Ludwigsburg, Jagdschloss Favorite

Seeger, Ulrike:Ludwigsburg, Jagdschloss Favorite, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2021, URL: www.deckenmalerei.eu/99820450-ca75-11e9-8c61-337f8ac1dbc1

Inventarnummer: cbdd10035

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Nachdem das einstige Jagdschloss Ludwigsburg zur Residenz ausgebaut wurde, entstand als Ersatz in Sichtweite Schloss Favorite. Luca Antonio Colombas Deckengemälde der Erstausstattung von 1718 thematisieren mit Kephalos und Prokris sowie Meleager und Atalante die Jagd und die Liebe.

Schloss Favorite

Geschichte und Lage

Schloss Favorite wurde in den Jahren 1716–18 im ehemaligen Fasanengarten nördlich des Ludwigsburger Schlosses auf einer Anhöhe errichtet. Es lag in der Verlängerung der Mittelachse, so dass es dem Terrassengarten im Norden als Point de vue und dem Alten Corps de Logis als bauliches Pendant diente. Auftraggeber war Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg, der seit 1718 das einstige Jagdschloss Ludwigsburg zur Residenz ausbauen ließ. Das zwar in Sichtweite, durch den Geländeeinschnitt des Tälesbach räumlich vom Hauptschloss jedoch deutlich getrennte Schloss Favorite galt deshalb als Rückzugsort, der die ständige Vergrößerung des Hauptschlosses kompensieren sollte.[1]

Bau-, Ausstattungs- und Funktionsgeschichte

Schon im September 1715 erhielt der Architekt Donato Giuseppe Frisoni den Auftrag, den Bauplatz abzustecken.[2] In den Jahren 1716–17 wurde der Rohbau erstellt, an dem seit April 1717 der Bauunternehmer Paolo Retti mitwirkte. 1718 wurde die Innendekoration verdingt und ausgeführt.[3] 1723–24 wurden Nachbesserungen im Inneren vorgenommen, wozu insbesondere der Plafond des sechsten Zimmers gehörte,[4] der aus unbekannten Gründen 1718 ausgelassen wurde. 1729 sollte das Schlafkabinett des Herzogs verbesserte Fenster erhalten.[5] Aus dieser bislang unbeachteten Anweisung ist zu schließen, dass der Herzog in Schloss Favorite durchaus gelegentlich übernachtete. Außerdem veranlasste er damals eine Renovierung des Äußeren. 1732 wurde Schloss Favorite für den Aufenthalt der Herzogin hergerichtet, mit der sich der Herzog kurz zuvor versöhnt hatte.[6]

1799–1801 wurde Schloss Favorite unter Herzog Friedrich von Württemberg (seit 1803 Kurfürst, seit 1806 König) durch Nikolaus Friedrich von Thouret klassizistisch umgestaltet.[7] Erhalten aus der Erbauungszeit haben sich die Plafonds in den drei Zimmern der Westseite sowie die Wandstuckaturen Riccardo Rettis im dortigen südwestlichen Eckzimmer.

Architekten, Künstler und Handwerker

Schloss Favorite stellt zusammen mit der gleichfalls 1715 geplanten und 1716 begonnenen monumentalen dreiapsidialen Schlosskirche das erste große Werk des Architekten Donato Giuseppe Frisoni für Herzog Eberhard Ludwig dar. Die innere Ausgestaltung oblag dem von Frisoni zusammengestellten Künstlerteam, das sich aus einigen schon länger am Hof weilenden oberitalienischen, zuvor in Prag tätigen Künstlern und aus einigen neu hinzugekommenen Familienmitgliedern zusammensetzte. Der schon seit 1711 in Ludwigsburg tätige Maler Luca Antonio Colomba schuf 1718 das Deckengemälde des großen Saals und weitere Gemälde in fünf Zimmern. Frisonis Neffe Riccardo Retti, der bis 1716 in Ludwigsburg als Geselle geführt wurde, leistete die umfangreichen Stuckdekorationen. Die Skulpturen im Saal waren Werke von Frisonis im Sommer 1715 berufenem Schwager Diego Francesco Carlone. Der Stuckmarmor stammte von dem ebenfalls im Sommer 1715 nach Ludwigsburg gekommenen Marmorierer Giacomo Antonio Corbellini.

