München, Palais Holnstein
Stadtpalais, Kardinal-Faulhaber-Straße 7, erbaut für den Grafen Holstein, den illegitimen Sohn Kurfürst Karl Albrechts. Das Palais ging 1746 in den Besitz von Kurfürst Maximilian III. Joseph über, von dem es in demselben Jahr Johann Georg Graf Königsfeld erwarb; danach im Besitz der Gräfin Königsfeld bzw. deren Erben; seit 1818 im Besitz des bayerischen Staates, der es nach Abschluß des Bayerischen Konkordats dem von Freising nach München übersiedelten Erzbischof als Wohnsitz zur Verfügung stellte
Zum Bauwerk: Am 13. Januar 1735 (Häuserbuch; Trautmann: 1733) erwarb Kurfürst Karl Albrecht drei Häuser in der ehem. Vorderen Prannergasse von Ferdinand Joseph Graf von Haimhausen; 1735–37 Errichtung eines Stadtpalais durch François Cuvilliés d.A. Um 1736/37 Stuckierung von Fassade, Treppenhaus, vier Räumen (Enfilade an der Straßenseite) im 1. Obergeschoß und zwei Räumen (über Salon und Kabinett) im 2. Obergeschoß durch Johann Baptist Zimmermann und Gesellen. Beschädigungen durch Luftminen im Zweiten Weltkrieg (1944) wurden behoben; 1968-71 Umbau- und Restaurierungsarbeiten. Deckengemälde befinden sich im Treppenhaus (I) und in zwei Räumen des 2. Geschosses, wohl ehem. Musikzimmern (II und III).
Auftraggeber: Kurfürst Karl Albrecht von Bayern (1726–45, ab 1743 Kaiser Karl VII.).
Autor und Entstehungszeit: Sämtliche Deckenbilder gelten ebenso wie der Stuck (vgl. Thon, S. 329f.) als ein Werk Johann Baptist Zimmermanns (* 3. 1. 1680 Gaispoint bei Wessobrunn † begr. 2. 3. 1758 München); die Entstehungszeit ist mit der Vollendung des Baus 1737 gleichzusetzen.
I Treppenhaus
Hoher Kastenraum, im Hofflügel, an der O-Seite des ovalen Vestibüls gelegen; vier Fensterachsen zum Binnenhof nach S; eine einarmige gebrochene Podesttreppe führt vom Erdgeschoß bis in das erste Obergeschoß. Beiderseits des unteren Treppenlaufs Atlantenhermen, in Wandnischen des ersten Obergeschosses je eine freiplastische Figur (Allégorie der Künste im Frieden bzw. im Krieg), alle von Johann Baptist Zimmermann (Thon, S. 329). Im Erdgeschoß Kopie einer Minerva-Figur aus der Zimmermann-Werkstatt (Original im ehem. Palais Portia). Bild IA befindet sich an der Decke des Erdgeschosses, Bild IB an der Hauptdecke.
Befund
Träger der Deckenmalerei: IA Flachdecke, IB Flachdecke mit Hohlkehle, die mit imitiertem Stuck in Grisaille, mit Ocker und Rosa abgesetzt, dekoriert ist, darüber farbige Blumengirlanden; in den Achsen je eine Kartusche bekrönt von einem Puttokopf, der ins Bildfeld hineinragt. Rahmen: A geschwungener Profilrahmen über rechteckigem Format mit stuckimitierendem Rankenwerk, B geschwungener Profilrahmen über rechteckigem Format in Weiß und Ocker
Technik: IA Fresko mit Secco(?), IB Secco; polychrom
Maße: IA Höhe 4,80; 1,20 × 1,40
IB Höhe 8,80 m; 7,20 × 9,50
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Deckenbilder wurden 1971 durch Werner Peltzer, Söcking, restauriert, das übertünchte Hauptbild IB wurde bei dieser Gelegenheit freigelegt. Nach dem Restaurierungsbericht Peltzers (Landbauamt München, Akt VI 2326) war der Befund von Bild IA:
