Mühldorf, Stadtpfarrkirche und ehem. Kollegiatskirche St. Nikolaus
STADT MÜHLDORF
Kreisstadt, seit 1802 zu Bayern gehörig, Erzdiözese München und Freising. Bis 1821 Erzdiözese Salzburg Ehem Fürstbischöflich Salzburgische Exklave, Salzburgisches Gericht Mühldorf
Ehem. Kollegiatskirche, heute Stadtpfarrkirche St. Nikolaus Filialkirche St. Katharina S. 179 Kapelle Maria Eich S. 183
Zur Geschichte: Mühldorf ist erstmals im Jahr 935 als Salzburger Besitz genannt und war bis 1802 eine Exklave von Salzburg und Sitz des Salzburgischen Vogt- und Propstgerichts Mühldorf, doch erlangte das Erzstift erst 1764 die volle Landeshoheit über die Stadt. Gründung des Kollegiatstifts 1610 durch den Salzburger Fürstbischof Wolf Dietrich von Raitenau für einen Dekan und sieben Kanoniker. Die Pfarreien Altmühldorf, Flossing und Erharting wurden der Neugründung inkorporiert. Der Sitz des Pfarrers von St. Nikolaus wurde nach St. Katharina verlegt, und mit ihm wohl die pfarrlichen Funktionen. Säkularisierung des Stiftes am 8.12.1802 nach der Übernahme der Stadt Mühldorf durch Bayern. Mühldorf gehörte bis 1821 zur Erzdiözese Salzburg. Pfleger zur Zeit der Ausmalung war Wolf Franz Graf von Überacker (Epitaph im LHs, Porträt in Fresko D neben dem Wappen).
Stadtpfarrkirche und ehem. Kollegiatskirche, Erzdiözese München und Freising, bis 1821 Erzdiözese Salzburg. An der Kirche bestand die Bruderschaft zum Allerheiligsten Altarsakrament (gegründet 1618) und die Sebastiansbruderschaft (1677).
Patrozinium: St Nikolau
Zum Bauwerk: Erste Erwähnung 1251, romanischer Neubau nach einem Stadtbrand von 1285 (Turm und Vorhallenportal erhalten, romanische Fresken 1973 freigelegt). 1432–43 Neubau des noch erhaltenen gotischen Chors. Mit der Gründung des Kollegiatstifts 1610 wurde St. Nikolaus Kollegiatskirche. Nach 1765 ließ Dekan Wolfgang Summerer die Kirche barockisieren, wobei die Pfeiler abgearbeitet wurden, um sie schlanker und »geschmeidiger« zu machen. Infolgedessen stürzte – trotz des Gutachtens des Mühldorfer und des Neumarkter Maurermeisters – am 17.3.1768 das Langhaus ein; Turm und Nordseite, Chor und Sakristei blieben erhalten. Bereits am 29.3.1768 legte der vom Dekan beauftragte Trostberger Maurermeister Franz Alois Mayr einen Kostenvoranschlag für einen Neubau in Höhe von 20619 fl. vor, der (einschließlich Zimmermeisterüberschlag über insgesamt 23 944 fl.) vom Dekan am 12.4. beim fürstbischöflichen Konsistorium in Salzburg eingereicht, von diesem jedoch mit einem Gegenvorschlag über 20000 fl. des fürstbischöflichen Bauverwalters Wolfgang Hagenauer abgelehnt wurde. Franz Alois Mayr sollte die Bauausführung unter Hagenauers Direktion übertragen werden. Dies lehnte Mayr ab, und am 8. 10. 1768 legte Dekan Summerer einen neuen Plan Mayrs vor, dem später ein Modell Mayrs folgte. Mayrs Plan erhielt die fürstbischöfliche Approbation. Grundsteinlegung am 29.6. 1769.1770 wurde das gotische Chorgewölbe eingeschlagen und 1771 durch ein Tonnengewölbe ersetzt.
Nach dem Tod Franz Alois Mayrs 1771 führte sein Nachfolger Joseph Lindtmayr den Bau fort. Freskierung 1771/72, Benediktion am 20.12.1771, Weihe am 15.8.1775 durch den Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo.
Bis 1775 betrugen die Gesamtkosten 43 548 fl. (Kupferschmied, S. 102). Die Ausstattung umfaßte sieben neue Altäre (1769 stiftete der Erzbischof 2500 fl. für den Marien- und den Rupert-Altar), Orgel, Kanzel, Chor- und Betstühle. An der Ausstattung beteiligt waren Franz Nikolaus Streicher aus Salzburg mit Altarblättern (Hochaltarblatt Der hl. Rupert verehrt das Altöttinger Gnadenbild« 1774 für 200 fl.), Balthasar Mang mit den Altarbildern des Johann-Nepomuk-Altars (nördliche Chorwand) und des Sebastiansaltars (Heimatmuseum Mühldorf) sowie den Kreuzwegstationen, Matthias Fackler (Kanzel), Christoph Fröhlich aus Mühldorf (Schalldeckel) und Johann Georg Kapfer als Bildhauer (Chorgestühl), Johann Georg Doppler und Johann Högler aus Salzburg als Steinmetzen für die Marmoraltäre.
Saal (34×20m) zu drei Jochen, das mittlere quadratisch (zwei Joche des gotischen Baus zusammenfassend) als Zentralraum konzipiert. Empore im W. Turm mit Vorhalle und nördlichem Kapellenanbau und Eingang im W. Stark eingezogener AR (14×9,60 m), zweijochig mit dreiseitigem Schluß, Anbauten im S (Sakristei) und N (Paramentenkammer) jeweils mit darüberliegendem Oratorium. Gliederung im LHs durch pilasterbesetzte Wandpfeiler mit geradem Stufengebälk, im AR durch Pilaster mit vorkragendem Stufengebälk. Belichtung durch hohe Rundbogenfenster von N und S, je 4 im LHs und je eines seitlich des Hochaltars. In beiden Jochen des AR 4 gemalte Gitterfenster mit Wolken.
Auftraggeber: Sigismund III. Christoph Graf von Schrattenbach, Fürstbischof von Salzburg (1753-71). Chronogramm am Chorbogen SIGISMVNDO / RESTAVRATORI COL- LEGIATAE / AETERNA GLORIA (= 1765; Jahr des Kircheneinsturzes). Das Wappen des Fürstbischofs und das Wappen der Stadt Mühldorf befinden sich in Fresko D. Dekan des Kollegiatstifts und treibende Kraft bei Bau und Ausstattung war Wolfgang Summerer (1739-77; Epitaph im LHs am südli-
Die Ausmalung wurde mit Beiträgen verschiedener Institutionen finanziell unterstützt, »der geistlichen und weltlicher Obrigkeit, der Katharina-Zunft, der Corporis-Christi-Bru derschaft, dem Bruderhaus, der Jungfrau Aussteuerungsfun dation« (Kupferschmied, 1988, S. 102).
Autor und Entstehungszeit: Martin Heigl (* unbekannt † 1774) 1771/72. Signatur in C rechts M. Heigl pinxit.
Heigl, von dem auch die Ornamentmalerei stammt, arbeitete an den Fresken im Jahr 1771 zusammen mit dem Maurer Sebastian Hueber als Handlanger 142 Tage und im Jahr 1772 weitere 24 Tage (Kirchenrechnungen 1771/72 im Pfarrarchiv, s. Kupferschmied, S. 10). 1771 erhielt er als Honorar 1500 fl. (Stadtkammerrechnungen 1774 im Stadtarchiv Mühldorf, s. Kupferschmied a.a.O., Spagl, S. 10)
Die Ausmalung der Pfarrkirche in Mühldorf ist Martin Heigls vorletztes erhaltenes Freskowerk, gefolgt von der Ausmalung der ebenfalls zum Kollegiatstift Mühldorf gehörigen Pfarrkirche Oberflossing, 1772, bzw. den im 19. Jh. zerstörten oder übertünchten Deckenbildern in den Kirchen von Niederbergkirchen, 1773/74, und Gumattenkirchen, 1774 (alle LKr. Mühldorf). Aus dem Wortlaut des Programms geht hervor, daß Heigl das Werk mit den Chorfresken begann.