Der 1724 mit einem weiteren Deckengemälde in einem der Zimmer betraute Livio Retti wird in den Ludwigsburger Bauakten schon seit November 1715 erwähnt. Zum Zug in der Favorite kam er jedoch erst nachdem Colomba sich 1724 anschickte, den Hof zu verlassen. Schon 1723 bemalte er im Saal Füllungen an den Türen und Fenstern, also wohl die Laibungen.[8] 1731 als die Spiegel des Saals einer anderen Verwendung zugeführt wurden, ersetzte er diese durch Wandbilder von Pfauen und Goldfasanen.[9]

Baubeschreibung

Schloss Favorite folgt dem Bautyp des aufgesockelten Lusthauses, dessen mittlere Achsen an allen vier Seiten (9 x 5 Achsen) rechteckig eingezogen sind, sodass vier quadratische Eckpavillons von jeweils 2 x 2 Achsen stehen bleiben. Die eingezogenen Achsen bilden ein- beziehungsweise fünfachsige Altane, von denen nur der der Eingangsseite von einer großen symmetrisch verdoppelten Freitreppe von außen erschlossen wird. Zwischen den Treppenarmen liegt der Eingang ins Sockelgeschoss, der von vier figürlichen Hermenpfeilern als Personifikationen der vier Elemente flankiert wird. Der Altan der Rückseite ruht auf rundbogigen Arkaden.

Inmitten der vier nur zweigeschossigen quadratischen Eckpavillons erhebt sich über drei Geschosse der zentrale Baukörper. Er nimmt im Inneren den großen Saal samt Wendeltreppe und drei Kabinette auf und wird in allen vier Ecken von laternenartigen Aufbauten bekrönt. Die Aufbauten auf dem ansonsten flachen Dach sind durch Balustraden miteinander verbunden, sodass sie ein nach vier Seiten offenes Aussichts-Belvedere bilden. Durch die in unterschiedlicher Höhe abgestuften Baukörper entsteht eine in einzigartiger Weise bewegte Silhouette.

Frisoni öffnete den Bau mittels Fenstertüren im gesamten Piano nobile auf die umgebende Natur. Die Gliederung beschränkte er auf den zentralen Baukörper mit einer Ädikula über dem rundbogigen Eingang und giebelförmigen Verdachungen über den seitlichen Rechteckfenstern. Auf dem geschweiften Rundgiebel der ins dritte Geschoss hineinreichenden Ädikula lagern als Werke des Bildhauers Carlo Ferretti die Jagdgöttin Diana mit ihrem Geliebten Adonis.[10] Sie verkörpern die Bestimmung des Gebäudes als Jagdschloss und intimer Rückzugsort. Die heutige Farbigkeit geht auf den Bericht des Reisenden Gottfried von Rotenstein zurück, der das Schloss bei seinem Besuch 1785 beschrieb als „roth angestrichen mit gelben Säulen und hat vier Thürmchen mit rothen Kuppeln“.[11]

Schrift- und Bildquellen

Zur Errichtung von Schloss Favorite haben sich umfangreich Bauakten im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (HStAS) unter den Signaturen A 248 Bü 2251 und A 248 Bü 2253 erhalten. Die innere Ausgestaltung des Saals geht aus einer detailliert ausgearbeiteten, kolorierten Federzeichnung Frisonis (49,5 x 64,5 cm) hervor, die sich aufgrund der Legende und einer Erwähnung der Zeichnung in den Akten auf spätestens März 1718 lässt.[12] Das zukünftige Deckengemälde ist dort noch nicht zu sehen, sondern lediglich als „sofitta dipinta a fresco“ in der Legende vermerkt. Auch fehlen die in der Ausführung verbürgten Balkone der Musiker über den Türen.

