München, Residenz, Turnierhaus im Hofgarten


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 2: Stadt und Landkreis München. Profanbauten. Hirmer, München 1989, ISBN 978-3-7991-6358-3, S. 215–216, geschrieben von Baur, Eva-Gesine und Volk-Knüttel, Brigitte. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

TURNIERHAUS

Gebäude an der W-Seite des Hofgartens; es diente zur Aufführung von Ritter- und Turnierspielen, selten auch von Opern und Maskenaufzügen und wurde außerdem als Reithalle benutzt. 1822 abgebrochen; an seine Stelle errichtete man das Bazargebäude nach Plänen von Leo von Klenze; Deckenbilder nicht erhalten.

Zum Bauwerk: 1660/61 von dem Architekten Marx Schinnagl erbaut, Gesamtkosten 35025 fl. (BHStA I, HR II/2,23; Löwenfelder, S. 37). Für 1690 ist ein Erweiterungsbau bezeugt (Löwenfelder, Anm. 118).

Lage und Aussehen sind durch Pläne, durch gestochene und gemalte Ansichten sowie durch ältere Beschreibungen überliefert (vgl. dazu Lieb und Löwenfelder). Dabei differieren die Maßangaben zum Gebäude z. T. beträchtlich. Bereits 1661 sind auf dem Grundriß, den Johann Franz Schinnagl, der Sohn des ausführenden Architekten, neben einer Ansicht des Außenbaues und des Inneren (s. u.) gestochen hat (Grundriß und Außenbau Abb. 7 bei Bolongaro-Crevenna), die Außenmaße des Gebäudes mit ca. 245 × 90 Schuh eingetragen; die Maße der von Amort gemalten Decke hingegen werden in den Baurechnungen (s. u.) mit 360 × 80 Schuh angegeben.

Langgestreckter Bau von 17 Achsen, ca. 100 × 25 m, der sich an den westlichen Arkadengang des Hofgartens anlehnte, hohes Satteldach. An der O-Seite war die Mitte durch einen Giebel betont, nach W sprang an entsprechender Stelle ein niedrigerer Trakt mit abgewalmtem Dach vor (späterer Anbau). Zugang durch große Tore an den Schmalseiten im N und S, auf allen Seiten durchfenstert. Das Innere war ein Saal mit Galerien in drei Geschossen übereinander, von denen die oberste wegen der Dachschräge stärker als die andern in den Raum vorsprang. Über den Eingängen und in der Mitte der O-Wand, dem Quertrakt gegenüber, abgeschlossene Logen, die für die kurfürstliche Familie bestimmt waren.

Auftraggeber: Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern (1651–79)

Autor und Entstehungszeit: Caspar Amort d. Ä. (* 1612 in der Jachenau Benediktbeuern † 1675 wahrscheinlich in München), 1661.

Amort malte für 400 fl. »der gannz döckhen so 360 schuech und 80 schuł prait mit Villung vndd Rosen, sambt den Bayrisch vnd Saphoysch (= Savoyischen) Wappen, auch 6 Enngele« (BHStA I, HR II/2, 23, Nr. 737 im Auszug bei Löwenfelder, S. 37).

 
Querschnitt durch das Turnierhaus, Stich von J. F. Schinnagl, 1661
 
Innenansicht des Turnierhauses, Stich von I. Wolff nach M. Disel, um 1720

Verbleib: Auf der Ansicht von Domenico Quaglio, die das Turnierhaus während des Abbruchs 1822 zeigt (Trost, Nr. 126), sind die oberen Logen in der Dachschräge und die in der Raummitte zurückspringende Decke nicht mehr zu sehen. Stattdessen ist eine durchlaufende Decke eingezogen. Bereits 1782 hatte das Gebäude seine ursprüngliche Bestimmung verloren, »die Gänge, und was überhaupt zum ehmaligen Gebrauch gehörte, ist abgenommen. Auf dem obersten Boden ist gegenwärtig ein churfürstl. Getraidkasten« (Westenrieder, S. 81 f.). Im Zusammenhang damit dürfte auch die Deckenmalerei verschwunden sein.

Rekonstruierende Beschreibung

Das Innere des Gebäudes ist auf einem der Stiche von Johann Franz Schinnagl von 1661 zu sehen (in: Melchior und Mathias Küsl, Churfürst. Bayr. Freudenfest ..., München 1662), ferner auf dem Stich von Jeremias Wolff nach Matthias Disel (München, Stadtmuseum, ZS 1215) sowie auf

einem kolorierten französischen Stich von etwa 1730, der auf Disel zurückgeht (ebd. Sammlung Proebst; Kat. München im Bild aus der Sammlung Carlo Proebst, München 1068, Nr. 1162).

Alle drei Ansichten zeigen flache Holzdecken in der Mitte und an der Unterseite der in den Raum vorkragenden Galerien. Bei Schinnagl sitzen in der Mitte jeweils zwei querrechteckige Felder nebeneinander, denen unter den Galerien je ein Feld entspricht. Bei ihm ergibt sich in der Abfolge eine Rhythmisierung dadurch, daß einfache Rechtecke jeweils abwechseln mit solchen, in denen Trapeze oder Querovale eingepaßt sind (abacabac). Alle Felder haben im Zentrum eine Rosette. Wo sich die von Amort gemalten »6 Enngele« und die Wappen (s. oben) befanden, ist unbestimmt. Die Stiche des 18. Jh. zeigen in der Mitte jeweils nur ein Feld, in der Längsrichtung folgt jeweils auf zwei Rechtecke ein Queroval. In einem von diesen ist das bayerische Wappen erkennbar, das auf dem Schinnagl-Stich fehlt. Es ist schwer zu entscheiden, ob die Unterschiede in der Deckenaufteilung den Stechern zuzuschreiben sind, oder ob sie auf Umbauten zurückgeführt werden können.

Quellen und Literatur

BHStA I. HR II/2, 22, Nr. 727.

Pallavicino 1667, S. 150f.

Ertl, Anton Wilhelm, Kur-Bayerischer Atlas, 1. Teil, Nürnberg 1687 (Nachdruck Passau 1908, S. 1121).

Wening 1701, S. 9.

Pöllnitz 1719, S. 13f.

Westenrieder 1782, S. 81

Hübner 1803, S. 365

Lieb, Norbert, Münchner Barockbaumeister, München 1941, S. 49

Löwenfelder, Gertraud, Die Bühnendekoration am Münchner Hoftheater von den Anfängen der Oper bis zur Gründung des Nationaltheaters 1651–1778, ungedr. Diss. München 1955, S. 37f. und Abb. 49.

Bolongaro-Crevenna, Hubertus, L’Arpa festante. Die Münchner Oper 1651–1825, München 1963, S. 38 und Abb. 7.

Trost, Brigitte, Domenico Quaglio 1787–1837, München 1973, Kat. Nr. 124–26.

E.-G. B. / B. V.-K.

GALERIE MIT KABINETT DER KURFÜRSTIN HENRIETTE ADELAIDE VOR 1667