Kempten, Ponikau Haus, Rathausplatz 1012

Dreyer, Angelika:Kempten, Ponikau-Haus, Rathausplatz 10–12, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/79f0652d-b1d1-489a-8ef1-59eedcb85f11

Inventarnummer: cbdd20251

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Das Deckenbild im Saal des Patrizierhauses verweist in allegorischer Form mittels eines mythologischen Narrativs auf die kurzzeitige Versöhnungspolitik der ansonsten konkurrierenden Kemptener Reichs- und Stiftstadt, verbunden mit dem Wunsch, einen dauerhaften Frieden und Harmonie zu erhalten.

Kempten, Ponikauhaus, Deckengemälde im Saal 4.OG
Kempten, Ponikauhaus, Deckengemälde im Saal 4.OG

Lage, Bau- und Ausstattungsgeschichte

Lage

Das heute als Ponikau-Haus bekannte ehemalige Patrizierhaus liegt direkt am Hauptplatz der Reichsstadt Kempten in unmittelbarer Nähe zum Rathaus. Zusammen mit den anderen Gebäuden, die den längsrechteckigen Platz umsäumen, entstand im Laufe der Frühneuzeit ein Ensemble, welches ehemals das reichsstädtische Selbstbewusstsein der reichen Patrizier und Kaufleute sichtbar machte und heute, kriegsbedingt, eingeschränkt erfahrbar ist.

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das heutige Gebäude „ging [...] aus zwei Häusern hervor. Ihre erste Bezeichnung lautete schlicht und einfach ,P73‘ und ,P74‘. Später wurden die Anwesen als ,Gerberstrasse 13‘ und ,Rathausplatz 10‘ im Bauamtsbuch geführt. Die älteste Nachricht über die beiden Häuser auf diesem Areal stammt aus dem Jahre 1499. Dabei kann eine Vorläuferbebauung nicht ausgeschlossen werden. Wahrscheinlich war an dieser Stelle das ,Saltzhaus am Markt‘ mit Verkaufsständen, das nach stiftskemptischen Urkunden 1196 errichtet wurde.“[1]

Ab dem 16. Jahrhundert weisen die Anwesen mehrere Besitzerwechsel auf, ehe nach „den Ratsprotokollen [...] das Haus der Familie König 1655 an Bürgermeister Wolfgang Leonhard Jenisch verkauft [wurde]. Die Familie Jenisch erwarb auch das anstoßende Haus, gestaltete die einheitliche, repräsentativ-interessante Fassade mit dem architektonisch geschmackvoll-anziehenden Barockgiebel. Im Inneren wurde [1668] der prachtvolle Festsaal eingebaut, das aufwendige Treppenhaus eingefügt [...]. Das Anwesen blieb einige Generationen im Eigentum der Patrizierfamilie Jenisch.“[2]

1740 vergaben Mitglieder der Familie Jenisch den Auftrag, einerseits die beiden Häuser funktional und gestalterisch zu einer baulichen und räumlichen Einheit zu machen und andererseits den großen, in seinem nackten Volumen bereits bestehenden Saal prächtig auszustatten.

„Der halbe Anteil des Patrizier-Doppelhauses kam 1804 durch Heirat der Anna Catharina von Jenisch, [...], an den Freiherrn Christian Friedrich von Ponikau. [...] Das Wohnhaus wurde 1817 von Major von Lebschée bezogen, den 1824 der Bauinspektor von Langenmantel ablöste. [...] In den Jahren 1830/31 ging das gesamte Anwesen an die Stadt Kempten über. Nach verschiedenen Mietern und Zwischeneigentümern erwarb das ehemalige ,Jenisch-Haus‘, das fortan ,Ponikau-Haus‘ heißen sollte, am 20. August 1864 der Bäcker Ferdinand August Ackerknecht um 21000 Gulden [...].“[3] Die Erben des Bäckermeisters veräußerten das Doppelhaus „an den Kaufmann Johann Adam Endres. Im Jahre 1916 erwarb der Spar- und Vorschußverein vom Bankhaus Ullmann das Gebäude.“[4] Das Anwesen blieb, trotz mehrfacher Umbenennungen, im Besitz des Geldinstituts und bildet heute den Hauptsitz der Gesamtbank, die seit 1971 den Namen ,Allgäuer Volksbank EG Kempten-Sonthofen‘ trägt.[5]

Das Bauwerk

Das große Doppelhaus zeigt sich als dreigeschossiger Satteldachbau, der sich in Ost-West-Richtung erstreckt. Seine Hauptfassade bildet das Bauwerk an der Südseite zum Platz hin aus, während die Westfront zu dem schmalen Gässchen hin, als untergeordnete Ansichtsseite lediglich mit einem einfachen Schweifgiebel die Dreieckskontur des Satteldaches umziert.

Die Südseite hingegen inszenierte der namentlich nicht bekannte Architekt als eine Schaufassade, die sowohl das wirtschaftliche Wohlergehen als auch das soziale Ansehen des damaligen Besitzers aus der Familie Jenisch offensichtlich machen sollten.

Der Baumeister verstand es, die vorhandene Platzfreiheit mit in die Betrachtung des Gebäudes mit einzubeziehen, weil erst auf diese Weise das gesamte Bauwerk, das er wie ein Konglomerat aus drei einzelnen Baukörpern auffasste, am besten zur Geltung kam.

Der alles entscheidende Eindruck von einem dreiteiligen, in sich symmetrischen Bauwerk ergibt sich aus der Bildung mit dem enorm hohen Zwerchhaus, das die Firsthöhe des Satteldaches erreicht.

Die daraus sich ergebende Ansicht eines mittleren, breiteren und höheren Baukörpers, dem auf beiden Seiten dreigeschossige Bauteile zugeordnet sind, erinnert in dieser prinzipiellen Verteilung generell an eine Variante einer Schlossbauweise, wie sie adelige Bauherren bevorzugten. Diese typologische Bezugnahme scheint vielleicht den Wunsch des Auftraggebers nach einem repräsentativem Bürgerschloss motiviert zu haben, ein gar nicht so abwegiger Gedanke, wenn man die wirtschaftliche Potenz und das soziale Renommé der Großhandelsfamilie Jenisch in der Reichsstadt Kempten in Betracht zieht.

Die Binnenstruktur dieser drei Bauteile verzichtet auf eine denkbare Pilastergliederung im Sinne der klassischen Säulenordnung und verwendet einfache lisenenartige Wandstreifen, welche die Fenster der Obergeschosse voneinander trennen. Im Erdgeschoss weist das Gebäude Nutzungen auf, womit die grundfeste Stabilität des Bauwerks verdeutlicht wird.

Der fünfachsige Mittelbau besitzt zwei Zugänge ins Haus und als weiteres markantes Architekturelement einen rechteckigen Mittelerker, der sich über die beiden Obergeschosse erstreckt und auf Höhe der Dachtraufe der Seitenteile eine Plattform mit schmiedeeisernem Balkon ausbildet, auf den die Gäste von dem dahinter liegenden Saal aus ins Freie treten konnten. Die Höhe dieses Saales ist an den drei gestreckten Mittelfenstern abzulesen, die dem Saalraum viel Helligkeit verleihen.