Forschungsstand

Die Quellen zur Errichtung von Schloss Favorite referierte erstmals Werner Fleischhauer.[13] Klaus Merten befasste sich 1982[7] zusätzlich mit der klassizistischen Umgestaltung unter Thouret und konnte für den barocken Bau erstmals die 1975 publizierte Entwurfszeichnung Frisonis für den Saal einbeziehen.[14] Weber-Stephan ging 1990[15] vor allem dem Bautyp der Favorite nach, den sie von der Wiener Lusthausarchitektur Johann Bernhard Fischers von Erlach herleitete.

Erschließungsraumfolge

 

Die der Eingangsseite vorgelegte, symmetrisch zweiläufige Freitreppe führt auf den Altan, von dem aus der Besucher direkt den großen Saal betritt. Der Saal nimmt mit 5 x 3 Achsen die gesamte Tiefe des zentralen Baukörpers ein.

Saal

Zum 1799–1801 durch Nikolaus Friedrich von Thouret klassizistisch umgestalteten Saal liegt eine detaillierte Entwurfszeichnung Donato Giuseppe Frisonis vom März 1718 vor, die den Bauakten zufolge in dieser Art zur Ausführung gelangte.[16] Die Längswände wurden durch drei Türen und zwei Kamine gegliedert. Dazwischen trugen laut Rotenstein blau und rot marmorierte ionische Pilaster mit goldenen Kapitellen und verzierten Schäften das verkröpfte Gebälk. In der Achse der Türen öffneten sich über dem Gebälk Balkone für die Musiker. Sie sind auf Frisonis Zeichnung noch nicht angelegt, durch die Beschreibung Rotensteins von 1785 jedoch belegt. Auf den Kaminen saßen jeweils zwei große Stuckfiguren, von denen Frisoni auf seiner Zeichnung die Schönen Künste mit Musik, Malerei, Skulptur und Architektur überlieferte.[16] Auf der gegenüberliegenden Seite saßen vermutlich die Personifikationen Wissenschaften, da Rotenstein 1785 zusätzlich die Geometrie erwähnt.[17]

Das Thema der Jagd, das am Außenbau mit den Figuren von Diana und Adonis schon anklang, wurde in Colombas Saalfresko und in den Deckengemälden der Zimmer weitergeführt. Insofern überrascht im Kontext der Jagd und des intimen Rückzugs die dezidierte Zurschaustellung der Künste und Wissenschaften.

Einstiges Deckengemälde - Dianas Aufbruch zur Jagd
 
Ludwigsburg, Schloss Favorite

Das einstige Deckengemälde, das Luca Antonio Colomba den Quellen zufolge als Fresko ausführte, ist durch seine Spezifikation vom 14. Mai 1718[18] als Thema bekannt. Colombas Auftrag lautete, „Erstlich in dem Saal, die große deckhen, völlig durchaus mit 2 oder dreyerley hindertruckhende [als Repoussoir dienende?] architecturen al fresco zu fournieren, mit figuren in Lebensgröße, zerschiedene bassen reliewe, zu accordirung deß mittleren felds welches bestehen würd in der Rüstung der Diana zur Jagd, die Architectur geziret, mit Kindel und blumen, auch thei [= drei] Sorthen mit gold geplücket, in der länge 41 und breite 31 schueh, wie in dem Riss zu ersehen.“.[19] Colombas Arbeit wurde mit 1800 Gulden honoriert, wobei zu bedenken ist, dass er für die Pigmente und die offenbar umfangreiche Vergoldung aufzukommen hatte. Für die in Öl auf Leinwand gemalten Deckengemälde der Zimmer erhielt er jeweils 200 Gulden.[19]

