Indersdorf, Kloster, Sakristei
Sakristei der ehem. Augustiner-Chorherren-Stiftskirche

Zum Bauwerk: Neubau von 1752 (vgl. Morhart-Chronik 1762, S. 23, Taf. 12). Die Sakristei liegt an der N-Seite der Kirche im O, Zugang vom Gang neben dem Chor in der Flucht des nördlichen Seitenschiffs. Raum auf elliptischem Grundriß, genordet; von sieben Fenstern ist eins gegen einen weiteren kleinen Sakristeiraum im O zugesetzt; Spiegelgewölbe, in das von den Fenstern bzw. Nischen Stichkappen einschneiden; Rocaille-Stuck, in den Gewölbezwickeln Kartuschen mit Stuckreliefs, in denen Putten liturgische Geräte und Gewänder halten.
Auftraggeber: Propst Gelasius Morhart von Indersdorf (1748-68)
Autor und Entstehungszeit: Matthäus Günther (* 1705 Unterpeißenberg † 1788 Haid bei Wessobrunn) 1753. Signatur im W auf der Stufe unterhalb der links stehenden Vordergrundsfigur Mathae: (ae ligiert) Gindter Fecit. 1753.
Befund
Rahmen: Stuckprofil, von Rocaillen überspielt. Technik: Fresko; polychrom. Maße: Höhe 5,00 m; 7,60 × 4,70. Erhaltungszustand und Restaurierungen: Das Fresko wurde 1986 durch die Fa. Hans Mayrhofer München gereinigt.
Beschreibung und Ikonographie
DER HL. AUGUSTINUS WIRD DURCH DIE PONTIFIKALIEN AUSGEZEICHNET. Ansicht nach N, Betrachterstandpunkt unter der Weltkugel der Dreifaltigkeit. – Das flache Gewölbe des nicht sehr hohen Raums öffnet sich nach oben durch eine illusionistische, extrem in Untersicht ge-sehene Architektur. Diese füllt den Bildraum des streng ausgegrenzten Ovals weitgehend aus und weist den Vordergrundfiguren auf dem vor- und zurückschwingenden Stufenbau nur einen ganz flachen, wenn auch mehrschichtigen Aktionsraum zu.
Unter einer offenen Kuppel, die auf Quertonnen und in der Hauptrichtung auf der Kalotte einer Apsis ruht und vor der ein Engel einen großen Vorhang zur Seite zieht, kniet der Heilige an einem Betpult, zum Beschauer gewandt. Er ist entrückt, eine Gloriole umgibt ihn, sein Blick ist auf die Heiligste Dreifaltigkeit gerichtet, die sich durch die offene Kuppel herabgesenkt hat und durch Strahlen mit dem flammenden Herzen des Heiligen verbunden ist. Den irdischen Schauplatz bildet der überwölbte Kirchenraum, wo die um Augustinus versammelten Kleriker die liturgischen Gewänder und Insignien bereithalten, die den Bischöfen und anderen hohen Geistlichen als Auszeichnung zukommen. Ganz links steht als Repoussoirfigur der *minister de candela*, ein Kleriker mit einer Wachskerze (bugia) auf einem Handleuchter (palmatoria), die bei liturgischen Handlungen während des Lesens dem Bischof gehalten wird; in der Rechten einen Zeigestab. Ein links von ihm kniender Diakon präsentiert das der Lesung dienende offene Buch. Auf dem Altar im Hintergrund erkennt man Kasel und Handschuhe. Rechts sieht man Geistliche mit dem Schulter- oder Knievelum sowie einem Meßbuch, über dem ein Manipel liegt (oder das Rationale?). Eine Gruppe am rechten Bildrand hält Stab und Mitra, die wichtigsten bischöflichen Insignien, während daneben ein älterer und ein jüngerer Ministrant mit Weihrauchfaß und -schiffchen beschäftigt sind. Sie bilden die Überleitung zu der auf tieferer Stufe dargestellten Prozession, im Hintergrund von Chorherren mit Kerzen und Altarleuchtern, im Vordergrund von drei Männern in zeitgenössischer vornehmer Kleidung, von denen der erste auf einer Schale ein Gießgefäß trägt. Mit Ausnahme des mittleren, der sich nach oben wendet, blicken sie auf den Beschauer.
Die Bereitstellung der Pontifikalien bezieht sich auf das Bischofsamt des hl. Augustinus. Das Thema ist passend für die Sakristei eines Augustiner-Chorherrenstifts, dessen Propst Wolfgang Carl 1628 anläßlich des 500jährigen Klosterjubiläums für sich und seine Nachfolger das Recht der Pontifikalien erhalten hatte, ein bereits dem Propst Erhard Prunner 1433 verliehenes Privileg, das wieder erlosch, weil Propst Erhard es aus Bescheidenheit nicht in Anspruch nahm (Hartig, S. 203, 205). Auch die Puttenreliefs in den Kartuschen spielen auf die Pontifikalien an. Die drei nicht geistlichen Personen im Vordergrund, von denen die erste ein kostbares Gefäß trägt, könnten sich auf tatsächliche oder erwünschte Wohltäter des Stifts beziehen. Der Biograph des hl. Augustinus, Possidius, berichtet im Zusammenhang mit dem Verkauf von Altargerät zugunsten der Armen (vgl. G2), daß Augustinus andererseits auch, wenn die Gläubigen die Schatzkammer und die Sakristei vernachlässigten, in der Predigt um Geschenke bat. Er berief sich hierbei ebenfalls auf den hl. Ambrosius, der dasselbe auch getan habe (Possidius, Vita Augustini 24, 12 f.).
