Hinterholzhausen, Filialkirche Hl. Kreuzauffindung


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 7: Landkreis Erding. Hirmer, München 2001, ISBN 978-3-7774-7830-2, S. 146–153, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

HINTERHOLZHAUSEN

Filialkirche, Pfarrei Wartenberg, Gemeinde Langenpreising, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung war Hinterholzhausen Filiale der Pfarrei Riding. Gericht Erding

Patrozinium: Hl. Kreuzauffindung

Zum Bauwerk: 1752 wurden Visiere und Überschläge für einen Neubau anstelle der baufälligen alten Kirche zur Genehmigung eingereicht. Neubau 1753/54 durch den Erdinger Maurermeister Johann Baptist Lethner und den Zimmermeister Abraham Kirschenhofer. Anfang September 1754 war der Bau soweit fertig, daß er benediziert werden konnte.

LHs zu drei Jochen, gerundete Ecken, Gliederung durch Pilaster auf seichten Wandvorlagen; gleichmäßige Belichtung durch je drei hohe Rundbogenfenster im N und S. Eingezogener AR zu einem Joch mit halbrundem Schluß, Gliederung wie LHs, Belichtung durch vier große Rundbogenfenster Gliederung des Gewölbes durch Stuckleistenfelder mit sehr sparsamen Ornamentmotiven.

Auftraggeber: Johann Caspar Länzl, Pfarrer von Riding (1741–85). Private Stifter der Ausmalung sind anzunehmen.

Autor und Entstehungszeit: Franz Joseph Aiglstorffer (* um 1713 Wartenberg † 1790 Wartenberg) 1754. Signatur in B F. J. Aiglstorffer / Maler in Wartenberg mit Datierung 1754. In Hinterholzhausen haben wir das einzige voll signierte und datierte Fresko des jüngeren Aiglstorffer vor uns, der in den fünfziger Jahren eine sehr erfolgreiche Zeit als Freskant hatte

Die Reihe seiner Freskierungen setzt wohl 1749 mit Niederstraubing ein, es folgte 1752 Salmannskirchen und Hohenpolding, 1753 Holzen (Lkr. Landshut), 1754 Hinterholzhausen 1753/55 Reichenkirchen, 1755 Hecken, 1757 Amelgering und Buch am Erlbach (nicht erhalten). Damit endete die Reihe des erst Vierundvierzigjährigen - aus Gründen, die uns unbekannt sind, wenn auch naheliegt, daß Franz Xaver Zellner, Johann Martin Heigl und Johann Nikolaus Miller ihm aus stilistischen Gründen den Rang abliefen.

Franz Joseph Aiglstorffer war Sohn des Wartenberger Malers Franz Albert Aiglstorffer. Am 26.8.1742 heiratete er die Erdinger Kaufmannstochter Maria Violanta Sistl und wurde Werkstattnachfolger seines 1741 verstorbenen Vaters. Auffallend ist seine große Geübtheit im Schreiben, die auch der Vater hatte. So konnte er das Bildsystem des Vaters mit den vielen Bildern und begleitenden Texten, das in den zwanziger und dreißiger Jahren im Gericht Erding so außerordentlich beliebt war, aufnehmen und fortführen. Die beiden Aiglstorffer malten außerdem Altarblätter und Antependien und führten kleine Maler- und Fassarbeiten aus. Von Franz Joseph Aiglstorffer (signiert) stammt auch das Hochaltarblatt mit der Darstellung der Kreuzauffindung durch die hl. Helena.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs und AR Stichkappentonne, im AR nach O abgemuldet

Rahmen: Stuckprofilrahmen, über den Zwickelfresken kleine bekrönende Ornamentmotive

Technik: Fresko; polychrom

 
A Schlacht an der Milvischen Brücke
 

Maße: A Höhe 8,00 m; 5,00×2,80 B Höhe 8,00 m; 5,00×2,80 C Höhe 7,30 m; 2,20×1,90

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung mit Neufassung der Raumschale 1856 durch den Wartenberger Maler Anton Muschler. Wahrscheinlich wurden damals die Fresken entstellend restauriert. Erst 1910 fand wieder eine Innenrestaurierung statt, mit Trockenlegungsarbeiten und Schließen der Risse, besonders am Chorbogen, wobei dessen Mittelteil einbrach, der nur »aus einer Reihe Ziegelsteine mit nachfolgender Holzkonstruction« bestand. Reparatur des Chorbogens, des Stucks und Restaurierung der Raumschale. Bemalung der Emporenbrüstung 1911 durch Ferdinand Swoboda, Pasing. Gutachten (BLfD) 1978: »Der Raum zeigt eine reiche Ausmalung von Aiglstorfer 1754 mit zahlreichen kleinen Bildern. Sie ist schlecht überarbeitet worden und bedar der sorgfältigen Renovierung«. Letzte Restaurierung in den frühen 80er Jahren durch Johann Eder, Vaterstetten. In der LHs-Decke ist ein durchgehender Riß; kleinere Risse in C und in den Bildfeldern der Stichkappen. Die Farben der Fresken sind frisch, die Inschriften zum Teil bis zur Unleserlichkeit verblaßt.