Die einstige Deckendekoration mit Malerei, Reliefs und teilweiser Vergoldung darf man sich in ihrer Wirkung ähnlich vorstellen wie die der erhaltenen Decke der Marmorsaletta im Ordenspavillon des Ludwigsburger Schlosses. Sie wurde nur zwei Jahre zuvor von demselben Künstlerteam geschaffen. Der Saal von Schloss Favorite wurde 1799 von Nikolaus Friedrich von Thouret neu ausgestaltet und dabei mit einer flachen, weiß stuckierten Decke versehen.[20]

Westliches Appartement

Das westliche Appartement besteht aus den beiden quadratischen Eckräumen in den Eckpavillons, einem leicht längsrechteckigen mittleren Raum, der sich auf den seitlichen Altan öffnet, und aus einem kleinen quadratischen Kabinett. Der mittlere Raum und das Kabinett sind vom Saal aus zugänglich, während die beiden Eckzimmer etwas abgeschieden liegen. Es handelt sich in Schloss Favorite nicht um ein linear oder auch nur kompakt angelegtes Appartement, sondern eher um eine Raumgruppe wie man sie seit der Renaissance in Lusthäusern zunächst Italiens, danach auch nördlich der Alpen findet.

Südwestlicher Raum

Als einziges Zimmer der Favorite hat sich im südwestlichen Eckraum die bauzeitliche Wandgestaltung von Riccardo Retti erhalten. Sie weist die Favorite als Nebenschloss für den temporären Aufenthalt im Sommer aus, da keine Wandbespannungen, sondern stuckierte Bandelwerkdekorationen die Wände zierten. Mit den je zwei nach Süden und nach Westen gerichteten Fenstertüren zeichnet sich der Raum durch große Lichtfülle aus.

Die Bemalung der Türflügel
 
Ludwigsburg, Schloss Favorite, Tür

Erhalten hat sich aus der Bauzeit auch die Bemalung der inneren Türflügel. Sie zeigen in Grisaillemalerei Musterköpfe aus dem Repertoire von Luca Antonio Colomba. Im oberen Register sind ein Jäger und eine im Profil gegebene Nymphe zu sehen, in den quadratischen Feldern der Mitte zwei Mädchenköpfe, davon einer im verlorenen Profil. Im unteren Register findet sich eine Art Diana und ein kraftvoller Engel mit schrägem Brustband. Die Köpfe eint ihre Verwendbarkeit im Zusammenhang mit Jagd und Diana.

Kephalos und Prokris
 

Entstehungsgeschichte

Gemäß der Spezifikation vom 14. Mai 1718 hatte Colomba in der Favorite außer dem Deckenfresko des Saals die Deckengemälde für „5 Zimmer worinnen ein großes feld mit historien, zu aludirung der Jägerei“ in guter Ölfarbe zu malen. Der Lohn wurde mit 200 Gulden pro Zimmer festgesetzt. [18] Erhalten haben sich von diesem Auftrag zwei Deckengemälde mit jagdaffinen Szenen aus den Metamorphosen des Ovid. Ob sich das Gemälde von Kephalos und Prokris von Anfang an im südwestlichen Zimmer befand, ist nicht sicher, da Merten mutmaßte, das Gemälde könnte sich nicht in seinem ursprünglichen Rahmen befinden.[21]

Beschreibung und Ikonographie

Vor einem grauen Himmel sitzen Kephalos und Prokris einander zugewandt auf Wolkenbänken. Geschickt platzierte Colomba Prokris in rotem Gewand mit entblößter Brust etwa in der Mitte und wies sie dadurch als Hauptfigur aus. Sie übergibt ihrem Gemahl den unfehlbaren Jagdspeer und den unsterblichen Hund Lailaps, dem kein Wild entging. Es waren Geschenke Dianas, die Prokris zum Trost erhalten hatte, nachdem ihr Mann Kephalos sie in ovidischer Verwandlung zu Unrecht auf die Probe gestellt hatte. Dargestellt ist also eine Vergebungsgeschichte, die großzügigerweise von Prokris ausging. Kephalos ist als Jüngling mit federgeschmücktem Hut und langem blonden Haar geschildert. Über dem Paar, das von Putten mit Jagdutensilien und einen reich gefüllten Blumenkorb begleitet wird, lagert in den Wolken Diana als Zuschauerin der von ihr initiierten Geschichte.

