Heinrichsruh, Herrenhaus
Inventarnummer: cbdd10530
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Das ehemals reich ausgestattete Herrenhaus Heinrichsruh ist ein regional bedeutendes Kunstdenkmal der Gutsarchitektur und populäres Zeugnis der Geschichte der Ückermünder Heide, in der das Andenken an die Verdienste des Henrici um die Besiedelung und Industrialisierung dieses Raumes heute fortlebt.

Lage, Entstehungs-, Bau- und Ausstattungsgeschichte
Lage
„Garten und Herrenhaus liegen südlich der etwa in Ost-West-Richtung verlaufenden Dorfstraße, [circa] 200m zurückgesetzt und sind über eine mit alten Kastanien und Linden gesäumte Allee zu erreichen. Der Weg endet in der cour d`honneur, einem Rondell, dessen Eiben ehemals beschnitten waren. Herrenhaus und Seitenflügel nehmen in ihrer Ausdehnung fast die gesamte Breite des Grundstücks ein.“[1]
Entstehungs-, Bau- und Ausstattungsgeschichte
„Ungünstige naturräumliche Voraussetzungen einerseits, wie auch die historische Grenzlage zu Mecklenburg und Brandenburg und Entvölkerungen in Folge des 30jährigen Krieges (1618–1648) andererseits, hatten dazu geführt, daß dieser Landstrich zu Beginn des 18. Jahrhunderts kaum besiedelt war. [...] Erst als Südvorpommern (südlich der Peene) infolge der Nordischen Kriege 1720 unter preußische Administration kam [...] begann durch kluge Förderung des preußischen Staates und unendliche Mühen vor Ort ein Aufschwung [...].“[2]
„Nachdem 1723 in Stettin die Kriegs- und Domänenkammer errichtet und damit die Verwaltung Pommerns vereinheitlicht und der preußischen angeglichen wurde, setzte König Friedrich Wilhelm I. gegen alle Partikularinteressen die Generalverpachtung ganzer Ämter anstelle der Einzelpacht in Vorpommern durch [...]. Im Jahre 1726 pachtete Christoph Ludwig Henrici von der Krone die Ämter Ueckermünde und Torgelow.“[2] Er bemühte sich um die Urbarmachung des Landes, warb Kolonisten an und mit der Anlage einer Glashütte gelang ihm die Etablierung eines zunächst erfolgreichen Industriezweiges.
„Als Anerkennung seiner Leistungen wurde Chr. L. Henrici 1736 zum Kriegs- und Domänenrat der pommerschen Kammer in Stettin ernannt. Mit der Gründung des Amtes Königsholland im Jahre 1737 wird für das neu gewonnene Siedlungsland und die darin liegenden Dörfer eine selbständige Verwaltungseinheit errichtet [...].[3]
Aus Krankheitsgründen musste sich Henrici aus der aktiven Politik zurückziehen und ließ inmitten des von ihm geschaffenen neuen Siedlungsgebietes seinen Alterssitz errichten. Das Herrenhaus errichtete man im Zeitraum von 1750–1752.[4] Eine prachtvolle Innenausstattung zierte die Räumlichkeiten, von denen sich Reste im Gartensaal des Erdgeschosses sowie im Theatersaal im 1. Obergeschoss erhalten haben.
Nach dem Tod des Auftraggebers 1758 übernahm sein Sohn August Ludwig den Gutsbetrieb. „Die wirtschaftliche Grundlage des Gutes lag ursprünglich entsprechend der merkantilistischen Bestrebungen im preußischen Königreich in einer Manufaktur zur Glasherstellung. Nach deren Schließung 1769 war das Gut dann auf die Einkünfte aus der kargen Landwirtschaft angewiesen.“[5] Herrenhaus und Gut verblieben allerdings bis zum Tod der Witwe von August Ludwig Henrici 1827 im Besitz der Familie.