Beschreibung und Ikonographie

A SCHLACHT AN DER MILVISCHEN BRÜCKE Weite Landschaft, die vom Tiber durchflossen ist. Vorder- und Mittelgrund sind in extremer Aufsicht dargestellt, weit im Hintergrund sieht man Wälder und Berge. Am rechten Tiberufer ist die Stadt Rom gezeigt, ein spielzeugähnliches Ortchen mit Stadtmauer, Tor, Häuschen, Türmen und Kuppel. Im Mittelgrund stürmt von rechts ein Kriegsheer auf den Tiber zu, angeführt von Kaiser Konstantin und einem Feldherrn. Diese haben das Tiberufer erreicht. Vor ihnen bricht die Brücke, und ein berittener König - in dem Konstantins Widersacher, Kaiser Maxentius, zu sehen ist - stürzt in den Fluß. Zwei weitere Krieger werden als Ertrinkende gezeigt. Im Vordergrund Kampfszenen. Am oberen Bildrand umgeben Wolken eine helle Glorie, in der ein Kreuz erscheint. Darüber steht auf einem Schriftband IN HOC SIGNO VINCES.

Konstantin besiegte Maxentius in der Schlacht an der Milvischen Brücke bei Rom im Jahre 312, nachdem er die Weisung befolgt hatte, die er in der voraufgehenden Nacht in einer Vision erhalten hatte, er solle im Zeichen des Kreuzes in die Schlacht ziehen, dann werde er siegen.

Die Darstellung ist von großer Naivität. Sowohl im Aufbau als auch in Details zeigt dieses Bild große Ähnlichkeit mit dem etwa gleichzeitig entstandenen Fresko B in Reichenkirchen. Die beiden Darstellungen gehen wohl auf die gleiche Vorlage zurück.

B DREIFALTIGKEIT UND HEILIGE Himmelsszenerie. Gottvater und Christus halten eine Krone über Maria, die unter ihnen auf Wolken kniet. Über der Krone schwebt die Taube des Heiligen Geistes. Maria hat den linken Fuß auf die Mondsichel und auf die Schlange gesetzt, deren Schwanz sich um die Hl.-Geist-Öffnung ringelt. Unter Maria thronen vier Heilige in Wolken: Links der hl. Petrus mit den Schlüsseln und hinter ihm der hl. Nikolaus mit den drei goldenen Kugeln. Auf der rechten Seite sind der hl. Ulrich von Augsburg mit dem Fisch und außen der hl. Papst Silvester mit dem Stier dargestellt.

Unterschrift auf einem breiten Schriftband unten im Bild: Dein glantz strallet weit und breit, Heiligste Dreifaltigkeit / u. erfreuest die gantze Welt, alle g’schöpf zu hauß und felt / u. auch genießen deiner freudt, künftig in der Ewigkeit.

Die Feste der beiden Heiligen Nikolaus von Myra und Ulrich von Augsburg wurden in Hinterholzhausen feierlich begangen. Über die Kreuzthematik läßt sich zwar zu Ulrich, Petrus und Silvester ein Bezug herstellen: Ulrich errang nach der Legende in der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955 den Sieg, weil ihm ein Engel während der Schlacht ein Kreuz als Feldzeichen gab. Petrus starb am Kreuz und Papst Silvester war nach der Legende bei der Kreuzauffindung anwesend. Möglicherweise handelt es sich aber auch um Namenspatrone von Stiftern der Ausmalung.

 
B Dreifaltigkeit und Heilige

I–4 SZENEN MIT DEN HEILIGEN ANNA UND ANTONIUS Die Nebenbilder an den Gewölbezwickeln des LHs zeigen Szenen mit den Heiligen Anna (N) und Antonius (S). Antonius von Padua war der südliche Seitenaltar geweiht (der nördliche aber hatte die Kreuzerhöhung – exaltatio crucis – zum Patronat). Von einer besonderen Verehrung der hl. Anna in Hinterholzhausen ist nichts bekannt. Die Bilder haben Verse als Inschriften.

1 ST. ANNA ALS PATRONIN DER KRANKEN In einem Bett liegt eine Kranke und richtet Augen und Hände auf die hl. Anna, die in Wolken erscheint. Gnadenstrahlen gehen von ihr aus und fallen auf die Kranke. wol dem der unter disem schutz / sich zeitblich tueth begeben, / er kan alln Ungluckh biethen Trutz, / und sicher drundter leben.

2 ST. ANNA ALS SCHUTZHEILIGE Unter der hl. Anna in Wolken haben sich Bittflehende versammelt: ein vornehmes Paar mit Schriftstücken, ein kranker Mann mit Frau, ein Krüppel und ein Mann mit Stab. Auf alle fallen von der Heiligen aus Gnadenstrahlen. Vil andre auch Bresthafft heilt und Ihnen den gesund / S. Anna Ja ganz unverweilt / ertheilt gleich auf die stund.