»Risse mit Niveau-Verschiebung, sowie frühere Retuschen in den Puttenfiguren, Überarbeitung des Ornaments wurde vorgefunden, Wasserschäden. (...) Die Retuschen wurden entfernt und neu eingestimmt, der übermalte Grundton im Ornament wurde aufgehellt.«
zu Bild IB: »Die Freilegung dieser Fläche in Secco-Malerei gestaltete sich schwierig, da nach den Beschädigungen durch Luftminen im 2. Weltkrieg an eine Restaurierung nicht gedacht wurde. Flächen wurden nur überputzt und weiß getüncht.« Peltzer registrierte außerdem Wasserschäden und nicht gänzlich entfernbare Reste der weißen Übertünchung. Rekonstruiert werden mußten ein Streifen an der S-Wand und die anschließende Hohlkehle. »Partien. die stark lädiert waren, wie z.B. die Baumgruppe mit Schwert schwingendem Genius oder die Brunnenarchitektur auf der rechten Bildseite wurden nur insoweit skizzenhaft verdeutlicht, als für einen geschlossenen Gesamteindruck erforderlich war.« Peltzer konstatiert, daß die beiden Hauptfiguren am besten erhalten waren, »während der Beschädigungsgrad mit der Entfernung von dieser Mitte zunahm.«
Beschreibung und Ikonographie
IA PUTTI Decke im Erdgeschoß; (Blickrichtung nach S) Drei Putti in Wolken; der mittlere Putto hält auf seiner erhobenen Linken einen Papagei, zu dem der rechte Putto, der hinter der Wolkenbank aufragt, emporblickt, vor diesem Blüten.
IB IUSTITIA UND PAX – ALLEGORIE DER GUTEN REGIERUNG Deckenbild im Hauptgeschoß des Treppenhauses; Blickrichtung nach N (in Gegenrichtung zu A) Die Szene ist in einer kleinen Parklandschaft angesiedelt. Im Bildzentrum lagern vor Bäumen Iustitia und Pax; Iustitia ist in Rot und Ocker gekleidet, sie trägt einen Helm und hält das Richterschwert in der Linken, neben ihr liegt auf einem Sockel die Waage, Symbol der Gerechtigkeit. Zur Rechten Iustitias ist die Gestalt der Pax in weißem Gewand und blauem Mantel zu sehen, die ihren Arm um die Schultern der Iustitia legt. In der rechten Hand hält sie ihr Attribut, den Ölzweig, auf dem Haupt trägt sie eine kleine Krone. Zu Füßen der beiden steht ein aufgeschlagenes Buch mit den Worten IUSTITA ET PAX OSCULATAE SUNT Dav ps 84 (Ps 84, 11; Gerechtigkeit und Friede werden sich küssen) Hinter Pax erscheint die Gestalt der Concordia, einen Ölzweig in der Linken, mit dem rechten Arm das Stabbündel umfassend, das die Stärke durch Eintracht symbolisiert. Die Gruppe der vier weiblichen Gestalten, die sich links anschließt, ist summarisch als Versinn- ildlichung der Fruchtbarkeit und des Gedeihens zu interoretieren; Ährengarbe und Früchte sind der Ertrag des Landes. Der Naturgott, halb hinter den Bäumen verborgen, ist ebenfalls in diesem Sinnzusammenhang zu versteien. Oberhalb dieser Gruppe vertreibt ein lila gekleideter Engel mit dem Schwert böse Geister und Dämonen.
In der rechten Bildhälfte bildet eine Brunnenarchitektur mit der steinernen Gestalt eines Flußgottes den Abschluß der Szene. Darüber schwebt in Wolken, von Putti umgeben ein Genius mit Füllhorn, aus dem Krone, Zepter, Goldmünzen und Schmuck guellen.
Das Bild ist als Allegorie der guten Herrschaft zu verstehen Durch den Zusammenschluß von Friede und Gerechtigkei kann das Land gedeihen. Die Mächte des Bösen haben keinen Zutritt zu dieser Welt des Glückes und der Eintracht. Die Insignien von Reichtum und Macht verweisen auf den Lohn, den der Regent dafür erhält.