Es folgten mehrere Besitzerwechsel und eine dementsprechend wechselvolle Umfunktionierung des Herrenhauses.[6] 1997 kaufte der Verein „Denkmalpflegezentrum e.V.“ das Gebäude.[7] Mit großer Eigeninitiative und hohem Engagement sanierte man das Haus und führte es als „Vorpommersches Künstlerhaus“[7] einer neuen, kulturellen Bestimmung zu.
Das Bauwerk
Das Hauptgebäude der dreiflügeligen Anlage ist ein Fachwerkbau mit flachem Sockel aus Mischmauerwerk. Über der 11-achsigen Wandung sitzt ein Mansarddach mit 2 Kaminen, das dem Bauwerk eine in sich geschlossene und gelagerte Erscheinung gibt. Innerhalb dieser baulichen Kompaktheit ist auf der Hofseite eine optisch wenig aufdringliche, aber dennoch fein ausdifferenzierte Fassadengestaltung ersichtlich. Der gesamte Baukörper ist symmetrisch angelegt und unter Berücksichtigung der Fachwerkstruktur werden die drei Mittelachsen um eine Balkenbreite vorgezogen, so dass sich eine dementsprechende Betonung des Eingangsbereiches ergibt, der sich nicht im Dachbereich fortsetzt.
Die gliedernde Einteilung der Seitenteile erfolgt jeweils durch vier große Kreuzstockfenster.
Wand- und Dachbereich sind gestalterisch miteinander verzahnt, indem sich die fünf Gaubenfenster gleichmäßig von der Mitte aus verteilen, womit die Grundidee der symmetrischen Fassadenanlage sich noch verstärkt.
Die Gartenseite weist im Unterschied zur Hofseite nur neun Fensterachsen auf. Aber auch hier bleibt das symmetrische Konzept gewahrt, indem man einen vorspringenden Risalit ausbildete, der sich markant im Dachbereich fortsetzt.
Der Auftraggeber: Christoph Ludwig Henrici (1699–1758)
Das Herrenhaus in Heinrichsruh gab Christoph Ludwig Henrici (1699–1758) in Auftrag. Ab 1726 war er Generalpächter und Domänenrat des 1736 etablierten Königsholland, dem es oblag, das dünn besiedelte Land urbar zu machen, Kolonisten anzuwerben und durch Gründung von Glasmanufakturen in wirtschaftliche Rentabilität zu führen. Sein systematisch begonnenes Kolonisationswerk war finanziell immerhin so ertrag- und erfolgreich, dass es zur Anlage des Herrenhauses und den dazu gehörigen Gebäuden eines Gutsbetriebes ausreichte.
Der Anlass zur Errichtung des Herrenhauses war indes weniger erfreulich, denn aufgrund eines schweren Augenleidens war Henrici gezwungen, seine politischen Tätigkeiten ganz aufzugeben und das bestehende Pachtverhältnis seinen beiden Söhnen zu übertragen.[8]
So diente Heinrichsruh mit seiner sprachlichen Anspielung auf den Ruhesitz des alten Henrici (Heinrich) als seine Altersresidenz, dem eine Gartenanlage im französischen Stil angeschlossen war, die ihm erholsame Stunden in der Natur bieten konnte.
Der Künstler: unbekannt
Für die Innenausstattung der Räumlichkeiten ist archivalisch bisher kein Künstler fassbar.
Der Gartensaal
Der fast quadratisch, also zentral wirkende Gartensaal im Erdgeschoss weist mit einer Erstreckung von 7,4m in der Längsachse und 9,1m in der Querachse hingegen faktisch einen querrechteckigen Grundriß auf. Mit einer Höhe von 3,65m zeigt sich deren „nüchterne [...] und zweckvolle [...] Klarheit, jedoch ohne Ermangelung einer Eleganz in Raumproportion und Ausstattung.“[9]
Der Gartensaal ist von drei Seiten begehbar, vom Vestibül an der Nordseite und von den beiden benachbarten Räumen im Westen und Osten aus. Drei große Fenster an der südlichen Gartenseite belichten den Raum.