3 ANTONIUS ALS BEFREIER DER GEFANGENEN UND WIEDERBRINGER VERLORENER GÜTER Antonius von Padua erscheint in Wolken, darunter sind zwei Männer dargestellt. Einer rechts ist angekettet, hier deutet der Bildschauplatz einen Kerker an. Der zweite links trägt einen schweren Sack, den er offensichtlich aus der geöffneten Schatztruhe vor ihm gefüllt hat. Beide blicken zu Antonius auf. Auf den Gefangenen fällt ein Gnadenstrahl, auf den Dieb richtet der Heilige befehlend seine rechte Hand. Zerbricht alle starckhe band, und ketten / die gfangne aus den keichen (versperrtes Gelaß) tbuet erretten / auch das verlohrne oder gestohlne guett / villen Antonius wider bringen thuet.

4 ANTONIUS ALS KRANKENHEILER Antonius kniet an einem Pult. Über ihm erscheint in einer kleinen Glorie das Jesuskind und daneben ein Putto, der sein Attribut hält.

148 die Lilie. Vor dem Heiligen haben sich Bittflehende versammelt, ein Kranker, ein Blinder und ein Aussätziger mit den Pestglöcklein. Die stumme reden, die Blinde sehn, / die Taube das Ghör bekommen / die Krumme ihren Weeg thun gehn / da spühren alle Frommen.

 

a-f EMBLEME Die Embleme in den Stichkappen des LHs beschäftigen sich mit der hl. Anna (N-Seite, Ba-c) und dem hl. Antonius (S-Seite, Bd-f), den Bildern B1-4 entsprechend. Sie haben keine Lemmata, nur deutsche Unterschriften ben. Wie das Feuer dem Phönix Mittel zum Heil ist, so auch die hl. Anna denen, die auf sie vertrauen.

 
2-4 d-f Antonius-Programm
 
 
 
 
 

Padua bezieht, schildert Picinelli: »Sanctum Antonium Pata vinum, inter eremi horrores commorantem, floris huiu emblemate exornavi, qui spinis circumdatus, epigrapher praeferebat speciosus ex horrido« (Lib. XI, Nr. 141, s. v lilium).

e Sonnenblume, die ihre Blüte nach der Sonne richtet. Wie sich nach den Sonnenstrahlen, / diese Blüte beständig richt, / so hat Antonius niemahlen / von Jesu abgewandt sein Gesicht. Die Sonnenblume ist Bild der Liebe zu Gott

 
 
 
f Polarstern als Wegweiser im Mee

HINTERHOLZHAUSEN

 
C. Kreuz-Fahne

Die Szene der Kreuzesprobe, bei der die drei auf Golgotha gefundenen Kreuze auf einen Kranken (nach anderen Überlieferungen einen Toten) gelegt wurden, der gesund aufstand, als ihn das Kreuz Christi berührte, gilt als der Echtheitsbeweis des Kreuzes.

Ca-g EMBLEMÄHNLICHE DARSTELLUNGEN ZUM KREUZTHEMA Die Nebenbilder im AR beziehen sich auf das Kreuz, dessen Echtheitsbeweis im Hauptbild gezeigt ist. Ihr Sinn wird durch die deutschen gereimten Unterschriften (außer Cd) erläutert. Die Bilder ermahnen, das Leid (= Kreuz) als Christ auf sich zu nehmen (Ca, Cf), dem Kreuz als Heilmittel zu vertrauen (Cb, Cd, Ce) und auf den ewigen Lohn zu hoffen (Cc, Co).

 
Cd Kreuz-Brunnen
 
 
 
 
efeuumranktes Kreuz
 
 

Ca-g Kreuz-Embleme

C. Anker in weiter Landschaft, sein Schaft ist als Kreuz gebildet. Vor dem Schaft ein Herz. Obschon das Kreuz viel Bitterkeit dem Menschen pflegt zu geben / so doch Hoffnung, dass mit der Zeit auch Süßigkeit tueth geben.

Quellen und Literatur

StAM, LRA 147929: Restaurierungen 1856, 1910. StAL, Regierung Landshut A 4086: Neubau 1752/54 mit Visier.

AEM, Pfarrakten Riding: Filiale Hinterholzhausen 1705–1918 Bauten II.

BLfD, Akt Hinterholzhausen, Kirche Hl. Kreuzauffindung.

Schmidtsche Matrikel, Bd 1, S. 502 f.

Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 392

Brenninger, Georg, Von der Romanik zum Barock. Kirchliche Kunst in der Pfarrei Wartenberg, in: Wartenberg und die Wittelsbacher. Festschrift aus Anlaß des Festjahres 1980 in Markt Wartenberg, Wartenberg 1980, S. 117 f.

Brenninger 1980, S. 133–35

Brenninger 1982, S. 112.

Steiner, Peter, Die Kirchen der Pfarrei Wartenberg (= KKF Nr. 906), München-Zürich 31987 (11968).

Dehio 1990, S. 430