Der Giebel des Zwerchhauses besitzt eine lebhafte Umrißlinie und zu deren Belichtung dienen zwei hochrechteckige und ein ovales Fenster.

Der Auftraggeber: Johann Jacob Jenisch (1691–1763)

 
Johann Jacob Jenisch (1691-1763)

Die genaue Auftraggeberschaft des Deckenbildes ist bis heute im Detail nicht eindeutig geklärt, weil es kaum archivalische Nachforschungen hierzu gibt, was besonders bei der hochpolitischen und stadtgeschichtlich bedeutenden Themenwahl des Deckenbildes von besonderem Interesse wäre.

In die engere Auswahl kommen auf alle Fälle zwei Mitglieder aus der Familie Jenisch: zum einen der damalige Besitzer des Patrizierhauses Matthias Jenisch (1708–1769) und zum anderen sein Bruder Johann Jakob Jenisch (1691–1763), der zur Ausstattungszeit Bürgermeister der Reichsstadt Kempten (1734–1745) war.[6]

Der Künstler: Der „Stiftskemptische Hof- und Cabinetsmahler“ Franz Georg Hermann (1692–1768)

 
Franz Georg Hermann (1692–1767)

Die beiden Deckenbilder in dem ehemaligen Patrizierhaus malte der „Stiftskemptische Hof- und Cabinetsmahler“[7]Franz Georg Hermann (1692–1768). Das Gemälde im großen Saal beendete er 1741, worauf seine Signatur und Datierung im Fresko selbst hinweisen.

Das Ölbild im Treppenhaus mit der Darstellung vom ,Sturz des Phaeton‘ fertigte er erst neunzehn Jahre später, 1760. Es ist nicht signiert und datiert, aber aufgrund der speziellen Maltechnik und Malweise Hermann zuzuschreiben.[8]

Maltechnik

Der Kemptener Hofmaler Franz Georg Hermann malte „entgegen der Entwicklung in der Deckenmalerei [...] nicht in ,fresco buono‘, also in Kalkfarben auf frischen Verputz, sondern in Ölfarben. Wie Cordula Böhm glaubhaft machte, hat Hermann diese Technik wohl von Karl Jakob Stauder gelernt [...]. Beeindruckt war man von der Öltechnik an der Decke von den tiefen und leuchtenden Farben, daß diese im Gegensatz zum Fresko nachdunkeln würden, wusste man noch nicht. Neben den Nachteilen hatte diese Technik jedenfalls einen Vorteil: Man war nicht gezwungen in Tagwerken schnell und ohne Möglichkeit von Korrekturen zu arbeiten, man konnte wie an einem Staffeleibild malen [...] und das Deckenbild in die Sphäre der Raumdekoration einbinden [...].“[9]

Das Treppenhaus im 3. OG

„Am Nordende der jetzt verbauten Halle [befindet sich ein] bemerkenswertes rechteckiges Treppenhaus“[10] von knapp 7m (6,9m) Breite (O-W-Richtung) und 5,6m Länge. „Die beiden Seitenläufe vereinigen sich über einem Absatz vor der Außenwand in breitem Mittellauf gegen den durch einen abgerundeten Unterzug geteilten Vorraum des 1. und 2. Obergeschosses [...].“[10]

Das dritte Geschoss wird auf der Nordseite von deiner doppelten Fensterreihe mit jeweils drei Öffnungen ausreichend mit Licht versorgt. Das mittlere Fenster der oberen Zone ist größer als die beiden seitlichen, wodurch sich eine Rhythmisierung ergibt, die, das sei hier hinzugefügt, auch im großen Hauptsaal ein wesentliches Gestaltungsmerkmal bildet, was eventuell für eine einheitliche Umbau-Planung sprechen könnte.

Auf der Südseite schließt ein 1,15m breiter Gang an, der sowohl in die Seitenräume als auch in den großen Vorraum des Saales führt.

Das Deckengemälde im Treppenhaus 3. OG: Sturz des Phaeton

Das circa 5,5m breite Gemälde mit der Darstellung vom Sturz des Phaeton befindet sich in einem querovalen Bildfeld, das von einem rechteckigen Stuckrahmen mit bildlosen Kartuschen auf den Diagonalseiten umschlossen wird.

An der von Franz Georg Hermann 1760 gemalten malerischen Interpretation des antiken Mythenstoffes[11] fällt deren erzählerische Reduktion auf, die damit gleichzeitig einer inhaltlichen Konzentration gleichkommt.

Im Unterschied zu vielen anderen Darstellungen vergleichbarer Thematik interessierten Hermann einige bekannte und erzählerisch lohnende Motive überhaupt nicht. Dazu gehören Bildelemente wie das Verbrennen/Versengen der Erdoberfläche durch die unkontrollierte Fahrt des Sonnenwagens, Phaetons Tod im Fluss Eridanus (Po), den eine allegorische Figur versinnbildlicht und vor allem der Tod von Phaetons Schwestern, den Heliaden, die sich in Pappeln verwandeln, von denen die Tränen in Bernstein-Form herabtropfen. Auch auf die Anwesenheit eines Schwanes, der den ligurischen König Cyncus, einen Verwandten und Geliebten von Phaeton symbolisiert, legte Hermann keinen narrativen Wert.

Durch diesen Verzicht auf jegliche konkrete Ortsbestimmung auf Erden und die Verlegung des dramatischen Szenarios in den grenzenlosen Wolkenhimmel, bekommt die Wucht der Straf- und Rettungsaktion und die damit verbundene Botschaft, sich vor Hybris, Anmaßung und Überschätzung seiner selbst zu wappnen, eine viel direkte Intensität und elementarere Aussagekraft.

Bis hier Textteil eingegeben

Die Vorlage des Deckengemäldes im Treppenhaus 3.OG: Sturz des Phaeton

Das von Hermann auf den Putz in Öl gemalte Bild vom ,Sturz des Phaeton‘ lehnt sich in ihrer inhaltlich prägnanten und auf wenige Figuren konzentrierten Darstellung sehr eng an ein „Modell für ein Deckenfresko“[2] an, das Gianantonio Pellegrini (1675–1741) in Öl auf Leinwand 1713 anfertigte.[12]

Ihm diente es als Vorstudie für das Deckengemälde in Schloss Bensberg bei Düsseldorf, „das Pellegrini zwischen dem 1. Oktober 1713 und 14. Juni 1714 im Auftrage des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz vollendet hat. [...] Der Entwurf gibt nur das Mittelfeld wieder. In den Randzonen des ausgeführten Freskos sind noch weitere Figuren dargestellt.“[13]

Die motivischen Übereinstimmungen des Kemptener Gemäldes mit der Vorlage von Pellegrini sind so frappierend, um in diesem konkreten Fall nicht nur die Kenntnis des Entwurfes anzunehmen, sondern eventuell vermutet werden darf, Hermann könnte dieses kleine Ölbildchen sogar besessen haben.

