Jena, so genanntes Frommannsches Anwesen
Inventarnummer: cbdd20245
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Im Majorflügel des Frommannschen Anwesens hat sich eine historische Bohlenstube erhalten, deren Decken und Wände in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts komplett bemalt wurden. Dazu gehören 18 Medaillons mit Landschafts-, Garten- und Architekturmotiven.

Das sog. Frommannsche Anwesen in Jena, Fürstengraben 18
Kurzbeschreibung und Lage
Das heute als Frommannsches Anwesen[1] bezeichnete Bauensemble lag ursprünglich außerhalb und unmittelbar vor dem nördlichen Teil der Stadtmauer. Mit dem Abbau der Befestigungsanlage entstand der so genannte Fürstengraben, ein breiter, mit Grünanlagen gesäumter Straßenzug, zu dem hin sich das Anwesen ab dem 19. Jahrhundert mit einer Pforte und einem Pavillon (gen. Neugierde) öffnete.
Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte
Das Frommannsche Anwesen geht in Teilen auf das Mittelalter zurück und ist dann v.a. seit dem 16. Jahrhundert durch mehrere Um- und Erweiterungsbauten entstanden. Verschiedene Nutzungen sind belegt: u.a. durch den Verleger Carl Friedrich Ernst Frommann (1765-1837) und Gustav Zenker (1808-1875), der hier seine Knaben-Schule einrichtete.[2] In der heutigen Erinnerungskultur Jenas ist das Frommannsche Anwesen besonders mit der Zeit um 1800 und mit Carl Friedrich Ernst Frommann verknüpft, der zusammen mit seiner Frau Johanna gesellige Teestunden mit Vertretern der Klassik und Romantik wie Johann Wolfgang von Goethe, Karl Friedrich Zelter, Johann Gottlieb Fichte oder Friedrich Wilhelm Joseph Schelling im Salon arrangierte.[3] Der mehrfach umgebaute Hauptflügel wurde im 19. Jahrhundert durch ein Torhaus und das so genannte Zenkersche Haus ergänzt. Im 20. Jahrhundert kamen weitere Häuser hinzu. Nach einer Wohnnutzung bis 1992 gelangte das Ensemble 1994 an den Freistaat Thüringen bzw. die Friedrich-Schiller-Universität in Jena und wurde 1998-1999 saniert.[4]
Beschreibung
Das Bauensemble setzt sich heute aus drei ungleichen Flügeln zusammen. Der so genannte Majorflügel steht giebelständig zum Fürstengraben und begrenzt das Frommannsche Anwesen nach Westen. Er ist heute benannt nach dem vermutlich ersten Bewohner, dem Theologen Johann Major (1564-1654). Der dreigeschossige Gebäudeteil gilt mit als ältester Teil des Anwesens, der im frühen 19. Jahrhundert durch Anbauten nach Süden und einen Dachpavillon erweitert wurde.[5] Es wird vermutet, dass das erste Obergeschoss mit der Bohlenstube über dem Erdgeschoss vorkragte.[6]
Die Bohlenstube im ersten Obergeschoss
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Die Holzstube im heute so genannten Majorflügel des Frommannschen Anwesens wurde im Zuge der Sanierung des Gebäudeensembles (1997-1999) freigelegt und dendrochronologisch auf das Jahr 1680 oder bald danach datiert.[7] Möglicherweise stammt die Bohlenstube auch aus einem anderen Bau und wurde im Frommannschen Anwesen zweitverwendet.
Beschreibung
Die Bohlenstube ist in Blockbauweise errichtet; die waagerecht übereinander geschichteten Bohlen sind in den Ecken versetzt verschränkt.[8] Der Raum misst 5,60 auf 4,50 Meter und ist 2,40 Meter hoch. Der starke Unterzug und das Abschlussgesims tragen profilierte Schiffskehlen; die Balkendecke besitzt doppelt profilierte Streben. Durch die Blockbauweise der Bohlenstube entstehen breite Felder, die sich für eine großflächige Ausgestaltung der Wände eignen.
Stellung der Bohlenstube
Leider liegen gerade aus der Zeit der Entstehung der Malerei keine Quellen zu den Besitz- bzw. Wohnverhältnissen vor, sodass über den Entstehungskontext der Holzstube bzw. ihrer Ausmalung keine Aussagen getroffen werden können. Holzstuben haben eine lange Tradition auch in Thüringen.[9] Im städtischen Umfeld befindet sich die Holzstube meist im ersten Obergeschoss des Hauses, und die Holzbohlen sind je nach repräsentativem Anspruch des Raumes plastisch oder malerisch verziert. Die Ausgestaltung der Holzstube zu einem prestigeträchtigen Innenraum war gerade in Adelssitzen und im städtischen Privathaus sehr beliebt. Spätere Feuerschutzverordnungen verboten derartige Holzeinbauten allerdings, so dass die Bohlenstube im Jenaer Fürstengraben vermutlich zu den letzten ihrer Art in der Thüringischen Städtekette gezählt werden kann. Bald darauf im 18. Jahrhundert kommt die Bohlenstube zunehmend aus der Mode und wird daher oft durch Ein- und Umbauten verändert und überputzt.[10]
Die Decke der Bohlenstube
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Malerei erfolgte um 1690 in Tempera auf das Nadelholz der Stube.
