München-Moosach, Alte Pfarrkirche St. Martin
Alte Pfarrkirche St. Martin, St.-Martins-Platz 1, Pfarrei St. Martin (neue Pfarrkirche), Erzdiözese München und Freising, z.Z. der Ausmalung (bis 1909) Filialkirche der Pfarre St. Peter und Paul in Feldmoching, Hofmark Moosach Landgericht Dachau.
Patrozinium: St. Martin
Zum Bauwerk: Ein Vorgängerbau, wohl eine Gründung irischer Missionare, wurde am 2. 10. 815 durch Bischof Atto von Freising (784–811) geweiht. An derselben Stelle entstand spätestens im 13. Jh. eine dreijochige romanische Saalkirche mit eingezogenem AR; im 15. Jh. Erhöhung des LHs und Einziehung einer Flachdecke, im AR Kreuzrippenwölbung. Um 1630 Anbau der Sakristei im NO und der Kapelle der Schmerzhaften Muttergottes im SO. Die hölzerne Flachdecke schien um diese Zeit renovierungsbedürftig zu sein (StAM, Kirchenrechnung Moosach 1630, Rep. 45, Fasz. 73, Bl. 452V und 410 b, vgl. Laturell, S. 257). Schwedeneinfälle im Mai 1632 verwüsteten die gesamte Innenausstattung. Der Verfall des Baues während der ersten Hälfte des 18. Jh. machte eine umfangreiche Renovierung und Neuausstattung der Kirche ab 1758 nötig. Dreijochiger Saalbau mit Kapellen-Nische in der N-Wand, eingezogenem AR und rundem Schluß, im W Empore; gute Belichtung des LHs durch drei in der Barockzeit erweiterte Rundbogenfenster von N und S, an der Empore durch drei Rundfenster, im Chor durch zwei Rundbogenfenster von NO und SO
Auftraggeber: Die Hofmarksherrin zu Moosach, Maria Ignatia Gräfin von Hörwarth (1755–1767), geb. Freiin von Gumppenberg, deren Allianzwappen sich am Chorbogen befindet, trug durch Stiftung von 150 fl. zur »Kirchen- und Turm Reparation« bei (Pfarrarchiv Moosach, Kirchenrechnung 1758, Bl. 14r). Sie ist im Fresko des LHs links dargestellt, ebenso wie das Bauernpaar Rieger rechts im Bild; die Bäuerin wird in einer weiteren Kirchenrechnung als die

Stifterin der Deckenmalerei genannt: »So hat dann zu dem heutigen Kirchenbau die Verwitwete Päurin Maria Rieger sonderhetl. Zu Aufmahlung der Kirchen Deckhen freywillig als eine Schankung dargegeben 70 fl.« (Pfarrarchiv Moosach, Kirchenrechnung 1759, Bl. 13a). Amtierender Pfarrer in der fraglichen Zeit war Franz von Paula Remigius Kaltenegger, Pfarrer von Feldmoching; amtierender Benefiziat bei St. Martin war Ignaz Sturm
Autor und Entstehungszeit: A Eine Signatur in A am Steinsockel I. M. Heigl pinx 1758 nennt den Schüler und Mitarbeiter Johann Baptist Zimmermanns, Johann Martin Heigl (* Konstanz † 1776 München) als Autor des Deckenbildes im LHs. Das Fresko gehört mit zu den ersten selbständigen Arbeiten des Martin Heigl (vgl. unsere Zuschreibung in Großhesselohe, 1755, S. 117–19) neben Unterbrunn (1758, CBD, Bd 1, S. 358) und Beuerberg (1758, CBD, Bd 2, S. 135–37). Neben dem für Heigl typischen Malstil mit kräftig konturierten Gesichtern und den stark weiß gehöhten kantigen Gewandfaltungen zeigt sich auch schon die Vorliebe für die Ausstattung irdischer Schauplätze mit teilweise bizarr geformten Baumriesen und viel bewegtem Blattwerk, das der Gesamtfarbigkeit einen bedeutenden Anteil an Grünwerten gibt, wie es ein Jahr später in Alb (CBD, Bd 2, S. 447–50) und besonders in Fresko B der Kirche von Wilparting (CBD, Bd 2, S. 628–33) weitergeführt wird. Wilparting zeigt auch wie Moosach einen vergleichbaren Bildaufbau mit seitlich an den Bildrändern emporgezogenen Bäumen, die weniger an die versatzstückhaft eingeführten Bäume und Büsche bei seinem Lehrer Zimmermann als vielmehr an frühere, umlaufende Erdstreifen in querformatigen oder runden Freskofeldern erinnern, die Untersichtigkeit erzeugen sollen.
