Hertzig, Stefan:Leipzig, Alte Börse, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2023, URL: www.deckenmalerei.eu/1e8bf064-0f60-48e7-8d61-46511e1c30a4

Inventarnummer: cbdd20099

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Die Alte Börse wurde 1678 begonnen und war das erste Barockgebäude der Stadt Leipzig. Im Obergeschoss befand sich der Börsensaal, welcher durch eine Stuckdecke mit Gemälden von Johann Heinrich am Ende, geschmückt wurde. Diese wurden im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zerstört.

Alte Börse

Das kleine, sehr prächtige Gebäude am Naschmarkt stellt den ältesten Versammlungsbau der Leipziger Kaufmannschaft und zugleich den ersten Barockbau der Stadt dar. Nach Kritik durch italienische und flandrische Kaufleute über die unhaltbaren Zustände in der Stadt, war im Jahre 1678 durch 30 Leipziger Großkaufleute ein Antrag zur Errichtung eines repräsentativen Versammlungshauses beim Stadtrat eingebracht worden. Den Entwurf zu dem Gebäude war sehr wahrscheinlich von dem Dresdner Oberlandbaumeister Johann Georg Starcke eingereicht worden, während die Ausführung durch den Maurermeister Christian Richter besorgt wurde. Eine Nutzung des Gebäudes erfolgte bereits seit 1679, wohingegen sich die Vollendung des reich geschmückten Saales noch längere Zeit hinzog. Nach etlichen Veränderungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde die Alte Börse im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zerstört, wobei die gesamte Innenausstattung verloren ging. Der Wiederaufbau erfolgte in den Jahren 1955–62, weitere Restaurierungen im Jahre 1978 und bis 1997.

Über einem rustizierten Erdgeschoss, welches Handelsgewölbe enthält und an der Nordseite mit Laubengängen ausgestattet ist, erhebt sich das freistehende, zweigeschossige Gebäude mit fünf zu sieben Achsen. Eine doppelläufige, zweifach abgewinkelte Freitreppe mit kugelgeschmückten Steinbalusteraden führt zum Obergeschoss hoch. Diese war, ebenso wie die gleichartige Einfassung in den 1820er Jahren, abgebrochen und später rekonstruiert worden. Im ersten Stock sind die Fassaden von Rechteckfenstern und niedrigen Mezzaninfenstern gegliedert, welche sämtliche mit geohrten und profilierten Gewänden ausgestattet sind. Neben rustizierten ionischen Eckpilastern stehen die Fenster im Wechsel mit flachen Pilastern derselben Ordnung. Diese sind an ihren Schäften mit aufgemalten Marmorierungen sowie mit gelb gehaltenen Gebinden aus Eichenlaub reich geschmückt. Ähnliche Blatt- und Fruchtfestons sitzen auch ober- und unterhalb der Fenster. Die zum Nachmarkt hin gelegene Hauptfassade wird in der Mitte von dem verkröpften und mit ionischen Pilastern geschmückten Rundbogenportal dominiert. Putten, die das Leipziger Stadtwappen tragen, befinden sich im Feld des unteren, gesprengten Segmentbogengiebels. Ein zweiter, kleinerer und mit drei Ziervasen versehener befindet sich noch einmal darüber. Eine Dockenbalustrade mit Zierkugeln und vier freistehenden Plastiken von Apoll, Merkur, Venus und Athene (von Johann Caspar Sandmann) an den Ecken bilden, vor dem flachen Dach, den Abschluss des Gebäudes.[1]

Der Börsensaal

Das gesamte Obergeschoss der Alten Börse nimmt der in seiner Gesamtheit erst 1687 fertiggestellte, leicht längsrechteckige Börsensaal ein. Über dem schmalen Kranzgesims des Raumes erstreckte sich eine prachtvolle Stuckdecke, welche der anhaltische Baumeister und (seit 1683) brandenburgische Hofmaurermeister Giovanni Simonetti (1652–1716) schuf. In die recht flach gehaltene Deckenvoute schmiegte sich reichster, dicht an dicht sowie stark plastisch wiedergegebener Stuckdekor in Form von Akanthusblattranken, Voluten, Palmwedeln und immer wieder dazwischen gesetzter Putten.

