Kaufering, Kapelle St. Leonhard
Kapelle St. Leonhard, Gemeinde und Pfarrei Kaufering, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung hatte Kloster Dießen das Präsentationsrecht auf die Pfarrei, Hofmarksitz der Freiherren von Donnersberg
Patrozinium: St. Leonhard
Zum Bauwerk: Aus dem Chronogramm geht hervor, daß ein Neubau anstelle der hölzernen Kapelle offensichtlich um 1704 gelobt, 1715 ausgeführt und 1765 ausgestattet wurde, was auch mit dem Eintrag im Ordinariatsarchiv und dem Visitationsprotokoll 1714 übereinstimmt. Die Ausführung des Baus wird dem Vorarlberger Baumeister Michael Natter zugeschrieben (Neu). - Einfacher Saal zu vier Jochen, eingezogener AR zu einem Joch, mit dreiseitigem Schluß; im AR Pilastergliederung; im W Doppelempore
Auftraggeber: Aus dem Chronogramm über dem Chorbogen geht hervor, daß sowohl für den Bau der Kapelle als auch für die Ausstattung die Kauferinger Bürger allein aufkamen: SanCto / LeonarDo LIbera proMIsIt bletas. (= 1704) De Vota KaVfrIngana ConDIDIt LIberaLItas. (=1715) MVnICa CoronaVIt proDIgaLItas. (=1765). Die Berufung des Malers Kirzinger erfolgte wahrscheinlich über Kloster Dießen, in dessen Auftrag er auch Romenthal freskierte.
Autor und Entstehungszeit: Die Zeitangabe 1765 im oben zitierten Chronogramm bezieht sich zweifellos auf die
Ausmalung. Die Fresken sind nicht signiert. Wir weisen die Bilder dem Franz Seraph Kirzinger zu, und zwar aus folgenden Gründen:
Der farbliche und kompositorische Gesamteindruck von A hat eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem signierten Kuppelbild in Romenthal. Z. B. entspricht der Christus in A dem des Kuppelbildes in Romenthal. Die beiden Figuren stimmen in Gesicht, Haar- und Barttracht und eigentümlicher, halb stehender, halb sitzender Stellung, wie auch in Körperbau und Gestik (die rechte Hand ist praktisch identisch) so sehr überein, daß für die beiden Bilder nur ein Autor in Frage kommt. Weiter ist anzuführen der bei beiden Bildern gleiche Aufbau der himmlischen Szenerie mit den wie Kulissen angeordneten, dicken und kompakten, in kleinteiligen Ballungen gegliederten Wolkenkissen, in kompakter Ockerfarbe vor dem hellen Himmel. Auffallend ist auch die Überfülle von Engeln, Putti und Puttoköpfchen, die Kirzingers Wolkenszenerien bevölkern (vgl. Thaining, Romenthal), wobei auch hier in Haltung der Figuren und Details (Flügel, Haartracht, Gesichtstypen) schlagende Übereinstimmungen auftreten. Aus dem Jahre 1765 stammt auch ein Seitenaltarbild Kirzingers in der Pfarrkirche Kaufering.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Flachtonne, AR Tonne mit Stichkappen
Rahmen: Die Goldprofilrahmen von A und B sowie die gesamte Gewölbedekoration sind imitiert, A1-6, B1-2 Rocaillekartuschen
Technik: Fresko; A, B, B1-2, W1-2 polychrom; A1, 3, 4, 6 monochrom ocker; A2, 5, EB1, 2, 4 monochrom blau, EB3 monochrom karmin
Maße: A Höhe 7,80 m; 7,60 × 6,10
B Höhe 6,70 m; 2,80 × 2,60
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Bilder sind in gutem Zustand. Die Übermalung des Gewölbes im AR mit kräftig blauer Farbe und Sternen dürfte aus dem späteren 19. Jh. stammen. Nach der photographischen Aufnahme Restaurierung 1974/75.