Unmittelbar vor Heigls Auftrag in Mühldorf war am 4. 10. 1770 der kurfürstliche Erlaß über die kirchliche Kunst veröffentlicht worden, der die Vermeidung jeglichen Übermaßes, lächerlichen Zierats, überflüssiger Stuckatur gebot und eine der Verehrung »angemessene edle Simplicität«, d.h. dem neuen klassizistischen Stil Rechnung zu tragen forderte. Heigl entsprach im Vergleich zu seinen früheren Freskowerken den Anforderungen des neuen Geschmacks insofern, als er in den Mühldorfer Deckenbildern der Architekturszenerie zum ersten Mal eine dominante Stellung einräumte, zu der die Figuren in einem weitaus realeren Größenverhältnis stehen als
in seinen bisherigen Szenerien. Kompositionen und Figuren stils zeigen früheren Werken gegenüber Unterschiede: die Figuren wirken gelängter, eleganter, erstarrt in preziöse Gestik und zeigen weniger Bewegung und Überschneidungen. In der Farbgebung wechselt er von der oft leuchtenden Buntheit seiner frühen Werke, aber auch der späteren Ausmalung von Oberflossing, zu subtil differenzierten blassen Farbwerten der Architekturen und der Gewänder. Weißhöhungen sind nicht mehr aufgesetzt, sondern dem Grundfarbton beige mischt. Die illusionistisch mit Schatten versetzte gemalte sandfarbene Stuckdekoration auf mattblauem Grund steigert nach den zurückhaltenden Farbeindruck im Kirchenraum
Befund
Träger der Deckenmalerei: A, A1-2, C, C1-2 böhmische Kappen; B, B1-4 Pendentifkuppel mit Hängezwickeln; D, D1-2, Da-c Tonne mit Stichkappen
Rahmen: A, C, D, W1-2 geschwungene Stuckprofilrahmen in Ocker mit Ornamentierung in Gold, B weißes Stuckprofil mit Außen- und Innendekoration in Gold; A1-2, B1-4, C1-2, D1-2 gemalte Kartuschen in sandfarbener Stuckimitation
Technik: Fresko; A-D, W1-2 polychrom, A1-2, C1-2, D1-2 monochrom karmin, B1-4 gelbliche Grisaillen vor Goldbrokatgrund
Maße: A Höhe 15,00 m; 6,30 × 7,50 B 19,70 (Stich 4,30) m; Ø 11,80 C Höhe 15,00 m; 6,30 x 7,50 D Höhe 13,60 m; 8,00 × 7,50 W1-2 Bildansatz 7,30 m; 5,00 × 4,00
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Früheste bekannte Restaurierung 1867 durch Kunstmaler Heinrich Rupprecht Mühldorf. 1908/09 Reinigung der stark verschmutzten und Restaurierung der teilweise ruinösen Deckenbilder durch Hans Kögl, Pasing. Die unpassende Raumfassung in Leimfarben der letzten Restaurierung wurde durch eine Neutönung in Kaseinfarben durch Ludwig Ametsberger, München, ersetzt
1945/46 Reinigung der Fresken durch Alois Schlee und Martin Zunhamer, Altötting. Letzte Restaurierung 1974/75 durch Karl Holzner, Ampfing. Der übermalte Brokat in den Gurtbögen und die gemalten Schatten an den Kartuschen der Apsiswölbung und über den Rahmen wurden freigelegt, Risse geschlossen, Wasserschäden beseitigt und Fehlstellen retuschiert. Die Fresken selbst sind gut erhalten, doch ist eine starke Vergrauung festzustellen, die durch die heftig rußende Heizung verursacht und bei einer früheren Restaurierung fixiert wurde. Restaurierung geplant; 2001 Musterachse auf der Nordseite von C angelegt.
Beschreibung und Ikonographie
Heigls Fresken folgen im wesentlichen dem schriftlichen Programm eines unbekannten Verfassers (Eib?) aus dem Jahr 1770 (Pfarrarchiv Mühldorf, Faksimile bei Kupferschmied, S. 148-60). Thema des Bildprogramms sind Leben und Glorie des Kirchenpatrons Nikolaus von Myra. In der Vorrede zu seinem schriftlichen Entwurf beteuert der Verfasser sein Bestreben, die Wundertaten des Heiligen nicht allzusehr zu »heuffen«, um den modernen Ansprüchen an eine historisch saubere Darstellung zu entsprechen. In diesem Sinn verzichtet er auf die zahlreichen volkstümlichen Nikolauslegenden (z.B. die Aussteuer der drei Jungfrauen, die Rettung der drei Knaben) und vor allem auf die postumen Wunder und hält sich an die »Historie«, also an die eigentliche Lebensbeschreibung:
»Unvorgreiffliche Gedancken zur Ausmahlung in Fresco dess neuerbau ten St. Nicolai Gotteshaus in Mildorf aus dess heilligen Erzbischofen z Myra gezogen.
Vier Haubtfeldungen oder Plavon komen abzuschildern oder zu mahlen. 1. Der Chor beym oder ober dem Hochaltar. 2. Das erste Zwerchfeld im Langhaus. 3. Weitschichtiges Rundel oder Kupel in Mitte. 4. Wider ein Zwerchfeld bey der Kürchen Eingang.
Anmerckung. Da man die Lebensbeschreibung oder Entwurf eines Hei ligen in einen Gotteshaus anbringen will, ohne zu beförchtende Kritick soll bey dessen Eingang die Historie ihren Anfang nemen, weiters con tinuiren, weiters mit dem Lebens: Ende in der Glory und Chor sich schlüssen.
Ob dises nit etwan der unvorgreiflichen Gedanken sich zum rechtmässigen Ziehl gesezet, und solches erreichet habe, wird weith besserer Einsicht yberlassen. Daß
2. drum ich, und allzeit oder beliebten oder missfälligen Gemahlde eine angeneme Arth, und Geschmack zu geben die Lebensentwerffung eines Heiligen durch den Penßl nit auf eine plate, einfältige Arth gleich einer Votiv:tafl, sondern in tüchtiger Auseinandersezung abgeschildert.
3tio, nichts wider die Historie, oder Glauben /:in der Haubtsach:/ eingemengt, die Gutthaten oder Miracl nit geheuffet,
4to dem Mahler seine selbstig: guette Gedanken und Eintheilung anzu bringen die Hand nit gesperret, deme
5to Fresco Mahler nach seinen Verdienst, und Fleiß die Arweith billich belohnet werde. Iedoch
6to das selber bey dem einmahl beschlossenen Accord wie bey der angetangenen Arweith verblibe, unaußsezlich continuire, verfertige.«
Quelle für das Programm war Beatillo da Baris Vita des hl. Nikolaus von 1620, die zu seiner Zeit als die authentischste
»Unvorgreiffliche Gedanken zur Ausmalung in Fresco des neu erbauten St. Nicolai Gotteshauses in Mühldorf aus dessen heiligen Erzbischofen zu Myra gezogen. Vier Hauptfeldungen oder Plavon kommen abzuschildern oder zu mahlen. 1. Der Chor bei oder über dem Hochaltar. 2. Das erste Zwerchfeld im Langhaus. 3. Weitschichtiges Rundel oder Kuppel in Mitte. 4. Wieder ein Zwerchfeld bei der Kirchen Eingang. Anmerkung. Da man die Lebensbeschreibung oder Entwurf eines Heiligen in einen Gotteshaus anbringen will, ohne zu befürchtende Kritik, soll bei dessen Eingang die Historie ihren Anfang nehmen, weiter continuiren, weiter mit dem Lebensende in der Glory und Chor sich schließen. Ob dieses nicht etwan der unvorgreiflichen Gedanken sich zum rechtmäßigen Ziel gesetzt, und solches erreichet habe, wird weit besserer Einsicht überlassen. Daß 2. drum ich, und allzeit oder beliebten oder missfälligen Gemahlde eine angenehme Art und Geschmack zu geben die Lebensentwerffung eines Heiligen durch den Pencil nicht auf eine plate, einfältige Art gleich einer Votivtafel, sondern in tüchtiger Auseinandersezung abgeschildert. 3. nichts wider die Historie, oder Glauben /:in der Haubtsach:/ eingemengt, die Gutthaten oder Miracl nicht geheuffet, 4. dem Maler seine selbstig: gute Gedanken und Eintheilung anbringen die Hand nicht gesperret, deme 5. dem Fresco Maler nach seinen Verdienst, und Fleiß die Arweith billich belohnet werde. Jedoch 6. das selber bey dem einmahl beschlossenen Accord wie bey der angefangenen Arweith verbleibe, unaußsezlich continuire, verfertige.«
Nikolaus-Vita galt (vgl. Kupferschmied, S. 106f.). Die Ausgabe, die der Entwerfer benutzte, war die deutsche Übersetzung einer Kurzfassung von Francesco Buti »Das Leben und Wunderwerck des Heiligen Nicolai Ertz-Bischoffen Myren. Aus der Italiänischen in die Teutsche Sprach übersetzt durch einen Priester der Gesellschafft Jesu. Freiburg im Achtland bei Johann Jacob Quentz 1699«. In der Vorrede des Übersetzers heißt es, aus dem großen Werk des P. Antonius Beatillus habe Signor Abbate Francesco Buti einen Auszug gemacht, »in welchem er St. Nicolai Leben ganz kurz beschreibet«. Hier finden sich genauere Ausführungen für die im Programmentwurf nur stichwortartig vorgeschlagenen Szenen. Das heißt, auch dem Maler lag die Ausgabe Francesco Butis vor.