Beschreibung und Ikonographie
Ein starker Unterzug teilt die Decke in zwei Hälften. Dieser und das Abschlussgesims tragen profilierte Schiffskehlen; die Balkendecke besitzt doppelt profilierte Streben. Die Decke ist wie die Wände mit einem hellfarbigen Ornament mit Akanthus, das kaum Untergrund frei lässt, bedeckt.
Die Wände der Bohlenstube
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Malerei erfolgte um 1690 in Tempera auf das Nadelholz der Stube.
Beschreibung und Ikonographie
Die Wände der Stube sind mit einer hellfarbigen Ornament- und Bilderwelt, die die Wände wie ein Ornamentteppich überziehen und kaum Untergrund frei lassen, bedeckt. Bei näherer Betrachtung der Fassung wird die gemalte Struktur deutlich: Es gibt einen breiten, umlaufenden Rahmen, der regelmäßig durch Bildfelder unterbrochen wird. In den Ecken sind es Medaillons, mittig unter dem Unterzug und über der Bodenleiste sowie auf halber Höhe sind es reich gerahmte Kartuschen. Die von diesem Rahmenwerk eingefassten Wandflächen sind mit breiten Akanthusranken auf blauem Grund ausgefüllt, deren plastische Wiedergabe durch helle und dunkle Konturen erreicht wird. Die Akanthusranke ist ein recht typisches Ornamentmotiv des 17. Jahrhunderts, das sich durch die langen, schmalen und ausfransenden Blätter sehr gut als Vorlage für Friese eignet, hier jedoch das Hauptmotiv der Bohlenmalerei bildet. Das Akanthusornament findet sich auch außerhalb des gemalten Rahmens wieder, hier noch ergänzt durch Blütenformen, und zwischen den Balken der Decke.
Die Landschafts- und Architekturdarstellungen in den Medaillons und Kartuschen
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die 18 in unterschiedlichen Zuständen erhaltenen Bildfelder in den Medaillons und Kartuschen sind in feinem Pinselstrich in Tempera auf Nadelholz gemalt. Einige Medaillons und Kartuschen sind zerstört bzw. ihre Malschichten sind massiv beschädigt.
Beschreibung und Ikonographie
Die Medaillons zeigen unterschiedliche Landschafts- und Architekturmotive. So sieht man beispielsweise eine italienisch anmutende Stadtansicht mit einem Rundbau und Turmanlagen, einen Barockgarten mit Springbrunnen und Zierbäumen oder eine pittoreske Flusslandschaft mit Bergen im Hintergrund. Im Einzelnen sind auf der Nordwand in der Kartusche über der Tür ein barocker Garten und in der Kartusche im rechten Teil der Bordüre, nur sehr schlecht, eine baumbestandene Landschaft zu sehen. Auf der Ostwand fehlen die Malereien aufgrund der später eingefügten Fenster fast vollständig; nur die untere Bordüre ist erhalten geblieben und zeigt in den Medaillons flache, baumbestandene Landschaften und in der Kartusche einen einzelnen Nadelbaum. An der Südseite, beeinträchtigt durch das heute geschlossene Fenster und die wahrscheinlich für einen Ofen gedachte Wandöffnung, sind fünf Bildfelder erhalten geblieben: in den Rundbildern am linken Rand lassen sich noch Bäume erkennen, während in der rechten oberen Ecke möglicherweise das Gestade eines Flusses oder Meeres dargestellt ist. In der linken Kartusche ist der Bildinhalt nicht mehr auszumachen; im rechteckigen Bild unter dem Unterzug wird dagegen recht deutlich ein Parterre mit zentraler Fontäne und Baumeinfassungen erkennbar. Die Malereien der sechs erhaltenen Medaillons und Kartuschen an der Westseite im unteren Teil der Bordüre sind wiederum von Baumgruppen oder flachen, baumbestandenen Landschaften geprägt. Im Rundbild oben links wird dagegen eine Stadtvedute mit starker Belästigung dargestellt, auf die ebenfalls eine Stadtansicht im rechten oberen Medaillon antwortet, während die dazwischen platzierte Kartusche eine Flusslandschaft mit Boot und zwei Personen darin präsentiert.
