Kleinhöhenkirchen, Marienwallfahrt Mariä Heimsuchung
Marienwallfahrt, Gemeinde Weyarn, Pfarrei Unterdaching, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Feldkirchen, die vom Augustinerchorherrenstift Weyarn pastoriert wurde, Grafschaft Valley
Patrozinium: Mariä Heimsuchung
Zum Bauwerk: Das Weihedatum vom 24. 8. 1723 (Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 671) gibt den Terminus ante quem für den anspruchslosen barocken Kirchenbau. Erst 1773 erfolgte die Ausmalung und Ausstattung; hierauf weisen die drei Chronogramme in der Gewölbezone der Kirche: Inschriftenband oberhalb des Hochaltares, östlich vom AR-Fresko B VIsItatIo VIrgInIs Dat LoCo PatroCInIVM; am Chorbogen eine von zwei Engeln gehaltene Inschriftenkartusche VVVnDerbahres GnaDen BILD / hIer zV HeChenkIrChen und oberhalb der Doppelempore westlich vom LHs-Fresko A in einer Rocaillekartusche ALso Ist Das HeChenkIrChen Von Den/GVthattern gezIert WorDen.
Saalbau zu drei Achsen mit Pilastergliederung, geringfügig eingezogener AR mit dreiseitigem Schluß; im W doppelgeschossige Empore.
Auftraggeber: Propst Rupert Sigl von Weyarn (1765–1803). Unter den im dritten Chronogramm angegebenen »Gutthattern«, welche Ausmalung und Ausstattung der Kirche finanzierten, sind wohl die Mitglieder der 1751 in Kleinhöhenkirchen von Chorherr Raymundus Promberger, Koooperator in Unterdarching und Wallfahrtsseelsorger in Kleinhöhenkirchen, errichteten Bruderschaft zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis mit dem Titularfest an Maria Heimsuchung zu verstehen.
Autor und Entstehungszeit: Fresko A ist am östlichen Rand signiert und datiert Jos: Antonj Höttinger. / in Rosenhaimb. 1773. Der Rosenheimer Maler Joseph Anton Höttinger (* um 1722 Schwaz † 28. 9. 1788 Rosenheim) gehört zu der aus Schwaz in Tirol stammenden verzweigten Malerfamilie Höttinger. Er wurde 1747 Bürger in Rosenheim und 1772 Mitglied des äußeren Rates. Er war in den Jahren 1746–88 vor allem im Gerichtsbezirk Rosenheim tätig und schuf Altarbilder sowie einige Deckenfresken (frdl. Mitt. Peter von Bomhard †; Erzbischöfliches Ordinariatsarchiv, vgl. auch P. v. Bomhard, Die Kunstdenkmäler der Stadt und des Landkreises Rosenheim, Bd 2/1, Rosenheim 1954, S 34)
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, 1–6) und AR (B, a-d) leicht abgeflachte Tonne mit Stichkappen Rahmen: A und B Stuckprofil, vergoldet und mit Akanthusfries ornamentiert; 1–6 und a-d vergoldeter Stuckreifen von gemalten Rocaillen umgeben Technik: Fresko; polychrom Maße: A Höhe 8,30 m; 6,80 × 4,40 B Höhe 7,30 m; 4,00 × 3,30 Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1947–49 erfolgte eine Restaurierung durch Toni Roth, Unterdarching. Einheitlicher Zustand aller Fresken, restaurative Ergänzungen sind nur an wenigen Stellen zu erkennen, z. B. in der südöstlichen Bildpartie oder in der linken Bildhälfte von B (Engelsgewand). In A Scheitelriß, leichte Feuchtigkeitsschäden, deutlich zu erkennen am nordöstlichen Bildrand und beim Goldmuster der blauen Baldachindraperie; in B Haarriß im Scheitel, gekitteter Querriß, Gewand des schildtragenden Engels und die Vegetationspartie daneben sind ausgebessert.