Grund zu dieser Annahme liefern die bekannten biographischen Umstände, nach denen nicht nur eine oberflächliche Bekanntschaft beide Maler miteinander verband, die sich wohl bei der Ausmalung der Füssener Sankt Mang-Kirche anbahnte.[14] Hermann Bauer folgerte daraus, dass „es [...] die Freundschaft mit dem um 7 Jahre älteren Pellegrini [war], die den Kemptener [künstlerisch] prägte. Zur Komponente der heimischen Maltradition, wie Franz Georg Hermann sie von seinem Vater und im engsten Umfeld erfuhr, war zunächst in Rom der barock-pathetische Akademismus dazugekommen. Und jetzt war es die Verve und die malerische Freiheit, die er bei Pellegrini und bei anderen in Venedig, das Hermann mit seinem älteren Freund besuchte, lernen konnte.“[15]

Zieht man andere venezianische Fassungen dieses mythologischen Themas hinzu, fällt eine gewisse bildnerische Verwandtschaft auf, die sich im Verzicht von erzählfreudigen Details äußert, um nicht von der inneren Kernaussage abzulenken.

Deswegen bevorzugte man Darstellungen, deren inhaltliche Dichte in der dynamischen Kompaktheit der Komposition nachzuvollziehen war, wie dies zum Beispiel an Sebastiano Riccis (1659–1734) 1703 gemalten hochrechteckigen, 3,7x2,7m hohen Ölbild eindrucksvoll bestätigt wird.

Der Vorraum zum Saal im 4. OG

Der vom Treppenhaus begehbare Vorraum zum großen Saal hat ungewöhnliche Abmessungen, was wahrscheinlich auf die Zusammenlegung der beiden ehemals getrennten Hauseinheiten zurückzuführen ist.

Der westlich des Saales gelegene Vorraum ist mit 2,5m Höhe relativ niedrig, was bei einer Breite von 4,8m und einer Länge von 10,8m eine eher gedrungenere Proportionierung ergibt, was durch die Existenz von nur einem Fenster in der Westwand verstärkt wird.

An seiner Ostseite weitet sich der Vorraum, womit er die Eingangssituation zum dahinterliegenden Saal etwas großzügiger und einladender macht.

Die Besonderheiten in diesem Vorraum sind vier bemalte Holztüren, je zwei auf der Süd- und Nordseite.

Eine nicht unwesentliche Funktion dieses relativ langen, aber niedrigen Vorraumes ist hierbei nicht zu unterschätzen, denn auf diese Weise wird beim Eintritt in den östlich gelegenen Saal deren Raumwirkung und Ausstattung erheblich gesteigert.

Die bemalte Tür im Südosten des Vorraums zum Saal 4.OG

Das obere Bildfeld

Dargestellt ist eine in mehreren Bildmotiven sich nach hinten staffelnde, leicht ansteigende Hügellandschaft, die in ein Mittelgebirge übergeht.

Den motivischen Auftakt im Bildvordergrund machen die beiden sich kreuzenden schlanken und hohen Laubbäume. Dahinter windet sich ein Gebirgsfluss, zu dessen Überquerung eine Holzbrücke gebaut wurde. Vom anderen Ufer aus entwickelt sich nach links ein Weg, der mittels eines Holzgeländers das unsichere Gehen erleichtern soll.

In der Gegenrichtung ist eine sanft ansteigende Hügellandschaft zu sehen, in der sich Einzelbäume, Baumreihen und Baumgruppen locker verteilen. Auf der nächsten Höhenstufe erkennt man die baulichen Überreste eines ehemals großzügigen Architekturensembles, das sich von der Gebirgskette deutlich abhebt.

Das untere Bildfeld

Auf dem Gemälde trennt ein S-förmig durch das Bild schlängelnder Flusslauf das Gelände in zwei unterschiedliche geformte Landschaften. Auf dem Gewässer treibt ein mittelgroßes Boot, das damals die schnellste Art der Beförderung von Personen und/oder Waren darstellte.

Bildlinks stehen auf einem grasbewachsenen Hügel drei schlanke Laubbäume und lenken kompositionell den Blick auf die Felsbildungen gegenüber dem Fluss. Dort fallen zwei V-förmig angeordnete Bäume auf, von denen einer umzustürzen droht und deren Gestalt mit ausgedünntem Astwerk und geringem Blattbewuchs das Gegenteil der blattstrotzenden, buschigen Baumkrone auf dem anderen Ufer bildet.

Die bemalte Tür im Südwesten des Vorraums zum Saal 4.OG

Das obere Bildfeld

Zwei Bäume im gras- und buschbewachsenem Bildvordergrund geben dem Gemälde nicht nur seine bildimmanente Begrenzung/Rahmung, sondern leiten den Betrachterblick in die Tiefe. Dort mäandert sich in der tiefer liegenden Ebene ein Fluss durch das Gelände, das langsam in sanfte Hügel übergeht und sich in einem breit gezogenen Mittelgebirge fortsetzt. Darüber vollführen die Wolkenberge in den schnell wechselnden Lichtverhältnissen ein dramatisches Spiel vom baldigen Wetterwechsel.

Das untere Bildfeld

Vor einer Gebirgskulisse mit hohem Wolkenhimmel stehen am rechten und linken Bildrand je zwei Bäume zusammen, die in ihrer Gestalt, ihrem Wuchs und natürlichen Zustand sehr gegensätzlich aufgefasst sind.

Die bemalte Tür im Nordosten des Vorraums zum Saal 4.OG

Das obere Bildfeld

Die bildlinke Gruppe aus drei schlanken Laubbäumen lenkt den Betrachter in einer Blickschräge auf eine Hügellandschaft mit vereinzeltem Baumbestand, die langsam in die höheren Lagen eines Mittelgebirges übergeht. Im hohen Wolkenhimmel sammelt sich noch diffus das Sonnenlicht, obwohl schon schwere Gewitterwolken aufziehen.

Das untere Bildfeld

Zwei hohe Laubbäume stehen im Bildvordergrund und leiten den Blick über einen breiten Gebirgsbach hinweg in ein hügeliges Gelände, das einerseits ruinöse Architektur und andererseits markanten Baumbestand aufweist.

Dahinter erheben sich die breitschultrigen Gipfel eines mittelhohen Gebirges, über dem sich ein hoher Wolkenhimmel erstreckt.

Die bemalte Tür im Nordwesten des Vorraums zum Saal 4.OG

Das obere Bildfeld

Bildrechts steht auf dem abschüssigen Plateau eines zerklüfteten Felsvorsprungs eine dicht gedrängte Gruppe von zahlreichen Laubbäumen. Wegen der Neigung des Grundes scheinen sie sich in Richtung eines kleinen Wasserbeckens vorzubeugen, das von einem Wasserfall gespeist wird.

Hinter dieser Wasserwanne breitet sich eine Talsenke aus, aus derem Gelände sich

bildlinks eine Anhöhe heraushebt, auf der eine wohl noch intakte Burg erkennbar ist. Den Abschluss dieses Landschaftsbildes formen weiter auseinander liegende/gezogene Bergrücken, über denen sich der wolkenaktive Himmel erstreckt.