Gestalterische Mittel
Die Veduten sind in heller Palette und mit feinem Pinselstrich gemalt und unterscheiden sich deutlich von der ausschweifend gemalten Rankenornamentik. Die sich abwechselnden Formen von Rund- und Rechteckbild lockern die stets verschiedenen Motive zusätzlich auf.
Die Malerei der Bohlenstube
Aktueller Zustand
Der Gesamteindruck der ausgemalten Bohlenstube ist heute etwas gestört durch den Erhaltungszustand besonders der Medaillons und Kartuschen sowie durch die notwendigen Neutralverputzungen der ehemaligen Tür- und Fensteröffnungen, die sich an drei Raumwänden befinden. Gut erkennbar ist aber noch – insbesondere an der Westseite – die Gestaltung der gemalten Oberflächen in stets einem Mittelfeld, das mit Akanthusblattwerk gefüllt ist, und breiten Bordüren, in denen Medaillons und Kartuschen eingefügt sind.
Gesamteindruck
Da sich die Akanthusranken auch zwischen den Deckenbalken befinden, entsteht der Eindruck einer allumfassenden Auskleidung des Raumes. Der Farbeindruck ist heute eher dunkel, trotz der blauen Farbgebung in den Mittelflächen, auch da die mit hellerer Palette gemalten Darstellungen in den Medaillons und Kartuschen oft nicht mehr allzu gut erhalten sind und ihre Farbakzente nicht mehr kräftig zur Geltung kommen können.
Programm
Die Landschafts-, Garten- und Stadtansichten bieten ähnlich zu einem Fenster Ausblicke aus der Stube in die Welt und zeigen damit auch den Anspruch einer gewissen Weltgewandtheit der Bewohnerschaft. Da der entstehungsgeschichtliche Kontext nicht vorliegt, können keine weiteren Rückschlüsse auf die Bildprogrammatik gezogen werden.
Bibliographie
- Literatur:
- Frommann, Haus, 1870. – Frommann, Friedrich Johannes: Das Frommannsche Haus und seine Freunde. Stuttgart 1870.
- Manger, Ort und Ereignis, 2002. – Manger, Klaus: Der Ort und das Ereignis Weimar: Kultur um 1800, in: Venturelli, Aldo/Frosini, Fabio (Hrsg.): Der Ort und das Ereignis. Die Kulturzentren in der europäischen Geschichte. Freiburg im Breisgau 2002, S. 197-251.
- Reinhardt, Holzstuben, 1998. – Reinhardt, Holger: Holzstuben in Thüringen. Zur Notwendigkeit der systematischen Erfassung eines gefährdeten Typus, in: Thüringische Vereinigung für Volkskunde e.V. 6 (1998), S. 13-33.
- Reinhardt, Holzstuben, 2004. – Reinhardt, Holger: Holzstuben in Thüringen – Zum Forschungsstand eines kulturgeschichtlichen Phänomens, in: Historische Ausstattung. Jahrbuch für Hausforschung 50 (2004), S. 383-396.
- Zinserling, Frommannsche Haus, 2000. – Zinserling, Anka: Das Frommannsche Haus am Fürstengraben, in: Der Schnapphans 79 (2000), S. 45-49.
- Archivalien:
- Bruhm, Frommannsche Häuser, 2003. – Bruhm, Wolfgang: Restaurierungsbericht Jena, Frommannsche Häuser – Majorflügel, 1. OG, Raum 1.11 Bohlenstube mit barocker Ausmalung, Teil 1, Bestand Archiv TLDA Erfurt, 2003.
- Noll, Frommann’sche Haus, 1993. – Noll, Bernhard: Das Frommann’sche Haus in Jena. Vorstudie über Bauzustand, Baugeschichte, zukünftige Nutzungsmöglichkeiten und den erforderlichen Sanierungsaufwand. Darmstadt/Weimar 1993.
Einzelnachweise
- ↑ Zinserling, Frommannsche Haus, 2000; Frommann, Haus, 1870. Bruhm, Frommannsche Häuser, 2003; Noll, Frommann’sche Haus, 1993.
- ↑ Manger, Ort und Ereignis, 2002, S. 243; Frommann, Haus, 1870, S. 47ff.
- ↑ Manger, Ort und Ereignis, 2002, S. 244f.
- ↑ https://wuestenrot-stiftung.de/frommannsches-anwesen-jena/(letzter Aufruf 23.06.2025).
- ↑ Noll, Frommann’sche Haus, 1993, S. 1ff.
- ↑ Noll, Frommann’sche Haus, 1993, S. 9.
- ↑ Noll, Frommann’sches Haus, S. 10.
- ↑ Reinhardt, Holzstuben, 1998, S. 23.
- ↑ Reinhardt, Holzstuben, 2004, S. 383, 387.
- ↑ Reinhardt, Holzstuben, 2004, S. 385.