In der nordwestlichen Ecke befindet sich ein Ofen, auf der nordöstlichen Seite ein Kamin.
Nordwestliche Ofenwand: Dekor mit Blumengirlande
In der Nordwestecke des Raumes steht an der Schrägwand ein mit drei Seiten dreidimensional in den Raum vorkragender Ofen. Auf der blauen Rückwand sind in Blautönen gehaltene Dekormotive angebracht, die auf die blau-weiße Farbgebung des Ofens Bezug nehmen. Dieser wird von einer annähernd halbkreisförmigen, gemuldeten Spange übergriffen, die perforiert ist und an den beiden Enden mit einer Schnecke abschließt. Von hier aus entwickeln sich dünne C-Bögen, an denen weitere Stäbe angehakt sind.
Diese Stäbe bilden zusammen ein Gerüst, an dem eine lange, den Ofen umrankende Blumengirlande hängt, die in der Spangenmitte ihr florales Zentrum ausbildet.
Nordöstliche Kaminwand: Dekor mit Blumengirlande
An der schrägen Kaminwand werden dieselben Dekormotive verwendet wie an der gegenüber liegenden Ofenwand. Identisch ist ebenso ihr kompositioneller Aufbau und Farbgebung (siehe dortige Beschreibung).
Wandmalerei: Spectaculum vanitatis (2001–2002)
Alle vier Wände des Gartensaales umzieht eine Ansammlung verschiedener Figuren, die alle Teilnehmer eines Maskenballes sind. Das mit ,Spectaclum vanitatis‘ betitelte Werk zeigt „das Spiel der Eitelkeiten und Vergänglichkeit.“[10] „Gaukler, Händler, Possenreißer, üppige Damen und auch der maskierte Tod geben sich ein Stelldichein.“[10]
Diese modernen Wandbilder malte Claudia Hauptmann. Die Vorzeichnungen legte sie 2001 an,[11] 2002 war der Zyklus vollendet. In den Darstellungen sind mehrere Referenzen auf kunstgeschichtlich bedeutende Maler des 20. Jahrhunderts (Beckmann, Grosz, Dix) wie auch auf den Renaissance-Maler Mantegna (Scheitelbild als Anspielung auf Mantua, Herzogspalast, Camera degli Sposi) zu erkennen.
Deckenmalerei: Dekorband
Über der zur Decke überleitenden Hohlkehle sind wenige Fragmente einer ehemaligen Deckenbemalung zu sehen. An den noch sichtbaren Resten kann man auf ein mehrteiliges Dekorband schließen, das am Deckenanfang eine massive Kordel ausbildet, die von dünnlinigen Dekorleisten begleitet wird.
Der Theatersaal im 1. Obergeschoss
Der querrechteckige Raum mit einer Länge von 7,4m, einer Breite von 9,1m und einer Höhe von 3,3m ist mit zwei Kaminen an der NO- und NW-Seite bestückt. Der Raum wird von drei großen Fenstern an der Südseite belichtet. Der Zugang zum Saal erfolgt vom nördlich gelegenen Treppenhaus aus.
Nordwestliche Wandmalerei über dem Kamin: Schäferszene (Pastorale)
Über dem Abschlussgesims der grau-braunen Kaminfassung ist ein längsrechteckiges Bild angebracht, das von einfachen Blumenranken umrahmt wird.
Der Bildhintergrund zeigt eine Landschaft, die von links nach rechts ihren Charakter von dicht geschlossen (Baumbestand, Architektur) zu offen mit einem Blick über einen See abwechslungsreich ändert. In diese Landschaft sind insgesamt vier Personen integriert. In der Bildmitte sitzen zwei Frauen, von denen die Vordere einen voluminös gebauschtem blauen Rock trägt, während die Kleidung der Hinteren eher durch ihr offenes Dekolleté auffällt. Die vorne Sitzende hält einen Hirtenstab in ihrer rechten Hand und fixiert eindringlich den Betrachter, der Blick ihrer Nachbarin ist ganz auf sie gerichtet.
