München-Bogenhausen, Filialkirche St. Georg


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 1: Stadt und Landkreis München. Sakralbauten. Hirmer, München 1987, ISBN 978-3-7991-6111-4, S. 73–78, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filialkirche St. Georg, Bogenhauser Kirchplatz 1, Pfarrei Hl. Blut, Wehrlestr. 1, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Pfarrkirche, die dem Kollegiatstift St. Veit in Freising inkorporiert war, Gericht Wolfratshausen

Patrozinium: St. Georg

Zum Bauwerk: Erste Erwähnung 808; ältester erhaltener Bauteil der spätgotische Chor. 1759 legte Johann Michael Fischer einen Kostenvoranschlag über 4800 fl. vor, der einen LHs-Neubau zwischen altem Chor und Turm vorsah (Hartig). Baubeginn 1766, im Todesjahr J. M. Fischers, vermutlich nach dessen Plan; ausführender Zimmermeister Joseph Mahl aus München. 1771 Turmkuppel. Plastische Ausstattung von Johann Baptist Straub (Hochaltar) und Ignaz Günther (Seitenaltäre, Kanzel). Inschriftkartusche am Chorbogen SANCTO / GEORGIO MARTYRI EXSTRUCTA SIT HAEC ECCLESIA / UT EX PIIS ITA AC EX | GENEROSIS OBLATIONIBUS | EXORNATA (= 1771). Saalbau zu vier Jochen (18,00 × 9,60), durch den Emporeneinbau in zwei Quadrate geteilt. Das westliche Joch zerfällt in drei Raumteile: die Vorhalle (mit Fresko V), den Turmraum (Mitte) und die Taufkapelle (Fresko K). Eingezogener, quadratischer AR zu 2 Jochen, halbrund geschlossen (an den Außenmauern noch der gotische, dreiseitig geschlossene Chor). Belichtung durch hohe Rundbogenfenster im LHs und auf der N-Seite des AR, auf der S-Seite durch Oratorienfenster

Auftraggeber: Joseph Alois Freiherr von Edelweck, Props von Neustift St. Veit (1737–70); amtierender Pfarrer Franz Georg Riedl (1757–89), der die Seitenaltäre stiftete

Autor und Entstehungszeit: Die Ausmalung stammt von Philip Helterhof 1767/68 (*um 1725 Cham † 1807 München). In den Kirchenrechnungen sind Zahlungen an »Philip Hilterhofer Fresco Mahler« aufgeführt, 1767 »für Ausmalung 245 fl.« (fol. 21 v), 1768 für »Chor und hinter dem Choraltar 256 fl.« (fol. 28 v; frdl. Mitt. Norbert Lieb und Georg Brenninger, München).

A David psallens

Befund

Träger der Deckenmalerei: A Flachtonne mit Stichkappen B querelliptische Flachkuppel aus acht Kugelausschnitten über steilaufsteigenden Stichkappen, C Flachkuppel über Pendentifs E.U. ... V. K. Flachdecken

Rahmen: A-C imitiertes Stuckprofil, B1-4, C1-4 imitierte Stuckkartuschen, EU1-3, EB, K, V gemalte Rahmung; die gesamte Dekoration ist gemalt

Technik: Fresko mit Secco; A-C, EU1-3, EB V, K polychrom; B1-4 monochrom Veroneser Grün mit marmorroten Rocaillen, C1-4 Grisaillen

Maße: A Höhe 9,00 m (von der Orgelempore 5,10); 9,00 × 5,00

 
 
B, Verurteilung Georgs

EU1-3 Höhe 3,40 m; EU1 3,20 × 2,20 m; EU2-3 3,20 × 2,20 m

V Höhe 4,20 m; 2,00 × 3,70 m

K Höhe 4,20 m; 1,60 × 2,00 m

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1866 Restaurierung, 1939 durch Fa. Finkenzeller, Rohrer und Tittus, 1941 Renovierung der Decken- und Wandbilder durch Hans Pfohmann, Hohenschäftlarn. 29. 4. 1944 Beschädigung des Vorhallenfreskos (V) durch Bombenangriff, Abfallen größerer Teile, 1946 durch Hans Pfohmann renoviert. 1951 Restaurierung der malerischen Ausstattung durch Richard Braun. 1954 Reinigung und Entstaubung der Deckenbilder durch Fa. Möhler, München. Bei der umfassenden Restaurierung 1969 durch Alban Wolf, München, Werner Peltzer, Söcking und Fa. Mayerhofer, München, waren die Deckenbilder durch auffallend starke Verstaubung, durch netzartige Rißbildung und durch Übermalungen, letztere besonders der Fresken unter der Empore (EU1-3) und in der Vorhalle (V), stark beeinträchtigt. Bei dieser Restaurierung wurden auch ornamentale Malereien im Emporenjoch um die Fresken A und EU1 sowie die Deckenmalerei der Taufkapelle (K) durch Werner Peltzer freigelegt. Unter den Übermalungen des Vorhallenfreskos (V) wurden nur noch Reste von originaler Malerei gefunden, von Peltzer erneuert und ergänzt (Bewegungen, Draperien). Zustand 1984: Risse und Verschmutzungen in allen Fresken, C1-4 verwaschen, Darstellung z. T. unleserlich, Ergänzungen und Übermalungen in EU1-3; V und K kaum mehr originale Substanz

