Laß, Heiko:Kannawurf, Gut, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/116abda4-d81e-4cbc-8304-39cfe8a50c76

Inventarnummer: cbdd10148

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In Schloss Kannawurf haben sich geringe Reste einer äußerst qualitätsvollen Renaissancemalerei erhalten sowie Deckengemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhundert, die später entstellend verändert wurden.

Das ehemalige Rittergut Kannawurf

Kurzbeschreibung und Lage

Haus Kannawurf[1] steht am Nordostrand der gleichnamigen Ortschaft. Im Westen, Süden und Osten ist es von Bauten des ehemaligen Wirtschaftshofes umgeben. Im Norden erstreckt sich ein rekonstruierter Garten. Der ganze Komplex ist von einer Mauer umgeben.

Bau- und Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das Rittergut wurde ca. 1563-1570 für Georg II. Vitzthum von Eckstedt neu erbaut anstelle einer älteren Wasserburg, die die Familie seit 1539 besaß. Im Nordflügel entstand ein Hauptsaal mit aufwendiger Ausmalung. Nach dem Dreißigjährigen Krieg musste das verschuldete Gut versteigert werden. Es gelangte 1685 an die Familie von Bose. Carl Gottlob und Hans Carl von Bose ließen es zwischen 1717 und 1726 umbauen. Der Raum zwischen den Zwerchhäusern wurde teilweise mit einem zweiten Obergeschoss geschlossen und im Innern erfolgte die Neuausstattung zahlreicher Räume. Spätestens jetzt wurde der ehemalige Hauptsaal mit Fachwerkwänden unterteilt.

1726 wechselte Kannawurf an die von Helmholt, die es bereits 1769 wieder veräußerten. Zuletzt gelangte es 1839 an die Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen. Das Gut wurde eine Wirtschaftsdomäne, um große Wirtschaftsbauten ergänzt und ab 1914 als Staatsdomäne weitergeführt. Nach 1945 verfiel das Anwesen zunehmend. 1984 stürzte der Nordflügel mit dem ehemaligen Hauptsaal teilweise ein. Nach 1990 erfolgten erste Notsicherungen. Seit 2007 ist Kannawurf im Besitz des thüringischen Denkmalpflegezentrums und des Künstlerhauses Thüringen e. V. Der Garten wurde inzwischen rekonstruiert, die Dächer gedeckt, im Innen die Kubatur des ehemaligen Hauptsaals wieder hergestellt und die vorhandenen Wand- und Deckenmalereireste gesichert und restauriert.

Beschreibung

Das Gutshaus ist eine schlichte verputzte ehemals zweigeschossige Dreiflügelanlage. Die offene Seite im Osten wird durch eine Mauer mit zentralem Rundturm geschlossen. Das steile Satteldach trägt zahlreiche für die Zeit typische Zwerchhäuser. Die Eingangs- und Westseite zieren Ecktürme. Hier wurde später ein drittes Geschoss aufgeführt, was aus den Zwerchhäusern Giebel macht. An der Südseite tritt ein turmartiger Risalit aus der Flucht hervor. Portal- und Fenstergewände sowie Gesimse sind in Werkstein ausgeführt.

Die Anlage wird durch den zentralen Westflügel betreten. Der Südflügel nahm ehemals Wirtschafts- und Wohnräume auf. Der Nordflügel beherbergte die Repräsentationsräume mit einem die ganze Tiefe des Flügels durchmessenden Hauptsaal an seinem Ostende. Zum Innenhof hin ist ihm ein dreigeschossiger Standerker vorgesetzt. An der Nordseite erstreckte sich ein großer Lustgarten.

Das so genannte Eckzimmer

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das Eckzimmer ist im ersten Obergeschoss an der Nordwestecke gelegen. Es wurde für Carl Gottlob und Hans Carl von Bose zwischen 1717 und 1726 ausgestattet. Nach dem zunehmenden Verfall in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Zimmer inzwischen restauriert.[2]

Beschreibung

Der annähernd quadratische Raum wird von einem Vorplatz im Süden her betreten. Einen Zugang zum Vorraum im Osten gab es nicht. Es gibt jedoch eine Tür zu einem im Osten gelegen Schlafzimmer. Mit ihm zusammen bildete das Eckzimmer ursprünglich ein Stubenappartement. An der Nordwestecke des Eckzimmers befindet sich ein Annex im Nordwestturm. Das Eckzimmer öffnet sich nach Westen mit zwei Fenstern und nach Norden gegen den Garten mit einem. Ein Unterzug von Ost nach West teilt die Stuckdecke in zwei Bereiche, von denen jede ein Deckengemälde aufnimmt. Ein drittes Deckengemälde befindet sich an der Stuckdecke im Turm.

Die Deckenmalerei des Eckzimmers

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Deckengemälde sind später mehrfach überfasst und vereinfacht worden. Nach 2015 konnten sie restauriert werden.

Beschreibung und Ikonographie

Die Deckenmalerei thematisiert die damals beliebte Kombination von Liebe und Gewalt. Thematisch gehen die beiden Darstellungen im Hauptraum auf die Metamorphosen des Ovid zurück und zeigen zum einen Entführung der Ganymed, zum anderen die Entführung der Proserpina.

