaters vom Gewand umschrieben.

Die Farbgebung vermittelt die räumliche Ordnung: Am hellsten ist der Himmel bei der Gottvatergruppe; lichtes Gelb – gedämpft in den Wolken, leuchtend im Mantel Gottvaters – deutet diesen Bereich als Glorie. Nahe gesehen sind die anbetenden und die gefallenen Engel in lebhafter Lokalfarbigkeit auf bräunlich verschatteten Wolken. Leuchtende Blaugrünwerte, Ockergelb und Karminrot mit changierenden Effekten in den Gewändern der guter Engel ordnen diese ikonographisch der Gottvatergruppe und Michael zu. Dunkles Violett und Braunrot, grün- und rothaltige Ockerwerte, die grell beleuchtet oder verschattet erscheinen, kennzeichnen die Teufel. Der Erzengel Michael in der diffus hellen Himmelsmitte ist farblich als Bildzentrum anschaulich gemacht: Die zwei tragenden Bildfarben der Himmelsszene, Blaugrau und Ocker, sind in seiner Gestalt konzentriert.

Die Freskoausführung hält sich weitgehend an die Entwurfsskizze. Die Komposition ist jedoch im Fresko weiter auseinandergezogen und hat an Spannung verloren. Dies ist einerseits bedingt durch die erweiterte Rahmenform, andererseits ist zugunsten der besseren Lesbarkeit eine Vereinfachung der Gruppenkomposition vorgenommen worden: Bei den stürzenden Teufeln sind in der Skizze neun ineinander verschränkte Leiber erkennbar, im Fresko dagegen nur fünf, die hinteren, räumliche Tiefe vermittelnden Figuren, sind weggelassen.

B DER HL. MICHAEL ERSCHEINT DEM BISCHOF VON SIPONT Einansichtige, tafelbildmäßige Darstellung in konventionell-barocker Bildanlage: Ein Säulenaufbau mit Vorhangdraperie, vor dem am Betpult der Bischof von Sipont kniet. Von rechts kommt der hl. Michael von Putti begleitet auf Wolken heran. Waage, Kreuzschild und -diadem bezeichnen den Erzengel. Michael deutet auf die links in einem Ausblick sichtbare Höhle des Monte Gargano - Mons / gargan -, die er dem Bischof als sein Heiligtum bezeichnet (AASS Sept., Tom. 8, 29. 9., S. 61-63.)

Im Vergleich zu Stubers Fresko in nuancenreicher, kühl gestimmter Farbigkeit wirkt Zächenbergers Bild bunt; die lebhaften Kontraste Grün-Karminrot und Blau-Gelb herrschen vor.

Eine imitierte Stuckkartusche enthält als Inschrift den Bildtitel APPARITIO / S. / MICHAELIS / Archangeli.

C HL. DREIFALTIGKEIT Das 1968 nach Zächenberger rekonstruierte Bild zeigt die Hl. Dreifaltigkeit in Gestalt von drei Männern: Gottvater als Regent mit Zepter und Pluviale, Christus als Erlöser mit dem Passionsmantel und dem Kreuz (die Wundmale fehlen!) und der Hl. Geist, bärtig wie Gottvater und mit einer Tunika bekleidet, vor der Brust die Taube. Zwischen den Figuren ist in der Mitte die Weltkugel wiedergegeben. (Vgl. die Darstellung von Schongau, CBD, Bd 1, S. 520f., und Ottendichl, b, S. 144-48.)

a Geistestaube, von Putti umringt (Heiliggeistloch)

1-3 EMBLEME ZUM ENGELSTURZ In den Begleitkartuschen des Bildfeldes A (1-2) und in dem mit dem Heiliggeistloch (a) formal übereinstimmenden Rundmedaillon (3) über der Orgelempore sind polychrome Embleme gemalt, die das Engelsturzthema moralisch deuten. Das reguläre Lemma ist durch ein lateinisches Bibelzitat am oberen Bildrand ersetzt.

 
 
Hl. Dreifaltigkeit (Rekonstruktion
 
A Engelsturz 1-2 Embleme zum Engelsturz
 

1 Humilibus dat gratiam. 1 Petr. 5,5 – Schilfhalme beugen sich im Wind (drei blasende Windköpfchen).

2 Superbis resistit. 1 Petr. 5, 5. – Puttoköpfchen schauen auf die hoch aufragenden Fichten, zwischen denen drei vom Sturm gebrochene Strünke stehen.

Die Schriftstelle, der die Zitate der beiden Embleme entnommen sind, lautet im Zusammenhang: »Similiter adolescentes subditi estote senioribus. Omnes autem invicen humilitatem insinuate, quia Deus superbis resistit, humili bus autem dat gratiam.« Das sich beugende Schilf veranschaulicht die Demut der Gott dienenden, die gebrochene Fichten den Hochmut der gefallenen Engel. Das Emblem paar deutet »das Geschehen in bono et in malo« aus (G. Wirth, Emblem, Emblembuch, in: RDK, Bd 5, Sp. 201; vgl. Kemp, S. 254 und das Wessobrunner Emblem 32, CBD, Bd 1, S. 586).

3 Altiora te ne quaesiveris. Eccl: (= Eccl 3,22: »Altiora te ne quaesiveris, et fortiora te ne scrutatus fueris; …«) – Dei Adler kommt der Sonne zu nahe und stürzt ab. Im Gegen- satz zu dem geläufigen Emblembild des Adlers, der das Sonnenlicht aushält (in positiver Deutung), ist in Perlach das Bild des Adlers, der der Sonne zu nahe gekommen ist, in negativer Deutung ausgewählt (entsprechend bei Picinelli, Liber 4, Nr. 144 DUM VIDEAM, PEREAM – die Sonne versengt die Federn des zu nahe gekommenen Adlers). Auf die Engelsturzdarstellung bezogen ist der stürzende Adler ein Bild Luzifers, des ranghöchsten Engels, der sich in seiner Vermessenheit zu weit erhoben hat.

 
1 Emblem über der Orgel

Quellen und Literatur

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 491 f.

KDB I OB (2), S. 800

Thieme-Becker, Bd 32 (1938), S. 228–31 (s. v. Stuber) und Bd 36 (1947), S. 380 (s. v. Zächenberger).

Woeckel, Gerhard, Ein unbekannter Freskoentwurf eines Münchner Barockmalers, in: Die Kunst und das Schöne Heim 54, 1956, S. 207–09.

Dehio-Gall OB, S. 37

Schütz, Bernhard, St. Michael/Perlach (= KKF, Nr. 933), München 1970.

Volk, Peter, Bemerkungen zu einigen Zeichnungen von Nikolaus Gottfried Stuber, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 32, 1970, S. 135–50.

Lieb/Sauermost, S. 29, 290.

800 Jahre St. Michael Perlach, 250 Jahre Barockkirche, Festschrift zum Jubiläum 1980, hg. Kath. Pfarramt St. Michael Perlach, München 1980. I/C, S. 254.