Hohenbrunn, Pfarrkirche St Stephan
Inventarnummer: cbdd00045
Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen
Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.
Die 1723 entstandene, später mehrfach überarbeitete Ausmalung ist dem heiligen Stephanus gewidmet. Im Langhaus zeigen die Deckenbilder Szenen aus seinem Leben. Ergänzt werden sie durch den Stephanus-Emblemzyklus, dessen Leitmotiv die unverbrüchliche Hoffnung und das feste Vertrauen auf Gott ist.

St. Stephan in Hohenbrunn
Dieser Text wurde bereits im Band des Vorgängerprojekts veröffentlicht. Die in den folgenden Ausführungen angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Originalpublikation.
Siehe hierzu: Böhm, Cordula/Lüdicke, Lore: Hohenbrunn, in: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Bd. 3: Freistadt Bayern. Regierungsbezirk Oberbayern. Stadt und Landkreis München, Teil 1: Sakralbauten, München 1987, S. 127-130.
Zudem finden sich in den Originalpublikationen Verzeichnisse und Ergänzungen zur Arbeit mit den Publikationen. Deren Retrodigitalisierungen finden sich hier:
Abkürzungen der biblischen Schriften
Das Bauwerk
Pfarrkirche, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung dem Stift St. Andreas in Freising inkorporiert, Pfleggericht Schwaben (Markt Schwaben)
Patrozinium:
St. Stephan
Zum Bauwerk:
Der gotische Kirchenbau wurde 1670 barock verändert (Erweiterung und Erhöhung des LHs, 1680 Erhöhung des Turms). Nach einem Brand am Marienaltar 1719 begann man mit der Erneuerung der Innenausstattung, der Altäre und der Kanzel (datiert 1723). Inschriftkartusche am Chorbogen Anno / 1.7.2.3. Ein Dorfbrand am 18.10.1724 griff nicht auf die ganze Kirche über, sondern beschädigte nur den Turm (Wenk, S. 52-4,104 f., vgl. dagegen Mayer-Westermayer und KDB, nach denen die Kirche 1722 abgebrannt ist und durch einen Neubau ersetzt wurde).
Fünfjochiger Saalbau, das fünfte (östliche) Joch querschiffartig erweitert; eingezogener, zweijochiger AR, dreiseitig geschlossen. Im AR Pilaster-, im LHs Doppelpilastergliederung. Belichtung durch acht Rundbogenfenster an der N-Seite und fünf an der S-Seite, Empore im W.
Autor- und Entstehungszeit:
Am 23. Juni 1723 schrieb Pfarrer Lorenz Sutner von Hohenbrunn (1701-46) an das Stiftskapitel St. Andreas in Freising, die Pfarrkirche sei nunmehr vom Stukkator und Maler „verfertigt“ (Wenk, S. 48). Die bei Wenk angeführten Archivalien sind verschollen. Der Maler ist namentlich nicht bekannt und stilkritisch kaum mehr zu ermitteln, weil die Deckenbilder nicht mehr original erhalten sind (vgl. Erhaltungszustand). Die angegebene Entstehungszeit1723 entspricht der Bildanlage des Chorbildes D.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A-C, 1- 4, 7- 1o) leicht gedrückte Tonne mit Stichkappen, AR (D, 5-6) verschliffenes Rippengewölbe, im O abgemuldet
Rahmen: A-C Stuckprofil, die Bildfelder sind jeweils in ein größeres, rankengefülltes Stuckfeld eingeschlossen; D Stuckprofil, 1-10 Stuckkartuschen
Technik: Secco; polychrom
Maße:
A Höhe 7,60 m; 1,90 x 2,60
B Höhe 7,60 m; Ø 2
C Höhe 7,60 m; 1,90 x 2,60
D Höhe 6,90 m; 1,90 x 2,70
Erhaltungszustand und Restaurierungen
1860 wurde ein klaffender Spalt am LHs-Gewölbe gekittet, 1862, 1879, 1899/1900 fanden Innenrestaurierungen statt. Schon 1899 wurden die Deckenbilder als übermalt bezeichnet (Gutachten von Haggenmiller, BLfD, Akten Hohenbrunn, 22.5.1899). Vor der Restaurierung 1935/37 durch Max Faltner, Rosenheim, hatten die „Gemälde vom Gewölbe derart schlechte Farben, daß man sie mit der hand entfernen konnte“ (Wenk, S. 117) Nach der Restaurierung wurden die „schreienden Farben“ vom BLfD beanstandet.