Die Deckengemälde des Börsensaals

Das den Börsensaal schmückende Deckengemälde von Johann Heinrich am Ende (1645–95) bestand aus mehreren Teilen, die in stark profilierten Stuckrahmen zwischen dem freien Blattdekor des Stucks angeordnet waren. Cornelius Gurlitt zufolge waren die Gemälde vor ihrer Zerstörung stark nachgedunkelt, wodurch sie sich auf die Gesamtwirkung des Raumes nachhalteilig auswirkten.[1]

[1]Gurlitt, Leipzig, 1896, S. 376. Gurlitts Angaben der Maße der Gemälde – das Mittelbild 40 x 22,5 m, sowie die sechs seitlichen Medaillons 20 x 10 m – können so nicht der Wahrheit entsprechen und müssten korrigiert werden.

Beschreibung

Das so gut wie nicht dokumentierte zentrale mittlere Gemälde zeigte in einem oben und unten halbrund einschwingenden Rahmen die von Merkur einberufene Versammlung der Olympischen Götter. In dichten Wolken angeordnet und nach oben zum Bildzentrum emporblickend sind am unteren Ende Chronos und Poseidon erkennbar.

Oben und unten schloss sich an die halbrunden Einschwünge des Mittelbilds jeweils ein Ovalgemälde an: Im hinteren war es die Niederlage der sieben Laster. Neid, Betrüglichkeit, Schlafsucht, Schwelgerei, Übermut, Geiz und Wut waren als nackte und halbnackte Gestalten in den unteren Rand des Ovals gefügt. Hoch über ihnen triumphierte der mit Keule und Löwenfell auf einer Wolke sitzende Halbgott Herkules.

Im vorderen Ovalbild befand sich hingegen die Darstellung des Sieges der Tugend: Am unteren Bildrand nach links lagerte diese als jugendliche und nur mit wenigen Stoffbahnen spärlich gekleidete Frau. Umgeben von Putten mit Vasen und Kränzen, vor und hinter sich verschiedene musizierende Gestalten, wie etwa auch den Gott Pan, hebt sie ihre Linke empor. Sie begrüßt die von rechts oben aus der Luft zu ihr herannahende Göttin Minerva mit verschiedenen weiteren begleitenden Gestalten.

An den beiden Längsseiten schlossen sich ferner jeweils zwei lose hinzugesetzte Ovalgemälde an, welche die vier Erdteile zeigten: Auf der linken Seite befanden sich Europa und Afrika: Europa war mit dunklem Gewand und kostbarer Krone auf einem Pferd sitzend dargestellt. Rechts davon war als muskulöser männlicher Rückenakt sowie mit verschiedenen Begleitern ein Flussgott zu sehen. Auf der rechten Seite des Mittelbildes waren in den seitlichen Ovalen Asien und Amerika angeordnet: Umrahmt von begleitenden Putten thronte die Asia, halb barbusig auf einem Kamel. Bekleidet mit einem prachtvollen Gewand mit Kette und Ohrringen, hielt sie eine Schlange und ein Räuchergefäß in den Händen. Vor ihr lagerte ein Flussgott – wahrscheinlich der Euphrat – als alter, muskulöser Mann mit einer Tonamphore, aus der Wasser floss. Die Darstellung der Amerika schließlich war aufgrund starker Beschädigungen und Nachdunklungen nur schlecht erkennbar: Oberhalb einer halbnackten, kauernden männlichen Gestalt mit Amphore – sehr wahrscheinlich der Flussgott Amazonas – saß die Amerika gemeinsam mit zwei begleitenden Figuren fast gänzlich barbusig, mit einer Federkrone auf dem Haupt und einem Pfeil in ihrer Rechten.

Bibliographie

  • Bechter Barbara/Fastenrath Vinattieri, Wiebke: Regierungsbezirke Leipzig und Chemnitz, in: Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen II. Regierungsbezirke Leipzig und Chemnitz, München/Berlin 1998.
  • Gurlitt, Cornelius: Stadt Leipzig, in: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen 18, Dresden 1896.
  • Hentschel, Walter: Die Alte Börse in Leipzig und ihr Architekt, in: Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse (hrsg.): Abhandlungen der Säschsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse 57, Ausgabe 4, Berlin 1964.

Einzelnachweise

  1. Gurlitt, Leipzig, 1896, S. 372–377; Hentschel, Alte Börse, 1964; Dehio, Sachen II, S. 511.