Fresko B im AR ist weder signiert noch datiert. Nach Fertigstellung der Ausstattung im LHs wurden Arbeiten im AR von 1761–64 für insgesamt 369 fl. 6 kr. ausgeführt. Im Jahr 1763 wurden an den Münchner Maler Franz Leopold Hager 30 fl. für die Darstellung des Hauptmann von Kapharnaum gezahlt (Pfarrarchiv Moosach, Kirchenrechnung 1763, vgl. Laturell, S. 282). Franz Leopold Hager (Lebensdaten unbekannt) ist in den Münchner Zunftbüchern nicht nachweisbar .
Befund
Träger der Deckenmalerei: A (LHs) Flachdecke, B (AR) verschliffenes Kreuzrippengewölbe
Rahmen: A glatte Stuckleiste, im O und W von je einer Stuck-Kartusche besetzt; B mehrfach gekurvte Stuck-Leiste, an vier Seiten von reichen Rocaille-Kartuschen überspielt, an denen Stuckgirlanden frei plastisch hängen
Technik: Fresko; polychrom
Maße: A Höhe 5,80 m; 7,40 × 4,90
B Höhe 5,50 m; 2,90 × 2,05
Erhaltungszustand und Restaurierungen: In einem Schreiben des BLfD vom 16. 12. 1902 wird der Kirchenleitung die »Bloslegung der Flachdeckenbemalung im Kirchenschiff« angeraten, die wohl schon in den 1860er Jahren überweißt wurde, auch sollte das in früheren Jahren gefirniste Fresko und mit Leimfarbe übermalte Bild im Chorgewölbe gereinigt werden (zit. nach Altmann/Mooseder).
1931 erfolgten eine Reinigung und Ergänzung des Deckenfreskos im LHs durch Georg Dirmair. Eine Renovierung 1957 unter Leitung des BLfD durch Fa. Josef Finkenzeller München, brachte eine Ergänzung des Stucks im Chor, der St. Anna-Kapelle und die Erneuerung des Allianzwappens am Chorbogen. Florian Busch, München, reinigte die Deckengemälde in Chor und LHs, wobei durch Abnahme späterer Übermalung das Stifterpaar Rieger in A freigelegt wurde. Die Innenrestaurierung von 1985 durch Fa. Konrad Wiedemann, Ebenhausen, hat dem Raum seine Rokoko-Fassung von 1760 wiedergegeben. Photographische Aufnahmen Januar 1985 vor der Restaurierung.
Beschreibung und Ikonographie
Das Deckenbild A des LHs ist mit der glatten Stuckrahmung in die Mitte der sonst schmucklosen Flachdecke gesetzt, die auf einer Hohlkehle ruht. Im Gegensatz zum
LHs weist der AR reichen Rocaille-Stuck auf, der weiß auf rosa und grün getönten Flächen und mit bewegten Kartuschen die Chorwölbung um das Freskofeld schmückt. Optischen Übergang vom schlichten LHs zur dekorierten Decke des AR bietet die große Wappenkartusche mit freiplastischem Stuckgehänge am Chorbogen, die mit den Stukkaturen des AR ab 1761 entstanden ist.