1974 war das Gewölbe durch den mehr als 100 Jahre alten Spalt so gefährdet, daß eine Betonüberwölbung vorgenommen wurde. Als vorübergehende Schutzmaßnahme gegen Feuchtigkeit wurden die Deckenbilder im LHs von Ludwig Keilhacker, Taufkirchen/Vils mit einer Lackschicht (Paraloid B 72) und mit Nessel überzogen, die Hohlräume mit Schaumstoff und Holzwolle gepolstert. Die Kunstharzschicht hatte sich so fest mit dem Pigment der Malerei verbunden, daß sie anschließend nur noch teilweise wieder abzulösen war. Letzte Restaurierung der Deckenbilder 1977/78 durch Hans-Heinrich Müller-Werther, Ebersberg. Durch die Schutzmaßnahmen von 1975 sind die Bilder nachgedunkelt, der Firnis ist als spiegelnder Überzug zu erkennen.
Von der ursprünglichen Ausmalung lassen die Chordeckenbilder D und 5-6 die barocke Bildanlage erkennen. Die LHs Bilder A-C, 1-4 und 7-10 sind im Stil des 19.Jh. übermalt (vielleicht im Anschluß an die Gewölberiß-Restaurierung von 1860).
Die Gloriendarstellung des hl. Stephanus (C) und die Embleme 1-4 und 7-10 entsprechen dabei der barocken Ikonologie. Inwieweit die Heiligendarstellung in A thematisch auf das ursprüngliche Bild zurückgeht, ist nicht zu beurteilen.
Die vier Evangelisten-Darstellungen an der Emporenbrüstung wurden 1899/1900 von Maler Bartlme, München, geschaffen, 1935 übertüncht und 1977/78 wieder freigelegt.
Beschreibung und Ikonographie
Die hll. Augustinus und Laurentius, der Apostel Matthias (?) und der Evangelist Markus
Hl.-Geist-Taube
Die Hl. Dreifaltigkeit empfängt des hl. Erzmartyrer Stephanus
Maria Immaculata tritt der Schlange auf den Kopf
Maria Immaculata tritt der Schlange auf den Kopf (Gen 3, 15). Ein ikonographisch ungewöhnliches Motiv ist dabei der geflügelte Putto, der Feuerblitze gegen die Schlange schleudert.
Stephanus-Embleme
Die unverbrüchliche Hoffnung und das feste Vertrauen auf Gott sind Leitmotiv des Hohenbrunner Stephanus Emblemzyklus.
1 Nativo Humore Rubescam
NATIVO HUMORE RUBESCAM
Weinstock in einem Garten. Das Bild mit gleichlautendem Lemma bringt Picinelli für die Martyrer, die durch ihr eigenes rotes Blut ausgezeichnet werden wie der Weinstock durch seinen Saft (Picinelli, s. v. vitis, Kib. 9 Nr. 538).
2 Satiabor cum apparuerit
SATIABOR CUM APPARUERIT
Ein Adler fliegt der aufgehenden Sonne entgegen. Das Lemma folgt dem Psalmvers 16, 15. Das Bild steht für die Gottesverbundenheit des Heiligen (vgl. Picinelli, s. v. aquila, Lib. 4, Nr. 167 mit gleichem Lemma).