Beschreibung und Ikonographie
A ST. LEONHARD PATRON DER KAUFERINGER BÜRGERSCHAFT Das Fresko ist einansichtig. Über einer kleinen Landschaftszone am östlichen Bildrand mit bittflehendem Bauernvolk und seinen Tieren, das sich auf hügeligen Wiesen vor der Leonhardskapelle versammelt hat, dehnt sich eine weite Himmelsszenerie, die vier Fünftel des Bildfeldes füllt. Die himmlischen Figuren erscheinen auf gleichsam vor dem blauen Himmel schwimmenden Wolkenkissen: zuunterst der heilige Leonhard, der mit Blick und Gestik zwischen dem Kauferinger Volk, dessen Patron er ist, und der schräg über ihm knienden Maria vermittelt. Unter ihm schwebt ein Putto mit dem Schriftband: Diligit enim Gentem Nostram: Et Synagogan aedificavit nobis. Luca cap: VII.v: V. Weitere Engel tragen die Abzeichen seiner Abtswürde, Mitra und Abtsstab. Auf dem obersten Wolkenbogen thront die Dreifaltigkeit Gottvater mit bauschig auffliegendem Mantel, mit Zepter und Weltkugel, und Christus, dem Engel das Kreuz haltend. Über ihnen schwebt vor einer hellen Wolkenöffnung die Taube des Hl. Geistes in dem Dreieckssymbol.
Am Aufbau dieser himmlischen Szenerie ist interessant, daß zwei glorienähnliche Wolkenöffnungen existieren: einmal die im Zentrum des Bildes, vor der der hl. Leonhard erscheint, und dann die hinter der Hl. Dreifaltigkeit. An dieser Stelle zeigt sich, daß auf dieser späten Stufe der Rokokodeckenmalerei von Illusionswirkung keine Rede sein kann.
A1 St. Leonhard als Patron der Tauben und Bresthaften. Ein Mann, der sich an die Ohren greift, und Frau mit Pestglöckchen rufen den Heiligen um Hilfe an
A2 St. Leonhard als Patron für glückliche Entbindung – zwei im Bett liegende Frauen rufen den hl. Leonhard an; auf die linke fällt ein Gnadenstrahl aus der Hand des Heiligen
A3 St. Leonhard als Patron der Lahmen und Blinden – ein Mann mit Krückstock und ein Mann mit Augenbinde rufen zum hl. Leonhard
A4 Leonhard schlägt die ihm vom König angebotenen Güter aus
A5 Predigt des Leonhard
A6 Leonhard heilt einen Besessenen
B DIE ERDTEILE HULDIGEN ST. LEONHARD Um einen kleinen, felsigen Hügel in einer seichten, nur knapp angedeuteten Landschaftsszenerie drängen sich die Personifikationen der vier Erdteile. Direkt über ihnen kniet auf einem dicken Wolkenkissen der Heilige, von einem Engel, einem Putto und Engelsköpfchen begleitet. – Die Farbigkeit wird von der reichen Verwendung von Ocker in Landschaft und Wolken bestimmt. Die Lokalfarben - hauptsächlich Karminrot und Blau - sind eher stumpf und langweilig.
B1 Serenitatem Affert. Regenbogen. Der Regenbogen als Verkünder besseren Wetters wird unter anderem als
Bild für den guten Herrscher gebraucht, der seinem Volk glückliche Zeiten beschert (Picinelli s. v. iris, Lib. 2, Nr 255, mit gleichlautendem Lemma); es steht hier für den Patron und Beschützer der Kauferinger Bürgerschaft.
B2 Se Exhaurit egenti. Regen fällt aus einer Wolke auf das Land. Der Regen, der auf das dürstende Land fällt, wird in der Emblematik oft mit der Gnade Gottes verglichen (Picinelli s. v. pluvia, Lib. 2, Nr. 182, 186) und kann - zusammen mit dem Lemma (die Regenwolke erschöpft sich dem Darbenden zuliebe) – auch wieder auf Leonhard in seiner Eigenschaft als Fürbitter bezogen werden.
