Donath, Matthias:Hecklingen, Gutshaus, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/e4e78540-709f-48c6-9a9b-279e7bcf2911

Inventarnummer: cbdd10441

Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen

Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Die Ausmalung des Gutshauses Hecklingen im 1719 erbauten Festsaal ist ein Beispiel für die rasche Verbreitung von Bildideen durch Druckgrafiken und das Aufgreifen dieser Ideen in der angewandten Kunst.

Schloss Hecklingen in Hecklingen im Salzlandkreis (Sachsen-Anhalt/Deutschland)
Schloss Hecklingen in Hecklingen im Salzlandkreis (Sachsen-Anhalt/Deutschland)

Gutshaus Hecklingen

Bedeutung

Die Ausmalung des Festsaals in Schloss Hecklingen ist ein Beispiel dafür, dass Bildideen durch Druckgrafik rasche Verbreitung fanden und in der angewandten Kunst in nur kurzer Zeit nach einer Veröffentlichung aufgegriffen wurden.

Baugeschichte

Das Rittergut Hecklingen ist aus dem Wirtschaftshof des säkularisierten Klosters Hecklingen hervorgegangen. Infolge der Reformation fiel der Klosterbesitz an die Fürsten von Anhalt. 1571 erwarb Christoph von Trotha den Gutshof. Seine Nachkommen bzw. die Mitglieder seines Geschlechts bewirtschafteten das Rittergut bis zur Bodenreform 1945. Wolf Friedrich von Trotha ließ 1617 unter Einbeziehung eines Klostergebäudes ein Schloss bauen. Damals entstand der Südflügel mit seinem vorgesetzten Treppenturm. Thilo Lebrecht von Trotha (1675–1755) ließ um 1719 den Westflügel anbauen, der sich im rechten Winkel anschließt und zwischen dem Schlossgarten (mit der Ruine des Klosterkreuzgangs) und dem Gutshof vermittelt. Dieser Barockbau besteht aus zwei Geschosse mit Mansardwalmdach und umfasst auf der Gartenseite elf Fensterachsen. Die drei mittleren Fensterachsen treten als Risalit hervor und sind durch Lisenen mit Streifenquaderung von den Seitenflächen abgegrenzt. Über dem Mittelrisalit erhebt sich ein Dacherker mit nur einem Fenster. Das Hauptportal der Gartenseite ist von einem Bogengiebel bekrönt, in welchem sich das Allianzwappen Trotha-Pfuel befindet. Es bezieht sich auf den Bauherrn und seine Ehefrau Amalie von Trotha, geborene von Pfuel (1682–1741). Die Symmetrie der Gartenseite konnte auf der Hofseite aufgrund des Anschlusses an den Renaissanceflügel nicht erreicht werden. Der Mittelrisalit rückt nahe an den Winkel zwischen den beiden Flügeln heran, und aufgrund der Höhenunterschiede führt eine Freitreppe zum Portal im Erdgeschoss. Ansonsten sind Portal und Mittelrisalit wie auf der Gartenseite gestaltet.

Nach der Enteignung 1945 diente das Schloss als Wohnhaus und Pflegeheim. Nach dem Ende der DDR erfolgte eine Privatisierung, 1999 übernahm die Unternehmensgruppe Burchard Führer das Gebäude. Es diente zunächst als Feriendomizil für Mitarbeiter der Firmengruppe und wurde dann zu einem Hotel ausgebaut.

Festsaal

Im Obergeschoss des Mittelrisalits liegt der Festsaal, der durch die gesamte Gebäudetiefe spannt. Er wird an den Schmalseiten durch jeweils drei Fenster belichtet. In der Mitte der beiden Längsseiten sind Kamine angeordnet, in den äußeren Achsen der Längsseiten befinden sich jeweils gegenüberliegend Türen zu den Nachbarräumen. Über der beiden Kamineinfassungen aus rotem Marmor erhebt sich jeweils eine stuckierte und verzierte Kaminfront. In der Mitte der Westwand befindet sich in einer ovalen Rahmung das auf Leinwand gemalte Bildnis des Hausherrn Thilo Lebrecht von Trotha. Es wird von einem Bogengiebel überdacht, der von der Büste eines Mannes bekrönt wird. Dabei handelt es sich wohl nochmals um den Hausherrn. Zwei Putten, die auf dem Gesims sitzen, weisen mit ihren Armen auf diese Büste hin. Die Kanten dieses Kamineinbaus sind mit Stuckkonsolen besetzt, die wohl zur Aufstellung von Preziosen (zum Beispiel asiatisches oder europäisches Porzellan) bestimmt waren. Es folgt ein gerader Architrav, über dem sich nochmals zwei Putten niedergelassen haben. Neben dem linken Putto ist eine Trompete abgelegt, was an die Personifikation der Fama (Ruhm) denken lässt, der rechte Putto hält den Schlägel einer Trommel in der Hand, was eine Andeutung des Kriegsdienstes sein soll. Es handelt sich demnach um männliche Tugenden. Zwischen beiden Putten ist eine plastische Kartusche angeordnet, die das Wappen der Familie von Trotha enthält. Der linke Putto hat über seiner Schulter ein Tuch hängen, dessen Ende über das Architrav fällt. Dort kann auf diesem Tuch die eingetiefte Jahreszahl „1 · 7 / 1 · 9“ lesen. Auch das Tuch des rechten Puttos enthält eine Inschrift. Diese war jedoch ohne Hilfsmittel (z. B. Leiter) nicht zu lesen.