Beschreibung und Ikonographie
Die goldornamentierten, aus paßförmig gekurvten Profilstücken zusammengesetzten Rahmen heben die großformatigen Bildfelder A und B entschieden von der Tonnenwölbung in LHs und Chor ab. Die Stichkappenprofile treffen hart auf die Bilderrahmen auf, es gibt kein vermittelndes
Ornament. Gemalte Rocaillen mit Blütenranken und Schriftbändern um die Bildkartuschen 1-6 und a-d füllen die Stichkappenfelder bis zum Rand. Auch hier fällt strenge Trennung von Ornament und Rahmung auf. Die Rahmenprofile bilden das Dekorationsgerüst. Gemalte oder stukkierte Ornamentmotive stehen in stumpfen Graumischtönen bzw. fahlen Buntwerten auf dem hell rötlich gehaltenen Grund. Die Bildfelder haben eine zurückhaltend helle Farbigkeit ohne Lichteffekte. In Fresko A sind im wesentlichen mattes Gelb, Ocker und Braunrot im Kontrast zu Blau und Grauweiß verwendet. Die fleckenartig-kleinteilige Malweise bewirkt dabei einen eher ornamentalen Zusammenhang, als daß sie der Gegenstandsklärung diente. In Fresko B erscheinen die gleichen Farbwerte – um Grün vermehrt – in großzügigerer Malweise.
A DAS GNADENBILD VON KLEINHÖHENKIRCHEN Der Aufnahmestandpunkt der dreiansichtiger Darstellung ist zentral. Die perspektivische Anlage des Bildes ist uneinheitlich. Die figurenreiche Himmelsszenerie füllt als breiter Streifen Bildmitte und westliches Kompartiment, sie ist den drei isoliert dargestellten irdischen Schauplätzen vorgeblendet. Das Gnadenbild in der Bildmitte ist als Gegenstand sui generis in Aufsichtsperspektive gegeben, während der bekrönende drapierte Baldachin mit seinen Engelsfiguren, unverhältnismäßig groß gebildet, in Untersicht gezeigt ist. Das Gnadenbild ist in allen Einzelheiten - Brokatmuster und Spitzen der Gewänder, Perükken und Geschmeide Mariens und des Jesusknabens - sorgfältig nach dem plastischen Altarbild der Kirche gekennzeichnet. Gottvater und die Hl.-Geist-Taube, Engel mit preisenden Inschriften und zwei fürbittende Heilige, St. Wolfgang und St. Leonhard, umgeben das in den Himmel erhobene Gnadenbild. In die segmentförmig abgetrennten Abschnitte an den Bildrändern sind drei irdische
Schauplätze eingesetzt. In der Hauptblickachse gegen O ist eine Wiesen- und Ackerlandschaft mit dem Wallfahrtskirchlein von Kleinhöhenkirchen zu sehen; im N und S entsprechen sich je eine Kirchenempore, die von stark untersichtig gegebenen Säulen und Arkaden überwölbt werden. In der Gesamtansicht des Bildes wirken die Senkrechten der Gebälke stürzend. Auf den seitlichen Emporen ist die Gemeinde zum Rosenkranzgebet versammelt, während im östlichen Bildvordergrund zwei Reihen Bittflehender, Kranker und Bresthafter dargestellt sind. Zwei Tragbetten dazwischen leiten den Blick vom untersten Bildrand in die in Vogelperspektive gegebene Landschaft hinein.
