Kinding, Pfarrkirche Mariä Geburt


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 13: Landkreis Eichstätt. Hirmer, München 2008, ISBN 978-3-7774-4475-8, S. 293–295, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Pfarrei und Markt Kinding, Diözese Eichstätt; z.Z. der Ausmalung Hochstift Eichstätt. Bis 1972 Reg.Bez. Mittelfranken.

Patrozinium: Mariä Geburt

Zum Bauwerk: Die aus dem Mittelalter stammende Chorturmanlage wurde im 17. Jh. durch einen Neubau ersetzt. 1792 Umbau durch Domenico Salle, den Baumeister des Eichstätter Domkapitels. Dabei wurde die barocke Tafeldecke durch eine Weißdecke ersetzt und die Ausstattung teilweise erneuert. 1907 Verlängerung nach Westen mit neubarockem Deckenbild.

Die Kirche hatte 1688 eine Holzkassettendecke (gleichartige Decke heute noch in der Sakristei) mit geschnitzten Rosen bekommen, die Kaspar Köll fasste: 1688 »erhielt der Schreiner Adam Pez (von Kinding) für ein neues Tabulat mit 60 geschnittenen Rosen in den Füllungen 50 fl. Der Maler Kaspar Köll von Kipfenberg malte das Tabulat und die Empore.« (Heilingrechnungen des Amtes Hirschberg, zitiert nach KDB, S. 156). Seitenaltäre 1732; Risse vom Schreiner Georg Leonhard Koller, Eichstätt, Ausführung durch Schreiner Georg Ziegler, barocke Auszugbilder hll. Franz Xaver und Johann Nepomuk. Hochaltar 1738, Fassung Martin Lukas Zwicklein, Maler in Eichstätt, Bildhauerarbeiten von Andreas Stadelmeier aus Greding. 1796 neue Tumben der Altäre, neuer Schalldeckel auf die Kanzel. Neufassung der Einrichtung durch Johann Koppensauer, Maler in Beilngries (zitiert nach KDB, S. 156). Kreuzweg 18. Jh., Seitenaltargemälde 1904 von Sebastian Wirsching, München (BLfD).

Flachgedeckter Saalbau (20 m x 8,50 m) zu fünf (ursprünglich drei) Jochen, Empore im Westen. Belichtung durch drei Fensterpaare im Langhaus (mit Ausnahme des nördlichen Fensters im ersten Joch, wo die Kanzel steht). Im Anbau Fenster über dem Eingang und ein hohes gegenüber, auf der Südseite unter der Empore ein Okulum. Kleiner quadratischer Altarraum mit einem Fenster von Süden.

Auftraggeber: Das 1939 freigelegte Wappen am Chorbogen stammt aus der Zeit der Ausmalung von 1792 und verweist auf den Eichstätter Fürstbischof Joseph Graf von Stubenberg (1791–1821/24), damit auf den hochstiftischen Besitz der Pfarrkirche.

Für den Umbau verantwortlich war Pfarrer Johann Andreas Müller (1769–1793), welchem von der Heilingfactorei durch hochstiftische Anweisung »die Inspection und Direction über den Bau comittirt wurde.« Der Schriftwechsel lief über den Heilingfaktor Johann Pettmeister (DAEI, Pfarrakten Kinding I,1).

Autor und Entstehungszeit: Willibald Wunderer (* 1739 Eichstätt † 1795 Eichstätt) 1792

Signatur im vorderen Bildteil: Wunderer/Consul/pinxit/1792. Wunderer erhielt für das Deckenbild 100 fl. Er wird in der Akten immer als »Herr Bürgermeister« von Eichstätt bezeichnet.

Der Umbau von 1792/95 ist nach dem erhaltenen Schriftwechsel (DAEI Pfarrakten Kinding I,1) im einzelnen nachvollziehbar:

Am 17.9.1792 antwortete das Hochstift dem Pfarrer Müller »auf sein Anlangen,... bey nächstens zu Ende gehenden alldaselbstigen Kirchenbau an dem Plavon durch den dahiesigen Bürgermeister und Mahler H. Willibald Wunderer eine Mahlerey, wofür dieser einschließig deren Farben 150 fl. fordert, angebracht werden derfe«, nicht mehr als 100 fl. dazu zu geben, für die restlichen 50 fl. müsse er sich um Guttäter bemühen. Am 15.11.1792 ging Weisung an Pettmeister, Wunderer aus Heilingmitteln 100 fl. auszuzahlen, was am gleichen Tag geschah, wie der »Extract aus der Hochfürstl. Eychstättischen Beilngrieser Heiling factorey Rechnung pro 1792« weist: » . . . mehr dem Mahler Wunderer in Eychstätt neben obiger Sigl Nro. 15. 9bris 1792 de facto bezalt... 100 fl....« Es hat den Anschein, als hätte Wunderer auf die zusätzlich verlangten 50 fl. verzichtet.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Flachdecke mit Hohlkehle Rahmen: gemalte Rahmung mit einzelnen Rocailleornamenten