Heigl verwendete die schriftliche Vorlage jedoch mit künstlerischer Freiheit. Er verzichtete auf manche Nebensachen und bewahrte die Szenen vor inhaltlicher Überfrachtung. Dagegen sparte er nicht mit Staffagefiguren, wie den Soldaten am Szenenrand bzw. schönen gelockten Jünglingen oder Rassehunden. Die genaue Beschreibung der äußeren Erscheinung des hl. Nikolaus, wörtlich aus »Leben und Wunderwerck« in der Programmentwurf übertragen, befolgte Heigl nicht; er zog eine idealisch schöne große Nikolausgestalt dem geschilderten mittelmäßigen und kleinen Äußeren vor.
A TAUFE DES HL. NIKOLAUS
Das querformatige Fresko über der Orgelempore ist bildparallel über der Basis im W aufgebaut. Eine Architekturszenerie aus grauem Stufenpodest, einer konkav geschwungenen Mauer mit Sockel, Säule, Pilastern und Gesimsband gibt den Schauplatz an. Requisiten wie das Taufbecken zur Linken und ein Postament mit Vase zur Rechten trennen zwei Szenen ab, wobei die rechte, chronologisch frühere, der Hauptszene deutlich untergeordnet ist.
VERHEISSUNG DER GEBURT
In der Nebenszene am rechten Bildrand, durch einen Pfeiler und ein Postament mit Ziervase von der Hauptszene abgetrennt, bildet eine hohe Gartenmauer und der Ansatz einer ausschwingenden Exedra einen offenen Raum. An einem Altartisch knien ein Mann und eine Frau, in reicher Kleidung mit Turban und Federgesteck, die Augen und Hände zum Himmel erhoben. Die Glorie über der Hauptszene mit dem Auge Gottes ist durch die Wolken, die den trennenden Pfeiler übergreifen, auch auf die Nebenszene bezogen, zu der der Engel im roten Gewand gehört, der ein Schriftband hält: Nicolaus est nomen eius. Es ist die vereinfachte Darstellung des Gebets der Eheleute Epiphanius und Johanna um ein Kind, die im Programm so vorgesehen ist:
»In dem 2ten Zwerchfeld oder Kürchen Eingang. Entworffen von weitter solle werden die Stadt Patara in (Ci)licien. NB: Kan bey einen so anders distinquirten Haus /:ober deme ein Stern waß duncl schimert:/ gleich ober der Thür in einer Schildt angemerckht werden das Iahr der Gebur 280 Nicolai mit folgenden Zifren CCXXC. Dessen adeliche unfruchtbare, asiatisch gekleidete Eltern in einen Gemach, oder Cabinet ein Capellen gleich zu Gott umb einen Leibserben seufzend /:solle ober ihnen das Aug Gottes gemahlen werden:/ sehen einen Engl aus den Wolken kommen, so ihnen ein Sohn verheisset einen Zetl in beiden Händer haltend mit der Inschrift Nicolaus est nomen eius.«
TAUFWUNDER DES KINDES NIKOLAUS
Im Zentrum des Bildes steht ein Altar, auf dem das Kind Nikolaus in weißem, mit Goldborten besetzten Hemdchen als Täufling auf einem roten Kissen steht, Augen und Händchen zur himmlischen Glorie erhoben. Er ist von einer Sonnenkugel hinterfangen und goldene Strahlen gehen von ihm aus. Ein Priester kniet am Altar bei dem Kind, seitlich davon die Eltern. Assistenzfiguren verschiedenen Alters scharen sich um die Szene. Links ein großes Taufbecken, bei dem ein Alter, ein orientalisch gekleidetes Paar und ein Meßdiener stehen.
Programm: »Kan alda vorgestellet werden die Clerysei die H: Tauf vor nemend, doch alswan solche schon vorbey, und Nicolaus von Prieste oder Pfahrer nebst oder beym Taufstein mit weissen Chrisamheme (Taufhemd) angethan schon als stehend die Händlein als bittend zusame haltend die Äuglein gegen Himmel erhebend mit Glanz umbgeben vors pillte die Zeichen seiner künftigen Heiligkheit. Bey der H: Taufkürche diene der Priester schon mit weisser Stollen im Chorrock. Das Tauff böcken. Muschl. Eine mit Körzen, Chrisam etc. Fläschln /:dise doc leicht und artig anzubringen:/ NB: 1. Ab dess Nicolai so andechtige Stel lung verwundern sich die bey disen Tauff Act Gegenwärtige. In der Mitt solle gemahlen werden die Sonne, so ihre helle Strahln in alle Welt ver breittet «
Die Darstellung des stehenden Täuflings im Taufhemdchen entspricht der Vorgabe im Programm, ebenso die des Priesters in Chorrock und mit Stola und die Verwunderung der zahlreichen Anwesenden. Die vorgeschlagenen Taufgerätschaften sind »leicht und artig« angebracht, indem sie einem jungen Kleriker in die Hand gegeben sind. Ein Ministrant hält die Taufkerze.
War das Bildprogramm bis hierher mit Abstrichen realisierbar, so vereinfachte Heigl die weiteren Vorschläge:
»Auf der Epistlseithen ist vorzustellen der Erzbischof von Myra, welche prozessionsweis mit seiner Clerisei komen, Gott für die Ertheillung dise Kinds zu dancken, knieend, und gleichsam in einer Verzuckung zu mahlen, da einer von seinen Geistlichen die Inful, ein anderer das Pastoral haltet, diser Erzbischoff Oheim dess H: Nicolai das Gesicht hatte, wie ein Sonne an dem Firmament ausgangen die ganze Welt zu erleuchten NB. Wan es das Spatium leidet, ist zu entwerffen wie ein alter, in Einsied ler braunen Habit gottseliger Man, das himlische Paradiss /:kan etwaf von Gartten vorgestellt werden:/ offen stehen siehet, die Himelsstrasser mit Edlgestein versezet, oben einen kostbahren Thron, nach Auszeig eines Engls, für Nicolaus vorbereitet.«
Da das fortgeschrittene 18. Jh. vor offensichtlichen historischen Fehlern zurückschreckte, wurde der Erzbischof, der bei der Taufe nicht als anwesend überliefert war, nicht dargestellt. An den alten Mann im Einsiedlergewand könnte die Figur am linken Bildrand erinnern, »dem ein besonders schöner Enge erschienen sei, der habe ihn im Himmel herumgeführt und ihm einen herrlichen Thron in einem Saal eines Palastes gezeigt, der für Nikolaus, obwohl noch ein Kind, wegen seiner brennenden Liebe gegen Gott, vorgesehen war« (»Leben und Wunderwerck«, 1. Buch, S. 6f.). Auf den Thron wird im Kuppelscheitel von Fresko C angespielt.
Beatillo berichtet nur die – öfters dargestellte – Szene von Nikolaus im Bade: »Als man dieses Kind nach der Geburt wie gebräuchlich reinigte, hat es sich selbst auf seine Füßlein gestellt, und als hett es schon einige Erkantnus Gottes und Gott schuldiger Verehrung die Händlein, als wollte es betten, zusammengeschlagen und ein geraume Zeit die Auglein gegen dem Himmel erhebt, welches dann als ein Vorbedeutung sei-« ner künftigen Wunder großen Heiligkeit meniglich mit Verwunderung und Freud angefüllet« (»Leben und Wunderwerck«, 1. Buch, Kap. 1). Im Mühldorfer Programm wurde das Motiv des stehenden Kindes auf die Taufe übertragen.