B HEIMSUCHUNG MARIENS (Lc 1, 39–56) Der Aufnahmestandort der einansichtigen Szene liegt unterhalb des westlichen Bildrandes. Auf einer schmalen terrestrischen Rampe ist die Begrüßung der beiden heiligen Frauen dargestellt. Hinter Elisabeth steht Zacharias, den Blick zum Himmel erhoben. Ein Engel folgt Maria mit dem Schild, der Mariens Namen MARIA (ligiert) trägt, die Lilie in seiner Hand bezeichnet die Reinheit Mariens und weist den Engel als Gabriel der Verkündigung aus. Das ungeborene Kind ist durch das IHS im Strahlenkranz vor dem Leib Mariens bezeichnet. Eine aus Postamenten, Säulen und Architraven gebildete Hallen-Architektur an der linken Bildseite bildet eine seitliche Kulisse der Heimsuchungsszene; sie ist in extremer Untersicht, zur Tiefe des Bildes hin stürzend, wiedergegeben. In die Tiefe erstreckt sich eine bergige Landschaft, deren Fluchtpunkt unter dem westlichen Bildrand liegt. Über der Begegnung der heiligen Frauen hält ein Engel in Wolken ein Spruchband mit der Inschrift »BENEDICTA TU IN MULIERIBUS« (nach Lc 1, 42), die Hl.-Geist-Taube in der Strahlenglorie krönt die Szene.
1-6 MARIENLEBEN Die Stichkappenbilder des LHs sind großfigurig komponierte, ikonographisch konventionelle Szenen. Der ausschnitthaft gezeigte Schauplatz weist die jeweils typischen Requisiten auf. Die Szenen sind nicht chronologisch geordnet, durch Inschriftbänder unterhalb jeder Kartusche bezeichnet.
Wolken heran. Die vor der Dreifaltigkeitsglorie schwebende Taube zu Häupten der Gruppe hält einen Ring im Schnabel als Symbol der Verlobung des Hl. Geistes mit der Braut Maria. Das Jesuskind in einer Strahlenmandorla schwebt zu Maria herab.
schlange auf der Weltkugel den Kopf (Weib des Protoevangeliums nach Gen 3,15). Die Symbole der Reinheit, Lilie und Kranz von Rosen, sind weitere geläufige Attribute.
5 M. Geburt Anna und Joachim knien zu beiden Seiten der Wiege Mariens. Das Kind ist durch die Zwölf-Sterne-Glorie ausgezeichnet, zu seinen Häupten schwebt die Hl. Geist-Taube. Die Wiege trägt den Namen MARIA (ligiert) (LA-Benz, S. 736).
a-d EMBLEME In den Fensterstichkappen des Chores befinden sich vier Emblemkartuschen, jeweils von einem lateinischen Lemma in einem Schriftband darunter begleitet.
a Perfusa latent Zwei Muscheln liegen am Ufer. - Das Lemma spielt auf die schon bei Plinius zu lesende Behauptung an, daß die Muscheln ihre Perlen durch den Tau empfangen, wenn sie nachts ans Ufer steigen. Das vor allem zur Bezeichnung der Reinheit der Jungfrau Maria angewandte Muschelemblem interpretiert hier das Geheimnis der Empfängnis Marias und Annas (vgl. Pincelli, Liber 6, s. v. conchylium, Nr. 62 »HIS PERFUSA« fü »M.V. annunciata«, Nr. 79 – ausdrückliche Erwähnung der Befruchtung durch Himmelstau außerhalb des Wasser – und Nr. 84 »ME PROLES NOBILITAT« für Anna und Maria gravida).
b Blanda Se Pace Salutant Zwei Palmzweige, die aus der Erde aufwachsen, neigen sich einander zu. - Boschius, Classis 1, Nr. 541, beschreibt dieses Emblem als ein Symbol der Heimsuchung.
c Curuantur anustae Das Thema wird fortgeführt im Emblem mit dem Bild zweier fruchttragender Obstbäume. - Boschius, Classis 1, Nr. 391, deutet den Obstbaum als ein Sinnbild der Humilitas. Hier wird auf die Demut verwiesen, mit der die beiden Frauen Maria und Anna sich dem göttlichen Willen gebeugt haben. Das Lasten des Obstes wird bildlich mit der Bürde der Schwangerschaft verglichen (vgl. das ähnliche Emblem B2 in der Achbergkapelle in Polling, CBD, Bd 1, S. 454).
d Solis Faecundor ab ortu Eine Sonnenblume in einem Park wendet sich der Sonne zu. - In dem Lemma ist noch einmal auf die Empfängnis verwiesen. Die Sonnenblume wird allgemein als Symbol der Hinwendung zu Gott gedeutet. Während bei den Emblemen a-c durch Motivverdoppelung auf die beiden Personen Anna und Maria Bezug genommen wird, ist hier in d in einem Gegenstand eine beiden Frauen gemeinsame Tugend ausgedrückt.