Einen moralischen Tiefgang erreichte Colomba dadurch, dass er den Schatten des Speers auf Prokris Augen fallen ließ. Damit deutete den tragischen Ausgang der Geschichte an, bei dem Kephalos seine Gemahlin mit dem Speer versehentlich tötete.

Komposition und Ansichtigkeit

Das Deckengemälde ist auf einen Betrachterstandpunkt mit dem Rücken zur Westflanke des Schlosses ausgerichtet.

Vorlagen und Vergleiche

Für die in den Metamorphosen des Ovid geschilderte Szene kommt als Vorlage der erzählerischen Auffassung am ehesten das entsprechende Blatt der Ovidillustration von Antonio Tempesta in Frage. Zwar ist Kephalos dort in Rüstung, Prokris mit Turban dargestellt, doch ist das vertrauliche Gegenüber der beiden Protagonisten vergleichbar ebenso wie der Umstand, dass Prokris Kephalos zuerst den Speer, dann den Hund übergibt, wobei der Hund ruhig abwartet. Bei Baur/Küsel ist die Übergabe mehrfach dramatisiert, indem sie auf einer Bergkuppe stattfindet, Kephalos Prokris den Speer zu entreißen scheint und der Hund wild bellend herumfährt.

Nordwestlicher Raum

Der Raum erhält von vier Fenstertüren an zwei nebeneinanderliegenden Wänden viel Licht. Er könnte zeitweise als Schlafzimmer gedient haben, da er an der vom Hauptschloss abgewandten Nordseite liegt. Die bauzeitliche Wandgestaltung hat sich nicht erhalten, doch schreibt Merten, dass sich in der Westhälfte der Favorite unter den wiederhergestellten klassizistischen Papiertapeten noch Reste der einstigen Stuckdekoration befunden hätten.[22]

Meleager und Atalante
 

Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Gemäß der Spezifikation vom 14. Mai 1718 hatte Colomba in der Favorite außer dem Deckenfresko des Saals die Deckengemälde für „5 Zimmer worinnen ein großes feld mit historien, zu aludirung der Jägerei“ in guter Ölfarbe zu malen. Der Lohn wurde mit 200 Gulden pro Zimmer festgesetzt. [18] Erhalten haben sich von diesem Auftrag zwei Deckengemälde mit jagdaffinen Szenen aus den Metamorphosen des Ovid, von denen sich die Szene mit Meleager und Atalante im nordwestlichen Zimmer befindet.

Beschreibung und Ikonographie

Colomba siedelte das Geschehen, das sich den Metamorphosen des Ovid zufolge im Wald abspielen sollte, vor blauem Himmel auf einer Wolkenbank an. Die jungfräuliche Jägerin Atalante, die ihre Schnelligkeit und Geschicklichkeit ihrer Erziehung in der Obhut der Jagdgöttin Diana verdankte, sitzt aufrecht mit entblößter Brust und wehendem roten Mantel in der linken Bildhälfte. Meleager, der sich, obwohl verheiratet, in die Jungfrau verliebt hat, nähert sich ihr unterwürfig von rechts. Er ist in einem erklärenden Redegestus begriffen, während drei Putten mit vereinten Kräften den schweren Kopf des gemeinsam erlegten Kalydonischen Ebers Atalanta zueignen. Atalanta öffnet den rechten Arm in einem empfangenden Gestus und greift sich mit der Linken ans Herz, woraus zu schließen ist, dass sie das Geschenk gerne entgegennimmt. In unverhohlener Erotik zielt die große Wildschweinschnauze mit aufgebogenen Hauern auf Atalantes Schoß.