Diesem Frauenpaar nähert sich von der rechten Seite mit gebührendem Abstand ein Mann mit Perücke, rotem Gehrock und blauer Hose, der aus taktvollem Anstand seinen Hut abgenommen hat und sich gerade anschickt, bei den Damen einzuführen.
Auf der linken Seite steht ein Musiker in brauner Kleidung und mit Hut, der eine Querflöte spielt und die Ankunft des Mannes beobachtet. Hinter dem Musikus ist auf der einen Seite eine mit Arkaden geöffnete Architektur, eine Maison de plaisance, zu sehen, auf der anderen Seite, im Rücken der beiden Damen, eine Schafherde.
Berechtigterweise ist diese Szenerie als „Schäferszene“[12] bestimmt worden. In der Darstellung hat sich der Maler ein kleines Scherzchen erlaubt, indem er den Hirtenhund durch ein am Boden kauerndes und verschreckt zur Schafherde schauendes Schoßhündchen ersetzte, das zudem unter dem Rock seiner Herrin Schutz sucht.
Nordöstliche Wandmalerei über der Kaminwand: Gitarrenspielerin und Spaziergänger
In einer sehr wechselvollen Landschaft sind zwei Paare zu sehen. Auf der linken Seite sitzt eine Gitarre spielende Frau im roten Rock, blauer Jacke mit Ausschnitt und Halskrause. Die von ihr gezupfte Musik entlockt ihr ein befriedigendes Lächeln. Neben und unter ihr sitzt ihr männlicher Begleiter mit weißen Strümpfen, blauem Überwurf und schwarzen Schuhen mit roten Schnallen. Mit seiner linken Hand deutet er auf eine umgestürzte längliche Platte vor ihm.
Deren Spiel- und Rastplatz ist motivisch angereichert mit einem nicht mehr ganz funktionstüchtigen Holzzaun, einer Quadermauer und einer (wegen des schlechten Erhaltungszustandes) nicht leicht bestimmbaren, aber möglicherweise erschließ- und deutbaren nackten Figur, die eine Gartenskulptur darzustellen scheint.
Dieser stimmungsvolle Hag wird gestalterisch von zwei V-förmig auseinander strebenden Bäumen begrenzt und eröffnet gleichzeitig den Blick auf ein weiteres Paar, das vor einer sich weitenden Seelandschaft spazierengeht. Beide sind sich einander sehr liebevoll zugetan, was sowohl ihre Körpersprache (Haltungs-Echo der Beine) als auch ihr intensiver Blickaustausch verrät. Das Mädchen trägt einen Korb in ihrer rechten Hand, mit der anderen hat sie sich bei ihrem Begleiter untergehakt, der zwei kleine Blümchen in den Händen hält, vielleicht, so darf vermutet werden, Veilchen, die er seiner Verehrten als Liebessymbol überreichen wird.
Die beiden miteinander Turtelnden sind so in sich vertieft, dass sie ahnungslos auf einen obeliskähnlichen Steinpfeiler zulaufen, der bereits zerfallen und mit Pflanzen überwuchert ist.N
Programm und Synthese (1. OG): Heinrichsruh als vorpommersches Arkadien
Eine Programmschrift zu den beiden Kaminbildern hat sich nicht erhalten, falls es sie denn jemals gegeben hat. Dennoch kann man von einer sehr bewussten Themenbesprechung von Seiten des Auftraggebers ausgehen, weil die dargestellten Inhalte in ihrer Entstehungszeit ikonographisch präsent und beliebt waren.
