Laß, Heiko:Heringen, Schloss, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/2c2b9e9d-01d1-49eb-9e33-f8946bc27a41

Inventarnummer: cbdd10228

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Schloss Heringen diente von 1597 bis 1658 Clara von Schwarzburg-Frankenhausen als Witwensitz. Aus dieser Zeit haben sich zahlreiche hochwertige Malereifragmente in zwei Geschossen erhalten. Sie zeigen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament und stammen aus zwei verschiedenen Ausstattungsphasen.

Schloss Heringen

Kurzbeschreibung und Lage

Schloss Heringen,[1] im Norden der gleichnamigen Ortschaft gelegen, setzt sich aus zwei Gebäuden zusammen, die im rechten Winkel zueinander stehen, dem so genannten Alten und dem so genannten Neuen Schloss.

Bau- und Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Heringen gehörte ursprünglich den Grafen von Hohnstein, kam aber 1439 als Gemeinschaftsbesitz an die Grafen von Schwarzburg sowie die Grafen von Stolberg. 1539 gelang es den Schwarzburgern, durch Verpfändung auch den Stolbergischen Teil zu erlangen. 1568-77 erfolgten Umbauten am Schloss. Von 1574 bis 1599 gehörte Heringen zur kurzlebigen Grafschaft Schwarzburg-Frankenhausen. Ein Stadtbrand 1590 zog auch das Schloss in Mitleidenschaft und das gegenwärtige Ausstehen geht beim Alten Schloss in weiten Teilen auf den folgenden Wiederaufbau zurück. Das so genannte Neue Schloss erhielt sein Aussehen um 1730.

Von 1598 bis 1658 diente Schloss Heringen als Witwensitz für Gräfin Clara von Schwarzburg, geborene Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg. Sie ließ das Schloss im Innern zeitgemäß ausstatten. Die erhaltene Wandmalerei wird ihr zugeschrieben. Sie war gut vernetzt über ihre väterliche Familie, und so kam es, dass Heringen die Zeit des Dreißigjährigen Krieges relativ unbeschadet überstand. Nach ihrem Tod diente das Schloss nicht mehr als beständige Wohnung für ein Mitglied der Landesherrschaft.

Beschreibung

Die rechtwinklig zueinanderstehenden Gebäude des Alten und des Neuen Schlosses unterscheiden sich in äußerer Gestalt und Geschosshöhe. Das Alte Schloss präsentiert sich mit fünf Geschossen unter einem steilen Satteldach sowie runden Ecktürmen mit Glockenhelmen an der Eingangsseite. Ein dritter gleicher Turm steht an der Nordwestecke. Das dreigeschossige Neue Schloss hat ein Mansardwalmdach.

Die erhaltene Wandmalerei befindet sich im Alten Schloss. Es wird von einer Wendeltreppe an der Rückseite vertikal erschlossen. Im ersten und zweiten Obergeschoss befinden sich Räume und ein großer Saal.

Das erste Obergeschoss

 

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das erste Obergeschoss wurde wohl um 1590/1600 ausgestattet. Vermutlich gegen 1650 erfolgte eine Modernisierung. Vor allem im westlichen Raum sind zwei Ausstattungsphasen zu unterscheiden.

Beschreibung

Der westliche und der östliche Raum des ersten Obergeschosses sind aufgrund ihrer Malereifragmente von Interesse. Sie durchmessen beide jeweils die ganze Tiefe des Baus, sind aber nur eine Fensterachse breit. Der Eckturm im Südosten bzw. Nordwesten sind in den jeweiligen Raum integriert.

Die Wandmalereireste im ersten Obergeschoss

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei[2] wird um 1590/1600 datiert. Sie ist nur in geringen Resten überkommen und wurde 2010/11 restaurieret bzw. gesichert.

Beschreibung und Ikonographie

Die Malerei hat sich vor allem in den oberen Wandbereichen und Fensterlaibungen erhalten. Gezeigt werden alttestamentliche Szenen. Diese umspannten wohl ehemals den gesamten östlichen Raum, sind aber heute bis auf geringe Reste verloren.

So erblickt man an der Ostwand zwei Darstellungen. Die linke zeigt Joseph und seine Brüder bei ihrer Ankunft in Ägypten.[3] Während Joseph rechts zwei Stufen erhöht steht, kommen von links seine Brüder. Der vorderste von ihnen ist auf die Knie gefallen. Im Hintergrund geht der Blick über eine Balustrade in eine Landschaft. Die Malerei ist stark beschädigt und kaum zu erkennen.

