Kiefersfelden, sog. Johann-Nepomuk-Kapelle
KIEFERSFELDEN
Kapelle in der Kiefer, an der alten Innfähre (Innstr. 50), Gemeinde und Pfarrei Kiefersfelden, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Pfarrei Flintsbach. Die Kapelle befindet sich im Besitz der Kiefer-Reul-Teich Naturstein GmbH, der ehem. Marmor-Industrie Kiefer, die das Gelände des alten Eisenhammerwerks 1883 kaufte.
Patrozinium: Die Kapelle wurde als Marienkapelle erbaut (s. Auftraggeber), und das Altarbild aus der Erbauungszeit zeigt Maria mit dem Kind. Für die Kapelle hat sich allerdings der Name Johann-Nepomuk-Kapelle eingebürgert. Da Johann Nepomuk der Schutzheilige der Brücken und Flußübergänge ist, ist denkbar, daß er ursprünglich – wohl in der alten Kapelle – dort verehrt wurde.
Zum Bauwerk: Die Kapelle wurde auf dem Gelände des Eisenhammerwerks Kiefersfelden anstelle eines älteren Vorgängerbaus 1819 neu errichtet.
Kleiner Saalraum (3,70×3,45 m) mit umlaufendem Gesims, eingezogener, fast halbrunder Chor; Belichtung im Haupt- raum und Chor durch je zwei Rundbogenfenster. Die Kapelle ist nach SW gerichtet. Der Altar aus der Erbauungszeit hat über dem Marienbild als Auszugsbild eine Darstellung der Heiligen Barbara und Elisabeth. Barbara ist Patronin aller, die mit Feuer arbeiten. Seitenfiguren sind die Heiligen Sebastian und Joseph, die Namenspatrone der Stifter.
Auftraggeber: Die Kapelle und deren Ausmalung sind eine Stiftung des Eisenwerksfaktors Johann Sebastian von Schmuck und des Kontrolleurs Joseph Prantl, die 1819 Vorstände der Kiefersfeldner Eisenschmelzhütte waren, die unter österreichischer Leitung stand. Die Arbeiter halfen gratis beim Kapellenbau. An der Innenwand über dem Eingang zwischen den Wappen von Tirol und Bayern befindet sich das Inschrift-Medaillon: ZUR EHRE DER / HÜLFREICHEN GOTTES. MUTTER MARIA ERRICHTET VOM / K.K. OBER FACTOR IOH. SEB. V. SCHMUCK / VOM K.K. CON- TROLEUR IOS. PRANTL / UND DEN THAETIGEN PEITRAEG=/EN DER WERKSARBEITER / IM IAHRE MDCCCXIX.
Autor und Entstehungszeit: Sebastian Anton Defregger (* 1784 Virgen/Tirol † 1853 Kufstein) 1819. Signatur in A S:A. Defregger pinx 1819.
Von der Hand Defreggers sind auch das Altar- und das Auszugsblatt der Kapelle in der Kiefer.
Sebastian Anton Defregger machte 1801-04 eine Bildhauer und Vergolderlehre. Ab 1808 war er in Kufstein ansässig und übernahm 1813 die Malerwerkstatt seines Schwiegervaters Sebastian Hieronymus Waginger. Er war ein angesehener Mann, mehrmals Bürgermeister und 1830 Tiroler Landtagsabgeordneter. Er arbeitete als Freskant und Maler von Altarbildern, nebenbei aber auch immer als Bildhauer im Kleinformat und als Graveur.
Weitere Freskierungen von seiner Hand sind die Deckenbilder in Windisch-Matrei 1808, die Ausmalungen der Mariahilfkirche in Thiersee 1817, der Pfarrkirche in Erl 1818 und in Landl 1818/20. Obgleich die Freskierung in der kleinen Kiefersfeldener Kapelle schon weit im 19. Jh. entstanden ist, kann man doch von einer klassizistischen Dekoration sprechen; die figürlichen Darstellungen stehen noch ganz in der Tradition der Rokokomalerei.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Flachtonne, AR Muldengewölbe mit Stichkappen.