Das untere Bildfeld

Auf der bildlinken Seite stehen zwei belaubte Bäume, von denen aus sich der Betrachterblick entlang einer Bergkette auf einer Sichtschräge in den bildrechten Hintergrund entwickelt.

Das Besondere an diesem Landschaftsgemälde sind die Spuren menschlicher Anwesenheit, die sich zum einen an der Behausung bildrechts und zum anderen an einer mehrtürmigen Stadtanlage unterhalb des Gebirgszuges zeigt. Die dynamisch aufgefassten Wolkenformationen deuten mit ihrem heftigen Wechsel aus Licht- und Schattenzonen auf einen baldigen Wetterumschwung hin.

Die nicht verortbare bemalte Tür, wahrscheinlich 4.OG

 
Kempten, Ponikauhaus, nicht verortbare bemalte Tür, wahrscheinlich 4.OG

Das obere Bildfeld

Auf dem hochrechteckigen Gemälde mit einem grauen, gemalten Rahmen ist eine Gebirgslandschaft zu sehen, die im Vordergrund schroffe Felsen zeigt, zwischen denen ein Wildbach seinen Weg nach unten findet. Bildrechts stehen zwei sich kreuzende Laubbäume, die den Blick in die Bildtiefe lenken. Die dortigen Bergformationen reflektieren großteils das Morgen- oder Abendlicht, womit sich die Grenze zwischen Landschaft und dem hohen Wolkenhimmel verwischt/verunklärt. Im rechten Bildhintergrund sind teilweise verfallene Burganlagen auf Bergspitzen erkennbar.

Das untere Bildfeld

Das hochrechteckige Gemälde mit gemalten grauen Rahmen zeigt eine Gebirgslandschaft mit mehreren Berggipfeln im Bildhintergrund, auf die das weiche Sonnenlicht beim morgendlichen Auf- oder abendlichen Untergehen die Atmosphäre bestimmt.

Im etwas unwirtlich erscheinenden Bildvordergrund verweisen die künstlich aufgerichteten Pfosten eines provisorischen Geländers auf einen dort verlaufenden Weg, der an einer Baumgruppe von fünf schmalen, hohen Laubbäumen in der Bildmitte vorbeiführt.

Der Saal im 4.OG

Die den großen Saal bestimmenden Ausmaße von 13,8m Länge und 7,4m Breite bei einer Höhe von 5,3m erzeugen allein durch seine imposanten Proportionen eine beeindruckende Raumwirkung. Zusammen mit der fein ausdifferenzierten Wandgliederung und der Ausstattung mit Stuck und Deckenbilder kann man auf gehobene Ansprüche des bürgerlichen Auftraggebers rückschließen.

Diese Ambitionen zeigen sich zum Beispiel überdeutlich an der Positionierung des Familienwappens der Jenisch im Gewölbeansatz der dreifenstrigen Südwand. Direkt über der mittleren Terrassentür angebracht, wird den geladenen Gästen beim Austritt auf die Aussichtsplattform zum Stadtplatz der Zusammenhang aus politischer Macht und Einfluß allein schon im Größenverhältnis des patrizischen Doppelhauses mit dem mittelalterlichen, baulich kleineren Rathausbau vor Augen geführt.

Auch einzelne Stuckfiguren verweisen mit ihren Attributen auf die stadtgeschichtlich bedeutende Rolle der Familie, denn zum einen verkünden die Putten mit der Trompete den bereits erworbenen Ruhm der Jenisch und bekränzen symbolisch ihre Häupter mit dem Lorbeerkranz, um sie für ihre Leistungen zu ehren.

Das Loben und Preisen des Patriziers setzt sich in der architektonischen Gestaltung fort, denn die dreiteilige Südwand verweist in ihrer Wandeinteilung im Sinne einer ,rhythmischen Travée‘[16] sowohl auf antike als auch frühneuzeitliche Beispiele von Triumph-Architektur.

Das räumliche Gegenstück zu dieser rhythmisierten Südwand bildet die Gestaltung der Nordwand. Dort ist der mittlere betontere Abschnitt unten mit einer Doppeltüre versehen und darüber stößt eine Emporennische in die Gewölbesubstanz ein, um den Musikern Platz für ihre Darbietungen zu bieten.

Im Unterschied zu den beiden Schmalseiten folgt die Einteilung der Ost- und Westwand anderen Regeln. Dies liegt an der Situierung des Kamins und der westlichen Eingangstür, die nicht in der Wandmitte liegen, wodurch sich eine Einteilung der längeren Südseiten in zwei Intervalle ergibt, während die kürzere Nordseite jeweils nur ein Wandfeld ausbildet.

Dennoch weisen die beiden Längsseiten, genauso wie die zwei rhythmisierten Schmalseiten, einen hohen Grad an gestalterischer Differenziertheit und Eleganz auf. Dies liegt vor allem an der grundsätzlichen Inszenierung der Wände: auf einem den ganzen Raum umlaufenden marmorierten Sockel mit Quadrat-, Rechteck- und Ovalfeldern entwickeln sich hoch, -bzw. längsrechteckige Wandflächen, die einerseits von Stuckleisten und andererseits von Pilastern mit stilisierten jonischen Kapitellen eingefasst und gegliedert werden.

Dieses proportional ansprechende Zusammenspiel aus den rosagrundigen Wandflächen und der hellfarbenen Schlankheit der vorgeschichteten Gliederungen

trägt ganz entscheidend zu dem eleganten und noblen Erscheinungsbild des Saales bei.

Dieser erfährt seine farbliche und inhaltliche Steigerung im Deckenbereich, wo buntfarbige Bilder, ein zentrales Hauptbild und vier Nebenszenen, angebracht sind.

Das Deckengemälde im Saal 4.OG

Das schmale, in seiner Grundform längsrechteckige Deckenbild besitzt einen Umriß aus sanft geschwungenen konkaven und konvexen Linien, die ein Stuckrahmen gleicher Formgebung zusätzlich begrenzt.

Das Deckengemälde zeigt eine figurenreiche Ansammlung von drei unterschiedlich großen Gruppen, die über die gesamte Bildfläche verteilt sind.

Das untere Bildfeld zeigt die Teilnehmer eines Bacchanals, die, bildtraditionell gesehen, ungewöhnlicherweise nicht in einer offenen Landschaft, in Wäldern oder Bergen ihre lauten und ekstatischen Feiern vollführen, sondern vor einer langen, mit Pilastern gegliederten Wand, möglicherweise vor einer Stadtmauer, d.h. in der Nähe einer menschlichen Ansiedlung.