Beschreibung und Ikonographie

A DAVID PSALLENS Bildanlage mit starken Verkürzungen; Blickrichtung gegen W. David kniend auf einer Treppe vor einem Säulenportal, von links dringen auf Wolken Putti in den Raum, die David ein Notenblatt vorhalten (hebräisierende Schrift). Fahle Farben zwischen Gelblich-Weiß und Karmin.

B MARTYRIUM DES HL. GEORG Schauplatz eine umlaufende landschaftliche Szenerie mit einzelnen Bauten im Hintergrund. Im Zentrum in einer puttogesäumten Wolkengloriole das Dreifaltigkeitsdreieck mit Auge Gottes. Die panoramaartige Szenerie folgt in rhythmischen Wellen den acht Kuppelabschnitten und setzt Akzente in den vier

 
Gemeinderaumkuppel: B Martyrium des hl. Georg
 
EU. Caritas
 
 

Hauptachsen, wo jeweils der hl. Georg in einer Marterszene dargestellt ist.

Die Hauptansicht im O ist herausgehoben durch einen hohen Baum mit einer Apollostatue, durch größer proportionierte und detaillierter geschilderte Figuren, auch durch lebhaftere Farben in auffallend kräftiger Beleuchtung. St. Georg kniet gefesselt auf einem großen Steinblock, Schwert und Soldatenhelm neben sich, umringt von Soldaten, eine davon zu Pferd. Während der Henker schon mit dem Schwert ausholt, versucht noch ein römischer Priester Georg zum römischen Götzendienst umzustimmen (Apollostatue).

S-Seite: Georg, an einen Baum gefesselt, wird mit Fackeln gebrannt

W-Seite: Georg wird mit einem Stein beschwert. Links im Hintergrund eine junge Familie, wohl trauernde Christen vor einer römischen Villa

N-Seite: Georg wird auf ein Rad geflochten und über ein nagelbespicktes Brett gedreht. Rechts an der Balustrade zwei trauernde Frauen.

Als Farben dominieren kühles Grün, von dunklen bis zu fast kalkig-weißen Farbwerten, rötliches Ocker und Braun, die gleichen Farben, in denen auch die Gewölbedekoration ausgeführt ist. Goldgelb und Rotbraun als Buntfarben gehen in diesem Farbakkord auf, nur Blau in der Hauptansicht im O setzt eine farbliche Gegenkomponente.

B1-4 GEORG-SZENEN Von den acht gemalten Kartuschen in den Gewölbezwickeln zeigen die vier inneren kleineren Blumen und Blumengehänge (östlich und westlich), die vier äußeren figürliche Szenen in monochromer Malerei. Die Darstellungen beziehen sich auf das Martyrium des hl. Georg und sind als inhaltliche Ergänzung zum Kuppelfresko B zu sehen:

C GLORIE DES HL. GEORG Himmels- und Wolkenzenerie; in einer Lichtgloriole die Hl. Dreifaltigkeit, die den hl. Georg im Himmel empfängt. St. Georg ist als Ritter wiedergegeben, mit weißer Fahne und seinem Attribut, dem Drachen. In einem Kreis reihen sich Engel und Putti mit den Marterwerkzeugen Georgs: nach rechts (südlich) mit Rad, nagelbespicktem Brett und Keule, nach links mit Steinblock und Schwert.

Im Gegensatz zu den kühlen Farben der Gemeinderaumkuppel dominieren im AR-Fresko bunte Farben: Gelb, Rot, Blau, die im Zusammenklang mit Gold (Rahmen, Kartuschen und im Hochaltar) eine festlich-sakrale Farbwirkung erzielen.