Ergänzungen zur Ikonographie
A DAS GNADENBILD VON KLEINHÖHENKIRCHEN Die Muttergottes ist durch das historische, lokale Kultbild der Kirche vorgestellt. Die von Engeln präsentierten Inschriftbänder und Tafeln, Anrufungen aus der Lauretanischen Litanei Du Königin der Engeln. – Du Königin Allerheiligen. – Du/Zuflucht/ der/ Sünder. – Du/ Trösterin/ der/ Betrübten., weisen auf die in der Gemeinde von Bruderschaft und Wallfahrern gepflegte Marienverehrung hin, ebenso wie die von Engeln dargebrachte Schale mit flammenden Herzen (Symbol für Hingabe und Gebet der Gläubigen) und mit Rosenkränzen. Die Vorstellung Mariens als Königin ist stark betont: Hierauf weisen zwei der zitierten Inschriften, die Krone des Gnadenbildes, die Zwölf-Sterne-Gloriole in Händen Gottvaters und der von zwei Engeln gehaltene Kronreif. Maria wird als Kirche Christi gedeutet: Unterhalb der marianischen Würdezeichen, Kronreif und Lilien, ist als Sinnbild für Ecclesia das Modell eines Rundtempels mit den Symbolen der drei Theologischen Tugenden, Kreuz = Glaube, Anker = Hoffnung und Feuerflamme = Liebe, dargestellt.
Im volkstümlichen Gewand, mit porträthaften Zügen sind die Mitglieder der Bruderschaft zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis auf den Kirchenemporen wiedergegeben. Der lokalen Überlieferung nach ist rechts im Bild in den vornehmen Herrn im grünen Rock Graf Joseph Ferdinand von Valley († 1802), ebenfalls Mitglied der Bruderschaft, zu sehen, während die Dame mit Spitzenhaube in der weißgrauen Gewandung auf der gegenüberliegenden Empore die Gräfin darstellt.
In votivbildhafter Form sind die bäuerlichen Wallfahrer in ihrer Heimatlandschaft wiedergegeben. Rosenkranzbetend weisen die Frauen ihre Votivgaben – nachgebildete Gedärme und eine Brust – sowie ihre Verletzungen – eine verbundene Hand – vor; entsprechend die Männer mit einem Kopfverband und einer Krücke.
1-6 MARIENLEBEN In dem konventionellen Marienleben-Zyklus ist die Immaculata-Conceptio-Darstellung erwähnenswert, die sich ikonologisch mit der auf diesen Titel geweihten Bruderschaft verbindet.
B HEIMSÜCHUNG MARIENS Die AR-Fresken beziehen sich auf das Patrozinium und Titularfest der Bruderschaft. Der biblisch-historischen Szene sind emblematische Ausdeutungen dieses Heilsgeschehens zugeordnet (a-d).
Quellen und Literatur
Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 54 und Bd 3, S. 671. KDB I OB (2), S. 1468.
Thieme-Becker, Bd 16 (1923), S. 601
Mayer, Matthias, Die Seelsorge der Weyarner Chorherrn im ausgehenden 18. Jh. nach den Tagebüchern des Chorherrn L.J. Ott, in: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte, Bd 30, 1976, S. 117 u. 185.
Kemp, Cornelia, Angewandte Emblematik in Bildprogrammen süddeutscher Barockkirchen, München 1981