Im Vergleich mit frühneuzeitlichen Darstellungen desselben Inhalts lässt sich ein Kernpersonal ausmachen, das auch in Kempten anzutreffen ist. Gern gesehene Gäste sind hierbei ein oder mehrere Satyrn, ein körpernahes Paar, das auf die Wirkungen des Weins aufmerksam macht und eine oder mehrere Musiker:innen mit der Handtrommel und/oder Flöte. Öfters zu sehen sind auch kleine Satyrkinder, die ebenfalls bereits dem Wein zusprechen sowie der bildmotivisch markanteste und auffälligste Teilnehmer, Silen, der bereits so betrunken ist, dass er den Weg nur mit Hilfe von ihn stützenden Hilfspersonal bewältigt und sehr zum Mißfallen eines ihn tragenden Esels, der ob der massiven Körperschwere des Reiters schmerzerfüllt aufschreit.

In Kempten wird dieses Stammpersonal von wenigen weiteren Mitfeiernden, zumeist weiblichen, ergänzt. Am auffälligsten von allen Feiernden ist die Sitzfigur, die ein weißes, gegürtetes Unterkleid trägt und einen roten Mantel übergeworfen hat. Auf sehr legere Weise hat sie ihre Kleider bis zu den Knien hochgezogen, was ihr einen leicht erotischen Anschein verleiht, aber gleichzeitig auch beim Umwenden zu dem über ihr weintrinkenden Satyr nützlich ist. Auf ihrem Haupt trägt sie ein sie auszeichnendes Hoheitszeichen, eine sogenannte Mauerkrone, die sie im dargestellten Bildkontext als „Personifikation der Stadt [Kempten]“[17] oder kurz als „Stadtgöttin“[18] ausweist.

Schräg oberhalb der Feierwütigen des Bacchanals befinden sich zwei Personen, ein stehender Mann mit freiem Oberkörper und gelbem wehenden Mantel und eine sitzende Frau im weißen Kleid. Beide sehen sich äußerst verliebt an und wie allein schon ihrer beider Handhaltung verrät, werden sie während der Vermählungsprozedur dargestellt. Dieses glückliche Geschehen begleitet zusätzlich ein geflügelter Putto, der von oben herbeifliegt und einen Reif aus Sternen bei sich trägt, den er der Braut schenken wird.

Dieses Ehepaar ist erstaunlicherweise bis heute nicht identifiziert, obwohl aufgrund der Bekleidung und Attribute der Bräutigam unschwer als der Weingott Bacchus zu bestimmen ist.[19] In Kenntnis seines mythologischen Lebenslaufes fühlte er sich nach einem turbulenten, lebenslustigen Lebenswandel auf der Insel Naxos zu der gerade von dem Helden Theseus verlassenen Königstochter Ariadne so hingezogen, dass seine heftige Liebe zu ihr auch in eine Ehe mündete und sie danach ein mythologisch-märchenhaft harmonisches Leben zusammen führten.

Diese sponsale Zweiergruppe aus Bacchus und Ariadne ist entsprechend ihrem Status als Gott bzw. Sterbliche der irdischen Sphäre der weinseligen Bacchanten im Bildgefüge enthoben, wobei die Stadtmauer eine scharfe Grenze zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten bildet. Lediglich die bräunliche Wolke, die dem Brautpaar als Stand- und Sitzfläche dient, überwindet diese Trennlinie und dringt zu den Feiernden vor.

Im oberen Drittel des Gemäldes sind olympische Götter versammelt, die aufgrund ihrer Attribute identifizierbar sind. Jupiter und Juno, das, aufgrund der permanenten Affären von Jupiter, gar nicht so vorbildhafte Götterehepaar, neigen sich in Kempten einander zu und verbreiten kurzzeitige Harmonie. Rechts unterhalb von Jupiter und Juno sitzt der lyraspielende Apoll auf einer Wolke und hinter ihm mehrere Musen. Herkules steht denkmalhaft unterhalb dem Musenvolk, während sein Nachbar Mars voll gerüstet und bewaffnet auf das unter ihm befindliche Ehepaar Bacchus und Ariadne sieht.

Venus, die Geliebte von Mars sitzt ihm auf gleicher Wolkenhöhe gegenüber und versucht mit ihrer Armhaltung andere Götter auf das Liebes- und Ehepaar aufmerksam zu machen. Aber weder Neptun, noch die aus dem Bild sehende Jagdgöttin Diana und der Götterbote Merkur schenken der Vermählung Aufmerksamkeit. Nur Amor folgt seiner göttlichen Bestimmung als Liebesgott und hat einen Pfeil aus seinem Köcher genommen und schleudert ihn mit Vergnügen auf das sehr verliebte Ehepaar, womit seine Mission erfolgreich abgeschlossen ist.

Die Vorlage des Deckengemäldes im Saal 4.OG: Bildmotiv Bacchus und Ariadne

Das mythologische Liebes- und Ehepaar Bacchus und Ariadne, das im Kemptener Ponikau-Haus integraler Bestandteil der Gesamtkomposition und –aussage ist, malte Franz Georg Hermann ungefähr zwei Jahr zuvor als Einzelmotiv an die Decke der Wohnstube im Bürgerhauses des Memminger Stadtwerkmeisters Johann Wannenmacher.[20]

Im Vergleich beider Gemälde überwiegen die gestalterischen Gemeinsamkeiten, die grundsätzlich in der ähnlichen Sitzposition von Ariadne und dem neben ihr stehenden Bacchus basieren. Auch das vertraute körperliche Zuneigen des Paares und der so auffällige verliebte Blick von Ariadne übernahm Hermann aus seiner Memminger Version.

Kleinere Unterschiede in der Farbwahl der Kleidung oder geringfügige Variationen der attributiven Charakterisierung von Bacchus sind der unterschiedlichen Thematik geschuldet, fallen aber ansonsten anschaulich kaum ins Gewicht.

Die Ikonographie des Deckengemäldes im Saal 4.OG

Die Bestimmung des Bildthemas gehorchte bisher weniger der auf dem Deckenbild zu sehenden Erzählung als vielmehr einem hinzugedachten Narrativ, deren Verifizierung zum Teil schwer fällt.

Am ausführlichsten hat sich Professor Johannes Goldner 1983 zum Inhalt geäußert: „Die Stadt Kempten erscheint symbolisch als vollerblühte, reiche, begehrenswerte Jungfrau. Die erdgebundene, sinnestrunkene, jungfräuliche Braut Kempten kann es sich leisten, den Olymp mit seinen anspruchsvollen, prätentiösen, selbstgefälligen Göttern und Göttinnen als Gäste einzuladen. [...] Im Gegensatz zu theologischen Darstellungen erscheint die griechische Götterwelt, geladen zum Gastmahl der Reichsstadt Kempten, nicht allein als die Erfüllung eines kosmisches Gesetzes, als Ausfluß strenger Grundprinzipien oder platonischer Ideen, sondern in der Prachtentfaltung, Buntheit, Vitalität einer Vielzahl von Personen und Ereignissen. Die anwesende Götterrunde ist in ihrem Erscheinungsbild sinnlich, von ihrer Anschauung her ästhetisch. Somit verbinden sich in diesem grandiosen Fresko Reales und Geistiges, Spirituelles und Materielles, Seele und Weltall. Die verschiedensten Lebensalter, die mannigfaltigsten Temperamente, die menschlichen Geschlechter, der Götterhimmel und die Erde sind eingeschlossen, eingefangen, einbezogen.“[21]