Der ikonographische Bewusstseinsgrad ermisst sich u.a. daran, dass in den beiden Kaminbildern zwei unterschiedliche Gesellschaftsschichten einander gegenübergestellt werden. Mit der Schäferszene oder Pastorale werden ideale Vorstellungsweisen der höfisch-adeligen Welt verbildlicht, die im Gegensatz zum Gemälde mit der Gitarrenspielerin und den Spaziergängern ein bürgerliches, auf keinen Fall ein bäuerliches Milieu andeuten.
Beiden gemeinsam hingegen ist, dass die jeweiligen Szenarien sich in einer idyllischen Landschaft abspielen, womit dieser eine symbolische Funktion als Ausdrucksträger zuwächst.
In der Schäferszene (Pastorale)[13] begab sich der Adel des 18. Jahrhunderts ganz bewusst in die Rolle einer sozial niederen Schicht, um das (scheinbar) einfache Leben auf dem Land nachzuspielen, ohne es tatsächlich nachzuleben. Dieses höfische Plaisir, auf gekünstelte Weise die rustikale Lebensweise von Schäfern zu imitieren und idealisieren, decouvriert eine vorherrschende Gesellschaftskultur, die das dringende Bedürfnis verspürte, den sozialen Realitäten zu entfliehen und das menschliche Glück in ländlicher Ruhe zu suchen.
Diese im 18. Jahrhundert sehr beliebten Schäferszenen lassen sich letztendlich aus der antiken Dichtung (u.a. Vergil, Bucolia) ableiten, die in der Renaissance und Frühen Neuzeit einen enormen Aufschwung erlebten und im Entstehungszeitraum der Kaminbilder als utopisches Gegenmodell zur herrschenden Gesellschaftskultur interpretiert werden kann.[14]
Das poetische Arkadien der Antike konnte auch hier in der waldreichen Landschaft von Heinrichsruh seine Entsprechung finden.
Dieser höfisch-adeligen Utopie auf dem Kaminbild ist auf der Gegenseite die bürgerliche Illusion der Liebe zugesellt, die auch nur die kleine Schwester der menschlichen Selbst-Täuschung zu sein scheint.
Illustriert wird dies am Beispiel der beiden Liebespaare, die sich in einer idyllischen Landschaft aufhalten. Deren auf den ersten Blick allerdings sehr harmonischer und freudig-fröhlicher Gemütszustand wird mit Hilfe der im Bild anwesenden Symbole allerdings erheblich relativiert.
Das Musikinstrument der Gitarrenspielerin kann generell für Harmonie stehen, womit das einvernehmliche Zusammensein mit ihrem Galan angedeutet wäre.[15] Gleichzeitig weist die Gitarre auch auf damit verbundene „weltliche Freuden“[16] hin. Mit einem moralischen Unterton belegt, steht sie sogar für „oberflächliche und sinnlose Beschäftigung.“[17] Der Gitarre ist zusätzlich eine erotische Komponente eigen, weil sie auch auf die Sinneslust verweisen kann.[18] So verwundert es nicht, daß die Gitarre „zur Musik im Umkreis der Göttin Aphrodite/Venus gehört,“[19] ein Umstand, der in der nackten Gartenskulptur alludiert sein könnte.[20]
Dass diese erotisch aufgeladene Verliebtheit oft nur kurz von kurzer Dauer und brüchig ist, deutet der Holzzaun an, von dem ein Längsbalken aus der Halterung gefallen ist, was seine ursprüngliche Funktionstätigkeit erheblich einschränkt.
Diese verdinglichte Zerbrechlichkeit, die der möglichen Zerbrechlichkeit der Gefühlslage des Paares entspricht, wiederholt sich auf symbolisch andere Weise auch bei den Spaziergängern. Ineinander verliebt und nur einander zugetan, gehen sie, blind vor Liebe, auf einen Steinobelisk zu, der in seinem zerfallen Zustand allgemein auf die Hinfälligkeit alles menschlich Bestehenden, also auch der menschlichen Gefühle, hinweist.