Das rechte Bild[4] an der Westwand zeigt eine Episode aus dem Buch Esther, in der Mordechai den Kniefall vor Haman verweigert. Die Malere ist kaum mehr zu erkennen.

An der Südseite ist in einer der Fensterlaibungen der Brudermors Kains an Abel dargestellt.[5] Auch diese Malerei ist beschädigt, doch kann man im Bildmittelgrund gut erkennen, wie der Rauch von Abels Opferaltar zum Himmel aufsteigt während der Kains am Boden bleibt sowie im Bildvordergrund den darob erbosten Kain, der mit einem hoch erhobenen Stab den bereits am Boden liegenden Abel erschlägt.

Im Scheitel des Sturzes[5] hat sich der Rest eines Medaillons mit Wappen erhalten. In der erhaltenen Grisaillemalerei rechts erkennt man eine Dudelsack spielende Ziege.

Auch im westlichen gelegenen Raum hat sich die Malerei eines Fenstersturzes erhalten. Hier ist das zentrale Medaillon mit einer weitgehend unkenntlichen Darstellung im Sturz von polychromem Rankenwerk umgeben.

Das Wandmalereifragment im Südostturm

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Einer späteren Ausstattungsphase gehört die Wandmalerei[6] im Südostturm an. Sie wird um 1650 datiert und damit in die letzten Lebensjahre der Clara. Vom Stil her könnte der Maler auch Seivert Lammers sein. Doch dann müsste die Malerei aus dem letzten Drittel des Jahrhunderts stammen. Da für diese Zeit keine herrschaftliche Nutzung von Schloss Heringen bekannt ist, erfolgt die Frühdatierung.

Beschreibung und Ikonographie

Erhalten hat sich nur ein schmaler Bildstreifen oberhalb der ehemals abgehängten Decke. Im Gegensatz zur älteren Malerei des Raumes handelte es sich nicht um eine kleinformatige Gemälde im fingierten Rahmen, sondern um eine Wandfüllende Malerei, die die ganze Turminnenwand einnahm. Sie war auch nicht polychrom, sondern monochrom grau in grau gehalten. Zu sehen ist der lorbeerumkränzter Kopf eines Mannes umgeben von Blattwerk. Die Malerei gleicht jener im Südostturm des zweiten Obergeschosses.

Der große Saal im zweiten Obergeschoss

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Der Saal[7] ist vermutlich im Rahmen der Umbaumaßnahmen von 1568 bis 1577 entstanden und wurde wahrscheinlich um 1590/1600 ausgestattet. Wohl gegen 1650 erfolgte eine Modernisierung.

Beschreibung

Der Raum nimmt das ganze Geschoss ein und misst 20,5 auf 12,5 Meter. Die Decke ist zwar am Dachstuhl aufgehängt, benötigt aber dennoch Unterzüge und Stützen, die um 1600 hinzukamen. Der Eingang erfolgt von Norden direkt von der Wendeltreppe her.

Die Wandmalereireste im zweiten Obergeschoss

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die erhaltene Malerei[8] wird weitgehend auf ca. 1590/1600 sowie in der Turmnische ca. 1650 datiert. Sie wurde auf einer weißen Kalktünche auf dem geglätteten, sehr festen weißen Gipsputz aufgetragen und zwischen 2010 und 2012 gereinigt, gesichert und teilweise retuschiert.

Beschreibung und Ikonographie

Alle Fensternischen hatten ursprünglich eine 20 Zentimeter breite Rahmung mit einer oxidroten Begrenzungslinie. An den Wänden haben sich geringe Malereifragmente erhalten. Der obere Abschluss zur Decke zeigt an der westlichen Nordwand Reste eines gemalten Gesimses, das wahrscheinlich um den ganzen Raum herumführte. An ihm sind Lorbeerfestons und Lorbeerkränze befestigt. Über dem Fenster kann man zwischen den Girlanden Figuren erkennen, die sich dort niedergelassen haben. Links neben der Eingangstür an der Nordwand hat sich in einem Kranz der Rest einer Inschrift erhalten, deren Sinn aufgrund der Verluste nicht mehr bestimmt werden kann.[9] Über der Tür selbst ist eine gemalte Architekturgliederung mit Dreiecksgiebel und Diamantquadern erhalten. Über der Fensternische an der Westwand hat sich ebenfalls ein Malereirest erhalten, der dem der Nordwand weitgehend entspricht, Girlanden und Figuren jedoch variiert. An der westlichen Südwand befinden sich weitere Malereifragmente.