Etwas nüchterner formulierte Hermann Bauer 1992 den allegorischen Tatbestand: „Die Personifikation der Stadt (Frauengestalt mit Mauerkrone als Allegorie der Reichsstadt Kempten) zwischen Satyrn und Mänaden lädt die über ihr schwebenden Götter des Olymp zu einem Gastmahl.“[17]

In die Kurzform gebracht, wird der Inhalt zum „Göttermahl mit Satyrn und der Stadtgöttin.“[22]

Dieses oben in unterschiedlichen Varianten dargebotene Thema schlug in einem wissenschaftlichen Rahmen erstmals 1968 Cordula Böhm in ihrer Dissertation über Franz Georg Hermann vor: „die Stadt Kempten bereitet zu Ehren der olympischen Götter ein Gastmahl.“[23] Anschließend beschreibt sie kurz die Körperhaltungen und innerbildlichen Bezugnahmen, ohne allerdings die „zartgliedrige Freundin des Bacchus (vielleicht Tellus, Göttin der Fruchtbarkeit?)“[24]überzeugend zu bestimmen und in eine Erzählung zu integrieren.[25]

Ihr Themenvorschlag rekurriert auf einen Artikel von Hugo Schnell aus dem Jahre 1941, der in ,Das schöne Allgäu‘, einer Zeitschrift für Heimatpflege und Fremdenwerbung, den Inhalt des Deckengemäldes als „Die Stadt Kempten erscheint als vollerblühte Jungfrau und ladet den Olymp mit seinen Göttern ein“[26] interpretierte.

Die südöstliche Nebenszene im Saal 4.OG: Frühling und Element Luft

Die Verkörperung der Jahreszeit Frühling überträgt der Maler Hermann einem jungen auf einer Wolke sitzendem Mädchen. Auf lockere Weise trägt sie ihren im Wind wehenden Mantel und das weiße Unterkleid, das, nur von einem dünnen Band gehalten, verrutscht ist und ihre linke Brust entblößt.

Im Bewusstsein dieses unschicklichen Malheurs sieht sie leicht verschämt und gleichzeitig mit ihren großen Augen kokettierend auf einen potenziellen Betrachter, um ihm nicht nur ihre eigenen körperlichen Reize, sondern vor allem die frischen Gaben der noch jungen Jahreszeit zu präsentieren. Diese bestehen vor allem in einem großen Potpourri verschiedenster Blumensorten, die sie zum einen in einem Flechtkorb gesammelt bei sich trägt und zum anderen als Schmuck in ihr blondes Lockenhaar eingeflochten hat.

Mit einem besonders aussagekräftigen Blumenpaar in ihrer linken Hand offenbart sie dem Betrachter ihre inneren Wünsche und Sehnsüchte, denn die weiße Rose, die für Jungfräulichkeit stehen kann und die rote Nelke könnten auf ein ersehntes Liebesglück verweisen, weil die Nelke zur Aussstattungszeit als „Liebessymbol und Verlöbnisblume“[27] galt.

Dieses jugendliche Aufkeimen menschlicher Sehnsüchte, thematisch verbunden mit dem Erblühen der Natur, wird in Kempten in Gestalt eines Vogelgeleges inhaltlich noch erweitert.

In ihrer rechten Hand hält die Verkörperung des Frühlings ein Vogelnest, das sie auffällig vorweist und das „in der Profanikonographie [...] auf den Frühling und besonders den Monat April“[28] hinweist. In der gezeigten Darstellung von Ei und geschlüpften Vogeljungen könnte sogar allgemein auf den Dreischritt des Lebens verwiesen sein: das noch ganze Ei stünde für die erfolgte Zeugung, das bereits zersprungene Ei und die herabfallenden Schalen für das neue Leben, das allerdings stets vom Tode bedroht ist, wie das aus dem schützenden Nest herausstürzende Vogeljunge deutlich macht.

Die Versinnbildlichung des Frühlings wird inhaltlich begleitet von zwei Putten, von denen einer mit einem Windrad seinen Spaß treibt und der zweite einen Vogel an der langen Leine fliegen lässt. Beide sind ein Verweis auf das Element Luft, wobei hier in diesem Themenkontext weniger der Grundbaustoff der Welt gemeint ist, sondern eher der direkte Bezug zur vorne sitzenden Personifikation der Jahreszeit Frühling, in welcher vor allem der warme Westwind die kalte Jahreszeit des Winters vertreiben hilft und den Putten das Element zum Spielen bereitstellt.

Die südwestliche Nebenszene im Saal 4.OG: Sommer und Element Erde

Die Verkörperung des Sommers obliegt einer jungen Frau, die auf einer Wolke sitzt. Um ihren vom heißen Sommertag erhitzten Körper zu belüften, hat sie ihren roten Mantel und das weiße Unterkleid bis auf Kniehöhe hochgeschoben. Als attributiven Ausweis hat sie eine Sichel bei sich, die sie mit ihrer rechten Hand demonstrativ vorweist. Dieses Erntegerät war auch schon zum Einsatz gekommen, denn das damit abgeschnittene reife Getreide liegt in gebündelter Garbenform auf ihrer linken Körperseite und benützt es als bequeme Armablage.

Auch ihre Kopfbedeckung, ein runder geflochtener Strohhut mit Ähren und Bändern als schmückende Beigaben, verweist auf die sommerliche Hitze, wenn es angebracht ist, sein Haupt vor der direkten Sonneneinstrahlung zu schützen.

Den Sommer als diejenige Jahreszeit, in der das im Frühjahr ausgesäte Getreide zur vollsten Reife gekommen war und geerntet werden konnte, begleitet im Bildhintergrund das Element Erde. Dargestellt ist sie als eine in sich gekehrte Frau mit umgelegtem Mantel, die auf dem Kopf ein zweiteiliges Bauwerk trägt und ihre rechte Hand zärtlich auf einen majestätisch wirkenden Löwenkopf legt.

Das Element Erde verband Hermann in Kempten mit der phrygischen Gottheit Kybele, die hier einerseits in ihrer bekannteren Eigenschaft als Städtegründerin und Stadtbeschirmerin mit der Mauerkrone gezeigt wird und andererseits als Schöpferin und Herrscherin allen Lebens, der Götter, der Menschen und der Tiere, weshalb ihr der Löwe als ständiger Begleiter zugeordnet ist. Er gilt als höchste Darstellung der in der Natur pulsierenden Lebenskräfte und ist Ausdruck ihrer Herrschaft und Macht über die ganze Natur.[29]

Die nordwestliche Nebenszene im Saal 4.OG: Herbst und Element Regen

Die Personifikation des Herbstes übernimmt eine auf einer Wolke sitzende Frauenperson, deren Körper ein weit fallendes weißes Gewand mit Goldborten an der Unterseite umhüllt. Die sie bedeckende Kleidung hat sie von den Schultern herabgezogen, um mehr Bewegungsfreiheit zu gewinnen, denn sie ist gerade mit dem sie anstrengenden Auspressen einer saftigen Weintraube beschäftigt. Dazu musste sie sich aus ihrer Sitzposition etwas umwenden, um die reifen Früchte aus dem hinter ihr stehenden Holzbottich zu entnehmen und anschließend den Saft der Trauben in einer eigens bereitgestellten Schale aufzufangen.