Die Entführung des Ganymed
 

Der verliebte Jupiter entführte den schönen Hirtenknaben Ganymed in Gestalt eines Adlers, um ihn zum Mundschenk der Götter zu machen. Ganymed sitzt aufrecht auf dem Adler; sonderlich unglücklich sieht er nicht aus. Rechts und links erblickt man zum einen eine Frau mit Früchten, um anderen einen Engel mit Palmwedel. Die beiden stehen sozusagen für den Aufstieg des Ganymed von der Erde in den Himmel.

Der Raub der Proserpina
 

Der Raub der Proserpina durch Pluto, den Gott der Unterwelt, erfolgte gegen den ausdrücklichen Willen der Entführten. Man sieht sie klagend auf dem Wagen Plutos. Rechts erkennt man ihre Mutter Ceres. Sie wird verzweifelt über die Erde irren und ihre Tochter suchen. Die Pflanzen wuchsen nicht mehr auf der Erde bis ein Kompromiss gefunden wurde, dass Proserpina vier Monate bei Pluto und acht Monate bei Ceres bleiben durfte. Dies erklärt die Jahreszeiten, denn wenn Proserpina in der Unterwelt ist, gedeiht nichts auf der Erde.

Amor schießt einen Liebespfeil
 

Im Erker erblickt man den ursächlich Verantwortlichen für das Geschehen im Hauptraum: Amor hat seinen Bogen gespannt und ist im Begriff einen seiner Liebespfeile zu verschießen. Die Ergebnisse seines Handelns sind verschieden. Ganymed steigt in den Himmel auf und wird glücklich, Proserpina gelangt in die Unterwelt und die Folge sind Trauer und Unglück.

Gestalterische Mittel - Komposition und Ansichtigkeit

Die Ansichtigkeit der beiden Gemälde ist jeweils auf die andere Raumhälfte ausgerichtet. Der Eintretende erblickt also die unglückliche Proserpina, der den Raum Verlassende den glücklichen Ganymed.

Der ehemalige Hauptsaal

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der so genannte Rittersaal[2] war der Hauptsaal des Hauses und wurde 1563-1565 erbaut und spätestens zwischen 1717 und 1726 mit Fachwerkwänden unterteilt. Als 1984 der Nordflügel einstürzte, wurden seine Decke, ein Teil des Bodens und die Zwischenwände vernichtet. Nach 1990 erfolgte eine Notsicherung. Inzwischen wurden wieder ein Boden und eine Decke eingezogen.

Beschreibung

Der Raum nimmt fast den gesamten Nordflügel ein und zählt jeweils fünf Fensterachsen im Norden und im Süden sowie im Osten zwei. Der Raum wird von Westen her betreten, und zwar entweder von einen kleinen Vorraum an der Nordseite oder von einem Schlafzimmer, das zusammen mit dem Roten Eckzimmer ein Stubenappartement bildete. Die mittlere Achse an der Nordwand nahm einen Kamin auf. Der Erker an der Südseite gegenüber hat sich erhalten.

Malereireste im ehemaligen Hauptsaal

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Aufgrund der Zerstörung der Decke hat sich keine Deckenmalerei erhalten. Auch von den ehemaligen Wandfassungen[2] des 16. und 18. sowie 19. Jahrhunderets sind nur geringste Reste überkommen, vor allem vegetabile Ornamente und Ranken sowie Schriftzüge in den Fensterlaibungen.

Die Reste der Renaissancefassung

Von der Renaissancefassung haben sich Reste eines Wandabschlusses in Gestalt eines farbigen Bandes erhalten. Zu diesem gehören herabhängende Früchte in zarten Federstrichen, wie sie an der Westwand zu sehen sind. Es gab auch eine gemalte Sockelzone. Ferner haben sich in den Fensterlaibungen des Erkers lateinische Inschriften erhalten.

Die Reste der Barockfassung

Die Fassungen des 18. Jahrhunderts zeigen ein gemaltes ornamentales Lambris. An der Westwand erkennt man Reste einer gemalten gedrehten Säule auf diesem Sockelbereich, die ein heute rekonstruiertes reales Stuckgesims trägt.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Dehio, Thüringen, 2003. – Dehio, Georg: Thüringen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Stephanie Eißing und Franz Jäger. 2. Aufl. München/Berlin 2003.
  • Löffler, Kannawurf, 1994. – Löffler, Christine: Schloss Kannawurf. Herausgegeben aus dem Anlaß „Tag des offenen Denkmals“ 1994. Heldrungen 1994.
  • Müller, Kannawurf, 1999. – Müller, Dieter: Schloß Kannawurf. Zur Geschichte des Ortes und des Schlosses Kannawurf. In: Jahrbuch der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten 2 (1999), S. 31-34.
  • Priesters, Kannawurf, 2012. – Priesters, Andreas: Untersuchungen zur renaissancezeitlichen Raumstruktur eines ländlichen Adelssitzes – Schloss Kannawurf in Thüringen. In: Burgen und Schlösser 53 (1/2012), S. 11-21.
  • Archivalien:
  • Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [14-68.037.008]. Kannawurf, Schlossplatz 1, Schloss.

Einzelnachweise

  1. Priesters, Kannawurf, 2012; Löffler, Kannawurf, 1994; Dehio, Thüringen, 2003, S. 684; Müller, Kannawurf, 1999. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [14-68.037.008]. Kannawurf, Schlossplatz 1, Schloss.
  2. 2,0 2,1 2,2 Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [14-68.037.008]. Kannawurf, Schlossplatz 1, Schloss.