II Ehem. Musiksaal (nach der Bildthematik zu schließen), etzt Privatbibliothek des Erzbischofs
Rechteckiger Saal (7,20 × 9,65 m) im zweiten Obergeschoß, über dem Treppenhaus gelegen; vier Fensterachsen nach S zum Binnenhof, Zugang vom Vorraum im W, Zugang nach O zum anschließenden Raum III
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke mit Hohlkehle Rahmen: rechteckige kannellierte Stuckleiste in hellem Ocker
Technik: Fresko; polychrom, Kartuschen in der Hohlkehle monochrom ocker
Maße: Höhe 5,80 m; 6,50 × 9,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung 1971 durch W. Peltzer, Söcking. Der betreffende Restaurierungsbericht lautet (Landbauamt München, Akt VI, 2326, 30. 7. 1971): »Am meisten originaler Bestand ist auf der rechten Bildseite (Apollo und Baumgruppe mit Hintergrund). Linke Bildseite hat starke Übermalungen in den Figurengruppen und im Himmel, die das Bild entstellen und seine tatsächlich vorhandene Qualität stark herabmindern. Weit bedenklicher ist aber eine außerordentlich schlechte Bindung der Farbpigmente. Großenteils sitzt die Farbe nur wie loser Staub auf dem Untergrund, z.T. hat man es mit Abblätterungen und Blasen zu tun.«
Das Deckenbild ist in seiner originalen Substanz stark beeinträchtigt; in der Hohlkehle an der W-Seite zeigen sich, verursacht durch die darübergelegene Dachterrasse, wieder starke Wasserschäden, die z.B. die Kartuschenszene an dieser Seite fast ganz zerstört haben.
Beschreibung und Ikonographie
II PARNASS (Blickrichtung nach N) In einer Landschaftsszenerie thront im Bildzentrum auf felsiger Anhöhe Apollo Musagetes, in Rot und Gelb gekleidet, die Lyra auf dem Schoß. Nach links, etwas tiefer plaziert, erscheinen fünf der Neun Musen: Euterpe mit Traversflöte, Polyhymnia (untraditionell) mit Baßgambe und Bogen, dazu, mit Triangel und Laute ausgestattet, zwei nicht bestimmbare Gestalten und als letzte Terpsichore mit dem Tambourin. Unterhalb der Gruppe halten zwei Putti ein Notenblatt.
Links oben im Bildfeld erscheint in Wolken Diana, ein Diadem mit der Mondsichel im Haar, zu ihrer Linker schwebt ein Genius mit Schmetterlingsflügeln und Horr (nicht eindeutig bestimmbar), zu ihrer Rechten werder Minerva, mit Helm und Speer, sowie drei andere Göttergestalten sichtbar, die nicht durch Attribute ausgewiesen sind Hinter Apoll erhebt sich ein Baum, in dessen Gabel sche menhaft eine weibliche Gestalt wie eine Büste erscheint. Eir Vergleich mit zwei früheren Parnaß-Darstellungen Zimmermanns in Schloß Maxlrain (OB, Lkr. Rosenheim Turmzimmer, um 1714) und in Freising (OB, Dom propsteizimmer, um 1716) läßt darauf schließen, daß ar dieser Stelle ursprünglich Minerva hinter einer Wolkenbank auf die Szene herabblickte. Durch die starke Zerstö rung an dieser Stelle (s. Befund) ist die abweichende Ergän zung zu erklären. Im ursprünglichen Bildzusammenhang muß die jetztige Gestalt der Minerva neben Diana in der zweiten Bildgruppe eine andere Götterfigur bedeute haben.
Hinter dem Baumstamm blickt eine weinlaubbekrönte bacchantische bärtige Gestalt hervor, unterhalb davon taucher hinter der Anhöhe drei Musizierende mit Schalmei und Panflöte auf. In dem sich dahinter erstreckenden Wäldchen wird zwischen den Sträuchern ein Faunskopf sichtbar Wild verbirgt sich in den Büschen, ein Jagdhund springt vor.
Das Bild stellt summarisch die Freuden eines arkadischen Daseins dar. Apoll und die Musen repräsentieren die hohe Musik (die nicht musikbezogenen Musen sind ausgespart), die drei Gestalten hinter dem Parnaß bedeuten die niedere, die natürliche Musik. Die zentrale Rolle der Musik wird betont durch das Notenblatt in den Händen der Putti. Die Göttin Diana weist nicht nur auf die Freuden der Jagd hin, die auch in den Tieren des Waldes thematisiert werden, sondern sie repräsentiert zusammen mit den anderen Göttergestalten den Olymp, der sich den Musen günstig gesonnen zeigt. Bildanlage und Komposition der Darstellung sind eng verwandt mit den thematisch analogen Deckenfresken J. B. Zimmermanns in Schloß Maxlrain und der Dompropstei in Freising. Die Gruppe der Musen ist hier (seitenverkehrt) wörtlich zitiert, ebenso die Haltung Apolls und motivische Einzelheiten wie der Faunskopf in der Büschen.