Hinter Meleager malte Colomba einen Putto mit Waldhorn und Köcher. Da Atalanta den zum Köcher gehörenden Bogen am anderen Ende der Szenerie selbst in Händen hält, könnte dies darauf hinweisen, dass der Kalydonische Eber gemeinschaftlich erlegt wurde. Köcher und Bogen würden die Szenerie dann formal und inhaltlich zusammenschließen. Am unteren Bildrand, wo es sich angeboten hätte, Hinweise auf die vorausgegangene Jagd oder den Leib des Ebers zu platzieren, malte Colomba versatzstückhaft die von einem Putto mit brennender Fackel in die Tiefe gestoßenen Laster.

Komposition und Ansichtigkeit

Der Betrachterstandpunkt des Gemäldes liegt mit dem Rücken zur Westflanke des Schlosses.

Gestalterische Mittel

Typisch für Colomba sind das leuchtende Rot zur Hervorhebung der Hauptfigur, die dramatische Verschattung der Gesichter und der knubbelige Kontur, der sich beispielsweise an der Haartracht zeigt. Auch die bevorzugte Wiedergabe männlicher Figuren als im Profil sitzend und die lineare Gegenüberstellung der Figuren auf einer Wolkenbank finden sich bei Colomba öfters.

Mittlerer Raum

Der Raum verfügt über lediglich eine Fenstertür, von der aus man auf den seitlichen Altan gelangt. Die gegenüberliegende Tür führt in den Saal, die beiden seitlichen in den nordwestlichen beziehungsweise in den südwestlichen Eckraum. Die bauzeitliche Wandgestaltung hat sich nicht erhalten, doch schreibt Merten, dass sich in der Westhälfte von Schloss Favorite unter den wiederhergestellten klassizistischen Papiertapeten noch Reste der einstigen Stuckdekoration befunden hätten.[22]

Juno mit Gefolge
 

Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Gemäß der Spezifikation vom 14. Mai 1718 wurde Colomba mit „5 Zimmer worinnen ein großes feld mit historien, zu aludirung der Jägerei“ beauftragt, für die er jeweils 200 Gulden erhielt.[18] Warum 1718 zunächst nur fünf der sechs Zimmer mit Deckengemälden versehen wurden, ist nicht bekannt. Die gleichzeitig mit Riccardo Retti vereinbarten Stuckateursarbeiten betrafen alle sechs Räume und die drei Kabinette.[23] 1724 wurde Livio Retti für ein Deckengemälde in der Favorite mit ebenfalls 200 Gulden bezahlt,[24] sodass es sich bei diesem um das noch fehlende sechste Gemälde gehandelt haben dürfte. Livio Rettis Gemälde mit Juno im Kreis ihrer Gefährtinnen hat sich im mittleren Raum der Westseite erhalten.

Beschreibung und Ikonographie

Juno sitzt mit grauem Gewand, blauem Mantel und rotem Schultertuch züchtig bekleidet auf einer Wolke. Sechs sie umgebende Gefährtinnen reichen ihr nach und nach ihre Attribute, die sie als Himmelskönigin auszeichnen. Ihr gegenüber kommt von links ebenfalls in grauem Gewand mit rotem Mantel eine Figur, die in weit ausgreifender Gestik ihrer Herrin den Pfau und das Zepter herbeibringt. Der Pfau, nach dem Juno ihren rechten Arm ausstreckt, kommt exakt in der Mitte des Gemäldes zu stehen, doch wendet er sich merkwürdigerweise nicht seiner zukünftigen Herrin zu, sondern scheint bei der Geberin bleiben zu wollen. Flankiert wird Juno auf der einen Seite von einer Gefährtin mit Perlenschnur im Haar, die ihre Krone bereithält und um deren Schultern sie ihren Arm legt. Auf der anderen Seite sitzt eine grün gewandete Figur, die ein rotes, kissenartig geblähtes Segel in die Luft hält. Vermutlich soll dieses Segel, von dem helles Licht und feine Strahlen ausgehen, das Element der Luft symbolisieren, das Juno personifizierte.