W1 St. Leonhard als Patron des Viehs W2 St. Leonhard verhilft der Königin zu einer glücklichen Entbindung.
EB1 Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lc 15,11-32) biblische Darstellung an der oberen Emporenbrüstung EB2 Wunderbare Bestimmung des Gründungsplatzes für die Zelle des hl. Leonhard.
EB3 St. Leonhard als Befreier der Gefangenen.
EB4 Tod des hl. Leonhard. Inschrift: a d 559./den 8. Nov
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Ergänzungen zur Ikonographie: Dem Kapellenpatrozinium entsprechend bezieht sich das Bildprogramm auf den hl. Leonhard. In A ist er als der bäuerliche Schutzpatron des Viehs dargestellt und als Fürbitter für Kaufering. Er trägt Benediktinerkleidung. Stab und Mitra zeichnen ihn als Abt des von ihm gegründeten Klosters Noblac aus. Die monochromen Kartuschfelder, die LHs- und AR-Fresko begleiten, die beiden Wandbilder an der westlichen LHs-Wand vor den Emporen sowie die Bildfelder an der unteren Emporenbrüstung beziehen sich auf den hl. Leonhard. Die südliche LHs-Seite (A4–6, W2) und EB2–6 zeigen Szenen aus seiner Vita (vgl. Ribadeneira-Hornig Band 2, 6. November, S. 698-700), die nördliche LHs-Seite (A1-3, W1) stellt den hl. Leonhard als Patron in verschiedenen Anliegen vor. Er ist jeweils in Wolken dargestellt, mit einer Kutte bekleidet, mit Abtstab, jedoch barhäuptig. B zeigt die Verehrung des Heiligen durch die vier Erdteile. Die Embleme B1 und B2 deuten symbolisch die wunderbare Hilfe an, die der hl. Patron seinen Schutzbevölkerungen gewährt.
Der hl. Leonhard entstammt der Legende nach einer adeligen Familie, die am Hof des Frankenkönigs Chlodwig Einfluss hatte. Ohne Rücksicht darauf begab sich Leonhard unter die Zucht des Bischofs Remigius, durchzog als Prediger die Gascogne (A5) und wirkte dabei Wunderheilungen an Besessenen, Tauben, Blinden, Lahmen und Bresthaften, deren Patron er wurde (A1, A3). Während einer Reise stieß er auf den König und dessen Gemahlin, die bei der Jagd im Wald von Wehen überrascht worden war, und verhalf ihr zur Geburt eines Prinzen. W2 zeigt die Geburtsszene in einem Innenraum, wie es in der süddeutschen Barockmalerei üblich ist. A2 zeigt dazu die Patronatsszene. Der König wollte ihn daraufhin mit Geschenken überhäufen, die Leonhard ausschlug (A4) bis auf ein Stück Land, auf dem er für sich und zwei Mitbrüder eine Zelle (Kloster) errichtete (EB2). Auf das Gebet des Mönches entsprang an dieser Stelle die hart entbehrte Wasserquelle. Bald erlangte Leonhard im ganzen Frankenreich den Ruf als Befreier der Gefangenen: auf wunderbare Weise wurden sie durch Leonhard von Eisen und Banden befreit (EB3), auch noch nach seinem Tode, der in das Jahr 559 fiel (EB4). Sein volkstümlichstes Patronat, das des Viehs, ist in W1 wiedergegeben.
Quellen und Literatur
Dellinger, Joachim, Die Hofmark Kaufring, in: OAVG 9 1848. S. 254–352. Neu, Wilhelm, Michael Natter, Ein Vorarlberger Baumeister im Dienste des Klosters Dießen und der Stadt Landsberg, in: Lechisarland 1964, S. 80 f. Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 518.