Dieses von ihr hochkonzentriert ausgeführte Weinauspressen steht bildtraditionell für die herbstliche Erntezeit, in der man nach der Weinlese die geernteten Trauben in trinkbare Flüssigkeit verwandelte.

Hinter ihrem Rücken tummeln sich zwei Putten, die, wie die schnell wechselnden Lichtverhältnisse anzeigen, von einem herbstlichen Regenschauer überrascht wurden. Während das bekleidete Mädchen die hervorkommenden Sonnenstrahlen scheinbar erfreut begrüßt, ist der Knabe eher wasserscheu, denn er breitet als Regenschutz ein Tuch über Kopf und Körper.

Die auch hier eher spielerische Darstellung eines Elementes, des Wassers, ist in Kempten trotz seiner offensichtlichen allgemein verständlichen Symbolik auch als eine jahreszeitliche Alltagserfahrung zu verstehen, denn der Herbstregen befeuchtet naturgemäß die Erde, nachdem ihr während der vorherigen Trockenzeit viel Wasser entzogen worden war.

Die nordöstliche Nebenszene im Saal 4.OG: Winter und Element Feuer

Die Personifikation des Winters stellt Hermann als eine ältere Dame aus besserem Hause auf einer Wolke sitzend dar, die sich gegen die jahreszeitlich bedingten Unannehmlichkeiten von klirrender Kälte und körperlichem Frieren gut gewappnet hat. Aus diesem Grunde trägt sie einen langen, bis zu ihren beschuhten Füßen reichenden bräunlichen Rock aus dicken, kälteabweisenden Stoff. Ihren Oberkörper wärmt eine weiße Bluse, über der sie einen roten Mantel trägt, der innen mit Pelz gefüttert ist. Und ihren Kopf schützt sie gegen die Kälte mit einem weißen schleierartigen Tuch.

Als zusätzliches Mittel zum Aufwärmen dient der Dame ein vor ihr stehendes dickbauchiges Holzkohlebecken, aus dem Flammen hochzüngeln und deren wohlige Temperatur ihre Handflächen als äußerst angenehm empfinden, wie ihr zufriedener Gesichtsausdruck verrät.

Die hoffnungsvolle Aussicht vom Überleben dieser physisch unangenehmen Jahreszeit symbolisiert ein sich um die Figur des Winters herumrankender Efeuzweig, der mit seinem Immergrün einen tröstenden Ausblick bietet.[30]

Im Rücken der wärmeisoliert gekleideten älteren Dame sitzt die Verkörperung des Elements Feuer. Umhüllt von leichter und luftiger Kleidung versucht die junge Frau mit ihren kunstvoll zu einem auffälligen Ornament hochdrapierten Haarzöpfen hochkonzentriert mithilfe von Feuerstein und -schwamm einen Funkenschlag zu erzeugen, was ihr auch tatsächlich gelingt.

Diese bildliche Übersetzung der Funken- und damit Feuererzeugung war dem zeitgenössischen Betrachter in seiner anschaulichen Direktheit aus dem gelebten Alltag vertraut.

Ein Bildungs-Bürger konnte in der damaligen Zeit allerdings auch Assoziationen herstellen, welcher um die Kultur-Technik der Feuererzeugung als menschheitsgeschichtlich relevante Überlebens-Strategie wusste.

Die Ikonographie der Nebenszenen im Saal 4.OG

 
Kempten, Ponikauhaus, südöstliche Nebenszene des Deckengemäldes im Saal 4.OG, Frühling und Element

In der Deckenmalerei der Frühen Neuzeit ist die gestalterische und thematische Verbindung von der Darstellung der vier Jahreszeiten und den vier Elementen nicht unbekannt.

Ihr gewollter und gewünschter Aussagewert ist allerdings jeweils nur an der speziellen Art und Weise der kompositionellen Beziehung bestimmbar. Im Kemptener Saal ist aufgrund der sichtbaren Körpergröße und dem Verhältnis der Bildmotive zueinander deren inhaltliche Wertigkeit sehr einfach zu klären: im Bildvordergrund sitzen alle vier Personifikationen der Jahreszeiten und dahinter die vier Verkörperungen der Elemente.

In dieser Figurenanordnung werden also nicht die vier Grundbaustoffe als elementar-strukturierende Bestandteile einer geordneten und ausdifferenzierten kosmischen und irdischen Welt thematisiert. Ihre inhaltliche Funktion besteht eher darin, sie als Grundvoraussetzung für die Auswirkungen auf die vier Jahreszeiten zu verstehen, ohne die kein Blühen, Wachsen und Ernten möglich wäre. Den Winter allerdings gilt es hierbei mit großer Anstrengung und Phantasie zu überstehen, ehe der Reigen der Jahreszeiten von vorne neu beginnt.

Auf spielerisch verspielte Weise werden die Naturkräfte ihres elementaren Charakters beraubt und dienen dem Betrachter als Assoziationsvorlage, die, wegen des Wieder-Erkennungs-Effektes zum gelebten Alltag, einen schmunzelnden Grundton in sich trägt.

Sanierung/Renovierung

 
Kempten, Ponikauhaus

Die Sanierung des Hauses und die Renovierung der Deckenbilder im Treppenhaus und im Saal erfolgten zum großen Teil in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nachdem bereits 1941 Hugo Schnell eine Restaurierung wegen des maladen Zustandes von Gebäude und Ausstattung anmahnte[31] und die 1943 noch während des 2. Weltkrieges von dem Restaurator Baumann im oberen Teil des Deckenbildes begonnen wurde, was man ihm auch sehr deutlich ansieht.

Bei einem 1957 erfolgten Umbau des Gebäudes konzentrierte man sich auch auf die Renovierung der Südfassade, die bereits 1928 erneuert worden war.[32]

Als sich 1959 ein Teil des Deckenputzes im Treppenhaus löste und etwa zwei Quadratmeter des Gemäldes herabstürzten, restaurierte Severin Walter aus Augsburg die fehlenden Teile. „Bei dieser Gelegenheit wurden 1960 mehrere Firnisschichten abgetragen, übermalte Teile freigelegt, wurde das gesamte Gemälde behutsam mit selbstgeriebenen Leinölfarben retuschiert, denkmalpflegerisch gesichert.“[33]

Nach der schwierigen Restaurierung des Treppenhaus-Bildes „wurde die Frage der Wiederherstellung des alten Bauzustandes mit der Rettung des Rokokosaales wieder aktuell.“[4]

1981 entschloss sich der Aufsichtsrat und Vorstand der Allgäuer Volksbank EG, den Saal wiederherzustellen, was man am 1.11.1982 auch tatsächlich in Angriff nahm. Mitte des nächsten Jahres war die Räumlichkeit bereits wieder benutzbar, so dass sie am 10.11.1983 eingeweiht werden konnte.[34]