Eine angeschnittene Figur rechts unten reicht Juno den Granatapfel, der in der Geschichte des Parisurteils eine wichtige Rolle spielte und ebenfalls zum Attribut der Juno wurde. Eine weitere angeschnittene Figur bringt einen Kuckuck dar, der an seinem quergestreiften Brustgefieder zu erkennen ist. Zwar sind der Kopf und der viel zu lange Hals nicht gut getroffen, doch sieht der Vogel insgesamt einem Rebhuhn ähnlich, was der Wirklichkeit zumindest teilweise entspricht. Junos Bruder und Gemahl Jupiter hatte sich einst in einen durchnässten Kuckuck verwandelt, der bei ihr Schutz suchte und sie dabei schwängerte. Die sechste Figur im Hintergrund scheint aus kompositorischen Gründen eingefügt worden zu sein, da sie kein Attribut bereithält.

Gestalterische Mittel

Das in seiner Ikonographie bislang ungedeutete Gemälde wurde von Klaus Merten Livio Retti zugeschrieben,[21] wobei schon Werner Fleischhauer auf das 1724 nachträglich von Livio Retti für Schloss Favorite gemalte Deckengemälde hingewiesen hatte.[25] Für Livio sprechen das helle Inkarnat der Juno, die oftmals großen Augen und die geraden Konturen der Nasen- und Augenbrauenlinien. Das Gemälde verbindet die der Himmelskönigin gebührenden Feierlichkeit und Ruhe mit einer kreisförmigen dynamischen, erzählerisch motivierten Figurenanordnung. Der Betrachterstandpunkt ist mit dem Rücken zum seitlichen Altan.

Vorlagen

Rettis Deckengemälde fußte auf einer Erfindung von Jacopo Tintoretto für die Decke der Sala delle Quattro Porte im Palazzo Ducale in Venedig. Sie stammte bereits aus den Jahren 1587–81, wurde dann jedoch um 1720 in ein Stichwerk aufgenommen, das die berühmtesten Gemälde Venedigs versammelte. Verlegt wurde das am Ende 62 Tafeln umfassende Werk „Il gran teatro delle più celebri pitture di Venezia“ bei Domenico Lovisa in Venedig, als Stecher signierte zumeist Andrea Zucchi. Der von Retti ausgewählte Stich zeigte Juno, wie sie der Personifikation Venedigs ihren Pfau und Jupiters Blitze überreichte.[26] Das von Retti zu einem schlecht erkennbaren Windkissen mutierte Attribut der Figur links oben, stellte bei Tintoretto und Zucchi gut erkennbar das Blitzbündel Jupiters dar. Der Pfau wendet sich in Ludwigsburg von Juno ab, da er auf der Vorlage von dieser nicht empfangen, sondern übergeben wird.

Programm und Synthese

Das Programm der erhaltenen Plafonds lässt vermuten, dass es sich bei der zeremoniell weniger wertvollen Seite zur Linken des Saals – der westlichen Raumgruppe – um ein weiblich konnotiertes Appartement gehandelt hat. In beiden von Colomba gemalten Szenen aus den Metamorphosen des Ovid, Meleager und Atalante sowie Kephalos und Prokris, wird die weibliche Hauptfigur als besonders mutig, tugendhaft und großzügig dargestellt. Zu einem solchen weiblichen Programm würde die Darstellung der Juno in Livio Rettis 1724 hinzugekommenem Gemälde passen. Die Vermutung von Klaus Merten, das Gemälde mit Juno sei erst für die Herzogin 1731 hinzu gekommen,[21] ist hinfällig, da Livios Abrechnung 1724 in den Protokollen der Baudeputation genannt ist. Auf der Gegenseite im Osten hätte sich dann das männlich konnotierte Appartement befunden, das im Klassizismus einer tiefgreifenden, die Decken miteinbeziehenden Modernisierung unterzogen wurde.