In den beiden Kaminbildern scheinen damals hochaktuelle Themen ihre jeweilige Darstellung gefunden zu haben. Einerseits die Sehnsucht nach einem idyllischen Rückzugsort der höfischen Gesellschaft, deren Vorstellungen vom antiken Topos einer arkadischen, einer ursprünglich glücklichen Lebenswelt inspiriert war. Als utopisches Gegenmodell zu den, jeden Tag erlebten Bedingungen einer absolutistischen Gesellschaftsordnung hatten die versinnbildlichten kleinen Fluchten des Adels zur Ausstattungszeit gerade Konjunktur.
Heinrichsruh als vorpommersches Arkadien ist hierbei der eine Gedanken-Strang. Der andere greift die damals moderne Diskussion um die Aufwertung des menschlichen Gefühls auf, eine Betrachtungsweise, die mit „der Kategorie des moralischen Gefühls in der Ethik“[21] eng verbunden war. So sollte das Bild mit den zwei bürgerlichen Paaren eine stete Erinnerung an die lebensbejahende Gefühlslage jedes menschlichen Wesens sein. Gleichzeitig war es als Ermahnung gedacht, sich der Fragilität dieser Emotionen gewahr zu werden und aufgrund dieses wissenden Basisgefühls im alltäglichen Miteinander eine moralisch integere, tugendsame Lebensweise zu pflegen.
Restaurierungen
„Das Wohngebäude wurde letztmalig 1911 instandgesetzt. Seit Ende des 2. Weltkrieges sind keine erwähnenswerten Erhaltungsarbeiten durchgeführt worden.“[22]
Die grundsätzliche Restaurierung und allernotwendigste Sanierung des seit 1982 leerstehenden Gebäudes mit Innenausstattung setzte 1997 ein, als der „Verein Denkmalpflegezentrum e.V. Erbpächter von Herrenhaus und Barockgarten“[7] wurde. „Mit der denkmalpflegerischen Instandsetzung des von echtem Hausschwamm schwer geschädigten Herrenhauses wurde 1998 durch das Denkmalpflegezentrum begonnen. In zwei Jahren intensiver Bautätigkeit wurde das Fachwerk wieder [hergerichtet] und mehr als 100 m3 [Kubikmeter] Holz und unzählige alte Mauer- und Dachsteine in dem Gebäude verbaut.“[7]
Die Restaurierung der Wandmalereien im EG und 1. OG, technisch gesehen eine ölhaltige, leimgebundene Tempera-Malerei,[23] übernahm 2001–2002 Helfried Weidner aus Halle.[24]
Bibliographie
- Bauer/Rupprecht, Corpus, Band 1, 1976 — Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1, München 1976
- Bauer/Büttner/Rupprecht, Corpus, Band 9, 2003 — Bauer, Hermann/Büttner, Frank/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 9, München 2009
- Kemper, Gefühl, 2001 — Kemper, Dirk: Gefühl, in: Schneiders, Werner (Hg.): Lexikon der Aufklärung, München 2001
- Kretschmer, Lexikon, 2008 — Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart 2008
- Lange, Heinrichsruh, 2001 — Lange, Roland: Herrenhaus und Barockgarten Heinrichsruh (=Badstübner-Gröger, Sibylle (Hg.): Schlösser und Herrenhäuser im Land Mecklenburg-Vorpommern), Berlin 2001
- Lübbecke, Musikdarstellungen, 1993 — Lübbecke, Isolde: Bemerkungen zu Musikdarstellungen in der bildenden Kunst des 16. Jahrhunderts, in: Eikelmann, Renate (Hg.): „lautenschlagen lernen und ieben.“ Die Fugger und die Musik. Anton Fugger zum 500. Geburtstag (=Ausstellung der Städtischen Kunstsammlungen Augsburg, 10. Juni bis 8. August 1993), Augsburg 1993, S. 71–88
- o.A., Schäferszene, Band 4, 1981 — o.A.: Schäferszene, in: Alscher, Ludolf u.a. (Hgg.): Lexikon der Kunst, Band 4: Q–S, Berlin 1981
- Vignau-Wilberg, Musica, 1999 — Vignau-Wilberg, Thea: O Musica Du Edle Kunst. Musik und Tanz im 16. Jahrhundert. [...], München 1999
- Wappenschmidt, Arkadien, 1990 — Wappenschmidt, Friederike: Der Traum von Arkadien. Leben, Lieben, Licht und Farbe in Europas Lustschlössern, München 1990
Einzelnachweise
- ↑ Lange, Heinrichsruh, 2001, S. 4. Adresse: 17379 Heinrichsruh, Dorfstraße 22.