Technik: Fresko; polychrom

Maße: Höhe 7,30 m; 5,60 x 3,55 m

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei der Verlängerung der Kirche nach Westen entstand ein zweites Deckenbild mit der Darstellung der Verkündigung, signiert Karl u. Hans Vogt 1909, Beilngries. 1936 Kostenanschlag zur Innenrestaurierung durch Max Eckerle, Neumarkt/OPf., 1939 Kostenvoranschlag durch Georg Kronawitter, Günzburg, der ausgeführt wurde. Dabei wurden ein Deckenbild im Chor »ohne Wert« beseitigt, das durch Übermalungen entstellte Deckenbild Wunderers freigelegt und das Deckenbild Vogts gereinigt. Bei den Abkratzarbeiten wurde am Chorbogen unter der Darstellung des apokalyptischen Lammes mit Engeln (Fotos in

 
 

DAEI, Pfarrarchiv Kinding 199) eine Vorhangdraperie mit Wappenkartusche freigelegt. An den Wänden wurden Apostelkreuze angebracht, an der Emporenbrüstung Stuckprofile. Hochaltar und Seitenaltäre sollten statt der 1904 von Sebastian Wirsching, München, gemalten Altarblätter (heute dort wieder vorhanden) mit Figuren der Madonna und der hl. Joseph und Michael bestückt werden. Weitere Renovierungen im Zusammenhang mit der Liturgiereform 1977 durch Fa. Men na, Würzburg, und 1996 durch Fa. Pfaller, Ingolstadt. Die nach Pfallers Meinung »unstimmigen Retuschen« der letzten Renovierung wurden belassen, die Fresken nur vorsichtig gereinigt. Das Deckenbild wirkt ziemlich original, wenn auch vergraut und ausgeblüht. Übermalungen besonders in den Figuren Joachims und Gottvaters

Beschreibung und Ikonographie

GEBURT MARIENS Dicht bevölkerte Szenerie in einem Innenraum; das Thema Geburt Mariens ist mit beträchtlichen Aufwand zu einer Genreszene ausgestaltet. Der Schauplatz ist durch großartige, aber unwirkliche Architekturstücke gebildet: auf einer Estrade, flankiert von einer Balustrade links und einem Treppengeländer rechts, wird das neugeborene Kind Maria präsentiert. Acht Frauen sind als Helferinnen zugegen, eine hat aus einem Krug Wasser in die Badewanne gefüllt und prüft nun die Temperatur, die zweite hält das Kind auf dem Schoß. Das Mädchen Maria liegt auf einem weißen Leintuch und breitet beide Arme aus. Die dritte entrollt eine lange Binde, um das Neugeborene zu wickeln. Diese drei stattlichen Frauen werden umrahmt von zwei Frauen, die das Kind bewundernd betrachten, einem jungen Mädchen mit einem Tablett mit Speisen, einer Frau mit einem kleinen Kind und einer Frau links an der Brüstung, die ein hellgrünes Handtuch reicht. Auffallend in der Mitte des Freskos ist die Figur Joachims, der mit ausgebreiteten Armen sein Dankgebet zum Himmel schickt. Er ist in einen dunkelroten weiten Mantel gekleidet. Eine in helles Licht getauchte Treppe führt zum Wochenbett Annas, die von zwei Frauen betreut wird, Anna taucht gerade eine Hand in die dargebotene Wasserschale. Diese Szene, räumlich begrenzt von einer weiteren Balustrade, ist in der Art eines »fatto« maßstäblich kleiner und fast monochrom in den Hintergrund gerückt. Im Gegensatz dazu ragen am linken Bildrand hinter Joachim zwei monumentale Säulen auf, die ein Engel mit einer imposanten grünen Draperie umhüllt, die damit in den himmlischen Bereich und zur Glorie vermittelt. Begleitet von der Geisttaube im Strahlenkranz und umringt von Engeln und Puttenköpfen erscheint die Gestalt Gottvaters im Raum, ein lila Gewandbausch umhüllt seinen weißgelockten bärtigen Kopf wie ein Nimbus, mit ausgebreiteten Armen gibt er seine Zustimmung und seinen Segen zu dem Geschehen. Zwei Engel am rechten Bildrand lehnen sich an die Weltkugel. Christus fehlt in der Szene, hier wird erst seine irdische Mutter geboren; der Dreiecksnimbus an Gottvaters Haupt bezeichnet symbolisch die Dreifaltigkeit. Das Fresko ist in großen Zügen komponiert und sehr bewegt

Quellen und Literatur

DAEI, Pfarrarchiv Kinding 113: Erweiterung 1907/08, 117: Baureparaturen an den Kultusgebäuden 1789–1902 (mit Überschlag über die zu machenden 3 Altäre samt der Canzl in dem Gotteshaus Kinding 1794–1829) und 199; Pfarrakten Kinding I,1; Buchner Eichstätter Bistumsgeistliche.

BLfD, Akt Kinding, Pfarrkirche (im Kostenanschlag Albert Fromm von 1976 Auswertung der Heilingrechnungen im Pfarrarchiv Beilngries, diese heute DAEI, R14: Rechnungen der Heilingfaktorei des Amtes Hirschberg).

Kunstinventar Diözese Eichstätt, Kinding, bearbeitet vor Emanuel Braun, 1992.

KDB VMF (2), S. 156–59. Buchner Bistum Eichstätt 1938, S. 26–29. Neuhofer, Theodor, Beiträge zur Kunstgeschichte des Landkreises Eichstätt, in: SHVE 60, 1962/64, S. 43–53, hier: S. 50. Dehio OB 1990, S. 526: 2006, S. 573

 
Geburt Mariens (Willibald Wunderer 1792)