Die gegenüberliegende Kaminwand auf der Nordseite ist spiegelbildlich gestaltet, so dass hier nur auf die Abweichungen eingegangen werden muss. Das ovale Bildfeld zeigt Amalia von Trotha, geborene von Pfuel. Die Büste über dem Bogengiebel ist die einer Frau, erkennbar an den Haaren und einer um den Hals gelegten Perlenkette. Außerdem deuten in Stuck geformte Lambrequins den Saum eines Kleides an. Die beiden Putten über dem Architrav verweisen auf Bildung und Gelehrsamkeit, denn unter dem linken Putto, der in der Hand einen Spiegel hält, liegt ein aufgeschlagenes Buch, während der rechte Putto einen Pinsel ergreift. Es sind weibliche Attribute, die sich auf die Hausherrin beziehen. Demzufolge ist auch in der Kartusche ihr Wappen, das der Familie von Pfuel, angebracht. Die Bänder der beiden Putten sind nicht mit Inschriften versehen.

Der Architrav über den beiden Kaminen verspringt und mündet in das Hauptgesims ein, das die Wandzone von der Deckenzone trennt. In den vier Raumecken sind, der Deckenvoute folgend, nochmals fast vollplastische Figuren angeordnet, die in ihrer Größe den Putten des Kamins entsprechen. Sie umgeben eine Eckgestaltung, die sich in allen Raumecken wiederholt: Palmblätter und Festons umrahmen einen Adler, der auf einem Sockel sitzt. Links und rechts davon sitzen jeweils weibliche Gestalten in unterschiedlicher Körper- und Handhaltung, teils begleitet von Putten. Diese halten Festons oder Gartengeräte oder Musikinstrumente und sind von Vasen, Flammenvasen, Bändern und Blumenkörben umgeben. Die vielfach untergliederte Voute ist mit weiteren Stuckreliefs versehen. Sie leitet zur flachen Deckenfläche über, in der zwei Plafonds mit kurvierter Umrandung ausgebildet sind.

Quos Ego

Beide Deckenbilder lassen sich nur von Südseite lesen, also von der Seite des Treppenhauses, durch die man den Saal betritt. Das Bild in Richtung Osten (Hecklingen 2) zeigt, wie Neptun den Winden Einhalt gebietet und den Sturm beruhigt, der die Flotte des Aeneas zerstören soll. Es handelt sich um eine Szene aus Vergils „Aeneis“ mit dem ikonografischen Namen „Quos ego“ („Euch werd' ich“), denn Neptun droht mit diesen Worten den Winden, die Aeneas den Weg abzuschneiden versuchen. Neptun erscheint effektvoll in der Mitte des Bildes als bärtiger Mann, der seinen Dreizack erhebt. Die Personifikationen der Winde rechts wurden durch ihn umgeworfen oder fliehen vor ihm. Im aufgepeitschten Meer schwimmen die Nereiden sowie Hippokampen. Links oben schwebt ein geflügelter Putto im Himmel, der ein flatterndes Tuch hält.

Sturz des Phaethon

Das Bild in Richtung Westen (Hecklingen 3) ist sehr dunkel gehalten, was der Szenerie und dem Bildthema „Sturz des Phaethon“ geschuldet ist. Schwarze Wolken haben den Himmel verdunkelt, nachdem Jupiter den Wagen des Phaethon zerschmettert hat. Lediglich in einem Spalt zwischen zwei Wolken ist noch das Licht der Sonne zu erahnen. Phaethon stürzt kopfüber nach unten, mit ihm der Wagen und die Pferde, die ihn gezogen haben. Insgesamt vier Pferde sind in Unteransicht teils in starken Verkürzungen wiedergegeben.

Datierung und künstlerische Einordnung

Auftraggeber der Stuckdecke waren Thilo Lebrecht von Trotha und seine Gemahlin, die auf den Kaminwänden jeweils im gemalten Bildnis und als Stuckbüste erscheinen. Die Jahreszahl 1719 ist in der Stuckdekoration vermerkt, was als Entstehungsjahr der Stuckarbeiten und der Deckengemälde anzunehmen ist. Ein Künstler ist nicht bekannt und lässt sich auch nicht durch stilistische Vergleiche erschließen. Allerdings ist bislang noch keine Auswertung des Gutsarchivs Hecklingen[1] erfolgt. Dort sind Akten zu Bau und Ausstattung des Schlosses zu erwarten.

Die beiden Deckengemälde sind nach Druckvorlagen geschaffen worden. Für das östliche Deckenbild „Quos ego“ lässt sich das konkret nachweisen: Es beruht auf einem Stich aus dem Jahr 1717 (Hecklingen 4). Dieser gibt das Deckengemälde wieder, das Antoine Coypel (1661–1722) 1701 in der Grand Galerie des Palais Royal in Paris malte. Der Stich ist heute noch in vielen großen Sammlungen vorhanden. Thilo Lebrecht von Trotha hat ihn wohl selbst besessen und dem Maler die Anweisung erteilt, das Deckengemälde danach auszuführen. Die Übernahme der Bildvorlage erfolgte bis in kleinste Details, so dass kein Zweifel an der Nutzung dieser grafischen Vorlage bestehen kann. Der Kupferstich ist auf 1717 datiert. Bereits 1719 erfolgte die Ausführung des Deckengemäldes in Hecklingen. Der Auftraggeber nutzte demzufolge das Modernste, was auf dem Kunstmarkt zu haben war.

Bibliographie

  • Dehio, Sachsen-Anhalt I, 2002. – Dehio, Georg: Sachsen-Anhalt I, Regierungsbezirk Magdeburg (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearb. von Ute Bednarz u.a. München/Berlin 2002, S. 404.

Einzelnachweise

  1. Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Standort Wernigerode, H 97