Dreyer, Angelika:Illerfeld, Schloss, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/bc8e8a33-26ab-4d76-9cdd-0ba9d89754f3

Inventarnummer: cbdd10038

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Das sog. Schloss Illerfeld ist ein bedeutender Landsitz des späten 18. Jahrhundert, den ein Mitglied des alten Patriziergeschlechts von Lupin im Weichbild der Freien Reichsstadt Memmingen errichten ließ.

Das Bauwerk: Geschichte und Baugeschichte

Geschichte

Als sich im Jahre 1784 aufgrund der Verödung Ferthofens außerhalb der Reichsstadt Memmingen die Möglichkeit ergab, Grund und Boden zu erwerben, ergriff der aus altem Patriziat stammende Johann Sigmund von Lupin die Gelegenheit und kaufte ungefähr 40 Tagwerk.[1] Er übernahm damit eine nicht unerhebliche Grundfläche von der Grafschaft Marstetten, die zum Besitz des Hauses Waldburg-Zeil gehört hatte.[2] Da die Grafschaft über die hohe Gerichtsbarkeit, mit Gerichtsstand in Memmingen, verfügte, „befreite [Johann Sigmund von Lupin] sie von den fremden Hoheitsrechten und ließ später auf diesem Edelgut sein Schloss Illerfeld“[3] erbauen.

Johann Sigmund von Lupin, dessen Adelsgeschlecht aus Italien nach Deutschland einwanderte[4] und vor allem ab der Frühen Neuzeit in den protestantisch geprägten Städten Ulm und Memmingen bedeutende politische Ämter bekleideten,[5] hatte wohl in seiner Funktion als „Kanzlei=Direktor“[6] genügend Einblick in die städtischen Belange, so dass ihm seine Stellung wohl einen gewissen Vorteil bei dem anstehenden Verkauf des Gutes verschaffte.

Diesen Vorteil nutzend, sah er die Gelegenheit gekommen, „dem damals so empfundenen und für selbstverständlich gehaltenen Repräsentationsbedürfnis“[7] einen adäquaten Ausdruck zu verleihen. Diesem gehobenen Anspruch dürfte der Landsitz auch noch während seiner ganzen Amtszeit entsprochen haben. Erst als Johann Sigmund von Lupin 1802 um seine Entlassung aus den Stadtgeschäften bat,[8] mutierte der bis dahin gesellschaftlich genutzte Land- zu seinem individuellem Ruhesitz, dessen Losungswort Tranquillitati über dem Eingang seine neue entspannende Grundhaltung anzeigte.[8] Bis zu seinem Tod 1808 „zog er sich nach Illerfeld zurück, wo er sich seinen Liebhabereien, der Einrichtung seiner Bibliothek, dem Sammeln von Gemälden und Gemmen widmete.“[8]

Baugeschichte

Den Auftrag zum Bau eines vom städtischen Getriebe etwas abseits gelegenen Landsitzes hatte Johann Sigmund von Lupin möglicherweise bereits 1784 erteilt, was die Inschrift einer marmornen Tafel über der Balkontür des Obergeschosses nahelegt.[8] Vielleicht gab er aber auch erst sechs Jahre später den Bau in Auftrag.[9] Wahrscheinlich beauftragte er den Memminger Stadtbaumeister Eitel Friedrich Knoll damit, einen Entwurf anzufertigen und den Bau auszuführen, was zwischen 1790 und 1792 anzusetzen wäre.[9]

Das architektonische Ergebnis war ein zweigeschossiger Baukubus mit hohem Walmdach, fünf Fensterachsen und je einem Portal auf der Süd- und Nordseite. Dieser solitäre Baukörper besticht durch seine gelungenen Proportionen, der im Zusammenklang mit dem Dach sowohl einen strengen, als auch vereinheitlichenden Charakter besitzt. Diese kompakte Strenge wird durch die hochrechteckigen Fenster mit ihren Läden, die anstelle einer gliedernden Säulenordnung die Fassaden des Bauwerks bestimmen, etwas gemildert. Zu Lebzeiten des Auftraggebers war allein dieser Bau das architektonische Zentrum der gesamten Anlage.