Die Wandmalerei im Südostturm

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei[10] im Südostturm unterscheidet sich von der des übrigen Raumes und stammt vermutlich von 1650. Sie gehört damit einer späteren Ausstattungsphase an und gleicht jener in der Turmnische des ersten Obergeschosses. Die Kalkmalerei wurde auf einen geglätteten weißen Gipsputz und einer Kalktünche aufgetragen und 2010/11 gesichert und restauriert.

Beschreibung und Ikonographie

Die gesamte Turminnenwand wird noch heute weitgehend von der Malerei eingenommen. Sie zeigt Christus am Jakobsbrunnen zusammen mit der Samariterin und ist monochrom in Rot- und Ockertönen gehalten. Die Höhungen erfolgen in Weiß, die Konturen teilweise in Schwarz. Das Bild wird oben von einem Band mit Akanthusranken und abschließenden gemalten Zahnschnittfries begrenzt. Auch unten befindet sich ein Band mit Akanthusranken.

Christus sitzt am Brunnenrand und hat segnend seine Hand gegen die sich nahende Samariterin erhoben. Hinter Christus öffnet sich ein Torbogen, der seinen Körper effektvoll rahmt. Die Figur der Samariterin ist nur sehr fragmentarisch erhalten. Man erkennt einige Locken, ihren Hut und den Wasserkrug, mit dem sie Christus zu trinken geben soll.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Bettge, Heringen, 2010. – Bettge, Mark: Bauforschung am Schloss Heringen an der Helme. In: Beiträge zur Geschichte aus Stadt und Kreis Nordhausen 35 (2010), S. 42-53.
  • Dehio, Thüringen, 2003. – Dehio, Georg: Thüringen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Stephanie Eißing und Franz Jäger. 2. Aufl. München/Berlin 2003.
  • Heß, Staatsbehörden, 1994. – Heß, Ulrich: Geschichte der Staatsbehörden in Schwarzburg-Rudolstadt. Jena 1994.
  • Hiller, Heringen, 1927. – Hiller, Hermann: Geschichte der Stadt Heringen an der Helme. Nordhausen 1927.
  • Kuhlbrodt, Clara, 2009. – Kuhlbrodt, Peter: Clara von Schwarzburg. Eine geborene Herzogin von Braunschweig-Lüneburg in Heringen (Helme). 2 Bde. Heringen-Nordhausen 2009.
  • Quellen:
  • Rohr, Harz, 1736. – Rohr, Julius Bernhard von: Merckwürdigkeiten des Vor- oder Unter- Hartzes. Frankfurt/Leipzig 1736.
  • Archivalien:
  • Coreon, Heringen, 2011. – Schloss Heringen. Dokumentation von Restaurierungen der Wandmalerei im Innenraum. Restaurierungsatelier Coreon. Dezember 2011.
  • Pohl, Heringen, 2012. – Antje Pohl: Dokumentation der restauratorischen Bearbeitung des Wandgemäldes im 2. Obergeschoss des S/O-Turms des Alten Schlosses Heringen. März 2012.
  • Pohl, Heringen, 2013. – Dokumentation der restauratorischen Bearbeitung der westlichen Fensternische der Südwand und der Malerei am Pfeiler vor der Nordwand im Säulensaal im 2. Obergeschoss des Alten Schlosses in Heringen. Diplom-Restauratorin Antje Pohl. Februar 2013.
  • Pohl, Heringen, 2015. – Dokumentation der restauratorischen Bearbeitung der westlichen Fensternische der Nordwand im Säulensaal im 2. Obergeschoss des Alten Schlosses in Heringen. Diplomrestauratorin Antje Pohl. Januar 2015.

Einzelnachweise

  1. Bettge, Heringen, 2010; Dehio, Thüringen, 2003, S. 599-600; Heß, Staatsbehörden, 1994, S. 146; Rohr, Harz, 1736, S. 285.
  2. Coreon, Heringen, 2011.
  3. Coreon, Heringen, 201,. S. 16
  4. Coreon, Heringen, 2011, S. 16
  5. 5,0 5,1 Coreon, Heringen, 2011, S. 40.
  6. Coreon, Heringen, 2011, S. 26.
  7. Pohl, Heringen, 2013, S. 4
  8. Coreon, Heringen, 2011, S. 53; Pohl, Heringen, 2012, S. 4; Pohl, Heringen, 2013, S. 4-6.
  9. „Der Ist [...] / Geschickter [...] der / Reichtumh [...] an / Mit gott und ehr [...] noch hort / Dar Beh [...] o [...] sorgfelitg / Sey und [...] sehe wie s [...] rs gut / be [...] de [...] srs habe / W [...]“.
  10. Coreon, Heringen, 2011, S. 66; Pohl, Heringen, 2012.