C1-4 PUTTI IN WOLKEN goldgerahmte Grisaillekartuschen. Die Gegenstände, welche die Putti in Händen halten, sind nur undeutlich zu erkennen, vermutlich, wie in C, Marterwerkzeuge des hl. Georg:

 
Altarraumkuppel: C Glorie des hl. Georg C. Putten in Wolken
 

C1 Putti mit Fackel

C2 Putti mit Steinblock

Am Hochaltar die plastische Figurengruppe des hl. Georg als Drachentöter von J. B. Straub

Zur Georgs-Vita s. LA-Benz, S. 328-31, Surius-Vita, Bd 2

23.4., S. 510–14; vgl. die Georg-Zyklen in Ramsach, CBD Bd 2, S. 397-400 und Kleinpienzenau, CBD, Bd 2, S. 523-28.

EU1-3 GÖTTLICHE TUGENDEN an der Unterseite der Empore

 
Taufkapelle: K Geisttaube

EU1 FIDES-ECCLESIA thronend in einem Tempietto, Tiara auf dem Kopf, Kreuz und Kelch in Händen, mit den Füßen tritt sie den Teufel. Die Reliefszenen an den Säulen des Tempietto (Ecclesia-Symbol) sind nicht eindeutig zu bestimmen (Petrus trägt sein Kreuz? - links -, Abschied Petri et Pauli? – rechts)

EU2 SPES auf Wolken thronend, hält in der Linken ein Senkblei, in der Rechten einen Anker

EU3 CARITAS frontal auf Wolken thronend, die Arme schützend um zwei nackte Kinder gelegt

EB1-3 ROSENKRANZ Gemalte Doppelpilaster gliedern die Emporenbrüstung in fünf Felder: in die seitlichen sind Ziervasen, in die mittleren die drei Rosenkränze gemalt, in der ikonographischen Reihenfolge von rechts nach links. Vier Medaillons umschließen rahmenartig jeweils ein Hauptbild

EB, FREUDENREICHER ROSENKRANZ

den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast (Mittelbild)

 

den du, o Jungfrau, zu Elisabeth getragen hast (links oben) den du, o Jungfrau, geboren hast (rechts oben) den du, o Jungfrau, im Tempel aufgeopfert hast (links unten)

den du, o Jungfrau, im Tempel wiedergefunden hast (rechts unten)

EB. SCHMERZHAFTER ROSENKRANZ

der für uns Blut geschwitzt hat (links oben) der für uns gegeißelt worden ist (rechts oben) der für uns mit Dornen gekrönt worden ist (links unten) der für uns das schwere Kreuz getragen hat (rechts unten) der für uns gekreuzigt worden ist (Mittelbild)

EB. GLORREICHER ROSENKRANZ

der von den Toten auferstanden ist (links oben) der in den Himmel aufgefahren ist (rechts oben) der uns den Hl. Geist gesandt hat (links unten) der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat (rechts unten) der dich, o Jungfrau, im Himmel gekrönt hat (Mittelbild)

Taufkapelle

K GEISTTAUBE im Strahlenkranz in puttogesäumtem Wolkenring; in den Ecken jeweils ein blasendes Puttoköpfchen

Vorhalle

V JÜNGSTES GERICHT Ein wellenförmiger Wolkenzug scheidet die Darstellung in Himmel und Hölle. Christus erscheint als Weltenrichter über dem Regenbogen, ein Engel hält das Kreuz der Erlösung. Links hebt ein Engel die guten Seelen empor, rechts werden die verdammten Seelen von einem Teufel ins Höllenfeuer gezogen. Beide Gruppen trennt der Baum des Lebens, Symbol des Paradieses und der Endzeit (LCI, Bd 1, s. v. Baum, Bäume, Sp. 260).

Quellen und Literatur

Lampart, Michael, Einige Beiträge zur Geschichte des Pfarrdorfes Bogenhausen, in: OAVG 26, 1865/66, S. 159-87.

KDB I OB (2), S. 1013

Thieme-Becker, Bd 16 (1923), S. 361 (s. v. Helterhof).

Hartig, Michael und Hugo Schnell, St. Georg, München- Bogenhausen (= KKF, Nr. 55) 1934, 1966 (mit ausführlichen Literaturangaben).

St. Georg Bogenhausen (o. V.), in: Völkischer Beobachter Nr. 119 vom 29. 4. 1934.

Hoffmann, Richard, Ein Dorfkirchenidyll des Spätrokoko, in: Neues Münchener Tagblatt 65, Nr. 64, S. 5.

Lieb, Norbert, Münchner Barockbaumeister, München 1943, S. 138, 203.

Walch, Erich, St. Georg Bogenhausen, in: Münchner Merkur vom 3. 1. 1951.

Lieb/Sauermost, S. 185–90 (Veit Loers).

FRÖTTMANING Hl. Kreuz