Erst als sein Sohn Friedrich von Lupin das vom Vater ererbte Gut Illerfeld übernahm und den ehemals bestehenden „kleinen formale Garten“[10] zu einer flächenmäßig beträchtlich größeren Anlage ausweitete, deren generelles Ziel in einer „mustergültigen Landschaftsverschönerung“[11] mit seltenen Bäumen und einer Tulpenbaum-Allee bestand, erfuhr auch das Hauptgebäude eine bauliche Veränderung. In der Zeit zwischen 1820 und 1830 errichtete man in zwei Bauetappen eine bis heute bestehende flügelartige Erweiterung in Ost-West-Richtung. Der ersten Bauphase sind die eingeschossigen, zweiachsigen Anbauten zuzurechnen, während die zweite Erweiterung dreiachsig ist. Letztere hebt sich mit ihren halbrunden Fensterabschlüssen von den Hochrechteckfenstern der ersten Phase deutlich ab.

Mit diesen Anbauten unter Friedrich von Lupin entstand eine reizvolle Garten-Architektur, die in Korrespondenz mit der umgebenden Landschaft eine sich gegenseitig steigernde Einheit einging, wie man sie von der Vorstellung einer villa suburbana seit der Antike als Ideal anstrebte und „wie man sie hierzulande nicht häufig antrifft.“[8] Diese noch bestehende baulich-landschaftliche Komposition ist geistesgeschichtlich allerdings erst ein Produkt des 19. Jahrhunderts,[12] während der Ursprungsbau noch anderen Vorstellungwelten folgte.

Der Orgelprospekt von St. Martin in Memmingen an der Decke in Schloss Illerfeld

 

Die Deckengemälde: Der Orgelprospekt von St. Martin in Memmingen an der Decke in Schloss Illerfeld

Die wandfeste Ausstattung des sog. Schlosses von Illerfeld stellt insofern eine Besonderheit dar, weil bei dem Neubau des Hauptgebäudes nicht eine zu erwartende Freskierung von Wänden und/oder Decken erfolgte, wobei hierbei, als Mindestanforderung, z.B. an eine Ausmalung des Treppenhauses, des Salons oder des Schlafzimmers zu denken wäre.

Im Gegensatz zu dieser zeittypischen Vorgehensweise sind in dem Hauptgebäude in drei verschiedenen Räumen Tafelgemälde „in die barocke Kassettendecke in Schloss Illerfeld eingebaut“[1] worden, die einem ikonographisch externen Zusammenhang entstammen. Diese waren alle ehemals Bestandteil des Orgelprospektes der Stadtpfarrkirche St. Martin in Memmingen, die 1597, unter ausdrücklicher Genehmigung des Stadtrates, von „Andreas Schneider aus der Niederlausitz“[2] angefertigt wurde. Die für den gesamten Orgelprospekt vorgesehenen Gemälde schuf H. Kuhl im Jahre 1598[3] und konzentrierten sich auf Darstellungen mit Szenen aus der Geschichte des alttestamentarischen Königs David, der hier weniger als Prophet, sondern, dem Thema angemessen, als Schutzpatron der Meistersinger, „als Repräsentant der Musik“,[4] wiedergegeben war.

In der kunsthistorischen, eher repetitiv ausgerichteten Literatur zum Schloss Illerfeld,[5] schwingt eine permanent unterbewusste Bezugnahme zwischen dem Auftraggeber des Schlosses Johann Sigmund von Lupin und der ungewöhnlichen Ausstattung mit Gemälden des Memminger Orgelprospektes mit.

Nicht hinterfragt und problematisiert ist bisher die Fragestellung, erstens von wem (und aus welchen Gründen) und zweitens zu welchem Zeitpunkt die Tafelgemälde der Memminger Orgel nach Illerfeld gebracht wurden. Der in der Literatur indirekt illusionierten Vorstellung eines Bezuges aus Auftraggeberschaft (Johann Sigmund von Lupin) und einem entsprechenden Ausstattungsbedürfnis vor 1800 kann aus historischen Gründen hier vorläufig nur eine Absage erteilt werden.