Wie auf die Visionen des Erzbischofs und des Einsiedlers wurde auch auf eine weitere Szene verzichtet, die den jungen Nikolaus bei der Verachtung der weltlichen Güter und der Entscheidung für ein Büßerleben in der Einöde sowie erste Krankenheilungen zeigt:
»NB. 2. Nicolaus asiatisch als ein Jüngling gekleidet, trachtet nach einer Einöde. Kan ein Klostergebäu, und Kürchen auf einen Berg von ferne entworffen werden, anbey wie er die Weltgütter, als Gold:truchen mit Geschmuck etc. gleichsam mit Füssen tredtend dahin eille. Auf anderer Seithe könen die dem jungen Nicolao schon übliche Bußzeig als harine (härene) Kleidung, Geisl, Cilicium, vorgemahlen werden. – Welcher wie gesagt nach einen Kloster eillend mit aufgereckter Hand als das H: X. Zeichen (Kreuzzeichen) machend eine auf der Strassen ligende presthafte Weibspersohn gesund machet: so sich zum Aufstehen richtet mit weck geworfenen Krucken.«
Die vielfigurige Szene zeigt trotz mancher Überschneidungen eher isoliert agierende Figuren in vornehmen Posen. Die Farbgebung weist einen das Grau der Architekturen aufgreifenden Gesamtton auf, indem Blau, Rot und Gelb mit Grau changierend verwendet werden. Das für Heigl charakteristische Baum-Grün, das über der Mauer auftaucht, ist ebenfalls ins Gran abschattiert.
A1-2 EMBLEME In den gemalten Stuckkartuschen, die Fresko A flankieren, befinden sich Emblembilder - ohne Lemmata, wie das bei Heigl gelegentlich der Fall ist. Sie beziehen sich darauf, daß Nikolaus von Myra einerseits den Gläubigen Schutz gewährte, andererseits gegen die Feinde der Kirche unerbittlich war.
A1 SEGELSCHIFF IM STURM Im bewegten Meer ist ein Schiff in Seenot. Die Insassen strecken flehend die Hände aus. Am Himmel erscheint ein Stern. Auf Nikolaus wird hier durch den Stern angespielt. Es ist der Polarstern, der den Schiffern die richtige Richtung gibt und damit zu ihrer Rettung wird.
A1 AUFGEHENDE SONNE Über einer Landschaft geht die Sonne auf. Vor ihrem Licht fliehen Fledermäuse und anderes Nachtgetier. Dieses Getier ist in der Emblematik vorwiegend negativ besetzt. Die Geburt des Nikolaus wird hier mit dem Aufgehen der Sonne gleichgesetzt (s. Vision des Oheims in A). Wie diese das Nachtgetier verscheucht, wird Nikolaus die Mächte der Finsternis bekämpfen.
B SZENEN AUS DEM LEBEN DES HL. NIKOLAUS Das Kuppelrund füllt eine radial um den Kuppelmittelpunkt herumgeführte Bildanlage mit umlaufender terrestrischer Szenerie und verschiedenen Mansionen. Der Betrachterstandpunkt ist unter der westlichen Kuppelhälfte, so daß sich die Hauptansicht nach O erschließt. Auf sie ist die Glorie bezogen. Von rosigem Licht umgeben erscheint die Taube des Heiligen Geistes. Schräg darunter thront Gottvater auf Wolken, von Engeln umgeben, mit der Rechten, die das Zepter hält, auf die Weltkugel gelehnt. Unter der Geisttaube steht auf Wolken Christus, dem Engel und Putten das große Kreuz und das weit ausschwingende rote Gewand halten. Er weist auf einen goldenen, rot gepolsterten Thronsessel mit Baldachin und großer grüner Draperie, an dem sich Engel und Putten zu schaffen machen. Etwas tiefer rechts erscheint Maria mit einem kleiner Kreuz, das sie gleichsam nach unten reicht. Zwei fliegende Putten hinter ihr halten Lilie und Rosen. Noch tiefer, bereits an der Balustrade, die die irdische Szene nach oben abschließt, sind zwei Engel dargestellt, die das erzbischöfliche Pallium, Mitra und Pedum bringen. Im Programm, dem die Darstellung folgt, heißt es:
»In das Haubtfeld oder grosse runde mitere Kupel wäre anzubringen. 1. In der Höhe und Glori Gottvatter mit einen Scepter in der Hand auf die Weltkugel selbe leinend. Auf der Evangelii Seithen (N) Christus Jesu gegen Nicolaum sich herunter neigend mit einen von einen Engl gehalte nen Evangelii Buch, auf selbes Christus und auf einen lähren in der Glory stehend unter einen Baldachin goldenen Sessl deutend. Waß herunte gelassen die Mutter Gottes /:mit einer Kron auf dem Haubt, und andere Kleidung als im Chor:/ haltend und gleichsam Nicolao reichend, und anhängend ein kostbahres Pectoral oder Kreuz mit goldener Ketten, we neben ihr die Cherub: halten, erzbischöffliches Pallium, Inful, und Stab auch ein roth geschilderten Schlepp oder Talar. Diß oben eingetheilt.«
Der Thron, das Brustkreuz und die bischöflichen Würdezeichen kommen in der Vita des hl. Nikolaus verschiedentlich vor. Sie deuten auf das hohe Amt hin, das Christus für den hl. Nikolaus vorgesehen hatte, obwohl er lieber als Eremi gelebt hätte. Laut »Leben und Wunderwerck« (1. Buch Kap. 16) hatte Nikolaus in der Einöde zwei Offenbarungen, er werde Erzbischof von Myra werden. Im Schlaf wurde ihm ein majestätischer Altar und ein »köstlicher lährer Sessel« gezeigt. Das zweite Mal reichte Christus ihm ein »mit Edelgesteiner schimmerndes Evangeli-Buch und die seligste Jungfrau und Mutter Gottes warf ihm ein köstliches Gehäng und an di Schultern einen ertzbischöfflichen Mantel« um.
Rings um das Kuppelrund sind Szenen aus dem Leben des Hl. Nikolaus dargestellt. Es sind vier Szenen, zwei weniger, als der Programmentwerfer vorschlägt (Abfolge nach dem Programm). Auf die erste vorgeschlagene Szene, die Priester- und Abtsweihe des hl. Nikolaus, mit den Porträts des Mühldorfer Klerus, wurde verzichtet.:
»2: Herunten im Rundel auf Epistl Seithen oder mehrer gegen Mittag kan vorgestellet werden: Wie Nicolaus annoch in einen grauen Mönchs Habit /:doch alzeit mit Strahln umb das Haubt:/ ob dem Haubt Nicolai der H: Geist in Gestalt einer Taube, von etlichen derley Mönchen bekleidet, bey einer von Steinarth gemachten Kapellen, und kleinen Altar /:auf welchen Crucifix und Liechter:/ von seinen Oheim Bischoff zu Myra, deme seine Clerisey in Pontificalibus gekleidet beystehet die 4 erste Weichen empfanget, als Priester endlich und Abbt des Klosters Sion eingeweicht wird. Allda /:weill der Plaz gross:/ könen vorgestellet, doch auf eine neue Invention, und Arth deren Priesterschafften /:wo die Clerisey v Mildorf oder in Portrait:/ als H: Dechant, der einweichende Bischoff./ oder sonst andere könen angebracht werden mit denen darzue üblichen Nothwendigkheiten als Chorrock, Glöckl, Buch, Kerzen, Weichbrunkössl mit Wadl, all dis kan in ein und andern vertheilt werden. Leviten Röck, Stollen, Casl, oder Messgewand, Abbtenstab«.
Die nächste Szene, das Seewunder, findet sich am westlichen Kuppelrand.
SEEWUNDER (W-Seite)
Schiff in aufgewühltem Meer. Nikolaus, noch nicht im Bischofsrang, sondern in grauem Mönchshabit mit Tonsur, kauert schlafend an der Reling, den Kopf auf den Arm gelegt. Die Schiffsleute arbeiten in wilder Eile am Reffen des Segels, die Insassen strecken in Todesangst die Arme zum Himmel. Ein Engel befestigt am Mast eine weiße Fahne mit rotem Kreuz als dem Zeichen göttlichen Eingreifens.