Bibliographie

  • Werner Fleischhauer, Barock im Herzogtum Württemberg, Stuttgart 1958.
  • Kat. Ausst. Architectural and Ornamental Drawings: Juvarra, Vanvitelli, the Bibiena Family and other italian draughtsmen, Mary L. Myers, Metropolitan Museum New York 1975, Kat.-Nr. 30.
  • Klaus Merten, Schloß Favorite in Ludwigsburg, in: Ludwigsburger Geschichtsblätter 34 (1982), S. 7–19.
  • Klaus Merten, Schloß Favorite, München 1989.
  • Regina Weber-Stephan, Neue Forschungen zu Schloß Favorite in Ludwigsburg, in: Jahrbuch der staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg, 27 (1990), S. 72–90.
  • Regina Stephan, Schloß Favorite in Ludwigsburg, hg. Oberfinanzdirektion Stuttgart, Ulm 1997.

Einzelnachweise

  1. Merten, Favorite, 1982, S. 8.
  2. Weber-Stephan, Favorite, 1990, S. 73.
  3. Die Bauakten zur Errichtung von Schloss Favorite liegen in HStAS A 248 Bü 2251 und HStAS A 248 Bü 2253. Aus ihnen schöpfen Fleischhauer, Barock, 1958, S. 188–189, 207–208, Merten, Favorite, 1982 und (mit einigen Ungenauigkeiten) Weber-Stephan, Favorite, 1990.
  4. HStAS A 248 Bü 2224 (Protokoll Baudeputation vom 12. Juni 1724).
  5. HStAS A 248 Bü 2251 (Dekret Herzog Eberhard Ludwigs vom 7. April 1729).
  6. HStAA A 248 Bü 2253 (Dekret Herzog Eberhard Ludwigs vom 5. Februar 1732).
  7. 7,0 7,1 Merten, Favorite, 1982.
  8. HStAS A 248 Bü 2223 (Protokolle der Baudeputation vom 8. April und 16. Juni 1723.
  9. Die Quelle zu Livios Tätigkeit bei Fleischhauer, Barock, 1958, S. 220–221. Das Thema geht einer von Merten, Favorite, 1982, S. 12 zitierten Beschreibung von 1785 hervor.
  10. Spezifikation des Bildhauers Ferretti vom 4. Mai 1718 (HStA A 248 Bü 2253).
  11. Zitiert nach Merten Favorite, 1982, S. 7.
  12. AK Architectural and Ornamental Drawings, New York 1975, Kat.-Nr. 30. Eberhard Ludwig bezog sich darauf in einem Dekret vom 28. März 1718 (HStA A 248 Bü 2251).
  13. Fleischhauer, Barock, 1958, S. S. 188–189 und S. 207–208.
  14. Donato Giuseppe Frisoni | Design for the Salon of the Pleasure Pavilion, Favorita, at Ludwigsburg, 1718 | The Metropolitan Museum of Art
  15. Weber-Stephan, Favorite, 1990.
  16. 16,0 16,1 AK Architectural and Ornamental Drawings, New York 1975, Kat.-Nr. 30. Donato Giuseppe Frisoni | Design for the Salon of the Pleasure Pavilion, Favorita, at Ludwigsburg, 1718 | The Metropolitan Museum of Art
  17. Zitiert nach Merten, Favorite, 1982, S. 12.
  18. 18,0 18,1 18,2 18,3 HStAS A 248 Bü 2253.
  19. 19,0 19,1 Ebd.
  20. Merten, Favorite, 1982, S. 16.
  21. 21,0 21,1 21,2 Merten, Favorite, 1982, S. 13.
  22. 22,0 22,1 Merten, Favorite, 1982, S. 17.
  23. HStAS A 2248 Bü 2253 (Spezifikation über die Arbeiten von Riccardo Retti vom 4. Mai 1718). Vgl. auch die Abrechnung mit Riccardo Retti ebd. vom 24. Juli 1719.
  24. HStAS A 248 Bü 2224 (Protokoll Baudeputation 12. Juni 1724). Auf diesen Eintrag bezieht sich Fleischhauer, Barock, 1958, S. 208, Anm. 8.
  25. Fleischhauer, Barock, 1958, S. 208.
  26. http://kk.haum-bs.de/?id=zucchi-a-ab2-0031