A ST. MARTIN ALS FÜRBITTER DER STIFTER VOR DER HL. DREIFALTIGKEIT Das Fresko ist einansichtig angelegt mit dem Betrachterstandpunkt unterhalb des westlichen Drittels mit Blickrichtung gegen O. Bei einer verhältnismäßig geringen Deckenhöhe des Saales wirkt das den gesamten Gemeinderaum überspannende Hochformat etwas zu mächtig. Heigl malt an der Bildbasis über einem schmalen Erdstreifen einen tiefen Ausblick auf das Dorf Moosach, ausgezeichnet durch den Bau von St. Martin, das Hofmarksschloß mit Türmchen und zwei weitere Gebäude. Im Vordergrund knien betend die Stifter mit Begleitpersonen, im Profil und Halbprofil, den Blick erhoben zu einer schwebenden Gruppe auf Wolken, zwei großen Engeln, die den hl. Martin im Bischofshabit begleiten. Rechts verläuft die Gruppe in eine verspielte Schar von drei Putti, die die Attribute des Heiligen, seinen Bischofsstab, die Mitra und die Gans, in Händen halten.
Schräg über Martin thront auf Wolken die Hl. Dreifaltigkeit mit Putto und Engel, Gottvater mit erhobenem Zepter auf die Weltkugel gelehnt, Christus mit ausgebreiteten Armen, die Wundmale des Auferstandenen präsentierend, darüber in der Dreiecksgloriole die Geisttaube.
Am vorderen Bildrand wird die irdische Zone durch eine Stufenanlage mit Mauerwerk links und durch Erdhüger rechts eingefaßt, an den Bildkanten ragen Bäume und kahle Stämme und ein steinerner Pfeiler mit Prunkvase hoch in den Himmelsbereich hinein. Durch leichtes Kippen nach innen und Untersicht, die besonders an dem Pfeiler mit Prunkvase sichtbar wird, betonen diese rahmenden Elemente einen aufstrebenden Bewegungszug, der unterstützt wird durch Verkleinerung der Figuren nach oben zu und die fast im diffusen Licht schwebende Darstellung der Dreifaltigkeit.
Auffallend groß wirkt dagegen die Stifterin links, Maria Ignatia Gräfin von Hörwarth, die mit höfischer Gewandung, Perlenschmuck und Haartracht als Hofmarksherrin charakterisiert ist. Sie setzt ihren Fuß auf ein quastengeschmücktes Kissen, faltet leicht die Hände und blickt zum hl. Martin auf. Ihre Schleppe trägt eine Zofe mit Häubchen, die ihrerseits zu Christus aufblickt. Rechts, von der Erd¬scholle halb verdeckt, kniet die eigentliche Stifterin des Deckenbildes, die Bäuerin Maria Rieger mit ihrem Mann. Das Paar ist in der Tracht der Dachauer gekleidet, der Mann mit braunem Gehrock und dunklen Kniehosen, die Frau mit der charakteristischen schwarzen Kappe.
Die Gebete der Stifter werden durch die Fürsprache des Kirchenpatrons Martin zur Hl. Dreifaltigkeit geleitet; der doppelte Gestus der Hände des Bischofs zeigt diese Vermittlerrolle.
Im Thema des Hauptfreskos wurde hier sehr originell auf
»Herr, ich bin nicht würdig, daß Du unter mein Dach trittst Aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht geheil werden« (Mt 8, 8). Das Thema des Freskos über dem Hochaltar ist hier als Hinweis auf die Eucharistie zu sehen, die oben im Bild von den Engeln verehrt wird. Die Worte des Hauptmanns werden in kaum abgewandelter Form in der Meßliturgie unmittelbar vor der Kommunion gesprochen.
Quellen und Literatur
StAM, Kirchenrechnungen Moosach 1630. Pfarrarchiv Moosach, Kirchenrechnungen 1758-64 veröff. von Volker D. Laturell/Georg Mooseder (s. unten)
KDB I OB (1), S. 791.
Bauer, Anton, Beiträge zur Geschichte der Stadtpfarrei St Martin in München-Moosach, München 1933. Dehio-Gall OB, S. 43.
Laturell, Volker, D. und Georg Mooseder, Moosach, Bd 1, Von den Anfängen bis 1800, München 1980, S. 281–85. Altmann, Lothar/Georg Mooseder, Zur Baugeschichte der alten Martinskirche in München-Moosach, in: Jahrbuch des Vereins für christl. Kunst XV, 1985, S. 62–70. K. S.