Das Programm schildert die Szene folgendermaßen:
»Ruckwärths gegen Kürcheneingang Nicolaus auf einen (Schiff) mit Seeglen, und Mastbaum auf welchen ein Engl ein † aufstecket schlaffend unter tobende Wellen, und augenscheinlichen Schüfbruch, wo von dem Mastbaum ein anderer herabstürzet, etct da das Meer schaumet, die Schifleuth verzweyflen all von der Gefahr.«
Die Erklärung zu diesem ersten Schiffswunder findet sich in »Leben und Wunderwerck«, 1. Buch, Kap. 13: Nikolaus hatte vor, nach Jerusalem zu reisen. Er verbrachte die Schiffahrt im Gebet und in Unterweisung der Schiffer, legte sich schlafen und träumte vom Teufel, der das Schiff in große Bedrängnis
brachte. Als er erwachte, ermahnte er die Schiffsleute, Gott um Hilfe anzurufen, was sie nicht ernst nahmen. Bald darauf kam ein fürchterlicher Sturm auf, und die Mannschaft beschwor Nikolaus, Gott um Rettung zu bitten. Der Sturm legte sich, und man stellte fest, daß ein hölzernes Kreuz in der Höhe des Mastbaums verrückt worden war. Die Heilung des Matrosen, der sich beim Richten des Kreuzes zu Tode stürzte und von Nikolaus wieder zum Leben erweckt wurde, ist hier nicht dargestellt.
Das Programm fährt fort mit der Zerstörung der heidnischen Tempel.
ZERSTÖRUNG DER HEIDNISCHEN TEMPEL (SW-Seite)
Ein hohes, terrassenförmig gestuftes Felsmassiv, gegen das die Wellen schlagen und in dem ein Felsenkloster zu erkennen ist, beschließt die Szene im stürmischen Meer und leitet über zu einer freundlicheren Landschaft mit Bäumen und Büschen. Vor den Resten eines heidnischen Tempels steht die weißleuchtende Marmorstatue des Apoll auf einem Postament. Zwei halbnackte Männer versuchen die antike Statue zu
zerstören: der eine mit dem Vorschlaghammer, der zweite mit einem Seil, das er an dem Arm Apolls mit der Lyra befestigt hat. Nikolaus in Begleitung zweier Kleriker und eines schönen Jünglings nähert sich von links und gebietet der Statue mit dem Kreuzzeichen. Etwas weiter hinter einer Böschung erscheinen die Halbfiguren von staunenden Menschen in orientalischer Kleidung.
»An dem Ufer etwaß entfernet stürzet (Nikolaus) die Gözentempel dess Abgott Apollo, und der Göttin Dianae /:so könen in einen Wald vorgestellt werden:/, die bese Geister fahren aus, stürzen sich in den aufgesperten Höllenrachen. Nicolaus heilet vill Presthaffte mit erhobner Hand und Hl. Kreuzzeichen«.
Die Heilung der vielen Bresthaften ist entfallen, auch die Austreibung der bösen Geister, die in den Höllenrachen fahren. – Nach »Leben und Wunderwerck« (3. Buch, Kap. 2) sollten auf Befehl Kaiser Konstantins in allen Kirchen die falschen Götter weggeräumt werden. Nikolaus ging durch sein Bistum, riß die heidnischen Tempel nieder, »stürzte die Götzenbilder und richtete allein mehr durch die wundersame Kraft seines Gebets
als seine Bediente mit Handanlegung und ihrem Werkzeug«. Nach dem Sturz des Apollotempels in Patara kamen die Leute zu ihm und stellten die Fragen, die sie an Apollo gestellt hätten, an ihn. In den Tempeln nistende Geister kamen hervor und beschwerten sich, vertrieben worden zu sein.
Das nächste im Westen selten dargestellte Ereignis ist die Verteidigung der Lehre von der Dreifaltigkeit auf dem Konzil von Nicäa.
NIKOLAUS ÜBERWINDET ARIUS (N-Seite)
Die Szene gegenüber wird nach links abgeschlossen durch eine mächtige Pfeilerbasis, an der zwei römische Soldaten stehen. Nach rechts öffnet sich eine weite Halle, die dem Kuppelrund folgend konkav in die Tiefe geschwungen ist. An einem langen grüngedeckten Tisch sitzen viele Bischöfe. Links ist vor einer leuchtenden gelben Draperie der Thron des Kaisers Konstantin zu sehen. Konstantin ist durch Zepter, Hermelinkragen und Kaiserkrone ausgezeichnet. Ihm zu Seiten steht ein Kardinal. An den Stufen des Throns steht Bischof Nikolaus, einen
MÜHLDORF
Ziegelstein in Händen. Vor ihm, in heftiger Bewegung, ist der schwarz gekleidete Arius zu sehen, mit flatterndem Haar und verzerrtem Gesicht. Auf den Stufen verbrennt ein halbnackter Mann in einem Feuergefäß Schriften. Darüber schwebt blitzeschleudernd der Erzengel Michael mit dem Dreifaltigkeitssymbol auf dem Schild.
Programm: »In einen Saal auf der Mitternachtseithen sind viell Bischöff in ihren Kleidern sizend versamlet, Keyser Constantinus mit seinen Gefolg obenan sizend auf einen erhöchten Thron, doch St. Nicolaus fast neben ihm in einer Hand einen Zieglstein haltend, auf welchen /:zur Bestättigung der allerheiligiste Dreyfaltigkeit:/ so oben in Wolckhen mit disen Zeichen (Dreieck) anzudeuthen:/ Feur sprizet, Wasser fliesset, die Helffte dess rothen Steins sich in Erdenfarb verendert. Bestreitet den Erzketzer mit verzweifleten Gesicht sich einfindenden Arius, zu oder nit unweith dessen közerische Schrifften untereinander geworffen, bösen Feund in einen Topf Feur, und Schwerd, auf anderer Seithen ein Engel mit dem †Zeichen, und fligenden Fahnen, oder das † auf selben gemahlen.«
Die Reichssynode von Nicäa, die Kaiser Konstantin einberufen hatte, beschäftigte sich mit der Lehre von der Dreifaltigkeit. Nikolaus nahm einen Ziegelstein und sprach zu den versammelten heidnischen Weltweisen und Ketzern: »Sehet, das ist nur ein Ziegelstein, und dannoch ist er aus drey Dinger gemacht, aus Erden, aus Wasser und aus Feur. Nun erheb euren Verstand und glaubet, daß Gott, welcher in natürlicher Dingen aus dreyen Sachen eine gemacht, viel mehr hab machen können, daß sein Göttliches Wesen seye von drey Personen. Verlangt ihr diese drey Ding zu underscheiden zu sehen, aus welchem dieser Ziegelstein gemacht, sehet zu: Da hebte sich empor von dem Ziegelstein ein feuriger Dampf; etliche Wassertropffen fallen auf den Boden und in Händen des H. Bischoffs blib nichts als ein lautere Erden.« Auf der Versammlung war auch der Erzketzer Arius, dessen Lehre vor des »Göttlichen Worts Ungleichheit mit dem Vater« Entsetzer unter den Bischöfen verbreitete, Nikolaus aber mit gerechten Zorn erfüllte. Als er sah, daß Arius hartnäckig in seinem Irrtum verharrte, »versetzte er aus Eingebung des Heil. Geists ihm mit grosser Gewalt einen solchen Backenstreich, das Arius schier zu Boden fiel«. Obgleich die Lehre des Arius verworfen und Arius verbannt wurde, wurde es als schwere Straftat angesehen, daß Nikolaus in Gegenwart des Kaisers die Hand gegen einen andern erhoben hatte; die bischöflicher Insignien wie auch Pallium und Evangelienbuch wurden ihm abgenommen und Nikolaus ins Gefängnis gesteckt. Aber in der folgenden Nacht erschienen ihm Christus und die Seligste Jungfrau, machten ihn frei von seinen Banden und gaben ihm ein Evangelienbuch und den erzbischöflichen Mantel. Als Nikolaus am andern Morgen frei von Banden und mit den Insignien vorgefunden wurde, baten ihn die Bischöfe um Verzeihung und führten ihn aus dem Gefängnis (»Leben und Wunderwerck«, 3. Buch, Kap. 6).