Ikonologie
Die Fresken der Stiftskirche Indersdorf und der ihr angeschlossenen Räume sind mit Ausnahme der Rosenkranzkapelle (s. u.) ausschließlich dem hl. Augustinus gewidmet. Der Auftraggeber Propst Gelasius Morhart schreibt 1762 in seiner Chronik (S. 22): »Die in 30 Stucken bestehende Fresco-
Gemähl in dem Langhauß, und denen Nebenseiten der Kirchen entwerffen durchaus das Leben, Thaten, Uebungen Augustini in Weltlichen, Geistlichen und Bischöflichen Stand und dessen Glori in dem Himmel.« Das Programm setzt ein mit den Fresken der Hochschiffwände, auf denen die Lebensgeschichte des hl. Augustinus von seiner Abreise nach Rom (W1) bis zu seinem Tod (W14) geschildert wird, beginnend in der NO-Ecke des Presbyteriums und jeweils von N nach S springend. Das historische und legendäre Geschehen wird weitergeführt in den Seitenschiffen (S1-8), der Taufkapelle (T) und im Gang zur Sakristei (G1-3), wobei hier die seelsorgerische Tätigkeit akzentuiert und dadurch ein besonderer Bezug zu den regulierten Chorherren und ihrem Amt hergestellt wird. Das Thema der Sakristei, die Bereitstellung der Pontifikalien, verweist auf die Bischofswürde des hl. Augustinus und gleichzeitig auf das den Indersdorfer Pröpsten zustehende Recht der Pontifikalien. Die Decke des Mittelschiffs schließlich ist, wie es dem Rang des Anbringungsortes entspricht, vorwiegend der allegorischen Verherrlichung des Heiligen vorbehalten (A-C). Die thematische Verteilung scheint sehr konsequent nach einem Gesamtkonzept durchgeführt zu sein, wie es wohl zu der umfassenden Renovierung der ganzen Kirche im Rokokogeschmack vorgelegen und von dem engagierten und baufreudigen Propst Gelasius mitbestimmt und zügig realisiert worden ist. In der Raummitte, im von der Ovalkuppel überspannten Joch, das auch durch eine andere Fensterform in der Hochschiffwand ausgezeichnet ist, werden die Themen der Wandbilder, Priesterweihe (W7) und Klostergründung (W8), formal stärker mit dem Deckenbild verknüpft, mit dem sie auch inhaltlich besonders verbunden sind. Dieses zeigt Augustinus als Begründer zahlreicher Ordensgemeinschaften (B) unter besonderer Berücksichtigung der Augustiner-Chorherren.
Bei der Auswahl und der Ausarbeitung des Programms wurden für die Lebensgeschichte des hl. Augustinus dessen »Confessiones« zugrunde gelegt, ergänzt durch die von seinem Schüler und Biographen Possidius verfaßte »Vita Augustini«. In dem 1720 erschienenen Werk »Das Leben des Kirchenlehrers Aurelii Augustini« des gelehrten Augustiner-Eremiten Gelasius Hieber aus München, in dem neben der historischen auch die legendäre Überlieferung enthalten ist, stand außerdem ein zeitgenössisches Nachschlagewerk zur Verfügung. Matthäus Günther selbst war mit der Thematik aufs engste vertraut durch seine früheren Aufträge, die er in den Augustiner-Chorherrenstiften Neustift bei Brixen (1735 ff.) und Rottenbuch (1737 ff.) ausgeführt hatte. Im 18. Jh. war offensichtlich ein bestimmter Darstellungskanon entstanden und Günther selbst, der in Neustift auch nachweislich auf die Programmgestaltung Einfluß nahm, entwickelte ein bestimmtes Repertoire, aus dem er für neue Aufträge immer wieder bestimmte Motive und Kompositionsschemata schöpfen konnte. Die Beziehung zwischen Indersdorf und Rottenbuch ist dabei besonders eng. Alle von Dieffenbrunner in Indersdorf gemalten Darstellungen sind, sofern die Szenen auch in Rottenbuch vorkamen, direkt übernommen. Das betrifft auch seine Fresken an der Hochschiffwand bis auf zwei, W10 Disputation mit Fortunatus. und W12 Augustinus verfaßt »De civitate Dei« Für die übrigen Kompositionen gab es in Rottenbuch lediglich zwei Vorbilder, für G1 Augustinus wäscht dem als Pilger erscheinenden Heiland die Füße« und G3 > Augustinus, von der Gottesliebe entflammt
Von den beiden von Günther selbst gemalten Fresken an der Hochschiffwand wurde dem Thema von W14, Tod des Augustinus, in Rottenbuch das zentrale, große Deckenfeld des Mittelschiffes eingeräumt und es dabei über eine reine Darstellung des faktischen Geschehens hinaus zur Glorie des Heiligen gesteigert. Die Themen Augustinus als Kirchenlehrer und Verteidiger des Glaubens (A) und Augustinus als Patron seiner Ordensfamilie (B) wurden von Günther in Neustift wie in Indersdorf in zwei Darstellungen gestaltet, in Rottenbuch hingegen zu einem Deckenbild vereinigt. Das Motiv der huldigenden Erdteile, das in Indersdorf auf die Ecclesia bezogen ist, verbindet Günther sonst meist mit der Gottesmutter, so auch in Rottenbuch im Deckenfresko des Chors (CBD Bd 1, S. 484, 496). Die in Indersdorf über dem Presbyterium dargestellte Vision des Heiligen (C) findet sich in Rottenbuch in einem kleineren Deckenfeld des Langhauses (ebd., S. 478 f., 492).