- ↑ 2,0 2,1 Lange, Heinrichsruh, 2001, S. 1.
- ↑ Lange, Heinrichsruh, 2001, S. 1–2.
- ↑ Die Baudaten differieren, hier nach: Lange, Heinrichsruh, 2001.
- ↑ Lange, Heinrichsruh, 2001, S. 6–7.
- ↑ Schwerin, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (im Folgenden: LKD): Heinrichsruh: Mappen 01–04, hier 03: Wilhelm, Dornröschenschlaf, Haff-Zeitung, 12.3.1998, o.S.; Lange, Heinrichsruh, 2001, S. 3–4.
- ↑ 7,0 7,1 7,2 7,3 Lange, Heinrichsruh, 2001, S. 21.
- ↑ Schwerin, LKD: Heinrichsruh: Mappen 01–04, hier 02, 03: Denkmalpflegezentrum, Projektbeschreibung, S. 2.
- ↑ Schwerin, LKD: Heinrichsruh: Mappen 01–04, hier 02, 03: Lange, Zielsetzung, S. 2.
- ↑ 10,0 10,1 Schwerin, LKD: Heinrichsruh, Mappen 01–04, hier 04: Ernst, Gaukler, MVKZ 6.10.2002, o.S.
- ↑ Abb. in: Lange, Heinrichsruh, 2001, S. 11–13.
- ↑ Lange, Heinrichsruh, 2001, S. 13.
- ↑ o.A., Schäferszenen, Band 4, 1981, S. 329.
- ↑ Wappenschmidt, Arkadien, 1990.
- ↑ Lübbecke, Musikdarstellungen, 1993, S. 71–88, bes. S. 77.
- ↑ Bauer/Büttner/Rupprecht, Corpus, Band 9, 2003, S. 110.
- ↑ Bauer/Büttner/Rupprecht, Corpus, Band 9, 2003, S. 201.
- ↑ Bauer/Rupprecht, Corpus, Band 1, 1976, S. 409. Bei Musikdarstellungen sind zwei Grundfunktionen zu unterscheiden: seelische Erhebung oder sinnliche Entfesselung: Vignau-Wilberg, Musica, 1999, S. 156.
- ↑ Kretschmer, Lexikon, 2008, S. 258.
- ↑ Die „Musik war in das gesamte Weltbild eingebunden und dem Planeten Venus, demzufolge auch der antiken Gottheit, zugeordnet.“, in: Lübbecke, Musikdarstellungen, 1993, S. 71.
- ↑ Kemper, Gefühl, 2001, S. 145.
- ↑ Schwerin, LKD: Heinrichsruh: Mappen 01–04, hier 02, 03: Denkmalzentrum, Projektbeschreibung.
- ↑ Schwerin, LKD: Heinrichsruh, Mappen 01–04, hier 04: Weidner: Restauratorische Stellungnahme: Brief vom 11.2.2002 an Herrn Amelung.
- ↑ Schwerin: LKD: Heinrichsruh, Mappen 01–04, hier 04: Heyden, Wandmalerei, Lokales Ueckermende, 27.11.2002, o.S.