NIKOLAUS ERHÄLT DIE BISCHOFSWÜRDE ZURÜCK (O-Seite) Vor das nach rechts auslaufende Rund der Vorszenerie setzt mit einer neuen Bildarchitektur die Szene in der Hauptansicht an. Dargestellt ist eine pilastergegliederte offene Halle, die von einer Balustrade gekrönt ist und recht einen säulengetragenen Flügel rechtwinklig nach vorne schickt. Wie in der Südansicht stellen auch hier bildparallel geführte Stufen die Handlungsbühne dar. Sie enden links in einem Sockel, an dem ein römischer Soldat sitzt und zur Szene des Konzils zurückblickt, ein ähnliches Motiv wie der Soldat der Vorszene. Die Halle bildet den Hintergrund für einen Thron, einen goldenen Sessel mit roten Polstern. Von der Balustrade ist eine Draperie in hellem Blau gespannt, vor der zuoberst eine goldene Wappenkartusche (leer) erscheint. Kaiser Konstantin tritt Nikolaus entgegen und bietet ihm den Thron an. Die Szene der ehrenvollen Begrüßung durch den Kaiser ist hier auf die Rückkehr des durch den Himmel selbst rehabilitierten Heiligen aus dem Gefängnis bezogen.
»5. Gegen Orient oder Hochaltar der gottselige Keyser Constantinus etwaß auf der Seithen ein Thron, von Hofleuthen bekleidet als aufstehend erbietet den Siz dem Bischoff Nicolao, einige aus seinen Hofstab erbietten Nicolao ein mit goldenen Buchstaben geschribenes Evangelii Buech mit Edlstein besezet. 2. ein kostbahres Rauchfaß, Schiffl, 3. zwey goldene Leichter. 4. Pontifical: köstlich gestückte Handschuech: Die Verehrunger können in einer offenen Küste, oder Korb mit außgebreiteten Teppich oder Tisch dargestellet werden.«
Nikolaus erscheint in dieser Szene in einfacher Chorkleidung, als einziges Würdezeichen hat er das Kreuz auf der Brust, das gleiche, das Maria oben im Himmel in Händen hat. Christus und Maria im Himmel sind durch Blick und Gesten auf die Nikolaus-Gestalt dieser Szene bezogen. Die Engel mit den bischöflichen Insignien sind eine weitere Affirmation der himmlischen Bestätigung der Bischofswürde. Weitere Zeicher der Rehabilitation sind das goldbestickte Evangelienbuch in Händen eines der Würdenträger und rechts ein Altar mit den kostbaren Geräten, darunter eine Monstranz, Kanne und Kännchen, schräg davor der Bischofstab.
Nach Buch 3, Kap. 7 von »Leben und Wunderwerck« wurde Nikolaus noch durch ein weiteres Wunder in seinem Amt wieder bestätigt. Zum Dank, daß er wieder aus dem Gefängnis befreit war, wollte Nikolaus am folgenden Tag Christus und Maria zu Ehren eine Messe lesen, jedoch aus Respekt gegen die Geistlichkeit, von der ihm die bischöflichen Gewänder abgenommen worden waren, diese nicht anlegen. Als er zum Altar ging, sahen die Umstehenden, wie die Mutter Gottes in einem hellen Glanz vom Himmel herabkam, begleitet von zwei Engeln, deren einer Nikolaus den erzbischöflichen Mantel anlegte, der andere ihm die Infula aufsetzte. Daraus erkannten sie, daß es Gottes Wille sei, daß Nikolaus »infüran ohne andere Ceremonien sich dieser Ziert gebrauchen sollte«.
Im Programm folgen nun ergänzende Szenen, die im Fresko nicht verwirklicht sind:
»NB. 2. Keyser Constantinus sizet, wie oben gemeldet in einen Saal wo die Sonnenstrahlen einfallen, die da sie dem Keyser molest waren Nicolaus seinen Mantel /:kan also ohne Theill deß Erzbischöflichen Mantls:/ Zum Zeichen eines Angedenckhens oder Mahler Funds:/ mit halben Mantl gemahlt werden, der andere Theil dem Fenster in der Lichte haltend die Sonnenstrahlen dem Keyser zu verhindern.
NB. Oben Nr. 5. das sich die bese Geister in die Hölle oder auch das Meer stürzen, seind in das Wasser schwimmend zu mahlen, so im weithen oder Perspectiv geschehen kan, ein an einen hangendes kayserliches Diploma oder Gnadenbrief mit der Auffschrifft. Senatui Myrensi Nicolaus. Ohnweit disen ein weiß ins rothe vermischte grosse Marmorsteinene Saulen eben ober dem Wasser schwimmend «
RETTUNG IN FEUERSNOT DURCH NIKOLAUS' BROT (NW-Seite) Bei Szene 5, d.h. zwischen Seewunder und Konzil von Nicäa, findet sich als letztes eine Feuersbrunst: Ein Gebäudekomplex am Ende einer römisch geprägten Stadtansicht mit Brücken, Turm und Rundbau – ähnlich der Engelsburg in Rom – steht nächtlich in Flammen, schwarze Rauchwolken steigen zum Himmel. Zwei Engel schweben über der Szene: der eine wirft zwei Kugeln (braun-weiß wie Kastanien) in die Flammen, der andere hält eine dritte auf einer goldenen Schale bereit.
Im Programmentwurf wird diese Szene als letzte für das Hauptfresko beschrieben:
MUHLDORF
»Ein Kürchen in Flammen stehend wird gerettet, würft von oben ein Eng. Nicolai Brodt in die Brunst, und stüzet auf einer Seithen gegen Nicolaum die Flamme«.
Mehrere Feuersbrünste, von denen Mühldorf heimgesucht wurde, die letzten 1640 und im Österreichischen Erbfolgekrieg 1742, legen eine solche Szene nahe. Eine Erklärung zu der Szene findet sich jedoch in den Quellen nicht.
In »Leben und Wunderwerck«, 1. Buch, Kap. 11, geht es um eine Versuchung des Teufels, der, nachdem Nikolaus ihn sofort erkannt hat, vom Koch des Klosters Besitz ergreift. Nikolaus befreit den Koch von dem Teufel, der in Gestalt eines Wirbelwinds die Stadt Myra in Flammen setzt. Aber Nikolaus hemmt durch das Kreuzzeichen den Brand.
Im 3. Buch, Kap. 3, versucht der Teufel wieder, den Dom von Myra in Flammen zu setzen, wird aber auch hier von Nikolaus überlistet.
C TOD UND GRABWUNDER DES HEILIGEN NIKOLAUS Das querformatige Fresko vor dem Chorbogen entspricht in Form und Stellung zum Hauptfresko dem
Bildfeld A. Auch hier sind in einem Raum, einem gewaltigen Kirchen-Innenraum, zwei zeitlich aufeinanderfolgende Szenen dargestellt, wobei die eine der andern formal untergeordnet ist. Stufen über die ganze Breite des Bildfeldes führen in den Schauplatz ein, in einen weiten Tempelraum mit Pfeilern, wo die räumliche Trennung der beiden Szenen wie in A nur durch einen Pfeiler angedeutet, nicht aber durchgeführt ist.
NIKOLAUS VON MYRA EMPFÄNGT DIE STERBESAKRAMENTE Nur wenig aus der Bildmitte verschoben ist die Hauptszene, das Sterbelager des Bischofs Nikolaus von Myra. In halb sitzender Stellung ist er auf einem Ruhebett mit barock geschwungenem Aufbau dargestellt. Über dem greisen Haupt schwebt ein Nimbus. Er trägt den Rauchmantel und hält in der Hand das kleine Kreuz, das Maria ihm in Fresko I präsentierte. Gestützt von einem Kleriker, der die Patene unter den Mund des Heiligen hält, empfängt er die Hostie, die ihn ein hoher Geistlicher reicht, angetan mit dem Rauchmantel, den ein Diakon hält. Es folgen drei Kleriker mit geschorenen Köpfen, die Inful, Pedum und Buch halten und psalmodieren (Der stehende unter ihnen schaut auffällig auf den Betrachter; vielleicht sind ihm die Züge Dekan Wolfgang Summerers gegeben worden). Hinter der Rückwand des Bettes stehen zwei Ministranten mit Sterbekerzen.