Die 1597–98 gebaute Orgel mit den Malereien von H. Kuhl wurde zwar in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts überholt und repariert,[6] aber eine Veränderung oder Veräußerung der Orgelbestandteile sind dabei nicht belegt. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als 1802 Memmingen die Reichsfreiheit verlor und dem Kurfürstentum Bayern einverleibt wurde, verlor auch die Stadtpfarrkirche St. Martin ihre kirchenrechtliche Zugehörigkeit. In diese veränderten historischen Bedingungen fiel auch der Antrag (1807), die reparaturbedürftige Orgel zu erneuern, was jedoch wegen des zu hohen Kostenvoranschlages abgelehnt wurde.[7] In Anbetracht der damals aktuell funktional eingeschränkten Musikausübung entschloss sich 1827 die Kirchengemeinde die Schwalbennestorgel wegen Baufälligkeit aufzugeben.[8] Die Folge davon war eine Verkleinerung und Versetzung der Orgel an die Westwand des Hochschiffes. Im Zusammenhang mit dieser Neu-Ausrichtung der Orgel und, in unserem Kontext relevanten Aspekt der Minimierung des Orgelensembles, bekommt die Nachricht, dass „1828 Teile des Prospekts in die barocke Kassettendecke in Schloss Illerfeld eingebaut“[9] wurden deshalb besondere Bedeutung, weil es die Renovierung der Gemälde durch „H. Hochbrand 1827“[10] vor ihrem Einbau in das Schloss auf nachvollziehbare Weise erklären würde.

Ohne quellenkritische Forschung bleibt weiterhin ungeklärt, welche Sachverhalte oder Umstände dazu führten, dass im Erdgeschoss, „im Südwestzimmer in der Decke eingelassen Reste eines Orgelflügels aus St. Martin in Memmingen“[11] sich befinden und „weitere Fragmente dieser Orgelflügel [...] in der Decke des Treppenhauses und im oberen Flurgang“[12] angebracht wurden. In dem südwestlichen Zimmer des Erdgeschosses sind vermutlich der linke Teil der Orgelflügel mit der „Darstellung König David und dem Einzug der Bundeslade“[13] und der rechte Teil mit „König David mit Weihrauchfass und Spielleuten“[14] an die Decke fixiert. Die Inhalte und Anbringungsorte der restlichen Orgelbilder ist ohne Begehung nicht zu eruieren (Stand Juni 2019).

Das sog. Schloss Illerfeld, das weiterhin die Familie Lupin bewirtschaftet, wurde zum 200-jährigen Jubiläum 1984 von dem damaligen Besitzer, Reinhold von Lupin, mustergültig restauriert.[15] „Er folgt damit der Tradition, die ein Ur-Ur-Großvater mit dem Kauf von Illerfeld begründet hat.“[9]

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/orgel_von_St._Martin_(Memmingen) (zuletzt aufgerufen am 20. August 2019).

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/orgel_von_St._Martin_(Memmingen) (zuletzt aufgerufen am 20. August 2019).

[3] Breuer, Memmingen, 1959, S. 129.

[4] Sachs/Badstübner/Neumann, Ikonographie, 1991, S. 93.

[5] Breuer, Memmingen, 1959, S. 129.

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/orgel_von_St._Martin_(Memmingen) (zuletzt aufgerufen am 20. August 2019).

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/orgel_von_St._Martin_(Memmingen) (zuletzt aufgerufen am 20. August 2019).

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/orgel_von_St._Martin_(Memmingen) (zuletzt aufgerufen am 20. August 2019).

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/orgel_von_St._Martin_(Memmingen) (zuletzt aufgerufen am 20. August 2019).

[10] Breuer, Memmingen, 1959, S. 129.

[11] Breuer, Memmingen, 1959, S. 129.

[12] Breuer, Memmingen, 1959, S. 129.

[13] https://www.bildindex.de/document/obj32054126?part=0&medium=fm778966 (zuletzt aufgerufen am 02.08.2019).

[14] https://www.bildindex.de/document/obj32054126?medium=mi09054j11 (zuletzt aufgerufen am 02.08.2019).

[15] Braun, Lupin, 1984, S. 18.

König David und der Einzug der Bundeslade

Das im Südwestzimmer des Erdgeschosses an der Decke angebrachte Bild zeigt König David und den Einzug der Bundeslade.

König David mit Weihrauchfass und Spielleuten

Der von Spielleuten begleitete König David mit Spielleuten ziert die Decke des südwestlichen Zimmers im Erdgeschoss.