Bibliographie

  • Bauer, Hermann, 1992 – Bauer, Hermann: Franz Georg Hermann 1692–1768 (=Festschrift der Stadt Kempten (Allgäu) zum 300. Geburtstag am 29. Dezember 1992), Kempten (Allgäu) 1992
  • Bayer, Hermann, 2007 – Bayer, Günther: Memminger Maler zur Zeit des Barock. Lebensbilder und Werke. Franz Georg Hermann. Neue Forschungsergebnisse, Lindenberg 2007
  • Böhm, Hermann, 1968 – Böhm, Cordula: Franz Georg Hermann: Der Deckenmaler des Allgäus im 18. Jahrhundert (=Dissertation LMU München 1968)
  • Bushart/Paula, Schwaben, 2008 – Bushart, Bruno/Paula, Georg: Bayern III. Schwaben (= Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern III. Schwaben, München/Berlin 2008 (2. Auflage)
  • Dreyer, (Vortag 9/25) – Dreyer, Angelika, Das Ponikauhaus: Ein Bacchanal als Versöhnungsfeier der Kemptener Reichs- und Stifts-Stadt. Vortrag am 04.09.2025 in Nürnberg, Altes Rathaus während der Tagung "Rathäuser in Europa – Decken- und Wandmalerei 1500-1800"
  • Geymüller, Baukunst, 1901 – Geymüller, Heinrich von in: Schmitt, Eduard: Handbuch der Architektur. 2. Teil: Die Baustile. Historische und technische Entwicklung. 6. Band: Die Baukunst der Renaissance in Frankreich. 2. Heft: Struktive und ästhetische Stilrichtungen. Kirchliche Baukunst, Stuttgart 1901
  • Goldner, Rokokojuwel, 1983 – Goldner, Johannes: Allgäuer Rokokojuwel: der Prunksaal im ,Jenisch-Ponikau-Haus‘ zu Kempten, Kempten 1983
  • Herzog von Württemberg, Kempten, 1990 – Alexander Herzog von Württemberg: Stadt Kempten. Ensembles, Baudenkmäler, Archäologische Geländedenkmäler (=Petzet, Michael (Hg.): Denkmäler in Bayern, Band 85:7 Schwaben, Kreisfreie Städte. Stadt Kempten, München/Zürich 1990
  • Kretschmer, Lexikon, 2008 – Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart 2008
  • Nebinger, Jenisch, 1984 – Nebinger, Gerhard, Die Jenisch in Kempten, in: Allgäuer Geschichtsfreund. Blätter für Heimatforschung und Heimatpflege, Nummer 83/84 (=Jubiläums-Ausgabe), Kempten 1984, S. 140–255
  • Ovid, Metamorphosen, 2015 – P. Ovidius Naso: Metamorphosen. Epos in 15 Büchern (Übersetzt und herausgegeben von Hermann Breitenbach mit einer Einleitung von L.P. Wilkinson), Stuttgart 2015
  • Petzet, Kempten, 1959 – Petzet, Michael: Stadt und Landkreis Kempten. Kurzinventar (=Kreisel, Heinrich/Horn, Adam (Hgg.): Bayerische Kunstdenkmale, V), München 1959
  • Rapp, Mythologie, 1894 – Rapp, Adolf: Kybele, in: Roscher, Wilhelm, Heinrich (Hg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Leipzig 1894
  • Rossacher, Visionen, 1965 – Rossacher, Kurt: Visionen des Barock. Entwürfe aus der Sammlung Kurt Rossacher (=Ausstellung im Hessischen Landesmuseum Darmstadt vom 3. Juli bis 3. Oktober 1965), Darmstadt 1965
  • Schnell, Ponikau-Saal, 1941 – Schnell, Hugo: Der Ponikau-Saal in Kempten. Einer der schönsten süddeutschen Privaträume, in: Das schöne Allgäu. Zeitschrift für Heimatpflege und Fremdenwerbung, 15. Mai 1941, 9. Jahrgang, Nr. 10, S. 140–142

Einzelnachweise

  1. Goldner, Rokokojuwel, 1983, S. 33.
  2. Goldner, Rokokojuwel, 1983, S. 33 und S. 47: Jahreszahl 1668.
  3. Goldner, Rokokojuwel, 1983, S. 69.
  4. 4,0 4,1 Goldner, Rokokojuwel, 1983, S. 70.
  5. Zur Geschichte der Bank: Goldner, Rokokojuwel, 1983, S. 16–22.
  6. Petzet, Kempten, 1959, S. 57; Böhm, Hermann, 1968, S. 12, 110; Nebinger, Jenisch, 1984, S. 196; Herzog von Württemberg, Kempten, 1990, S. 62.
  7. Bauer, Hermann, 1992, S. 7.
  8. Böhm, Hermann, 1968, S. 110.
  9. Bauer, Hermann, 1992, S. 11–12. Eine andere Bezeichnung dieser Technik war ,oleo in muru‘: Böhm, Hermann, 1968, S. 7.
  10. 10,0 10,1 Petzet, Kempten, 1959, S. 58.
  11. Ovid, Metamorphosen, 2015, I,749-II,408, S. 51–69.
  12. Der Hinweis in: Böhm, Hermann, 1968, S. 110 und S. 245–246, Anmerkung 125.
  13. Rossacher, Visionen, 1965, S. 100 (Kat. Nr. 46).
  14. Böhm, Hermann, 1968, S. 6.
  15. Bauer, Hermann, 1992, S. 13.
  16. Geymüller, Baukunst, 1901, S. 378–393, bes. S. 384–393.
  17. 17,0 17,1 Bauer, Hermann, 1992, Tafel XII.
  18. Bushart/Paula, Schwaben, 2008, S. 577.
  19. Böhm, Hermann, 1968, S. 111.
  20. Bayer, Hermann, 2007, S. 127.
  21. Goldner, Rokokojuwel, 1983, S. 52–53.
  22. Bushart/Paula, Schwaben, 2008, S. 577. Vergleichbare Themenbestimmung bei: Petzet, 1959, S. 58 und Herzog von Württemberg, 1990, S. 62.
  23. Böhm, Hermann, 1968, S. 111. Text zum Ponikau-Haus: S. 110–113.
  24. Böhm, Hermann, 1968, S. 112.
  25. Der Versuch einer Neudeutung des Deckengemäldes: Dreyer, Vortrag vom 3.9.2025 in Nürnberg.
  26. Schnell, Ponikau-Saal, 1941, S. 141.
  27. Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 299. Zur weißen Rose: Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 347.
  28. Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 439.
  29. Rapp, Kybele, 1894, Spalte 1638–1672, bes. Spalte 1638–1643.
  30. Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 92.
  31. Schnell, Ponikau-Saal, 1941, S. 142.
  32. Goldner, Rokokojuwel, 1983, S. 15 und 77.
  33. Goldner, Rokokojuwel, 1983, S. 51. Eine Angabe auf S. 70 nennt das Datum 1966.
  34. Alle Angaben nach: Goldner, Rokokojuwel, 1983, S. 77.