An der rechten Bildseite ist ein Altar mit dem Kruzifixus. Auf der Mensa steht das Gefäß für das Öl zur Letzten Ölung. Auf den Altarstufen kniet ein Ministrant mit Buch und Glöckchen, er wendet sich zur Sterbeszene.
Über dem Sterbelager dringt eine Engelsgruppe auf Wolken, umgeben von bauschigen Schleiern, in den Raum ein. Sie halten einen Korb und eine Girlande aus weißen, roten und gelben Rosen. Der vorderste Engel blickt zum Sterbenden hin und weist auf das Buch, das ein anderer Engel präsentiert mit der goldenen Inschrift In te Domine speravi / Psalm 30.
Die Szene folgt dem schriftlichen Entwurf
»In dem ersten Zwerchfeld gegen dem Chor. Nicolaus mit himlischem Glanz umbgeben auf einem von Holz zusam gemachten Sterblager, wo eine wollene Decke abhanget. Er auf selber halb liget, oder sizet mit bischöflichen Kleidern ohne Inful angethan empfanget das Hochwürdige Gutt von einen Bischoff, da anzuzeigen ein Altarlein, Crucifix, Leichter, Altardiener mit der Schellen, auf einen Tischl die heilige Oel Kapsln. NB. in der Glory oben schweben die H: Engl als singend, deren einer ein Buch offen mit den Worten Psalm: 30 In te Domine speravi. Ein anderer waß näher gegen dem sterbenden H: Nicolaus – aus dessen Mund als gegen des Engels Buch die Wort In manus tuas commendo.«
In »Leben und Wunderwerck«, 4. Buch, Kap. 8 wird »Nicolai seliges End« geschildert, wie er chorweise mit den Engeln den 30. Psalm psallierte: Nach einem letzten Besuch seines Bistums wollte Nikolaus ins Kloster Sion zurück. Er fühlte sich krank und »legt sich in sein enges hartes und nideres Bettlein, ... liesse sich mit den hl. Sakramenten versehen, bate Gott, er woll ihm durch seine heilige Engel in seinem Todkampff beystehen. Da seynd albald in Ansehung aller gegenwärtigen vil himmlische Geister in seiner Cell gesehen worden, welche da auf des hl. Bischoffs Seel verwarteten, sie in die himmlische Glori zu
ühren. Umb des sterbenden Bett stunden drey aus seinen allerliebsten Freunden und Mitbrüderen, Arteria, Hermes und Nicolaus, alle drey Priester, und zwar der lester ein Erzdiakonus. Diese psallirten unaufhörlich, underdessen welches man auch merckte, daß es von den heiligen Engeln geschahe. Da hat sich Nicolaus erhebt, das Creutz-Zeichen gemacht und die Engel gebetten, so wollten Chor-weis mit ihm psalliren. Darauf wartete er mit großer Demuth und mit Zähren übergossen bis der Englische Chor den dreißigsten Psalmen anstimmete So fiengen dann die himmlische Musicanten an: In Te Domine speravi: non confundor in eternum: Nicolaus sprach der andern Versickel, und also forth, bis ihn die Ordnung getroffen, daß er sprach: In manus tuas Domine commendo spiritun meum in welchen Worten er sein seligen Geist aufgeben «
GRABWUNDER DES HEILIGEN NIKOLAUS Die linke Szene ist, über mehrere Stufen erhöht, räumlich so gut wie nicht von der rechten getrennt, doch ist sie in ein anderes weicheres und goldeneres Licht getaucht und erscheint deshalb visionär. Der Sarkophag steht auf Stufen. Er ist nicht geschlossen, der steinerne Deckel liegt noch auf den Stufen. Über dem Sarkophag ist der Heilige aufgebahrt, das strahlen-
umgebene Haupt auf ein Kissen gebettet, in voller bischöflicher Kleidung mit Mitra und dem Bischofstab. Der Deckel des Sarkophags trägt die goldene Inschrift Omnibus / Omnia / Factus. Rings um den Leichnam sickert über den Rand des Sarkophags eine Flüssigkeit, beim Haupt eine gelbliche, bei den Füßen eine klare: Öl und Wasser, die von einem Kleriker mit einer Muschel aufgefangen werden. Über dem Leichnam ein Engel, der einen Palmzweig in Händen hält. Um diesen ist ein Schriftband gewunden Justus ut / Palma.
Von hinten drängt sich eine Schar Kleriker heran, geführt von einem Bischof, der ein Fläschchen mit einer Flüssigkeit aus den Händen eines alten, bärtigen Geistlichen neben ihm entgegennimmt. Von den Klerikern trägt einer das Pedum, ein zweiter eine Kerze.
Programm: »NB. Unten oder auf der Seithen ist in einen kostbahr marmorsteinernen Sarg in volkhommener bischöflicher Kleidern mit Chorrock, oder Alm (Alben), Tunicell, Bischoffs Stab, Inful, Pectorall, Handt schuch mit Glory ob dem Haubt der entblichene H: Leichnam zu mahlen. Beym Haubt flüsset aus dem Sarg ein Öell. Bey denen Füsser Wasser, wohin Clerisey, und Weltliche kniend zu stellen, so selbes auffas sen in verschiedene Gläser, und Geschirr. Neben dem Sarg etwas in Lifter ein Cherub: oder Engl auf dem zum Sarg gewidmet, doch noch abgewez ten Stein oder Deckl sizend haltet ein fein grienendes Pallm: Zweig /:so Nicolaus mit sich aus H: Land gebracht:/ um welches ein gewundene Zetl bey der Hand des Engls mit der Inschrift Justus ut Palma. Neber dem Sarg stehen Bischöff, ein anderer Engl in Lüfften auf dem Haubt tra gend die 3fach päbstliche Kron (ein kühner ikonographischer Gedanke mit dem dreifachen Kreuzstab in der Hand ein Buch auf welchen (steht Nicolaus firma Ecclesiae columna.«
»Die drei Freunde legten ihm bischöfliche Kleidung an und legten ihn in einen Sarg aus köstlichem Marmor, in welchen der heilig Leichnam von Philippo Bischof von Jeliton u.a. Bischöfe gelegt worden. Sie legten zu ihm in die Sarch jenen Palmzweig, den er aus dem heiligen Land mit sich gebracht, welcher allzeit gegrünet und neue Blätter herfürgebracht, mehr als 700 Jahr lang. So hat auch dieser hl. Leib alsbald einen himmlischen Geruch angefangen von sich zu geben« (»Leben und Wunderwerck« 5. Buch, Kap. 1).
Weitgehend genau folgte Heigl den Vorgaben, doch sind es Details, an denen sich der geübte Freskant und Kompositeur zeigt. Er ordnet nicht parallel, sondern er schafft Spannung durch Über- und Unterordnung, wie z.B. bei den Requisiter für die Letzte Ölung, die der Entwerfer nur aufzählt, wo Heigl aber aus dem »Altärl« einen großen Altar macht, vom Kruzifix überragt, auf dem die heiligen Gefäße stehen. Auf den Engel der die Tiara tragen sollte und in der Hand den Papststab, verzichtet Heigl. Ein Engel als Allegorie der Ecclesia war nicht üblich, er konnte in dieser Form nur einem heiligen Papst oder Ecclesia selbst zugeordnet werden (s. Fresko D)
»So es das Spatium leidet könen angebracht werden verschidene gehailte Presthafte, gedämpfte Feuersbrunsten, vermehrtes Brodt, Öel, Wein. zum Leben erweckte Alte, Junge, Große, Kleine. NB. in der Kleidung nit unsere teu(t)sche, sondern mehr asiatische; NB. nit zu vergessen eine Danck: Saul von Marmor auf dessen Spüze ein N. eingehauen. An dessen Basi(s) oder Fueß die Inschrift omnibus omnia factus.«
Die Worte »Omnibus omnia factus«, im Programm für die Inschrift an der Pyramide vorgeschlagen, bringt Heigl quasi als Grabinschrift auf der Sarkophagplatte und vermeidet damit die Gedenksäule mit dem N auf der Spitze. Wie es auch sicher dem Bild nicht schadet, daß er die zum Leben Erweckten und die gedämpften Feuersbrünste nicht darstellte.