Inschriftentafel: 1 PARAL XVI

Die Inschriftentafel enthält folgenden Wortlaut, der dem 1. Buch der Chronik, dem Liber Paralipomenon, Kapitel 16 entnommen ist. Der Wortlaut dürfte einer zeitgenössischen Lutherbibel entsprechen:

"1 PARAL XVI

Mitt Cymbeln hell u[n]d Jauchze[n] vil

Mitt psalter Harpfe[n] Saite[n]spil:

Die Lad des Bunds getrage[n] wirt

In Dauids Statt als sich gebürt

Den Gottes Dienst die Music ziert"

Die Inschriftentafel: 1 PARAL XXV

Der Text der Inschriftentafel lautet:

"1 PARAL XXV

Dauid nach d[er] Leuite[n] welung,

That auch im Tempel ai[n] bestellung

Der Sünger, Dichter, vnd spilleut,

Von viervndzwanzig gschlecht alzeit

All Freud sei zu Gots Lob bereit."

Sie ist dem dem 1. Buch der Chronik, dem Liber Paralipomenon, Kapitel 25 entnommen ist. Der Wortlaut dürfte so in einer zeitgenössischen Lutherbibel vorzufinden sein.

Bibliographie

  • Braun, Lupin, 1984 ─ Braun, Uli: 200 Jahre Lupin auf Illerfeld. Familiengeschichte spiegelt die Stadtgeschichte. in Der Spiegelschwab. Heimatbeilage der Memminger Zeitung, 5.1984, S. 17f.
  • Breuer, Memmingen, 1959 ─ Breuer, Tilmann: Stadt und Landkreis Memmingen, München, 1959.
  • Eisele, Rittergeschlecht, 1967 ─ Eisele, Eugen: Das ehemalige Rittergeschlecht von Lupin; Familiengeschichte aus Biberach. in Zeit und Heimat: Beiträge zur Geschichte, Kunst und Kultur von Stadt und Kreis Biberach; Beilage der "Schwäbischen Zeitung" - Ausgabe Biberach an der Riß, Nr. 1/10. Jahrgang, 25. August 1967.
  • Herzog, Gartenkunst, 2010 ─ Herzog, Rainer: Bayerische Landsitze unter dem Einfluss der Ideen von ‚ornamental farm‘ und Landesverschönerung. in Die ‚ornamental farm‘. Gartenkunst und Landwirtschaft; Tagungband Symposium 15.10.2009-17.10.2009 Bad Muskau, Zittau, 2010, S. 97-122.
  • Reuß, Staatskanzelei, 1801 ─ Reuß, Johann August: Teutsche Staatskanzlei, Ulm 1801.
  • Sachs/Badstübner/Neumann, Ikonographie, 1991 ─ Sachs, Hannelore/Badstübner, Ernst/Neumann, Helga: Christliche Ikonographie in Stichworten, 1991.
  • Sayn-Wittgenstein/von Bibra, Schlösser, 1972 ─ Sayn-Wittgenstein, Franz Prinz/von Bibra, Marina Freiin: Schlösser in Bayern. Residenzen und Landsitze in Altbayern und Schwaben, München, 1972.
  • Unold, Geschichte Memmingen, 1826 ─ Unold, Jakob Friedrich: Geschichte der Stadt Memmingen vom Anfang der Stadt bis zum Tode Max Josephs I., Memmingen, 1826.
  • online

Einzelnachweise

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/ferthofen (zuletzt aufgerufen am 20. August 2019); Herzog, Gartenkunst, 2010, S. 110.
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/ferthofen (zuletzt aufgerufen am 20. August 2019); https://de.wikipedia.org/wiki/Burgruine_Marstetten (zuletzt aufgerufen am 20. August 2019);.
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/ferthofen(zuletzt aufgerufen am 20. August 2019); Eisele, Rittergeschlecht, 1967, o.S.
  4. Eisele, Rittergeschlecht, 1967, o.S.; Unold, Geschichte Memmingen, 1826, S. 396.
  5. Eisele, Rittergeschlecht, 1967, o.S.
  6. Reuß, Staatskanzelei, 1801, S. 167.
  7. Braun, Lupin, 1984, S. 17.
  8. 8,0 8,1 8,2 8,3 8,4 Sayn-Wittgenstein/von Bibra, Schlösser, 1972, S. 273.
  9. 9,0 9,1 9,2 Braun, Lupin, 1984, S. 18.
  10. Herzog, Gartenkunst, 2010, S. 111.
  11. Herzog, Gartenkunst, 2010, S. 114.
  12. Herzog, Gartenkunst, 2010, S. 107-115.