In der Hohlkehle sind in Grisaillemalerei Rocaillen und Blumenranken gemalt; die Achsen betont jeweils eine chen wird zwischen den Sträuchern ein Faunskopf sichtbar Wild verbirgt sich in den Büschen, ein Jagdhund springt vor.
schmale längsrechteckige gemalte Kartusche mit ockerfarbener Puttodarstellung, rechts und links davon jeweils, trophäenartig gebündelt, Requisiten der betreffenden Szene.
nördlich Vier Putti beim Weintrinken, links davon Wein kelche, rechts ein Krug, ein Kelch und zwei Teller östlich Drei Putti mit Musikinstrumenten, einer mit Pauke, zwei mit Trompeten; seitlich Schalmei und Panflöte – links – und Gambe, Schalmei und Traversflöte rechts
südlich Drei Putti mit Jagdinstrumenten, einer mit Pfeil, einer mit Bogen; links davon ein erlegter Hase und ein Jagdhorn, rechts eine erlegte Wildente
westlich Puttoszene zerstört; seitlich Panflöte und Schalmei links. Fackel und Stöckchen rechts
III Ehem. Musikzimmer, jetzt Arbeitszimmer des Erzbischofs (Deckenbild übertüncht)
Annähernd quadratischer Raum (7,30 × 7,80 m) im zweiten Obergeschoß, an der O-Seite der Bibliothek (II) gelegen, Zugang von dort und vom übereck nach S anschließenden Wohnzimmer aus, zwei Fensterachsen zum Binnenhof nach S
Befund
Träger der Deckenmalerei; Flachdecke mit Hohlkehle Technik: Fresko; polychrom
Erhaltungszustand: Anläßlich der Restaurierung durch W. Peltzer, Söcking (siehe I und II) wurde das übertünchte Deckenbild festgestellt, aber nicht freigelegt; »Während der Malerarbeiten in diesem Raum wurde dort eine weitere Deckenmalerei aufgefunden, die sicher von derselben Hand stammt wie die Treppenhaus-Fresken. Auch in Komposition und Farbigkeit ähneln sich beide Decken ... Die
Malerei war nur kurze Zeit, solange die Fläche naß gehalten war, sichtbar. Man konnte ein Netz von Rissen erkennen. Vermutlich befindet sich rechts oben eine große Fehlstelle. Ich nehme an, daß die Decke in der gleichen Weise überputzt und isoliert ist wie im Treppenhaus.«
Darstellung
Nach W. Peltzer sind in dem Deckenbild »allegorische Frauengestalten in einer Landschaft mit Putten dargestellt Die Hohlkehle ist ebenfalls ornamental bemalt.« Auf einem von W. Peltzer angefertigten Dia lassen sich in einer Wol kenszenerie ein jugendlicher Genius und, rechts oberhalt davon, eine weibliche Gestalt erkennen (Keine Abbildung)
Quellen und Literatur
Akten des Landbauamtes München, Akt VI, Nr. 2326. Planzeichnungen des Landbauamts zu Instandsetzung und zum Umbau des Erzbischöfl. Palais, Plan-Nr. 301, 302, 303 und 304.
Trautmann, Karl, Der kurfürstliche Hofbaumeister Franz Cuvilliés d. Ä. und sein Schaffen in Altbayern, in: Monats schrift des Historischen Vereins von Oberbayern IV, 1895 S. 86 ff., S. 114.
Häuserbuch Bd 2, S. 51.
Thon, Christina, Johann Baptist Zimmermann als Stuk kator, München-Zürich 1977, S. 133-36, 329-31, Kat Nr. 6q.
Bauer, Hermann und Anna, Johann Baptist und Domini kus Zimmermann, Entstehung und Vollendung des baye rischen Rokoko, Regensburg 1985, S. 318.
Braunfels, Wolfgang, François Cuvilliés. Der Baumeister der galanten Architektur des Rokoko, München 1986 S. 110 f., 178. E.-G. B