D ST. NIKOLAUS ALS FÜRBITTER Große, vielfigurige Himmelsszenerie über einem ebenso bevölkerten irdischen Schauplatz. Zuoberst in Wolken breiten Engel und Putten eine gelbe Baldachindraperie aus. Darunter schreiten von hellem Himmelslicht Christus und Maria, Seite an Seite, sich mit den Händen berührend. Christus trägt ein rotes Gewand, das ein Engel hält, und weist auf eine goldene Krone, die ein Engel vorweist. Andere Engel halten das Kreuz und einen Palmzweig. Maria, um das Haupt einen Sternenkranz, hält das Lilienzepter in der Hand, sie trägt ein weißes Kleid, einen blauen, goldgesäumten Mantel und ein rotes Unterkleid.
Auf einer Wolke von Engeln und Putten nach oben getragen kniet vor ihnen der hl. Nikolaus in bischöflicher Kleidung. Ein Putto hält den erzbischöflichen Stab, ein zweiter trägt fliegend auf einem Kissen die Mitra und das Pallium.
Diesen Vorschriften folgte Heigl im großen und ganzen, doch malte er die Monstranz mit dem Allerheiligsten nicht (es ist mit Christus identisch), weil sonst Christus in der Glorie zweimal aufgetreten wäre - ein Denkfehler des entwerfender Geistlichen, für einen geübten Freskanten nicht vorstellbar. Auch bei Palmzweig und Krone war es Heigl offenbar unbehaglich, er malte sie zwar, ordnete sie aber nicht Nikolaus zu (bei dem sie nach der ikonographischen Tradition auch nicht angebracht sind), sondern Christus bzw. Maria.
Die irdische Zone folgt rechts und links dem Bildrand, rechts in Form von aufragenden Bäumen, links als felsige Erhebung, auf der der Rundtempel der Ecclesia steht. Ecclesia thront auf Wolken, den linken Arm mit einem kleinen Kreuz auf den Tempel gelehnt. Sie trägt die päpstliche Tiara und einen goldenen Rauchmantel. Vor ihr der Anker, hinter ihr hält ein Putto den dreifachen Papststab. Im Hintergrund der irdischen Szenerie sieht man hochgehende Wellen, und darin ein Segelschiff mit vielen Insassen.
»5. Wan es das Spatium leidet, kan auf der Seithe die Römisch: Christkatholische Kirche neben dem sonst gewönlichen Vatican-Templ mit einem Kreuz in der Hand, ein Engl den Anker haltend, die Schlüßl Petri ein anderer yber den Arm henckend auf einen Felsen stehend gemahlen werden, und unmaßgeblich ein Schüff von weitten auf vielle verschieden Standtspersohnen Nicolao zueillend.
6. Haubtsächlich aber solle Nicolaus so gestellet werden, als ob er bitte für die ihn Anflehende, und auf das zu entwerffende Salzburgische Erzbischöfliche Wappen, neben welchen ein Edlknab, oder in rohmischen Kleid /:assistens H: Graff in Mildorf stehend. nit ferne darvon das Mil-
dorffische Stadtwappen, darneben ein Engl oder Genius auf einer goldenen Tatze ville in piramidalische Art gehauffte Herzen haltend mit der Auffschrift auf dem Randt Sub tuum praesidium.«
Nikolaus in den Wolken zeigt den vom Programm geforderten nach unten gerichteten Fürbittgestus mit ausgebreiteten offenen Händen, der mit dem Blick nach oben die Fürbitte anschaulich macht. Die Stadt Mühldorf, für die er bittet, ist durch zwei allegorische Figuren dargestellt. Ein Edelknabe hält das Wappen des Landesherrn, des Fürstbischofs von Salzburg, von Mitra, Pedum und Schwert gekrönt. Fast in der Form eines Allianzwappens ist diesem das Mühldorfer Stadtwappen beigesellt. Der Genius, in römischer Kleidung – Harnisch, Mantel und Helm – lehnt an einem grauen Erdball, auf dem durch Lichteinfall eine Ansicht von Mühldorf (in Grisaille) sichtbar gemacht ist. Mit den Armen umfaßt er eine goldene Muschelschale mit den brennenden Herzen der Mühldorfer Bürger, die er dem Schutz des Patrons anheimstellt. Soweit folgt das Fresko dem Entwurf. Der Pfleger von Mühldorf, Graf Überacker, ist nicht dargestellt.
Zutat Heigls sind die Darstellungen der Vier Erdteile. Sie fügen sich ohne Schwierigkeiten in das ikonographische Konzept, indem Nikolaus nun nicht mehr nur als Fürbitter für Mühldorf, sondern als Patron in umfassenderem Sinn und verehrt von der ganzen Welt erscheint. Außerdem hat Heigl die Erdteile oft und gut gemalt, seitdem er sie von seinem Lehrer Zimmermann in Andechs (Kreuzkapelle) übernommen und in seinem Frühwerk, der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Bad Aibling 1758 kopiert hat. Längst hatte er für sie eigene Darstellungsformen gefunden. In Mühldorf wird Europa durch die Darstellung der Ecclesia, den Rundtempel wie durch die Wappen und den Genius verkörpert. Asia, begleitet von zwei Männern im Turban, ist als Heimat des hl. Nikolaus in besonderer Weise hervorgehoben: Es ist eine junge Frau in Turban, weißem Gewand und blauem Mantel, die mit gesenktem Haupt in der Mitte der irdischen Szene kniet, ihr goldenes Zepter gesenkt, bei sich ein rotes Kissen mit Kaiserkrone (sie erinnert an das byzantinische Reich) und zweites Zepter. Am rechten Bildrand knien die beiden Vertreter Americas mit Federkrone, Pfeilen und spärlichem Gewand, dahinter die perlengeschmückten schwarzen Gestalten Africas mit Turbanen und wallenden Gewändern. Von einem Räucheraltar steigt Rauch auf und veranschaulicht ihre Devotion.
Das bevölkerte Schiff in den Wogen des Hintergrunds, von Entwerfer des Programms gefordert, aber nicht mit Standes personen ausgezeichnet, ist Sinnbild der Kirche in den Gefähr dungen der Welt, in denen sie die Fürbitte des hl. Nikolau anruft.
StAM, LRA 51802: Restaurierung 1908.
Pfarrarchiv St. Nikolaus in Mühldorf, A 3/1: »Unvorgreifliche Gedanken« A 3/3.
Pfarrarchiv St. Nikolaus in Mühldorf, Kirchenrechnungen 1771/72.
Stadtarchiv Mühldorf, Stadtkammerrechnungen 1774 BLfD, Akt Mühldorf, Stadtpfarrkirche St. Nikolaus
Mayer-Westermayer Bd 2, S. 135-45.
KDB I, OB (3), S. 2185–96. D 11371.
Backmund, Norbert, Die Kollegiat- und Kanonissenstifte in Bayern, Windberg 1973, S. 79 f.
Krausen, Edgar, Verschollene Fresken von Martin Heigel im Mühldorfer Bezirk, in: Das Mühlrad 14, 1971/72, S. 4–10. Hartig, Michael, Mühldorf am Inn. St. Nikolaus und Nebenkirchen (KKF Nr. 547), München und Zürich 11955, 21975. Lechner, Gregor Martin, Fresken der Mühldorfer Stadtpfarrkirche St. Nikolaus aus drei Stilepochen, in: Das Mühlrad 17, 1975, S. 23–36, bes. S. 23–26.
Spagl, Hans Rudolf, Betrachtungen zu den Heigel'scher Deckenfresken der St.-Nikolaus-Kirche in Mühldorf, in: Das Mühlrad 17, 1975, S. 5-22.
Kreilinger, Kilian, Der bayerische Rokokobaumeister Franz Alois Mayr (= Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst 9), München 1976, S. 85.
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Kupferschmied, Thomas Johannes, Der Freskant J. Martin Heigl. Arbeiten für Zimmermann und selbständige Werke (= Schriften aus dem Institut für Kunstgeschichte der Universität München Bd 41), München 1989, S. 90-104 (S. 148-160 Facsimile der »Unvorgreiflichen Gedanken«).
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Kupferschmied, Thomas Johannes, Barockes Mühldorf, in: Mühldorf, Stadt am Inn, Mühldorf 1995, S. 235-38.
A. B./C.B./J. T.