Rahmen: A, 1-4 gemalte Rahmung, ockerfarbener Blattkranz in imitiertem Stuckprofil
Technik: Fresko; die Deckenbilder sind polychrom
Maße: A Höhe 3,60 m; 2,30 × 1,70
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Vor der ersten bekannten Restaurierung 1962 war die Kapelle innen und außen in schlechtem Zustand. Ein Gutachten des BLfD vom 9.3.1962 spricht von einem »verwahrlosten, aber recht reizvollen Innenraum«. Der kleine Bau mußte entfeuchtet werden, der Sockelputz erneuert. Die Stahlfenster und der Terrazzoboden wurden durch passendere Fenster und ein anderes Pflaster ersetzt; die Lourdes-Grotte wurde entfernt. »Die Deckenbilder sind nur zu reinigen, und die Ornamente an einigen Stellen auszubessern und zu ergänzen.« Die Restaurierung der Raumschale sowie des Altars mit dem Marienbild wurde 1962 ausgeführt. Letzte Restaurierung 1990 durch Wolfgang Lauber, Bad Endorf. Der Sockelverputz wurde erneuert, der Raum neu getönt, die Deckenbilder gereinigt. Der Zustand der Ausmalung ist gut.
Beschreibung und Ikonographie
Die gesamte Felderung der kleinen LHs-Flachtonne über dem Gesims ist gemalt: zwischen dem Mittelbild und den vier Medaillons in den Ecken ist die Wölbfläche mit Zwickelfeldern hellgrüner Tönung gefüllt. Diese zeigen in der Längsachse zartes Rankenornament, in der Querachse Blumenvasen zwischen Ranken. Die gemalten Rahmen zeichnen durch dunkle oder helle Konturen die reale Lichtführung im Raum nach. Der kühle Farbton der Dekorationsmalerei entspricht der Farbgebung der figürlichen Darstellungen. Im Scheitel des Chorbogens ist ein Marienmonogramm zu sehen, in der gemuldeten Wölbung über dem Altar eine ungerahmte Glorie mit dem Jahwe-Zeichen.
A MARIA MIT DEN HEILIGEN LEONHARD UND FLORIAN Einansichtige Himmelsszene mit schwachen Untersicht-Effekten in den Figuren. Weite Flußlandschaft unter der Wolkenszenerie. Maria, in weißem Gewand und blauem Mantel kniet im Zentrum des Bildes auf einer Wolke, die von einem großen Engel getragen wird. Sie hat die Hände gefaltet und den Blick nach oben gerichtet, wo die Dreifaltigkeit erscheint, Gottvater und Christus, deren Figuren deutlich kleiner sind als die Marias, um die räumliche Entfernung anschaulich zu machen. Maria wird flankiert von zwei auf Wolken knienden Heiligen, Leonhard von Noblac links und Florian von Lorch rechts. Leonhard im Habit der Benediktiner mit dem Abtstab in der Linken weist in einem empfehlenden Gestus nach unten auf das Land am Inn. Ein Putto hinter ihm hält die Ketten, sein Attribut. Florian trägt die römische Soldatentracht mit rotem Mantel; er hält in der Linken eine Fahne und gießt mit der Rechten Wasser aus einem kleinen Schaff. Ein Putto hält seinen Helm. Die beiden Heiligen treten mit Maria als Fürbitter für das Eisenwerk bei Kiefersfelden auf, das wegen der Transportmöglichkeiten am Innufer errichtet worden war. Die Landschaftsdarstellung unten im Bild stellt den Kiefersfeldener Ortsteil Kiefer dar; am jenseitigen Ufer des Flusses sieht man den Steilhang des Kaisergebirges, davor die erhöht gelegene Ortschaft von Ebbs.
Florian als Wächter über das Feuer und Leonhard wegen der eisernen Ketten werden hier mit Maria von den Direktoren und Arbeitern der Eisenhütte zu ihren Fürbittern bestellt.
1-4 VIER EVANGELISTEN Die Medaillons in den Ecken zeigen die Evangelisten mit Büchern und Schreibfedern auf Wolken thronend.
Quellen und Literatur
BLfD, Akt Kiefersfelden, Kapelle St. Johann Nepomuk
Bomhard, Bd 1, S. 225, 455.
Biasi, Franz, Kufsteiner Buch. Beiträge zur Heimatkunde von Kufstein und Umgebung (= Schlern-Schriften 156), Innsbruck 1957, S. 94. K. S.