3 Alta petit fixo corde
ALTA PETIT FIXO CORDE
Ein Paradiesvogel fliegt unter nächtlichem Himmel mit Mond und Sternen in die Höhe. Der unentwegte Flug des Paradiesvogels, dessen Flugfedern am Herzen befestigt und dessen Flug vom Herzschlag angetrieben wird, ist Bild der Liebe Gottes im Herzen der Heiligen (vgl. Picinelli, s. v. monochodiata, Lib. 4, Nr. 485 mit gleichem Lemma; vgl. die Deutung bei Kemp, S. 212).
4 Nec diffessus nec diffisus
NEC DIFFESSUS NEC DIFFISUS
Ein Schwan schwimmt an einem Gebäude mit Garten vorbei. Das Lemma bezieht sich auf den Schwan, der den Ozean im Flug überquert und dabei weder Kraft noch Zielsicherheit verloren hat. Das Emblem bedeutet den Menschen, der das Meer irdischer Schwierigkeiten meistert in der sicheren Hoffnung auf das Glück im himmlischen Hafen (vgl. Picinelli, s. v. cygnus, Lib. 4, Nr. 328 mit gleichem Lemma).
5 Misericordissima
MISERICORDISSIMA
Ein Pelikan ernährt seine Jungen mit seinem Blut. Das traditionelle eucharistische Symbol ist emblemartig verwendet und weist auf die selbstlose Liebe hin.
6 Constantissima
CONSTANTISSIMA
Pyramide, Bild der Standhaftigkeit (vgl. Picinelli, s. v. pyramis, Lib. 16, Nr. 147, 148 für die unerschütterliche Seele und die Standhaftigkeit). Die von den übrigen Lemmata abweichende Form der Inschriften zu 5 und 6, die sich beide im Chor bei der Immaculata-Darstellung D befinden, ist Hinweis darauf, daß diese Darstellung auf Maria zu beziehen ist.
7 Ut potiar patiar
UT POTIAR PATIAR
Ein Falter versengt sich an der Flamme einer Kerze. Der Schmetterling hat so starke Sehnsucht nach dem Licht, daß er dabei von der Flamme erfaßt und verbrannt wird. Er ist das Bild der Seele, die durch die Flammen des Sühnens (des Fegfeuers) zur Seligkeit gelangt (vgl. Pcinelli, s. v. papilio, Lib. 8, Nr. 263 mit gleichem Lemma und Icon). Hier spielt das Emblem auf das Martyrium an.
8 Mersus emergam
MERSUS EMERGAM
Ein Tauchervogel taucht aus dem Wasser auf. Das Bild ist Hinweis auf den Menschen, der in schwerste Nöte oder Leiden gestürzt, nicht die Hoffnung verliert, daraus wieder emporzutauchen (vgl. Picinelli, s. v. mergus, Lib. 4, Nr. 471 mit gleichem Lemma).
9 Dabit his deus quoque finem
DABIT HIS DEUS QUOQUE FINEM
Die Taube bringt den Ölzweig zur Arche Noe. Dieses biblische Bild bedeutet emblematisch die betrübte Seele, die voller Vertrauen darauf ist, daß ihre Leiden bald enden (vgl. Picinelli, s. v. columba, Lib. 4, Nr. 471 mit gleichem Lemma).
10 Nubila fello
NUBILA FELLO
Aufgehende Sonne. Hauptsinn des Bildes von der aufgehenden Sonne, die Nebel und Wolken auflöst, ist die Erscheinung und die Gegenwart Gottes (oder eines Fürsten) und ihre Wirkung auf negative Kräfte (vgl. Picinelli, s. v. sol, Lib. 1, Nr. 78, 79,80). Hier ist das Emblem wohl auf Stephanus als den ersten christlichen Martyrer (vgl. Act 6-7) und seine Wirkung auf die Sünder zu beziehen.
Bibliographie
- Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 507f.
- Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 625, 628f.
- KDB I OB (1), S. 782.
- Wenk, Johann, Geschichtliche Notizen von Hohenbrunn, Ms. Von ca. 1945 bei der Gemeindeverwaltung Hohenbrunn.
- Dehio-Gall OB, S. 53.
- Kemp, S. 211f.